Das
Tao Te King
von
Lao Tse
Chinese - German by
Ernst Schwarz, 1978

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1

sagbar das Dau
doch nicht das ewige Dau
nennbar der name
doch nicht der ewige name
namenlos
des himmels, der erde beginn
namhaft erst der zahllosen dinge urmutter
darum:
immer begehrlos
und schaubar wird der dinge geheimnis
immer begehrlich
und schaubar wird der dinge umrandung
beide gemeinsam entsprungen dem einen
sind sie nur anders im namen
gemeinsam gehören sie dem tiefen
dort, wo am tiefsten das tiefe
liegt aller geheimnisse pforte


up

2

alle wissen, daß schön das schöne
so gibt es das häßliche
alle wissen, daß gut das gute
so gibt es das böse
denn:
voll und leer gebären einander
leicht und schwer vollbringen einander
lang und kurz bedingen einander
hoch und niedrig bezwingen einander
klang und ton stimmen einander
vorher und nachher folgen einander
darum tut der weise ohne taten
bringt belehrung ohne worte
so gedeihen die dinge ohne widerstand
so läßt er sie wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
nimmt nichts für sich, was er vollbracht
und da er nichts nimmt
verliert er nichts


up

3

achtet nicht die achtenswerten
und es wird nicht streit sein im volk
schätzt nicht schätzenswerte güter
und es wird nicht räuber geben im volk
zeigt nichts begehrenswertes
und es wird keine verwirrung sein im herzen des volkes

so herrscht der weise:
das herz leeren
den bauch füllen
stärken die knochen
schwächen den willen

immer läßt er das volk ohne wissen und begierde
und die klugen ohne mut zum handeln
durch nichthandeln bleibt nichts ungeordnet


up

4

ein unerschöpfliches gefäß ist das Dau
urgründig, dem urahn aller dinge vergleichbar
urtief und doch allgegenwärtig
ich weiß nicht, wes kind es ist
doch eh noch Di war, der ahn des himmels
war es


up

5

himmel und erde kennen nicht güte
wie die opferhunde aus stroh sind für sie alle dinge
die weisen kennen nicht güte
wie die opferhunde aus stroh sind für sie alle menschen

was zwischen himmel und erde ist
gleicht es nicht dem blasebalg?
hohl und doch unversiegbar
bewegt und immer mehr zeugend

wortreichtum verarmt
wahre lieber das maß!


up

6

unsterblich ist der tiefe geist des tals
der dunkle mutterschoß sei er benannt
und dieses dunklen mutterschoßes pforte -
genannt wird sie die wurzel des alls
sich hinschlingend durch alles, allgegenwärtig
wirkt sie und wirkt doch mühelos


up

7

ewig sind himmel und erde
und sie sind ewig
weil sie nicht wirken ihrer selbst wegen
daher ihre ewigkeit
so stellt der weise sein selbst zurück
und ist den anderen voraus
wahrt nicht sein selbst
und es bleibt ihm bewahrt
denn ohne eigensucht
vollendet er das eigene


up

8

höchste güte ist wie das wasser
gut tut es den dingen und streitet mit keinem
das niedrige, da alle verachten, füllt es
so gleicht es dem Dau

beim hausbau sei der ort gut gewählt
beim herzen seine tiefe gut ergründet
beim geben der gebende gutgesinnt
bei worten die wahrheit gut erwogen
beim regieren der staat gut geordnet
beim werken der tüchtigste gut ausgesucht
zum handeln gut ausgewählt die zeit
nur wer wie das wasser streitet mit keinem
ist ohne leid


up

9

besser ist aufhören
denn überfüllen

die klinge immerfort geschärft
bleibt nicht lange klinge

der saal mit gold und jade vollgestopft
ist nicht vor äubern zu bewahren

glanz und ehren mit hochmut gepaart
ziehn sich selbst ins verderben

zurückziehn nach getanem werk
so ist das dau des himmels


up

10

ohne geschäftigsein, ans eine sich haltend
kann die seele sich dann noch zerstreuen?

die atemkraft sammelnd, geschmeidig werdend
kann man nicht rückkehren zum kindsein

den blick läuternd zur schau des tiefen
kann man nicht frei werden von unreinheit?

das volk lieben, den staat ordnen
braucht man dazu wissen?

kann sich öffnen und schließen das himmelstor
ohne das weibliche?

klarheit, die alles ringsum erreicht
braucht sie denn tätigsein?

