Der Kanon Die deutsche Literatur






Marcel Reich-Ranicki
Brauchen wir einen Kanon?


»Kanon« - klingt das nicht altmodisch? Und herrisch und verstaubt zugleich? Jedenfalls scheint es eine Vokabel aus einer vergangenen Epoche, eine, gegen die schon unsere Väter gelegentlich - meist gelangweilt - protestierten. Kurz: ein alter Zopf. Wirklich?
Ursprünglich handelte es sich um einen Begriff aus dem Bereich der Religion. Nichts anderes war gemeint als eine verbindliche Liste der von der Kirche anerkannten und sanktionierten Schriften. Zuständig sind da also die Theologen, die mögen sich darum kümmern. Aber wie ist es mit einem Kanon für die Literatur? Kann man da eine verbindliche Liste, ob nun kurz oder lang, überhaupt in Erwägung ziehen? Nein, das kann man nicht, denn Literatur, wie wir sie hier verstehen, ist Kunst - und die Kunst ist frei. Wozu brauchen wir da einen Kanon? Müssen wir uns mit dieser leidigen Frage herumschlagen?
Wer das Gespräch auf den Kanon bringt, hat damit zu rechnen, daß sein Gegenüber mit den Achseln zuckt. Mehr noch: Wer an einen neuen Kanon für die Literatur denkt oder ihn gar vorlegt, der kommt mit Sicherheit in Teufels Küche.
Ich frage mich, ob die in Deutschland weitverbreitete, die grundsätzliche Ablehnung des Kanons mit dem schwierigen, dem gebrochenen Verhältnis zur Tradition zu tun hat, zur deutschen Tradition. Im Lexikon lese ich, Tradition sei »das, was die Generationen verbindet, zwischen Vergangenheit und Zukunft Kontinuität stiftet«. Bereits Nietzsche hat sehr deutlich gesehen: »Was heute am tiefsten angegriffen ist, das ist der Instinkt und der Wille zur Tradition.« Man sei bemüht, den »Sinn für Überlieferung mit den Wurzeln herauszureißen«. Und Ricarda Huch ging in einer 1931 gehaltenen Rede so weit, knapp und streng zu erklären: »Deutschland als Gesamtheit hat keine allen faßliche, alle beherrschende Tradition.« Eben von der Tradition will man bei uns nicht viel wissen. Man fängt gern von neuem an. Das ist verständlich und noch keineswegs verwerflich.
Bedenklich wird es erst da, wo man von neuem anfängt, weil man das Alte nicht hinreichend kennt oder gar nicht kennen will; und wo man nur so tut, als würde man von neuem anfangen. Die so häufig verwendete Bezeichnung »die Stunde Null« läßt ja mehr als die Sehnsucht nach einem Neubeginn erkennen; hier wird auch das Bedürfnis spürbar, das Geschehene zu verdrängen, die Vergangenheit zu vergessen. Oft nimmt man die Tradition als Fatalität, mit der man sich wohl oder übel abfindet.
Übertreibt man, wenn man sagt, Deutschland sei das exemplarische Land der kontinuierlichen Traditionsbrüche und der traditionellen Diskontinuität? Anders als in England oder Frankreich, Spanien oder Italien gerieten in Deutschland immer wieder große deutsche Schriftsteller und bisweilen sogar ganze Epochen der deutschen Literatur in Vergessenheit und mußten erst neu entdeckt werden.
So entdeckten die Romantiker die mittelhochdeutsche Dichtung, von der man um 1800 so gut wie nichts mehr wußte. Aber sie selber, die Romantiker, waren in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts schon fast unbekannt, niemand glaubte, es lohne sich, ihre Werke zu lesen. Erst Ricarda Huch, die sich um die Anschauungen und Konventionen der zünftigen Germanisten nicht kümmerte, gab mit ihrem um 1900 publizierten Werk über die Romantik den entscheidenden Anstoß zur Wiederentdeckung dieses einzigartigen Zeitalters der Kunst und der Literatur. Die Expressionisten erkannten die Größe Hölderlins und Büchners, die man bis dahin sträflich vernachlässigt hatte. Erst im zwanzigsten Jahrhundert tauchte man eine gewaltige Epoche der deutschen Dichtung wieder auf, für die es bis dahin nicht mal eine Bezeichnung gegeben hatte - die Barockliteratur. Und noch ein Beispiel aus der Musikgeschichte: Bach war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahezu gänzlich vergessen, erst Mendelssohn mußte die musikalische Welt mit seinen Werken bekannt machen.
