Lyrik

1894 begann Vollmoeller unter dem Eindruck des Todes seiner Mutter zu dichten. Es entstand ein erster Zyklus von 19 Gedichten, zusammengefasst im Zyklus “Die frühen Gärten”. Diesem ersten Zyklus wurde ab 1896 ein zweiter gegenübergestellt: der Parcivalzyklus, bestehend aus 15 Gedichten.

Erst 1903 wurden beide Gedichtzyklen vom S. Fischer Verlag, Berlin verlegt.

Doch bereits ab 1896 veröffentlichte Vollmoeller eine Reihe weiterer Gedichte in verschiedenen literarischen Zeitschriften, so 1896 im “Simpliccisimus” das Gedicht “Nocturno” und “Sonett”. Es folgte 1897 in “Pan” “Wenn der Tag stirbt”.

nocturno

Es folgen eine Reihe wichtiger Veröffentlichungen in den von Stefan George begründeten und im Bondi Verlag herausgegebenen “Blätter für die Kunst”, so zwischen 1897 und Ende 1902 in fünf Ausgaben der Zeitschrift die Gedichte “Als ein Prolog”, “Odysseus”, “Parcival”, “Herbstphantasie”, “Am Ende”,”Aus den geistlichen Liedern”,”Lied des Fischers”, “Summurrud”, “Landschaften” I und II, und schließlich das als Gedichtzyklus begonnene, später als Versdrama umgearbeitete und beendete “Catherina - Gräfin von Armagnac”.

Zwischen 1901 und 1918 verfasst Vollmoeller nur noch sporadisch Gedichte, so die Flughymne “Volare necesse est”, “Die Riesin” zum Untergang der Titanic, “Die Zeitung”, eine kritische Sicht auf die Massenmedien, “Der Amboss”, eine Auseinander- setzung mit der industriellen Revolution,

“Die Reise” anlässlich einer 10 wöchigen USA Reise 1914 sowie während des 1. Weltkriegs das Gedicht “Ypern”, mit dem seine zwiespältig - ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg zum Ausdruck kommt.

Dann folgt eine fast drei Jahrzehnte andauernde Abstinenz gegenüber Gedichten.
Erst 1942 unter dem lebensbedrohlichen Eindruck der eigenen Internierung und entsetzt vom Ausbruch des neuerlichen Weltkriegs, verfasst Vollmoeller einen Zyklus Altersgedichte, deren Thematik um Glaubensauseinandersetzung, eine kritische Auseinandersetzung mit Macht, Politik und Krieg, sowie einem doppelten Angstschrei um die Zukunft der Welt, speziell des von Vollmoeller so geliebten und vermissten Europas. Diese Altersgedichte werden erst 1960 verlegt und erscheinen in Marbach, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Nationalarchiv.

Auszug wichtiger Gedichte:

DIE ALTE WEISE

Die alte Weise kann ich nimmer finden.

Der Mondschein flutet silbern in den Gründen
es ist als wollt die Nacht im Duft vergehen.
In solchen Nächten kamst du sonst zu mir
Dann klangen feine Stimmen in den Winden
und leise träumend sass ich fromm bei dir —
Nun ist es lang dass ich dich nicht gesehen.
Kennst du das Herz und der Gedanken Sünden

Die alte Weise kann ich nimmer finden

 

DES MORGENS IN EINEM FREMDEN LAND

Des morgens im Frühlichtschwanken
wenn es tastend zu dämmern begann
da kommen die verworrnen Gedanken
die mein Herz nicht bannen kann :

Ein Schuppen, alt und verfallen
 wir Kinder sitzen spät noch darin
still draussen die Flocken fallen — `
Kennt ihr die Schneekönigin?'