der weise läßt sie wachsen und nährt sie
läßt die dinge wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
behüter, nicht beherrscher
dassei genannt Süen De - das tiefe De


up

11

dreißig speichen umringen die nabe
wo nichts ist
liegt der nutzen des rads

aus ton formt der töpfer den topf
wo er hohl ist
liegt der nutzen des topfs

tür und fenster höhlen die wände
wo es leer bleibt
liegt der nutzen des hauses

so bringt seiendes gewinn
doch nichtseiendes nutzen


up

12

farbenpracht blendet das auge
klangreichtum betäubt das ohr
feinschmeckerei verdirbt den geschmack
hetzen und jagen verwirren das herz
seltene güter führen zu verbotenem

darum sorgt der weise für den bauch, nicht für das auge
für das, nicht für dies


up

13

gnade und ungnade - angst machen sie beide
ein großes übel wie das selbst wird hochgeschätzt
warum sage ich: gnade und ungnade - angst machen sie beide?
gnade gilt dem tieferstehenden
ängstlich empfängt er sie
mit angst verliert er sie
so sage ich: gnade und ungnade - angst machen sie beide
und warum sage ich: ein großes übel wie das selbst wird
hochgeschätzt?
befallen werde ich von großen übeln
weil ich ein selbst besitze
wäre ich frei vom selbst
welches übel gäbe es für mich?
dem aber, der die welt macht zum selbst
mag man die welt überlassen
dem, de liebend der welt gleichsetzt sein selbst
mag man die welt anvertrauen


up

14

das auge sieht es nicht - ihr nennt es unsichtbar
das ohr hört es nicht - ihr nennt es unhörbar
die hand faßt es nicht - ihr nennt es unfaßbar
dreifach trotzt es dem verstand
denn es ist eines, in sich selbst verwoben
oben ohne licht
unten ohne dunkelheit
es dehnt sich hin unendlich, namenlos
und strömt zurück in das nichtdingliche
so nenn ich es gestaltlose gestalt
ding der nichtdinglichkeit
nennen mag man es formlos, nebelhaft
entgegentretend sieht man nicht sein gesicht
ihm folgend nicht den rücken
haltet fest am Dau der alten
mit ihm zu leiten da neue
den uranfang erkennen
nenn ich leitspur des Dau


up

15

die wahrhaft verständigen des altertums
feingeistig waren sie, verborgenes durchdringend
tief, unbegreifbar tief
und da sie nicht zu begreifen sind
muß man sie mühsam in bildern beschreiben:
zaudernd, wie flüsse im winter durchwatend
furchtsam, wie vor dem nachbarn erschreckend
feierlich, wie ein gast sich gebärdend
vorsichtig, wie schmelzendes eis beschreitend
klobig wie unbehauene scheite
weit wie täler
undurchsichtig wie trübes
wer kann allmählich trübes klären durch ruhe
wer kann langbewegtes beruhigen und allmählich bringen zu wachstum?
wer das Dau bewahrt, begehrt nicht überfülle
wer nicht überfülle begehrt
kann erhalten, ohne neues zu schaffen


up

16

erreiche den gipfel der leere
bewahre die fülle der ruhe
und alle dinge werden gedeihen
so kann ich ihre rückkehr erschauen
von allen dingen in ihrer vielfalt
findet ein jedes zurück zur wurzel
wurzelwiederfinden heißt stille -
was man nennen mag: rückkehr zum wesen
rückkehr zum wesen heißt ewigdauern
ewigdauerndes kennen heißt klarheit
wer ewigdauerndes nicht kennt
wirkt blindlings zum unheil
wer ewigdauerndes kennt, umfaßt alles
wer alles umfaßt, gehört allen
wer allen gehört, ist königlich
königliches gleicht dem himmel
der himmel gleicht dem Dau
das Dau gleicht der ewigkeit
wer dauert im dau
taucht in die tiefe gefahrlos


up

17

zuerst wußten die niedrigen kaum von den herrschern
später drängten sie sich um sie und rühmten sie
sie zu fürchten lernten sie später
dann zu verachten

wo das vertrauen fehlt
spricht der verdacht
wahre herrscher legen nicht wert auf worte
von wert sind alle ihre taten
von selbst getan erscheinen sie dem volk


up

18

verloren ging das große Dau -
güte und rechtschaffenheit entstand
hervortrat die klugheit -
die große heuchelei entstand
zerrissen war die sippe -
der familiensinn entstand
in wirrnissen zerfiel der staat -
der treue minister entstand


up

19

schafft ab die heiligkeit, verwerft die klugheit
die menschen werden hundertfach gewinnen

schafft ab die güte, verwerft die rechtschaffenheit -
die menschen werden wieder einander lieben

schafft ab die geschicklichkeit, verwerft die gewinnsucht -
keine diebe und räuber wird es mehr geben

denn all das ist ein schmuckund taugt doch nichts

darum lehrt die leute:
zum schlichten und echten zurückkehren
wenig wollen, nicht viel begehren


up

20

tu ab das erlernte, und ohne sorge wirst du sein

wie wenig trennt jasagen von heuchelei!
wie wenig scheidet gut von schlecht!

