International: 29. August 2009, 01:05

Malen gegen das sinnlose Sterben

Das Murales von Regina Holliday erzählt die Leidensgeschichte ihres Mannes. Fred ist gestorben, weil er zu spät krankenversichert wurde. Bild: Thomas Spang
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Mit Pinsel und Farbeimer wirbt die Malerin Regina Holliday für die Gesundheitsreform Präsident Barack Obamas. Das Schicksal ihres verstorbenen Ehemanns Fred, der zu spät eine Versicherung bekam, bewegt die Nation.

Thomas Spang

Washington. Der junge Mann im Spitalbett hat die Augen geschlossen. Seine rechte Hand hängt über der Bettkante und hält kraftlos einen Stift fest. Damit muss er eben die letzten Worte auf den Zettel geschrieben haben, den er in seiner Linken hält: «Zeig's ihnen Regina, in Liebe Fred.»

«Der Tod des Marat»

Genau das macht nun Regina Holliday (37), die seit dem frühen Tod ihres Mannes Frederick fast jeden Tag auf dem Parkplatz vor der CVS-Apotheke an der Connecticut Avenue in Washington anzutreffen ist.

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Vorausgesetzt sie findet einen Babysitter für ihren dreijährigen Sohn Isaac und seinen Bruder Freddie (10), der mit einer autistischen Behinderung zur Welt kam.

Bewaffnet mit Pinseln und gespendeten Acrylfarben überträgt die Künstlerin den im Spital entstandenen Entwurf der Wandmalerei auf die Rückseite der an die Klinik angrenzenden Tankstelle. Die unübersehbare Anspielung auf das Motiv des Bildes «Der Tod des Marat» aus der französischen Revolution ist gewollt.

«Die persönliche Erfahrung mit dem Gesundheitssystem hat mich in eine politische Person verwandelt», erklärt die couragierte Frau die Stossrichtung ihrer provokativen Kunst. Ausgelöst durch die tragische Diagnose ihres Ehemanns mit Nierenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Tod zum Start der Reformdebatte

Dass das kurze Leben des 39jährigen Dozenten genau an dem Tag endete, als der Gesundheitsausschuss im US-Senat die Debatte über die Gesundheitsreform begann, wertet Regina als Omen. Auch deshalb wird Holliday den 17. Juni 2009 nicht vergessen. «Fred könnte noch leben, wenn er rechtzeitig eine Krankenversicherung gehabt hätte», sagt die Witwe, die mit ihren Kindern immer noch in der kleinen Einzimmer-Küche-Bad-Wohnung am Stadtrand von Washington lebt.

Versichert, aber zu spät

Regina und Fred machten über Jahre Doppelschichten. Sie als Kunstlehrerin im Kindergarten und Verkäuferin in einem Spielzeugladen. Er unterrichtete Filmkurse an verschiedenen Universitäten und jobbte im Einzelhandel. Das Geld reichte so eben, um Miete und Lebensunterhalt zu zahlen.

Die tausend Dollar für eine private Krankenversicherung konnten sich die Hollidays einfach nicht leisten. «Wie viele Amerikaner haben wir irgendwie versucht, den Kopf über Wasser zu halten.»

Weil Fred sich nur sporadisch die Behandlung in «Walk-In»-Kliniken leisten konnte, setzte kein Arzt das Puzzle aus den Symptomen zusammen, die er im Laufe der Zeit entwickelte: die nächtlichen Schweissausbrüche, die ständige Müdigkeit und das Blut im Urin. Bis es zu spät war – «dabei war sein Fall wie aus dem Lehrbuch», sagt Regina.

Mit der ersehnten Festanstellung an der American University im vergangenen Oktober bekam die Familie Holliday auch eine Krankenversicherung. Doch es dauerte noch drei Monate, bis die Versicherung einer gründlichen Untersuchung Freds zustimmte – und die führte dann zur Diagnose, dass er bereits todkrank war.

Hoffen auf mehr Leidenschaft

Das Bild an der Connecticut-Avenue, an dem Regina seit sieben Wochen malt, verarbeitet, was die Familie seither durchmachte. «Ein nicht effizientes System, das den Patienten alleine lässt», findet Regina, die mit oft nur zwei Stunden Schlaf den Leidensweg ihres Mannes begleitete. Ein Kampf auch gegen oft abwesende Ärzte, aber mit Krankenschwestern an ihrer Seite, die unter oft schwierigen Bedingungen immer Bestes gegeben haben.

Wenn Regina sich als alleinerziehende Witwe nicht um ihre Kinder kümmert oder an der Wandmalerei arbeitet, engagiert sie sich nun erstmals in ihrem Leben politisch. Holliday nimmt an Konferenzen teil, demonstriert und «twittert», Sie nutzt jeden erdenklichen Kanal, das Bewusstsein für die Krise des Gesundheitssystems zu schärfen.

Von Präsident Obama wünscht sich Regina mehr Leidenschaft. «Eine feurige Rede wie damals im Wahlkampf zum Rassenproblem.» Die Gesundheitsreform verdiente in den USA eine ähnliche Aufmerksamkeit.

Kritik, aber auch tätige Hilfe

Gelegentlich beschweren sich Patienten, die aus der Apotheke kommen, auch direkt über die drastische Darstellung auf der Wandmalerei. Überwiegend fallen die Reaktionen jedoch positiv aus. Tankstellenbesitzer John, der nicht im Scheinwerferlicht der Medien stehen möchte, überliess Regina die Rückseite seiner Garage. Die örtliche Kirchengemeinde spendete die Leiter. Und immer wieder drücken ihr wildfremde Leute Geld in die Hand, damit sie neue Farben kaufen kann.

Die Versicherung läuft aus

Wie es für sie selber Ende des Monats weitergeht, weiss die verwitwete Mutter eines autistischen Sohns und eines Dreijährigen nicht. Am 31. August läuft die Krankenversicherungs-Police ihres verstorbenen Ehemanns aus. Danach kann Regina den Vertrag für ein Jahr fortführen. Falls sie die Monatsprämie von 1080 US-Dollar auftreiben kann. Andernfalls landet sie dort, wo sie schon einmal stand. Unversichert – wie rund 47 Millionen Amerikaner, die nur eine Diagnose von der persönlichen Katastrophe trennt.



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