Und die Mädchen erzählen mit Flüstern
von der kalten Königin klingender Pracht
die die Kinder verlockt in der düstern
schneestreuenden Winternacht

und wie in des Teufels Krallen
der Zauberspiegel in Splitter zersprang
in wess Herz die Splitter fallen
der krankt daran sein Leben lang,

Mich fröstelt' ich schmiege mich fester
an dich (mein Herz ist bang und weh)
was bist du so kalt meine Schwester,
giengst du zu lange im Schnee?

ich wollte ja gern mit dir wandern
ich suchte dich immer. Was winkt ihr mir zu
und lächelt so höhnisch ihr andern?
Mein alter Freund, da bist auch du:

wir hielten zusammen im schroffen
jähen Wechsel von Leid und Lust.
haben dich nun die Splitter getroffen
oder trag ich sie in der Brust

Und mein Vater, du mit dem blassen
verstörten Antlitz, was suchst du hier?
Vater, wo hast du die Mutter gelassen..
und was wollt ihr denn alle von mir

Schneekönigin lass mir die Seele
dein Lächeln ist Frost, Eis deine Stirn —
Die Angst sitzt mir an der Kehle
Das Blut braust in meinem Hirn

des morgens im Frühlichtschimmer
da es tastend zu dämmern begann..
starr seh ich umher im Zimmer:
Etwas fremdes schaut mich an.

 

Und dass du nie dir selbst entfliehst

Und dass du nie dir selbst entfliehst
und dass wohin du auch in wilder
Verzweiflung flüchtest durch die alten
Prachtsäle des erträumten Lebens
du stets dieselben blassen Bilder
in blinden Spiegelreihen siehst

Und dass du stets und stets vergebens
erglüht ein neues zu gestalten
doch immer nur im Kreise jagst
und in denselben Labyrinthen
die kaum von deinen Schritten hallten
und wie im bleichen Rausch des Strebens

dir Erd und Zeit hintaumelnd schwinden,
du wieder nur an Gräbern klagst.
wo modernde Sehnsüchte liegen...
und dass, wo EiNmal du gescheitert
wie stark dein Schiff du steuern magst,
DEN Fels du stets musst wiederfinden

Ja, ganz ruhmlos sollst du erliegen
der alten 'Wunde die vereitert
sich stets bedeckt mit neuer Schwaere —
glaubst einmal noch auf letzten Planen
die Horizonte du erweitert
und Adler dir zu Häupten fliegen:

es sind von einst die gleissenden Morganen
es ist die alte heulende Chimaere...
Und ganz am Ende deines Wegs wo rings
ums tote Schloss sich drängen die Platanen
erhebt sich mehr und mehr das dunkle schwere
basaltne Ungetüm der grossen Sphinx.

 

LIED DES FISCHERS

Still an jedem morgen senk ich
Meine netze in die tiefe
Und geduldig hoffend denk ich
Daß ein fremdes güldnes glück
Mir im grund des flusses schliefe

 

Leer kehrt stets das garn zurück
Hin und her den nachen lenk ich
Mittag glüht und abend schauert
Gläsern grün das wasser lauert.

Manchmal lockt es aus der Tiefe
Wie ein rätselhaftes güldnes glück.

 

VOLARE NECESSE EST
I

Dich sing ich Zeit der Zeiten - meine Zeit:
Ein später Herbst verschollener Sagenblüten
Wandelst du bleiches Traumgold ferner Mythen
In Stahl der Wirklichkeit.

Wie stöhnte noch das sinkende Jahrhundert
In selbstgeschaffner Fron, in Qualm und Dampf,
Im Lärm von Stahl und Hammer, Hast und Krampf -
Nun schauen wir verwundert,

Wie die Tyrannen, die wir selbst gesetzt,
Die dräuenden Geschlechter der Maschinen,
Uns plötzlich untertan und willig jetzt
Zum Traum der Träume dienen.

Denn Wirklichkeit ward Traum: die rußigen Quadern
Der knechtischen Epoche, eng und hart,
Verrückten sich. Pochend in allen Adern
Vom Blut der Gegenwart,

Spreitet ein neues Fabeltier die Schwingen
Aus schwacher Leinwand, dünnem Holz und Rohr.
Der Raum entsinkt, die Erde deckt ein Flor.
Die straffen Drähte singen,

Singen das alte Lied vom Schwanenkleide,
Vom finstern König und vom falschen Schmied,
Das Lied vom hohen Flug und lahmen Neide,
Die Schraube braust das Lied

Vom Götterliebling und vom Sonnenroß,
Die Leinwand rauscht das Lied der Adlerfeder,
Die schwanken Rippen vom verschlagnen Kreter
Und leis von Ikaros.