zu fürchten ist, was alle fürchten

ach, endlos scheint das wirrsal dieser welt
die menge drängt und tummelt sich
als ginge sie zum opferschmaus
als zöge sie zum frühjahrsfest

mehr als sie brauchen, haben alle
ich allein vertue, was ich hab
mein herz ist eines toren herz
einfältig dumpf

die menge liebt den glanz
ich allein liebe das trübe
die menge liebt die unterscheidung
ich allein liebe das unterschiedslose
ruhlos wie das meer
ziellos wie der wind

alle tun, als wären sie von nutzen
nur ich bin störrig wie ein tölpel
nur ich bin anders als die andern
und schätz die nahrung an der mutterbrust


up

21

regt sich das große De
immer folgt es dem Dau
das Dau als Ding -
ein schattenhaftes ist es, nebelhaftes
o nebelhaftes, schattenhaftes
es ruht gestaltbares darin
o schattenhaftes, nebelhaftes
es ruht das dingliche darin
o dunkles, dunkelgründig tiefes
es ruht der samen kraft darin
ein wahres ist der samen kraft
es ruht verläßliches darin
von anbeginn bis heute
schwanden nie die namen der dinge
so wird aller anfang erschaubar
wie weiß ich von ihrer urgestalt?
durch es


up

22

verküppeltes wird ganz
krummes wird gerade
leeres wird voll
altes wird neu
wenig wird viel
vieles macht wirr

so hält sich der weise ans eine
und wird zum vorbild für alle
er zeigt sich nicht
so wird er sichtbar
er will nicht recht behalten
so wird sein recht offenbar
er pocht nicht auf verdienste
so schafft er verdienstvolles
er tut sich nicht hervor
so fällt ihm der vorrang von selbst zu

nur wer mit keinem streitet
bleibt unbestritten sieger

so ist das wort der alten:
verkrüppeltes wird ganz
kein leeres gerede
was wahrhaft ganz wird
dem strömt alles zu


up

23

unhörbar ist die sprache der natur

der wirbelwind dauert keinen morgen
der regenschwall dauert keinen tag
wer aber erzeugt wind und regen?
himmel und erde

selbst himmel und erde können nichts dauerndes schaffen
um wieviel weniger der mensch

doch wer dem Dau folgt
wird eins mit dem Dau
wer dem De folgt
wird eins mit dem De
wer sie verloren hat
wird eins mit seiner verlorenheit

wer eins wird mit dem Dau
den umfängt willig das Dau
wer eins wird mit dem De
den umfängt willig das De
wer eins wird mit ihrem verlust
den umfängt willig die verlorenheit

wo das vertrauen fehlt
spricht der verdacht


up

24

wer auf den zehen steht, steht nicht sicher
wer große schritte macht, kommt nicht weit
wer sich gern selbst zeigt, den übersieht man
wer gerne recht behält, den überhört man
wer auf verdienste pocht, schafft nichts verdienstvolles
wer sich hervorhebt, verwirkt den vorrang
im sinn des Dau gesprocehn wäre das:
schlemmen - nicht essen, stolzieren - nicht gehen
und das erweckt bei allen wesen abscheu
wer sich ans Dau hält
handelt niemals so


up

25

ein etwas gibt es, aus dem chaos geworden
früher als himmel und erde entstanden
ein einsam-stilles, endlos-weites
in sich allein, unwandelbar
kreisend, nie sich erschöpfend
des alls urmutter könnte man es nennen
ich kenne seinen namen nicht
ich nenne es Dau
und da ich es bezeichnen muß
nenn ich es groß
groß - denn es entfließt
entfließt - ist also fern
fern - und kehrt doch zurück
so ist das Dau groß
groß der himmel
groß die erde
und groß auch das königliche
vier große dinge gibt es in der welt
eines davon ist das königliche
es folgt der mensch der erde
die erde folgt dem himmel
der himmel folgt dem Dau
das Dau folgt sich selbst


