Sich mit der Geschichte von Kriegen befassen

Interview mit Kurt Pätzold *


FJ: Die ideologische Kriegsvorbereitung des zweiten Weltkrieges erfolgte mit Feindbildern. Diese hießen mal „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“ oder auch „das internationale Judentum“. Das heutige Feindbild nennt sich „der internationale Terrorismus“ oder auch mal „der islamistische Terror“. Bei dem öffentlichen Diskurs über Sinn und Zweck des Afghanistan-Krieges wird dieses Feindbild offenbar am wenigsten infrage gestellt. Inwieweit kann man aus Ihrer Sicht hier Parallelen zu 1939 ziehen?

Pätzold: Die methodische Parallelität springt ja ins Auge. Erstens muss es ein einfaches Feindbild sein, das sich propagandistisch leicht einhämmern lässt. Zweitens muss es ein möglichst mysteriöser Feind sein, also einer, mit dem die Masse im Grunde nichts Konkretes an Vorstellungen verbindet, vor dem sich ihr aber eine irrationale Angst einflößen lässt. Auf diese Weise werden die Aufklärer unter den Zwang gesetzt, einen weiten Weg zu gehen und wer von den Angesprochenen will sich schon der Anstrengung unterziehen, dem Betrug auf die Spur und den Betrügern auf die Schliche zu kommen.

FJ: Die Dämonisierung der früheren DDR gewinnt einen immer größeren Stellenwert in der offiziellen Politik. Was bedeutet das in Bezug auf die Aufarbeitung und Darstellung des deutschen Faschismus, mit demr die DDR zunehmend gleichgestellt wird?

Es geht – um das viel verwendete Bild aufzugreifen – doch mehr um die Verteufelung der DDR als um die Entteufelung des deutschen Faschismus. Wirkliche oder erfundene Tatsachen aus der Geschichte der DDR werden in Parallelität zu Nazideutschland gesetzt. Die These, dadurch werde das verbrecherische Regime der Jahre von 1933 bis 1945 entlastet, trifft nicht den Kern. Dessen verfälschende Darstellungen laufen auf der Hauptschiene anders. Das war angeblich ein Sozialstaat und der Krieg ein „Krieg der Deutschen“. Die Volksmassen werden für die Macht und das Unheil des Regimes hauptverantwortlich gemacht.

FJ: Der 9. November ist als historischen Datum gleich dreifach belegt: erstens der erste Tag der ersten deutschen Republik 1918, zweitens die Judenprogrome 1938 und drittens die Öffnung der Berliner Mauer vor genau 20 Jahren. Die Präferenzen der herrschenden Klasse sind allerdings klar in umgekehrter Reihenfolge. Was wird hierbei nicht nur verdrängt, sondern historisch eventuell verfälscht?

Eine unterschiedliche Gewichtung historischer Gedenktage muss noch nicht Verdrängung und Verfälschung bedeuten. Geht es um die offizielle Erinnerung, dann drücken sich in ihr selbstredend Staatsinteressen aus oder solche, die von jenen Kräften verfolgt werden, die im Staat dominieren. Also ein paar Worte zu jedem dieser Jahre.

An Revolutionen, wenn sie den Namen verdienen, d.h. grundstürzende Veränderungen bewirkten oder erreichen wollten, erinnern die Herrschenden nicht gern. Das betrifft auch den November 1918. Die Revolutionstage treten daher in der aktuellen öffentlichen Betrachtung gegenüber dem parlamentarischen Gründungsakt der Weimarer Republik zurück, wiewohl es ohne die Aktion der Massen keinen Weg aus der Monarchie in die Republik gegeben haben würde.

Der Pogrom des Jahres 1938 wird zu Recht unter dem Gesichtspunkt der Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Brandstiftungen und Morde, also vor allem der Opfer, gesehen. Er besetzt aber zugleich einen Platz in der Geschichte der Enteignung der jüdischen Deutschen. Das Thema samt seiner Nutznießer ist erst in den neunziger Jahren und erheblich unter ausländischem Druck in die deutsche Öffentlichkeit gebracht worden.