Singen das Lied der großen Menschentat,
Vom Urwelt-Morgen, wo am Gletscherfjorde
Der stillre Werkmann einer lauten Horde,
Nicht wissend was er tat,

Den ersten Stamm gehöhlt mit Beil und Feuer,
Das erste Segel kühn irn Wind gestellt:
Der ganze Vogel tönt wie eine Leier
Vom neuen Rausch der Welt.

Bis zu dem Morgen, wo in Wolkendräun
Von Nebeltau besprüht und Englands herber
Salziger Brise Bleriots schlanker Sperber
Von Neunzehnhundertneun

Englischen Rasen pflügte und die scharfe
Klippe von Dover für die Welt geweiht:
Der ganze Vogel tönt wie eine Harfe
Vom neuen Glanz der Zeit.

Der Westwind selber bläst uns die Fanfare,
Hell wie von Flöten, dumpf wie Orgelbässe,
Klingend wie kriegerisches Erz: Volare
Necesse est - vivere non necesse.

II

Vivere non necesse! —Aller Schöne
Und aller Taten Herrin, streng und klar,
Mutter der mutigen Fahrt und starken Söhne,
Glänzt sie zum kühnen Auszug euch: Gefahr!

Ihr Wetterleuchten zuckt um eure schnellen
Schimmernden Vögel und umglänzt das Ziel —
So schärfte sie im Grönlandmeer den Kiel
Von Eiriks Drachen, trieb die Karavellen

Aus Palos gischtend über den Atlant.
Und was erst leeres Spiel und Abenteuer
Gescholten und geschmäht, ward bald ein neuer,
Ein Weg der Vielen in ein neues Land:

Entfliegt! Mit jeder der pfadlosen Bahnen,
Die eure Schwingen jetzt im Blau durchmaßen,
Bereitet ihr der Zukunft Völkerstraßen.
Entfliegt! — Zuvor ein Opfer noch den Manen,

Den Toten all, den vielen stillen Toten!
Wie, heimkehrlechzend, des Laertes Sohn
Erst noch im Schattenreich am warmen roten
Tranke die Seelen labte und davon

Heimkehr empfing und glückhaft Fahrtenende —
Opfert auch ihr, im Licht des ewigen Strahls
Lebende ihr : Rinne die erste Spende
Dem märkischen Sand und Hügel Lilienthals !

Dem fränkischen Capitaine mit deutschem Namen
Nach ihm! Da schon das Leben strömend floh,
Stöhnt er noch stolz und heiß vom wundersamen
Traume: » Demain je volerai plus haut. ..«

Dem dritten, ihm, der dem Gespenst der Pässe
Und eisigen Schlucht zu starr ins Auge sah:
Schüttet die dritte Spende der Zypresse
Von Domodossola!

Und Hand zur Steuerung! Werft an! Volare
Necesse est! — Die Schraube braust in großen
Ringen von Licht. — Ein Guß noch am Altare
Der Ungenannten und der Namenlosen !

Dann segelt, ein Geschwader lichter Aare,
Kreisend im Blau um Mast und Dom und Esse
An Elbe, Rhein und Nordmeer: Navigare
Necesse est — vivere non necesse!

 

DIE RIESIN

I

Ihr Rückgrat maß die Länge einer Straße,
Ihr Brustkorb hielt die Häuser einer Stadt.
Ein schwärzlich dünner Keim auf rauhem Blatt,
Wuchs sie im Spiel der Kreis- und Winkelmaße,

Nächtlich bebrütet von den giftig hellen
Quecksilberlampen weiß auf blauem Grund,
Und langsam aus der Fläche in das Rund
Von ragenden Gerüsten und Modellen.

Sie lag und schlief und wuchs in dumpfem Dämmern
Mit Halm und Baum und Frucht der grünen Insel,
Und nimmer schwieg das reibende Gewinsel
Der tausend Bohrer und gehetztes Hämmern.

Durch ihre Träume zog der saure Rauch
Der Kohlenfeuer, heulte laut die Fräse,
Stöhnten die Krane, zischte das Gefauch
Und grüne Wut der Sauerstoffgebläse.