up

26

das schwere ist die wurzel des leichten
die ruhe ist herr der erregung

so geht der weise seinen tagesweg
und trennt sich nie vom schwierigen
wird ihm auch ehre und achtung zuteil
gleichmütig steht er darüber

darf denn ein mächtiger fürst
leichtnehmen die welt?
den boden unter den füßen verliert der leichtnehmende
die herrschaft verliert der erregte


up

27

gut geht, wer ohne spuren geht
gut redet, wer ohne schnitzer redet
gut rechnet, wer ohne stäbchen rechnet
gut schließt, wer ohne schloß, doch unaufschließbar
schließt
gut knüpft, wer ohne strick, doch unaufknüpfbar knüpft

so bewahrt der weise die menschen gut
und keinen übersieht er
bewahrt die dinge gut
und keines übersieht er
das nenne ich: der helle folgen

denn der guten dient dem unguten als lehrmeister
der ungute dem guten als lehrling
wer nicht schätzt seinen lehrmeistr
nicht liebt seinen lehrling
geht irr, sei er noch so klug
das nenn ich wesentlich


up

28

das männliche wissen
das weibliche wahren
so wird man zum strom der welt
wird man zum strom der welt
der nie das De verlässt
und rückströmt in die kindlichkeit

das lichte wissen
das dunkle wahren
so wird man zum maß der welt
wird man zum maß der welt
das nie vom De abweicht
und rückströmt in die urgründigkeit

das ruhmvolle wissen
das ruhmlose wahren
so wird man zum tal der welt
wird man zum tal der welt
das immer das De erfüllt
und rückströmt in die ursprünglichlkeit

wenn ursprüngliches zerfällt
so wird es zum werkzeug
gebraucht es der weise
wird es zum diener des staats -
die große ordnung braucht die spaltung nicht


up

29

trachtet einer
an sich zu reißen das reich
so sag ich: vergebliche mühe!
ein opfergefäß ist das reich
unberührbar
wer es berührt, zerstört es
wer es ergreift, verliert es

so sind die dinge:
manche streben, andere folgen
manche hauchen, andere blasen
manche erstarken, andere erschlaffen
manche gestalten, andere zerstören

der weise aber tut ab das zuviel
den überfluß
das übermaß


up

30

wer fürsten dient im dienste des Dau
erzwingt nicht mit waffen gehorsam im reich
sie schlagen zurück auf den schlagenden

dornengestrüpp überwuchert den boden
wo kriegsvolk gehaust hat
hinter den großen armeen
ziehen hungerjahre

gut ist siegen - und damit genug
man wage nicht, zwingherr zu sein
siegen und sich nicht brüsten
siegen und sich nicht rühmen
siegen und nicht stolz auf den sieg sein
gezwungen nur sei man ein sieger -
nicht, um zu zwingen

die kraft mißbrauchen bringt verfall
das heißt: dem Dau zuwiderhandeln
wer ihm zuwiderhandelt, endet früh


up

31

ein böses werkzeug sind waffen
je besser sie sind, umso böser
als unheilbringer verabscheut
so huldigt ihnen auch nie, wer dem Dau dient
in friedlichen zeiten widmet der edle sich edlem
nur wenn er die waffe braucht
schätzt er die waffe
ein böses werkzeug sind waffen
sie sind kein werkzeug des edlen
gezwungen nur greift er zur waffe
der ruhe gleichmut schätzt er am höchsten
siegt er, so freut ihn sein sieg nicht
wer des sieges sich freut
ist der mordlust verfallen
wer aber der mordlust verfallen
nie zwingt er der welt seinen willen auf

glückverheißend allein ist friedvolles tun
unglückverheißend das handwerk des krieges
und steht der flügelführer zur linken
zur rechten der mächtige feldherr
zur trauerfeier rüstet euch
mit trauer und tränen gedenkt
der hingemetzelten scharen
mit trauerfeiern feiert den sieg


up

32

ewig ist das Dau und ohne namen -
doch wenn auch gering erscheint das unverdorbene
nichts in der welt ist so mächtig
es zu kechten

wenn nur die fürsten und herren das unverdorbene wahrten
willig strömte ihnen zu die vielfalt der dinge
glücklich verbänden sich himmel und erde
herabzusenden segenbringenden tau
zwanglos kehrte zurück das menschengeschlecht
als man aber mit namen begann zu trennen die dinge
wurden selbstherrlich die namen
doch gibt es auch solche, die sie zu bannen wissen
wer sie zu bannen weiß, entgeht allen gefahren
dem meer, in das alle flüsse münden
gleicht das Dau in der welt


