10. April 2010

Beratung nur mit Gütesiegel

Aus der grauen Masse der Ernährungsberater hervortreten

Von Gunda Achterhold




19. Januar 2009 
Die klassische Ernährungsberatung ist für viele Oecotrophologen ein Traumjob, der sich aber häufig nur über die Selbständigkeit verwirklichen lässt. Wer sich in der Branche behaupten will, sollte unbedingt eine Zusatzausbildung abschließen, auch wenn diese Zeit und Geld kostet.

Markus Osthoff arbeitet als freiberuflicher Ernährungsberater, unter anderem in einem ambulanten Rehabilitationszentrum in Gelsenkirchen. Nach vielen Verletzungen hat der ehemalige Bundesligaspieler die sportliche Karriere an den Nagel gehängt und Ernährungswissenschaften studiert. „Ich habe das zügig in vier Jahren durchgezogen“, sagt er. Schließlich hat er eine Familie zu versorgen. Das ist gar nicht so leicht, wenn man - wie Osthoff - beschließt, sich auf die Ernährungsberatung zu spezialisieren. Denn die Krankenkassen kooperieren in der präventiven Ernährungsberatung nur mit Fachkräften, die eine Zertifizierung zum Ernährungsberater vorweisen können. Diese Fortbildungen werden von verschiedenen Berufsverbänden angeboten. Sie sind unterschiedlich konzipiert und setzen zum Teil Berufserfahrung voraus. Markus Osthoff hat sich für das Angebot des VDOE entschieden, das in Themenblöcke unterteilt ist. Auswahl und zeitliche Gestaltung bleiben dem Teilnehmer überlassen. „Ich halte dieses Gütesiegel zwar für sinnvoll, um sich von dem grauen Markt sogenannter Ernährungsberater abzuheben“, stellt der 40-Jährige fest. „Aber es ist auch eine große Belastung.“ Finanziell wie zeitlich. Insgesamt 14 Kurse à 200 bis 300 Euro wird er bis zum Ende der Zusatzqualifizierung zum Ernährungsberater/VDOE absolviert haben. „Vor 2010 schaffe ich das Pensum nicht.“ Um den Lebensunterhalt zu verdienen, unterrichtet er Hauswirtschaft und Sport an einer Realschule, nimmt einen Lehrauftrag zu Ernährung und Leistungsphysiologie wahr und berät in Facharztpraxen kranke Menschen in Fragen der Ernährung.

„Was mich ärgert, ist, dass ich zwar mit Patienten arbeiten darf“, so Osthoff. „Aber gesunden Menschen darf ich keine Prävention anbieten.“ Diesen Widerspruch sieht auch Ute Brehme von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. „Es ist tatsächlich schwer nachzuvollziehen, dass eine inhaltlich vielleicht noch anspruchsvollere Arbeit ohne Zertifizierung zu leisten ist“, stellt die promovierte Referatsleiterin fest, die beim DGE für die Fortbildung zuständig ist. Schuld sind unterschiedliche Paragraphen. Ernährungsberatung und Ernährungstherapie sind rechtlich nicht einheitlich geregelt. „Für die therapeutische Beratung ist eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung notwendig“, so Brehme. „Das ist ärztliches Hoheitsgebiet - er ist für die Therapie verantwortlich.“ Wichtig zu wissen: Im Gegensatz zu vorsorgenden Ernährungsmaßnahmen, die mit den Krankenkassen abgerechnet werden können, handelt es sich bei therapeutischen Angeboten um eine sogenannte IGel-Leistung: Die Kasse kann sie bezuschussen - muss es aber nicht. Berufsverbände wie VDOE und DGE begrüßen die von den Spitzenverbänden der Krankenkassen festgelegte Anbieterqualifikation einhellig. „Die Berufsbezeichnung des Ernährungsberaters ist gesetzlich nicht geschützt“, betont Ute Brehme. Sie verweist auf die zahlreichen Angebote im Internet und auf Fernlehrgänge, die von der Stiftung Warentest durch die Bank nicht als empfehlenswert eingestuft worden seien. „Die Zertifizierung ist ein Qualifikationsnachweis, um sich von der Masse derer abzuheben, die mit inhaltlich nicht ausreichender Ausbildung auf den Markt strömen.“

