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Alexander Ulfig: "Für eine Politik der Qualifikation"

von Ferdinand Knauß, 12. Mai 2009, 16:34

Im fünften Teil seines Essays "Qualifikation statt Gleichstellung. Schritte zu einer gerechteren Praxis der Stellenvergabe" präsentiert der Philosoph Alexander Ulfig seine konkreten Forderungen an die Forschungspolitik:

5. Für eine Politik der Qualifikation

Ideologien sollten sich nicht in das akademische Leben einmischen. Ideologisch belastete Faktoren sollten bei der Vergabe von Stellen gar keine Bedeutung haben. Zu diesen Faktoren gehören: Geschlecht, Nation, Rasse, Klasse bzw. Schicht, Zugehörigkeit zu einer politischen Partei oder Religionsgemeinschaft und sexuelle Orientierung.


Geschichtliche Erfahrung zeigen Folgendes: Werden diese Faktoren zum Richtmaß für die universitäre Stellenvergabe, werden also bestimmte Gruppen bevorzugt, führt dies nicht nur zu Ungerechtigkeiten, sondern hat darüber hinaus verheerende Folgen für die wissenschaftliche Forschung selbst.


Im nationalsozialistischen Deutschland wurden "reinrassige" Deutsche und Mitglieder der NSDAP bei der Stellenvergabe bevorzugt behandelt. Welche Folgen dies für das akademische Leben und die Wissenschaft selbst hatte, braucht hier nicht eigens ausgeführt zu werden. In den kommunistischen Diktaturen wurden bei der universitären Stellenvergabe Mitglieder der kommunistischen Partei bevorzugt. Dass auch dies keine gerechte Lösung war und nicht zu dem erhofften Fortschritt in der Wissenschaft führte, wird von niemandem in Zweifel gezogen.
Die Wissenschaft steht vor der entscheidenden Frage: Soll eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe einseitig gefördert und bevorzugt werden oder soll die Qualifikation zum alleinigen Faktor bei der Stellenvergabe gewählt werden?


Mit Qualifikation ist ein von besonderer Gruppenzugehörigkeit unabhängiger, auf objektive Anforderungen gerichteter Faktor genannt. Qualifikationen sind gegenüber den konkreten Subjekten und Situationen verselbständigte Fähigkeiten bzw. Bündel von Fähigkeiten. Orientiert man sich bei der Stellenvergabe ausschließlich an Qualifikationen, verlieren ideologisch-politische Faktoren, persönliche Vorlieben, Seilschaften und Kontakte an Bedeutung. Mit anderen Worten: Die Orientierung an Qualifikationen ermöglicht eine weitgehend ideologiefreie und nicht politisierte, allein auf wissenschaftliche Leistung bezogene Betrachtung. Sie ermöglicht somit eine neutrale Beurteilung der Fachkompetenz von Bewerbern. Damit würde sie ein gerechteres System der universitären Stellenvergabe gewährleisten. 


Qualifikation sollte daher zur zentralen Kategorie der bildungstheoretischen und -politischen Debatte avancieren. Zusätzliche Mittel sollten für die Qualifikationsforschung, die noch in ihren Anfängen steht, ausgegeben werden.  Würde man der Qualifikationsforschung nur einen Bruchteil der Gelder gewähren, die für das Programm des Gender-Mainstreaming vergeben werden (jährlich mehr als eine Milliarde Euro), wäre wir einem gerechteren System viel näher.


Besonderes Gewicht sollte die Qualifikationsforschung auf diejenigen Qualifikationskriterien legen, die der Vergabe von Professuren zugrunde liegen. Professuren sind die wichtigsten und begehrtesten Stellen im universitären Bereich – das Ziel der akademischen Laufbahn. Die auf die Bevorzugung von Frauen ausgerichteten Anstrengungen der Frauenbeauftragten konzentrieren sich vor allen Dingen auf diese Stellen.


Die Berufungskommission hat die Aufgabe festzustellen, wer am besten für die ausgeschriebene Stelle qualifiziert ist. Sie bewertet und vergleicht die Forschungsleistungen der Bewerber. Dabei werden in der Regel folgende Qualifikationskriterien in Betracht gezogen: Habilitation, Zahl der Publikationen, Qualität der Publikationen (Impact-Faktor), Publikationsform, Publikationsorgan, Anzahl und Qualität der Vorträge, Forschungsaufenthalte, Lehre, Preise und Gutachten.
Normalerweise sollten sie ausreichen, um Qualifikationsunterschiede festzustellen. Offenbar ist es aber nicht der Fall, wenn von „gleicher Qualifikation“ gesprochen wird. Die Aufgabe der Qualifikationsforschung ist es, bezüglich der oben genannten Qualifikationskriterien weitere Differenzierungen und Maßstäbe herauszufinden. Darüber hinaus sollten Wissenschaftler zusätzliche Kriterien ausarbeiten und in die Berufungsverfahren implementieren.