Sie lag und schlief. Und rings auf nächtigen Gleisen
Fuhr gälische Kohle ihr und wälisches Erz,
Kupfer von Utah, weiches schwedisches Eisen.
Sie lag und schlief. Noch schwieg das große Herz,

Vierfach geteilt mit starrenden Lamellen,
Noch war kein Atem in den Kesselflanken,
Noch ruhten die vier blankgeschliffnen Wellen,
Doch schon für den elektrischen Gedanken

Lief im besponnenen Kupfer dünne Fährte,
Und tief in Stahl und Bronze herrschte stumm
Der Geist des Phosphors und geheime Härte
Von Wolfram, Nickel und Vanadium.

Sie schlief und wuchs, einsam wie alle Riesen,
Stumpf wie der Nebel, grau wie der Atlant,
Und schlürfte träg das Salz der feuchten Brisen.
Nur nachts zuweilen scholl ihr zum Diskant

Des Sturms die tiefe Brandung wie ein frommer
Tröstlicher Chor verwandter Riesenkinder —
Sie lag und schlief zwei kühle irische Sommer,
Sie schlief und wuchs zwei laue irische Winter.

II

Dann war ein Tag mit Frühlings -Glanz und Fahnen.
Sie bebte leicht, so wie Lawinen zittern
Am Gletscherhang beim ersten Tauwindmahnen.
Sie ahnte dumpf, so wie Lawinen ahnen —
Und glitt durch Rauch und Qualm und Bruch und Splittern

Und Schaum und Gischt zur bräutlichen Umarmung
Ins festlich blaue morgenliche Meer
Und sah das Licht. Und hielt — wie in Erbarmung —
Denn sie begriff mit plötzlicher Verarmung
Die Kleinheit aller Wesen rings umher

Und daß die trägen Kähne, niedern Fähren,
Die flinken Schlepper, funkenrauchumknistert,
Nie die erträumten Spielgenossen wären,
Ihr ewig fremd und heute doch verschwistert —
Sie reckte sich zum fernen Rand der Schären

Und warf den Bug. Das menschliche Gewimmel
Auf Bau und Brücken ward sie kaum gewahr
Wie einen grauen Schorf und trüben Schimmel —
Sie reckte sich zum fernen Rand der Himmel,
Sie wußte nun, daß es ihr Schicksal war,

Einsam und herrisch in den Raum zu stoßen:
Schon zog sie grün und silbern ihre Spur,
Wie ein Versprengter von den Urweltgroßen
Aus den versunkenen Wäldern im Silur –
Die jetzt als Flammengarben aus ihr schossen,

Zu Glut verbrannt auf dreißig wilden Herden,
Als Rauch gepreßt aus vier gewaltigen Schloten,
Und die als Feuerseele in ihr lohten
Als Kraft von ihren siebzigtausend Pferden,
Als Lust von ihren siebenundzwanzig Knoten.

So lief sie, weil es ihr Geschick zu rasen,
Und wie der Erdball selbst im Raume rast:
Blind, sinnlos groß. Tags liefen weiße Blasen
Weit hinter ihr und nachts metallischer Glast.
Schon sah sie brüderliche Wale blasen

Im Meer, das höher ging und grün und hohl,
Schon spürte sie den großen Wind vom Pol
Mit herbem Schneegeruch und scharfer Ätze —
Zuweilen auch die kleinen Menschen wohl
So auf sich wie der Pottfisch seine Krätze

Schmarotzenden Gewürms, so wie die Erde
Aus Wald und Dschungel fühlt ihr wirres Haar,
Der greise Götterberg die Ziegenherde —
Dann zuckte sie mit störrischer Gebärde. ..
Und dann war eine Nacht: dunstlos und klar

Klomm der Skorpion und wendete der Wagen,
Kniete der Schütze, schwebte hoch der Schwan.
Sie hörte lauter laut ihr Herzblut schlagen
- Sie jagte, weil es ihr gefiel zu jagen -,
Schwarz spiegelnder Achat der Ozean.

Und durch die schaurige verwunschne Glätte
Und durch die zaubrische erstarrte Milde
Lief sie mit ihrem blanken Spiegelbilde,
Lief sie mit ihrem Pulsschlag um die Wette ...
Da tauchten ferne lockende Gebilde:

In Nebelschleiern weiße Gletscherfrauen,
Silberne Inseln, Klippen; Turm und Schloß.
In ihrem Herzen brannte sie zu schauen;
Lief spielend näher, zwischen Lust und Grauen;
Wendete kurz, empfing den großen Stoß.

