"Vollkommen inakzeptabel"

Merkel: Sarrazin spaltet Gesellschaft

In der Bundesbank müsse über die "Personalie Sarrazin" gesprochen werden, so Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Bundesbank-Vorstand erntet für seine Äußerungen deutschlandweit Kritik.

Kanzlerin Angela Merkel hat die kritischen und polemischen Äußerungen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin über Muslime und Juden als "vollkommen inakzeptabel" verurteilt. Sie seien ausgrenzend und machten ganze Gruppen in der Gesellschaft verächtlich, sagte die CDU-Vorsitzende am Sonntag in der ARD. "Das spaltet die Gesellschaft", sagte Merkel.

Das schlimmste sei, dass Sarrazin die notwendige Auseinandersetzung mit dem Thema Integration nicht voranbringe, sondern verschärfe und erschwere, sagte Merkel. "Das eine ist die Wortwahl, die Art der Ausdrucksweise, die Abstempelung ganzer Gruppen, das Ausgrenzen, Verächtlichmachen, das ist inakzeptabel. Das führt auch nicht zu Lösungen", betonte sie. Das andere sei die Debatte über Integration.

Bundesbank ist unabhängig

Auf die Frage, ob Sarrazin von seinem Posten abtreten müsse, verwies Merkel auf die Unabhängigkeit der Bundesbank. Sie sei sich aber ganz sicher, dass man auch in der Bundesbank darüber sprechen werde. In dem Institut gehe es nicht nur um Geld oder Finanzprobleme, sondern es sei "für uns alle, für unser ganzes Land ein Aushängeschild", das nach innen und außen wichtig sei.

Sarrazin hatte mit Äußerungen über ein "bestimmtes Gen" aller Juden die Auseinandersetzungen um seine Person noch einmal drastisch verschärft. Bundesminister und Politiker fast aller Parteien reagierten empört und stellten die Eignung Sarrazins für sein Amt infrage. Der ehemalige Berliner Finanzsenator blieb aber unnachgiebig und lehnte einen Austritt aus der SPD ab.

Parteiaustritt nahegelegt

Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) sagte der "Bild am Sonntag": "Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen." Derselben Zeitung sagte Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU): "Jede Provokation hat ihre Grenzen."

Für seine Thesen bekam Sarrazin auch Zuspruch. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler sagte: "Die Kritiker Sarrazins sollten nicht den Eindruck erwecken, dass sie einen anders Denkenden am Aussprechen der Wahrheit hindern."

SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz forderte von Sarrazin in der Zeitung "Die Welt" (Montagsausgabe) den Rücktritt als Bundesbankvorstand und den Austritt aus der Partei. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nannte Sarrazins genetische Definition der Juden "absolut inakzeptabel". SPD-Chef Sigmar Gabriel und Nahles hatten Sarrazin zuvor einen Parteiaustritt nahegelegt. Sarrazin sagte im Deutschlandfunk: "Ich bleibe in der SPD bis an mein Lebensende."

Sarrazins Thesen in der Analyse

THESE GEBURTENRATE

Etwa sechs Millionen Menschen türkischer, arabischer, bosnischer und afrikanischer Herkunft leben in Deutschland. Bleibe die Geburtenrate dieser Gruppe von Einwanderern (Sarrazin nennt sie "muslimische Migranten") dauerhaft höher als die der deutschstämmigen Bevölkerung, würden Staat und Gesellschaft im Lauf weniger Generationen von den Migranten übernommen.

ANALYSE

Rein statistisch und auf einen sehr langen Zeitraum berechnet ist das richtig, obwohl der Anteil der genannten Gruppe nur 7,5 Prozent beträgt. Allerdings sind Modellrechnungen wie die von Sarrazin über einen Zeitraum von drei Generationen bzw. 90 Jahren sehr spekulativ, was er selber auch schreibt. Wenn Einwandererfamilien gut integriert sind und ein bestimmtes Einkommen erreicht haben, passen sich auch ihre Geburtenraten dem niedrigen Stand deutschstämmiger Mütter an. Auch das räumt Sarrazin in einem Interview der "Zeit" ein, verweist aber gleichzeitig auf die Zuwanderung bildungsferner Ehepartner.

Für Teile von Großstädten wie Berlin ist Sarrazins These allerdings schon Realität. In Berlin hat jeder Vierte der 3,4 Millionen Menschen ausländische Wurzeln (Stand 30. Juni: 24,97 Prozent oder 859.788 Menschen). Im Bezirk Mitte, der mit seinen 323.000 Einwohnern in der Rangfolge deutscher Städte hinter Bielefeld auf Platz 19 läge, haben 44,5 Prozent (Stand Ende 2007) der Bevölkerung einen sogenannten Migrationsstatus.

Bei Kindern und Jugendlichen sind es in in den drei Bezirken Mitte, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg, die zusammen fast so viel Einwohner wie Köln haben, mehr als 50 Prozent aus Einwandererfamilien. Mitte allein erreicht bei den 6- bis 15-Jährigen eine Migrantenquote von 72 Prozent. Völlig anders ist die Situation in den ostdeutschen Bundesländern ohne Berlin. 2008 lebten dort laut Statistischem Bundesamt 13,8 Millionen Menschen. Von ihnen stammten 616.000 aus Einwandererfamilien - gerade einmal 4,5 Prozent.

THESE KULTURELLE IDENTITÄT

Muslimische Migranten, also Menschen aus der Türkei, Ex-Jugoslawien und den arabischen Ländern, bildeten den Kern des Integrationsproblems. Es gebe keinen erkennbaren Grund, warum sie es schwerer haben sollten als Einwanderer aus Asien oder Spätaussiedler, die sich schnell integrierten. Schuld seien islamisch geprägte kulturelle Einstellungen, die eine erfolgreiche Integration verhinderten.

ANALYSE

Weitgehend unstrittig ist, dass Sprachkenntnisse, Schulabschlüsse und der Anteil am Arbeitsmarkt bei diesen Gruppen unterdurchschnittlich sind. Als wichtigsten Grund dafür nennt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor in der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag) die besonders hohe Zahl türkisch- oder arabischstämmiger Einwanderer. Sie ermögliche es, Parallelgesellschaften zu bilden, in denen die Menschen sich einrichten, ohne sich zu integrieren. Wohnen etwa Deutsch-Türken als kleine Minderheit in Stadtteilen, integrieren sie sich schnell.

THESE GENE

Menschen verschiedener Herkunft hätten unterschiedliche Gene. "Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden", sagt Sarrazin in einem Interview.

ANALYSE

Genetische Untersuchungen erlauben statistische Verwandtschaftsanalysen auch zwischen Bevölkerungsgruppen. Die genetischen Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen sind allerdings in der Regel nur klein, während die Variation zwischen zwei Menschen derselben Gruppe viel größer sein kann. So kann sich etwa ein Brite genetisch stärker von seinem Nachbarn unterscheiden als von einem Chinesen.

Juden gelten nicht als gemeinsames Volk, sondern als Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder zahlreichen Nationen angehören. Mit Intelligenz und Lernfähigkeit oder Charaktereigenschaften wie Moral oder sozialem Verhalten haben genetische Unterschiede nichts zu tun.

(dpa, N24)

30.08.2010 06:17 Uhr

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