Und was die Aufhebung der Kontrolle des Personen- und Warenverkehrs an der Grenze der DDR angeht, die als Mauerfall bezeichnet wird, so dient dieses Gedenken nun eindeutig politischen Zwecken. Es wird als Erinnerung an ein angeblich „unmenschliches Regime“ begangen.

FJ: Müssen wir befürchten, dass künftig bei dem Gedenken an den Ausbruch des zweiten Weltkrieges nicht mehr der 1. September im Fokus steht, sondern der 23. August – der Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes?

Zwei Entwicklungen waren 2009 zu beobachten, die ich gelegentlich eines Vortrags am 3. Oktober d. J. so charakterisiert habe: Die eine äußerte sich in den konzentrierten Anstrengungen, der Sowjetunion die Hälfte der Kriegsschuld zuzuschreiben, ein Vorhaben, das durch die Verweigerung der russischen Politik und Historiographie erleichtert wird, sich von einer bloß moralischen Verurteilung von Stalins Außenpolitik, die obendrein mit Rechtfertigungen untermischt wird, zu einer uneingeschränkten historischen Kritik durchzuarbeiten. Davon ziehen alle ihren Nutzen, die hierzulande bis auf den heutigen Tag leugnen, dass es im Jahre 1939 nur einen Kriegsinteressenten in Europa gab: den faschistischen deutschen Imperialismus.

Die andere Tendenz, und die sich in ihr ausdrückende Absicht reicht weit, betrifft eine neue Verortung des Endes der Zweiten Weltkriegs, des 8. Mai 1945, in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Tag wird zu einem Teilschritt in das Reich der Freiheit herabgestuft. Die Sprache der Bischöfe vom 25. August 2009 sagt das so: das „Glück“, auch das der Deutschen, sei an diesem Tage sehr unterschiedlich verteilt gewesen. Ganz wäre es allen Europäern erst 1989 zu teil geworden. Sein Hereinbrechen wird auf den Moment datiert, da die DDR die Kontrolle ihrer Grenzen aufgab. Es fällt nicht schwer, diesen Ansatz weiter zu denken und jenes kontinentale Geschichtsbild sich vorzustellen, in dessen Zentrum Germania den Europäern nicht das Schwert zeigt, sondern ihnen die Freiheitsfahne voran trägt, Glücksbringerin mit Führungsanspruch. Das wird der Rest der nichtdeutschen Europäer so nicht akzeptieren? Gewiss nicht. Aber darauf kommt es auch nicht an. Gezielt wird auf den Bundesbürger und sein Selbstverständnis. „Und es mag am deutschen Wesen …“ usw. Emmanual Geibel

FJ: Was können wir als Friedensbewegung tun, um einer solchen Geschichtsfälschung entgegen zu treten?

Zunächst einmal und vor allem in breiteren Schichten das Bewusstsein wecken, dass die Kriege und Konflikte, die sich vom Ostrand des Mittelmeeres bis weit nach Asien hinein abspielen, eine atomare Zeitbombe darstellen und die Deutschen alle Hoffnungen fahren lassen können, dass, „wenn drunten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen“, sie unbetroffen bleiben werden. Und in diesem Zusammenhang zu erklären. dass Deutschland nicht am Hindukusch verteidigt wird, sondern dort gerade daran beteiligt ist, dass sich Kriege und Konflikte ausweiten, wenn nicht heute, dann morgen. Aus dieser Erkenntnis könnte dann in breiteren Kreisen ein Interesse erwachsen, sich mit der Geschichte der Kriege und den Erfahrungen der Kämpfe gegen sie zu befassen. Dann könnte aus einer Stimmung eine Haltung werden.

* Prof. emer., Historiker und wissenschaftlicher Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin.

Aus: FriedensJournal, 6/2009



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