Das wichtigste Qualifikationskriterium ist die Qualität von Publikationen. In vielen Fällen sind hier Qualifikationsunterschiede, also Unterschiede in der Qualität von Publikationen, nur schwer zu ermitteln. Ein wichtiges Instrument ist dabei der Impact Faktor, mit dessen Hilfe gemessen wird, wie oft ein Zeitschriftenaufsatz innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zitiert wird. Der Impact Factor in den Naturwissenschaften wird aus der Datenbank Science Citation Index, der für die Geistes- und Sozialwissenschaften aus der Datenbank Social Science Citation Index berechnet. Das Verfahren des Impact Factors ist nicht unumstritten. Allerdings ist es sinnvoller, an der Verbesserung solcher Verfahren zu arbeiten, als eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe zu bevorzugen.


Weiteren Aufschluss über Qualifikationsunterschiede können externe Gutachten geben. In der Regel werden bei Berufungsverfahren zwei externe Gurtachten angefordert. Dies reicht in vielen Fällen nicht aus, um Qualifikationsunterschiede genau festzumachen. Erforderlich sind weitere externe Gutachten. Über ihre Anzahl soll die Fakultät entscheiden.


Bewerber, die bei einem Berufungsverfahren in die engere Auswahl kommen, sind dazu verpflichtet, einen Vortrag zu halten. Ich schlage vor, für diesen Bewerberkreis, der meist aus fünf bis sechs Personen besteht, noch zusätzliche Qualifikationskriterien einzuführen. Sie könnten über mehrere Tage fachliche Gespräche mit Fakultätsmitgliedern führen - eine Praxis, die in den USA weit verbreitet ist. Außerdem wäre es sinnvoll, für sie mündliche und/oder schriftliche Prüfungen einzuführen. Bei den schriftlichen könnten auch anonymisierte Verfahren zum Einsatz kommen.
Es ist die Aufgabe der Wissenschaftler, bestehende Qualifikationskriterien zu verbessern und zusätzliche zu erarbeiten. Es ist ihre Pflicht, der Gleichstellungspolitik Einhalt zu gebieten und Qualifikationsorientierung zu einem  Siegeszug zu verhelfen. Sie sollten eine Wende in der Wissenschaftspolitik einleiten, solange es noch nicht zu spät ist.


Aus der Qualifikationsorientierung ergeben sich folgende Forderungen an alle Verantwortlichen in Wissenschaft und Politik: 

  • Die Qualifikation soll der einzige Faktor bei der Stellenvergabe sein. Ideologisch-politische Faktoren, wie Geschlecht, Nationalität, Hautfarbe usw., sollen bei Einstellungsverfahren gar keine Rolle spielen.
  • Bestehende Qualifikationskriterien sollten verfeinert und zusätzliche eingeführt werden.
  • Die Zusammensetzung der Berufungskommission sollte alleine der Fakultät bzw. dem Fachbereich obliegen. Fachfremde sollten in Berufungskommissionen nicht aufgenommen werden.
  • Ausschluss von Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten aus Berufungskommisssionen. 
  • Verlängerung der Dauer von Berufungsverfahren. Um Qualifikationsunterschiede festzustellen, sind zusätzliche Überprüfungen der Qualifikation notwendig. Dies erfordert mehr Zeit als bei bestehenden Berufungsverfahren. Die Berufung auf eine wissenschaftliche Stelle ist eine wichtige Entscheidung, für die man sich Zeit lassen sollte.
  • Transparenz von Berufungsverfahren. Um Vetternwirtschaft (Nepotismus) zu vermeiden, sollten Berufungsverfahren so transparent wie möglich durchgeführt werden. 

 

Der sechste und letzte Teil von Alexander Ulfigs Essay, "Die Angst und das Schweigen der Wissenschaftler", erscheint morgen an dieser Stelle.



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Kommentare

  1. Roslin @ Alexander Ulfig
    13.05.2009 | 02:23

    Da mein Eingehen auf Ihre Anmerkung im Kommentarbereich zum 4. Teil, meine Einlassung, "Wenn schon, Quote, dann eine 23 % Quote" betreffend, offensichtlich dem Spamfilter zum Opfer fällt, versuche ich es hier.
    Es passtja auch unter diesen Beitrag.