Aber wenn auch kaum jemand heutzutage an einen Kanon glauben will, haben erstaunlich viele Zeitgenossen eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung davon, wie er, wenn wir uns überwinden und ihn eventuell doch wollten, aussehen sollte. Ich habe sogar den Verdacht, daß es in Österreich, in der Schweiz und erst recht in Deutschland mehr Kandidaten für die Verfertigung eines neuen Kanons gibt als tatsächliche Literaturfreunde. Also Schwamm drüber? Nein, noch nicht, einen Spaß wird man uns wohl noch gönnen. Also wollen wir uns erst einmal in Teufels Küche umsehen.
Was ein Kanon für die Literatur nicht ist und nicht sein soll, läßt sich leicht sagen. Er ist weder ein Gesetzbuch noch ein Katalog, weder eine Anordnung oder Anweisung noch eine Vorschrift.
»Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst« - läßt Schiller seinen wackeren Schützen Tell verkünden. Sein Weimarer Kollege von nebenan macht es noch knapper. Im Faust heißt es: »Selbst ist der Mann!« Und wir fügen, um nur ja keine Unannehmlichkeiten zu haben, rasch hinzu: Selbst ist auch die Frau. Mit anderen Worten: Jede und jeder kann und soll lesen, was sie oder er will. Autoritäre Anleitungen sind unerwünscht, aufdringliche Besserwisser unwillkommen.
Wir sind ja heutzutage ohnehin gut und umfassend informiert, das ist schon sicher. Nur darf man fragen, ob wir nicht vielleicht überinformiert sind; mit anderen Worten: überinformiert und dennoch und zugleich unwissend. Viele befürchten dies, manche erschrecken angesichts der wachsenden Bücherflut. Sollten sie ganz allein gelassen werden? Je schneller und leichter sich Bücher herstellen lassen, desto mehr erinnert die Welt der Bücher an ein Labyrinth. Ist da einer überflüssig, der den Weg zeigt, nicht immer und unbedingt den kürzesten, aber vielleicht den schönsten? Brauchen wir nicht auch und gerade in unserem dritten Jahrtausend eine Auswahl der literarischen Werke, die ein gebildeter Mensch kennen sollte?


(Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki bei der Kanon-Präsentation am 11. Oktober 2003
auf der Frankfurter Buchmesse)

Niemand muß sich an diese Auswahl halten, niemand ist verpflichtet, von ihr Gebrauch zu machen. Aber jene, die eine solche Auswahl von vornherein empört ablehnen, mißfallen mir sehr, ich mißtraue ihnen. Und das hat einen persönlichen Grund, und ich will ihn nicht verschweigen. Ich bin, wenn ich mich der französischen oder spanischen oder italienischen Literatur zuwende, sehr dankbar, wenn mir jemand hilft. Ich bin auf ihn angewiesen, auf den Kanon.
Mit anderen Worten: »Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die Krücke unmöglich erbauen kann.« Dieser Satz stammt von Lessing. Und er hat gleich hinzugefügt, daß eine Krücke dem Lahmen zwar helfe, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, aber zu einem Läufer könne sie ihn nicht machen. Damit meinte er die Kritik, um deren Anerkennung als ständige Institution des literarischen Lebens er noch kämpfen mußte. Daß wir aber sein Wort auch für den Kanon in Anspruch nehmen - er hätte, dessen bin ich sicher, nichts dagegen.
Denn so gewiß Kritik und Kanon nicht das gleiche wollen und anstreben, so erfüllen sie doch nicht ganz unähnliche Funktionen. Soviel die Kritik auch im Sinn hat, auf jeden Fall will sie vermitteln: zwischen der Kunst und dem Alltag, zwischen der Literatur und dem Leser, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart.
