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Medien und Politik | 10.02.2010 23:35 Uhr

Das neue rechte Magazin "Zuerst"

Die Zeitschrift Zuerst an einem Kiosk © NDR/3Sat
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"Zuerst" ist eine neue Monatszeitschrift, die seit kurzem an vielen Kiosken erhältlich ist. In einer Kleinstadt bei Kiel sitzt die Redaktionsmannschaft. Die Macher sind bekannte Nationalkonservative oder Rechtsextremisten wie der Verleger Dietmar Munier, der das Magazin herausgibt. Der Anspruch der Redaktion klingt unverfänglich, wie es Chefredakteur Günther Deschner erklärt: "Wir wollen ein Medium sein, das sich nicht auf irgendwelche Ideologien abhebt, sondern zuerst auf deutsche Interessen, deswegen auch der Titel, der deutschen Bevölkerung kümmert. Um das, was die Bevölkerung mehrheitlich empfindet." 

Ein "Deutsches" Nachrichtenmagazin mit einer Startauflage von beachtlichen 86.000 Exemplaren. Im Heft wird Stimmung gemacht gegen Multikultur, demokratische Politiker und Globalisierung. Dagegen setzt das Magazin eine angeblich heile Struktur gesunder ethnisch getrennter Völker.  

So ist zu lesen:

"Von der Ausländer-Integration zur Inländer-Diskriminierung"

"Im Alltag werden immer öfter Migranten bevorzugt und Deutsche benachteiligt"

"Multikultibazillus"

"Meinungsdiktatur der politischen Korrektheit"

"Entartung unseres politischen Systems"

(Zitate aus dem Heft)

Ansprechende Verpackung für schwierige Inhalte

Das Landesamt für Verfassungsschutz Schleswig Holstein hat das Heft im Blick. Für den Inlandsgeheimdienst stellt das Magazin eine neue Strategie der Rechtsextremen dar, eine neue Qualität rechter Agitation. So meint Horst Eger, der Leiter des Landesamts für Verfassungsschutz Schleswig Holstein: "Alle anderen Blätter sind nicht erfolgreich. Sie sind Nischenprodukte gewesen, die in der Gesellschaft keinen Zugang gefunden haben, und hier wird - offenbar technisch sehr geschickt gemacht – der Versuch unternommen, um neue Kunden zu erreichen und damit auch eine politische Zielsetzung in andere Bevölkerungskreise hineinzutragen. Das ist so."

Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke, Politologe der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht erklärt: "Das ist ein sehr geschickter Versuch, weil die Themen selbst kommen aus dem rechtsextremen Diskurs. Vertriebene zum Beispiel, Verschwörungstheorien, Antikapitalismus, rechter Antikapitalismus, das sind Themen aus dem Rechtsextremismus, aber modern, ansprechend verpackt für ein Publikum, das offenbar unzufrieden ist."

Unter Leitung eines ehemaligen Welt-Redakteurs

Zurück in die Redaktion. Chefredakteur von "Zuerst" ist Günther Deschner, ein erfahrener Journalist. In der Tageszeitung "Die Welt" brachte er es zum Ressortleiter der Kulturpolitik, leitete einen Buchverlag. Auf Nachfragen, ob sein neues Blatt verfassungsfeindliche Positionen verbreite, reagiert er unwirsch: "Wir sind ja nicht gegen das System, warum stellen Sie so dumme Fragen? Sie wissen ja, was im Heft steht. Ich und meine Kollegen haben in der Welt nicht anders geschrieben, als wir heute schreiben. Wenn man das heute möglicherweise als zu rechts empfinden sollte, kann man sagen, nicht wir haben uns weiter nach rechts bewegt, sondern das Parteiensystem und die Medienlandschaft haben sich weiter nach links bewegt."

Doch die Inhalte haben es in sich. Mal geht es um die angebliche Diskriminierung Deutscher durch Ausländer, mal um die völkische Identität Südtirols. Der Kolumnist der Zeitschrift ist der bekannte rechtsextremistische Verleger Harald Neubauer, der schon für die Republikaner im Europaparlament saß. Seit Jahren kämpft der Publizist für die Vereinigung der radikalen Rechten Deutschlands wie hier auf einem Neujahrsempfang der NPD: "Entweder man hat politisch recht oder man hat politisch unrecht. Und es kann nicht derjenige unrecht haben, der für das Interesse seines Volkes eintritt und das tun deutsche Patrioten."

Derzeit steckt Deutschlands Rechtsextremismus in einer Krise

Die Parteien sind bei Wahlen erfolglos und neonazistische NPD-Demonstrationen schrecken die Bevölkerung eher ab. Experten wie der Journalist und Buchautor Toralf Staud bewerten "Zuerst" als Versuch deutscher Rechter in die bürgerliche Mitte vorzudringen und an den großen Zustrom nationalistischer Sammelbewegungen in anderen europäischer Staaten anzuknüpfen: "Man kann das Blatt als Versuch sehen, publizistisch etwas zu tun, was es im politischen Raum noch nicht gibt, nämlich eine ausstrahlungsfähige Spielart des Rechtspopulismus, was in Österreich mit der FPÖ Erfolg hat, in der Schweiz mit Blocher. (...) Es ist sozusagen der Versuch einer Popularisierung oder FPÖ-isierung des Rechtsextremismus – ob es einen Erfolg hat oder nicht, ist zu früh zu sagen. Aber es ist so ein Versuch, den es in der deutschen Publizistik oder dem deutschen Rechtsextremismus noch nicht gegeben hat."

Ein rechtes Politikmagazin dicht an dicht mit den großen Vorbildern Stern, Spiegel und Focus – das ist neu. In der Redaktion freuen sich die Macher von "Zuerst" über erste Verkaufserfolge. Eine politische Mobilisierung bislang heimatloser Konservativer könnte folgen. So meint Dietmar Munier, Herausgeber "Zuerst": "Es ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass aus einem Magazin dieser Art, das erfolgreich ist, sich auch ein Stimmungswechsel ergibt, der dann es begünstigt, dass sich rechts von der Union auch in den nächsten Jahren eine politische Bewegung etabliert."

Auf die Nachfrage des Reporters, ob das ein Ziel wäre, sagt er: "Es wäre ein erfreulicher Nebeneffekt unserer Arbeit, wenn wir soweit durchgreifen würden, um etwas bewegen zu könnten."

"Zuerst": Ein Name scheint Programm: Deutschlands Rechte stößt  in bürgerliche Kreise vor – und Experten bescheinigen dem Blatt gute Chancen, sich auf dem Markt zu etablieren. So meint Hans-Gerd Jaschke: "Ich denke, dafür ist Platz in Deutschland, weil eben die Union einen bestimmten Raum preisgibt, nämlich den rechtskonservativen, nationalistischen Bereich freiwillig räumt und gleichzeitig die NPD, die DVU, die Republikaner in einer tiefen Krise sind."

Autorin/Autor: Rainer Fromm
Die Zeitschrift Zuerst an einem Kiosk © NDR/3Sat
10.02.2010 23:35 Uhr

Deutsch sein will das neue Heft und zwar mit Berichten über die "Zuwanderungskatastrophe". Die rechtsextremen Macher geben vor, ein ideologiefreies Heft zu machen – dabei strotzt es vor Rechtspopulismus.

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Internet-Links

Der Verleger Günther Deschner stellt das Konzept des Magazins vor.

Informationen zu dem Journalisten beim Blog Störungsmelder.

Informationen zu dem EU-Abgeordneten der 3. Wahlperiode (1989 - 1994)

Informationen über den Verlag bei Netz-gegen-Nazis.de