Und wußte schon ... Was war ihr Angst und Rennen
Der Tausende und WAhn der tausend Köpfe;
Notschrei von allen fiebernden Antennen -
Sie fühlte nur ihr Eingeweide brennen
Und suchte blind, wie alle Meergeschöpfe;

Den Schutz der Tiefe für die Todeswunde
_ Schoß steil vornüber, reckte ihre vier
Schlagenden Flossen und das dunkle runde
Ragende Heck und tauchte jäh zum Grunde
Und starb im Dunkel wie ein großes edles Tier.

 

YPERN
I
Im Scherenfernrohr steht das brennende Ypern
Wie eine ausgehöhlte Film-Dekoration.
Querschläger drehn sich klatschend in der weichen
Lehmigen Grabenwand.
Fluchwinde wehn. Es riecht süßlich nach Leichen.
Und unten im muffigen Unterstand
Wimmert bei Tag und Nacht
Wie ein böser Säugling bei Tag und Nacht
Das Feldtelefon.

Von hinten feuert eine sächsische Batterie –
Die Kanadier, die so schön Fußball spielten,
Antworten übelgelaunt. Weiter westlich im Sektor
Unterhalten sich tratschend ein paar Maschinengewehre.
– War das ein Tier das da vorne schrie?
Zwei Leuchtraketen lautlos dem Nichts entschwebt
Erklären das wesenlose Wesen,
Die leere Leere. . .
Und Menschen blicken als hätten sie nie gelebt,
Und Jahre sind als seien sie nie
Nie gewesen

II

Da liegen sie die alten Landstürmer von Ulm,
Familienväter
Von Urach, Reutlingen und der rauhen Alb,
Im flandrischen Dreck und haben schon lang die Welt
Und dass sie einst ein Leben besessen,
Haus, Tier und Kind
Und schon das Vergessen vergessen...

Nun stapfen sie abends zu drei und vier
Hintereinander tastend
Mit hohlen Gesichtern verwittert und falb
Durch Schlamm Schrapnell und bösen Wind
Ins Ruhequartier . . .
Längst sehn sie nicht mehr hinter Draht und Graben
Die grauen Heere von ärmlichen Kreuzen, schon halb
Vom gierigen Boden verschlungen
Vom Regen zerfressen
Vom Wind zerschaben. . .

Nur einer hält und spuckt und kratzt sich im Haar
Und denkt jetzt dunkel an einen halbwüchsigen Knaben,
Der früher still an seinem Abendtisch gesessen
Und der dann, wie die Zeitung schrieb, mit andern Jungen
Sich hier so heldenhaft in den Tod gesungen...

Und er spuckt noch einmal und macht sich stark:
» Zum Teufel, nicht unsrethalb. . .
Um uns alte Scheißer, um das Weib und das bißchen Geld,
Wer scheert sich? Doch drüben die Jungen:
Alles ungevögelte Jungen. . . «
— Ja Langemark
Ja Paschendäle und Gheluvelt.

III

Aber der Neckar fliesst halkyonisch heiter
Unbekümmert lächelnd taub
Und die gedachte hallende Balkenbrücke ist dieselbe —
Ins wässrige Blau stechen die gleichen Kirchturmspitzen,
Von den gleichen Weinbergtreppen rinnt dasselbe gelbe Laub.

Am vieldeutigen Dreiweg von Marbach ruht er die Wasser breiter
Träumt in Herbstmittagsfrieden vor sich hin,
Ein verzauberter Teich. . .
Hellenisch schlank stehn die zarten Erlen,
Fromm die Weidenbüsche am Ufer knien...
Lautlose Laute sind in der dünnen Luft,
Unhörbare Stimmen vom andern Reich —
Ab und zu auf der glatten Flasche von hellen Perlen
Ein leichtes Blitzen
Rasch verpufft :
Sind es Traumschwalben Mörikes, die den Spiegel ritzen?
Sind es unsichtbare Flügelspitzen
Der heiligen Engel von Hölderlin?