Nichts banaler als die Erkenntnis: »Tempora mutantur, et nos mutamur in illis.« Doch wenn sich die Zeiten ändern und wir uns in ihnen, dann ändert sich zugleich unsere Wahrnehmung der Kunstwerke der Vergangenheit. Goethe wußte es. Er schrieb 1822 an Zelter: »Lese ich heute den Homer, so sieht er anders aus als vor zehen Jahren; würde man dreihundert Jahre alt, so würde er immer anders aussehen.«
Doch Goethe warnte auch vor dem unkritischen oder einseitigen Verhältnis zum Überlieferten - so 1820: »Wer bloß mit dem Vergangenen sich beschäftigt, kommt zuletzt in Gefahr, das Entschlafene, für uns mumienhaft Vertrocknete an sein Herz zu schließen.« Gerade da, wo es ein starkes und tief verwurzeltes Traditionsbewußtsein gibt - so in England - ist es selbstverständlich, stets aufs neue die Frage nach dem Wert gerade der am meisten gefeierten Werke zu stellen, also die überlieferten Urteile anzuzweifeln. Ob Shakespeare oder Milton, Byron oder Shelley - keinem bleibt der immer wieder aufgenommene Revisionsprozeß erspart. Die Frage »How good is Hamlet?« ist längst zur Standardfrage der englischen Literaturbetrachtung geworden. Wie man weiß, hat diese Frage dem Weltruhm Shakespeares nicht geschadet.
Der Rückgriff auf das Vergangene erfolgt stets um der Gegenwart willen - und nur von ihr kann er seine Rechtfertigung beziehen. Nicht die Asche suchen wir, sondern die Glut, das Feuer. Nicht das Alte wollen wir erhalten, sondern im Alten das Gute und Lebendige ausfindig machen und bewahren.
Rudolf Borchardt hat seine 1926 erschienene Anthologie Ewiger Vorrat deutscher Poesie betitelt. Eine von Ludwig Reiners herausgegebene und dereinst sehr populäre Sammlung nennt sich Der ewige Brunnen. Aber die Dichtung kennt keinen ewigen Vorrat, keinen ewigen Brunnen. Jede Generation muß sich ihre Anthologien und Lesebücher, ihre Spielpläne neu zusammenstellen - und natürlich auch ihren Kanon.
Also doch und trotz allem eine Liste, die man Literaturkanon nennen mag? Ich glaube: unbedingt. Aber dieser Kanon sollte letztlich nichts anderes enthalten als freundliche Hinweise, Vorschläge und Empfehlungen. Es ist nur ein höfliches Angebot, in dem sich eine eher schüchterne Anleitung verbirgt, ein eher diskreter Fingerzeig. Und damit ist wohl endlich gesagt, wozu wir den Kanon brauchen.
Aber wozu brauchen wir eigentlich die Literatur? Ganz unter uns, darüber habe ich nie ernsthaft nachgedacht - vielleicht deshalb, weil ich ein Leben ohne Literatur nie kannte. Ich bitte also um Entschuldigung, ich kann da mit keiner zuverlässigen Auskunft dienen.
Sehr wohl kann ich mich aber zu einer anderen Frage äußern: Ich kann sagen, wozu ich, ich ganz persönlich, von meiner Jugend, ja, von meiner Kindheit an und später ein Leben lang, in schlechten und in guten Zeiten, die Literatur benötigt habe und wozu ich sie immer noch benötige, was ich von ihr heute wie eh und je erwarte und verlange.
Allerdings sollte die Antwort in diesem Fall kurz und knapp sein, womöglich aus einem einzigen Wort bestehen. Nur ist die Sache leider nicht so einfach, denn es drängen sich mir sofort viele Wörter auf, alle zugleich. Hier sind sie: Unterhaltung, Spaß, Vergnügen, Freude, Entzücken, Begeisterung, Wonne, Glück.