„Das Studium ist eine Möglichkeit, um sich von schwarzen Schafen abzugrenzen“, findet auch Melanie Busch. „Ich habe nach dem Studium zwar zunächst gestutzt, weil ich jetzt noch mal eine Fortbildung dranhängen sollte“, erzählt die Diplom-Oecotrophologin und Ernährungsberaterin/DGE. Letzten Endes habe sie aber von dem siebenwöchigen Kompaktkurs, den sie direkt im Anschluss an das Studium absolviert hat, absolut profitiert. „Es werden andere Schwerpunkte gesetzt als im Studium“, stellt Melanie Busch fest. Didaktik und Methodik zum Beispiel, oder Kommunikation und Gesprächsführung. „Danach hatte ich das Gefühl: Okay, jetzt kannst du dich selbständig machen!“ Seit fünf Jahren bietet sie in ihrer Praxis in Zell an der Mosel Beratung und Therapie in Fragen der Ernährung an. Von Adipositas über Ernährung in der Schwangerschaft bis hin zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen reicht das Themenspektrum. Melanie Busch hilft Chemopatienten, die Probleme mit dem Essen haben, sie hält Vorträge in Betrieben, Handwerkskammern oder der Deutschen Angestelltenakademie, schreibt Verbraucherinfos oder kocht mit Schulkindern. „In der Praxis zu sitzen und auf Einzelklienten zu warten, das funktioniert nicht“, stellt die 30-jährige Ernährungsberaterin fest. „Schon gar nicht hier, im ländlichen Raum. Man muss raus, Kontakte knüpfen und sich mit anderen Leuten zusammentun.“ Sie hat sich deshalb in einem Gesundheits- und Therapiezentrum niedergelassen. Ergotherapie, Physiotherapeuten und Heilpraktiker, alles findet sich unter einem Dach. „Der Austausch mit anderen Kollegen schafft Synergieeffekte.“ Nach fünf Jahren Selbständigkeit dehnt sie ihren Wirkungskreis zunehmend auch auf den städtischen Bereich aus. Sie pflegt Kooperationen mit im Ballungsraum ansässigen Praxen und ist in einem Ärztehaus in Koblenz inzwischen auch mit einem eigenen Raum vertreten. „Als selbständige Ernährungsberaterin ist man vielen Strömungen und Entwicklungen ausgesetzt, auf die man häufig keinen Einfluss hat“, betont Melanie Busch. „Entscheidend ist, dass man offen bleibt, sich kontinuierlich weiterbildet und bereit ist, sich immer wieder neu zu orientieren und aufzustellen.“

Wer bietet Zertifizierung zum Ernährungsberater an?

> Lehrgang zum Ernährungsberater/DGE, als siebenwöchiger Kompaktkurs (2.150 Euro) oder berufsbegleitend an zehn Wochenenden (2.473 Euro).
http://www.dge.de

> Fortbildung beim Verband für Oecotrophologen e.V. (VDOE) zum Ernährungsberater/VDOE mit insgesamt 28 Seminartagen, davon mind. 12 VDOE-Tage. Ein Seminar entspricht in der Regel zwei Tagen mit insgesamt 14 Zeiteinheiten à 45 Minuten. (zwischen 1.700 und 2.700 Euro, je nach Vorwissen). http://www.vdoe.de

> Registrierung beim Institut für Qualitätssicherung in der Ernährungstherapie und Ernährungsberatung (QUETHEB) e.V. Bei anderen Anbietern absolvierte Qualifizierungsmaßnahmen werden geprüft und benotet. Kosten für Erstregistrierung: 300 Euro.
http://www.quetheb.de

> Zertifizierung beim Verband für Ernährung und Diätik (VFED). Ebenfalls keine eigenen Kursangebote. Kosten für Zertifizierung: 260 Euro, 130 Euro für Mitglieder. http://www.vfed.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 100, 2009, Seite 51
Bildmaterial: Moni Port, Labor