    Ich stimme Ihnen völlig zu.
    Eigentlich sollte einzig die Bemühung um Leistungsgerechtigkeit die Berufungspraxis bestimmen.
    Deshalb schrieb ich "Wenn scrhon Quote, ..."
    Denn das Schlechte lässt sich ja immer noch verschlechtern.
    Und eine 40 %-Quote bei 23 % Bewerberinnen ist für die Leistungsgerechtigkeit und Qualitätssicherung schlechter als eine 23 %-Quote.
    Natürlich wären 0 % Quote und 100 % Leistungsgerechtigkeit am Besten.
    Aber das ist doch einem feministisch indoktrinierten Zeitgeist nicht zu vermitteln.
    Eine 23 %-Quote ist also immer noch ein Übel in meinen Augen, aber doch wenigstens das geringere.

  2. Martin Huhn @ Roslin
    13.05.2009 | 09:03

    "... offensichtlich dem Spamfilter zum Opfer fällt"

    In diesem Falle bitte etwas Geduld, der Kommentar geht dann nur etwas später online.

  3. ajk Zusammenarbeit mit dem Zirkel des Perseu
    14.05.2009 | 12:15

    Guten Tag,

    schön was Sie schreiben, es ist richtig angenehm das zu lesen. Da sie schon so konkret sind, möchte ich Sie fragen ob sie mit "uns" zusammenarbeiten wollen.

    Wir sind der "zirkel des Perseus" und wollen die ganze Themantik verstärken. Und zwar mit "Abstracts", Sammlung von Forschungen weltweit, förderung der Kommunikation unter den Männern (ja, auch Männer wollen mal unter sich sein..) und und und..

    Ich habe das mit "Manifold" (sonsofperseus.blogspot.com) angefangen, und wir suchen nun interessante Personen die mitmachen möchten. Damit das auch ordendlich ausgeformt und kommuniziert wird.

    Im Augenblick haben wir "nur" ein Forum das sich gerade formt: perseus.foren-city.eu

    Gruss

    /ajk

  4. Alexander Ulfig Qualifikationskriterien
    14.05.2009 | 12:30

    In diesem Teil geht es vor allem darum, Wissenschaftler vor die Frage zu stellen:
    Soll eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe einseitig gefördert und bevorzugt werden oder soll die Qualifikation zum alleinigen Faktor bei der Stellenvergabe gewählt werden?
    Entscheidet man sich für die Qualifikation, müssen Studien zu Qualifikationskriterien durchgeführt werden. Die Qualifikationsforschung steckt noch in ihren Anfängen.
    Ich habe in diesem Teil nur einige Vorschläge zur Ausarbeitung von Qualifikationskriterien gemacht. Ich fordere Wissenschaftler und Leser dieses Blogs auf, weitere Qualifikationskriterien vorzuschlagen, die eine gerechtere Praxis der Stellenvergabe ermöglichen würden.

  5. Alexander Ulfig sich organisieren
    15.05.2009 | 12:17

    @ ajk

    Danke für Ihr Angebot. Ich und andere Wissenschaftler richten zur Zeit eine eigene Seite zu dem Thema "Qualifikation statt Gleichstellung/Quote" ein. Wir werden in Juni online sein.
    Außerdem empfehle ich Ihnen, mit Gleichgesinnten zu sprechen und sich an Ihrer Hochschule zu organisieren. Es gibt unterschiedliche Organisationsformen: Arbeitsgruppe, hochschulpolitische Gruppe, Rat usw.
    Wichtig ist, dass diese Organisation ein kurzes Programm ausarbeitet, in dem auf Männer diskriminierende Maßnahmen der Gleichstellungspolitik und auf die Qualifikation als das einzige Kriterium der Stellenvergabe hingewiesen wird.
    Bei konkreten Problemen und Diskriminierungen könnte diese Organisation z.B. Erklärungen abgeben, die per E-Mail an Wissenschaftler Ihrer Hochschule (Professoren, wissenschaftliche Mitglieder, Vertreter universitärer Organe) verschickt werden. Gegebenenfalls könnten Sie universitäre Entscheidungsträger persönlich ansprechen.
    Von besonderer Wichtigkeit ist es, dass Sie in Ihre Arbeit Wissenschaftler (am besten Professoren) einbeziehen.

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