Und keine Belehrung, keine Erbauung? War da nicht irgendwie und irgendwann auch die große Sehnsucht nach Bildung im Spiel? Nein. Für Belehrung und Erbauung sind, dachte ich mir, doch viele andere Bücher da - wissenschaftliche, philosophische, religiöse. Und aus der Literatur, läßt sich ihr in dieser Hinsicht nichts abgewinnen? Doch und sogar sehr viel. Nur hängt das vor allem vom Leser ab.
Jeder Roman hat einen Autor, das ist selbstverständlich. Aber es gibt stets noch einen zweiten, wenn auch von ganz anderer Art. »Der wahre Leser muß der erweiterte Autor sein« - forderte einst Novalis. Was immer geschrieben wird und wie gelungen es auch sein mag, es bedarf doch, wenn es leben soll, der Ergänzung durch jene, an die sich der Autor wendet. So ist jeder Roman wenigstens zu einem Teil des Lesers Werk - und jede Erzählung und jedes Gedicht ebenfalls. Es ist immer das, was er sich aus dem Gelesenen macht und was es ihm bedeutet - wobei wir uns erlauben, ganz leise an den Umstand zu erinnern, daß diese beiden deutschen Redewendungen einen doppelten Sinn haben, gewissermaßen einen doppelten Boden.
Also wie war das eigentlich? Wollte ich, als ich in meiner Jugend anfing, Literatur zu lesen, als sie mich bezauberte und fast auch verzauberte, wollte ich da nicht wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält? Mit Verlaub, das wollte ich gar nicht wissen - und ganz unter uns, ich weiß es immer noch nicht. Aber Stunden und Tage und Wochen des Glücks habe ich sehr wohl erlebt. An diesem Glück wollte ich auch andere teilnehmen lassen - und ich will es ein langes Leben lang, ich will es auch hier und heute. Damit wären wir wieder beim Kanon, genauer: bei unserem Kanon. Noch genauer: bei unserer Kanon-Bibliothek.
Sie besteht aus fünf Teilen. Diese enthalten Romane, Dramen, Gedichte, Erzählungen und Essays. Was wurde ausgewählt? In der Brockhaus-Enzyklopädie heißt es, der Kanon könne, zumal im Bereich der Literatur, dem Zeitgeschmack unterworfen sein. Das möchte ich lieber umgekehrt sagen: Einen Kanon, der ihn bewußt oder unbewußt ignoriert, der also von der Gegenwart absieht - einen solchen Kanon kann und sollte es gar nicht geben, jedenfalls benötigen wir ihn nicht. So ist jeder Kanon, wenn er denn etwas taugt, ein Produkt seiner Epoche, jeder entsteht aus der unbedingt notwendigen Revision der früher gebräuchlichen Kanones.
Diese Revision ist aus verschiedenen Gründen unvermeidbar - und der wichtigste ist auch der simpelste: der Umfang. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte kommen viele literarische Werke hinzu, die aufgenommen werden sollten. Aber ein Kanon kann nicht unentwegt wachsen - und dies gilt erst recht für eine auf ihm basierte Bibliothek. Daher müssen wir auf nicht wenige literarische Werke, die früher zum Kanon gehörten (und zwar durchaus zu Recht) und die uns in unserer Jugend vertraut und lieb waren, jetzt verzichten. Sie müssen unbarmherzig entfernt werden, um Platz für Neues zu schaffen. Geboten wird nicht mehr und nicht weniger als die eiserne Ration.
Was aber unsere heutige Kanon-Bibliothek von allen vergleichbaren Entwürfen aus der Vergangenheit unterscheidet, ist ihr Adressat. Dies ist ein Kanon für Leser. Selbstverständlich hoffe ich, daß auch Lehrer und Bibliothekare, Studenten und Schüler, daß alle, die sich mit der Literatur in erster Linie aus beruflichen Gründen beschäftigen und also Romane oder Erzählungen oder Gedichte nicht immer und nicht ganz freiwillig zur Kenntnis nehmen, aus dieser Bibliothek Nutzen ziehen werden. Vielleicht wird sie die Geschichte von den Leiden des jungen Werthers, die sie nur deshalb zu lesen begonnen haben, weil es eben erforderlich war, plötzlich interessieren und vielleicht auch erschüttern und schließlich auf überraschende Weise beglücken.


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