up

33

wer andere kennt, ist klug
wer sich kennt, ist weise
wer andere bezwingt, ist kraftvoll
wer sich selbst bezwingt, ist unbezwingbar
wer sich zu begnügen weiß, ist reich
wer sich durchsetzt, willensstark
wer sein wesen nicht verliert, währt lang
wer dahingeht, ohne zu vergehen, lebt ewig


up

34

allüberströmend ist das Dau
in jede richtung kann es sich ergießen
alle dinge stützen sich aufs Dau
und willig wachsen sie
es tut sein werk und will nicht namen noch besitz
es kleidet, nährt die vielfalt der dinge
und will nicht herr der dinge sein
nichts begehrt es je für sich

so mag mans nennen klein
ihm strömen alle dinge zu
doch herr der dinge will es niemals sein
so mag mans nennen groß
weil es die eigne größe nicht ermißt
vermag es groß zu sein


up

35

wer sich ans große ungestalte hält
dem strömen alle wesen zu
strömen ihm zu und leiden keinen schaden
finden frieden und ruhe

der wanderer verweilt, verlockt vom klang des lieds
vomwohlgeruch der speise

doch fade schmeckt das Dau
das auge sieht es und erkennt nichts
das ohr hört es und vernimmt nichts
wer nach ihm handelt, dem versagt es nichts


up

36

was man verengen will
muß man erweitern
was man schwächen will
muß man stärken
was man stürzen will
muß man erheben
wo man nehmen will
muß man geben
das nenne ich:
erkennen, eh sich die dinge geklärt
das weiche besiegt das harte
der fisch steige nicht aus der tiefe
scharfe waffen des staats zeige man nicht dem volke


up

37

das Dau tut nichts, und nichts bleibt ungetan
wenn die fürsten und könige es zu wahren verstünden
die dinge wandelten sich von selbst
wandelten sich und gediehen
ich hielte sie nieder mit unverdorbenheit, die keine namen braucht
mit unverdorbenheit, die keine namen braucht
wären sie ohne begierde
ohne begierde durch ruhe
die welt ordnete sich von selbst


up

38

das höchste De weiß nichts vom De
so bleibt das De erhalten
das niedre De will erhalten sein De
so geht sein De verloren
das höchste De ist untätig
so hat es nichts zu tun
das niedere De ist tätig
so hat es zu tun
die höchste güte ist tätig
so hat sie nichts zu tun
die höchste rechtschaffenheit ist tätig
und so hat sie nichts zu tun
die höchsten riten schafft man
finden sie keinen widerhall
droht man und zwingt zum ritus

so ging das Dau verloren
ihm folgte das De
dann ging das De verloren
ihm folgte die güte
dann ging die güte verloren
ihr folgte die rechtschaffenheit
dann ging die rechtschaffenheit verloren
und ihr folgten die riten
die riten verdarben treue und vertrauen
und die wirrnis erhob ihr haupt

neunmalklugsein ist eine taube blüte des Dau
und aller betörung anfang

so hält sich der große mensch an das werdende
nicht ans verderbende
an die frucht, nicht an die taube blüte
so weist er das eine zurück und nimmt sich das andere


up

39

so empfingen vor alters das eine:
der himmel und wurde klar
die erde und wurde still
die geister und wurden zaubermächtig
die täler und wurden erfüllt
die vielfalt der dinge und wurde lebenskräftig
die fürsten und könige und wurden richtmaß der welt
all das bewirkte das eine

der himmel, ohne das klärende, droht aufzureißen
die erde, ohne das stillende, aufzubrechen
die geister, ohne das zaubermächtige, zu erlahmen
die täler, ohne das füllende, zu vertrocknen
die vielfalt der dinge, ohne das lebenskräftige, zu vergehen
die füürsten und könife, ohne achtung des hohen, zu
fallen

so ist das gemeine wurzel des edlen
das niedrige sockel des hohen
darum nennen sich auch die fürsten und könige selbst:
"ich waise", "ich witwer", "ich unwürdiger"
was ist denn anderes damit gemeint? nichts
als daß des edlen wurzel das gemeine ist!

darum bedarf die höchste ehre der ehrung nicht

so laßt das jadegeklingel
auch der gemeine stein tönt


up

40

des Dau bewegung ist rückkehr
des Dau verhalten ist schwachsein

dem seienden entsprangen alle dinge der welt
das seiende - es entsprang dem nichtseienden


up

41

hört ein verständiger vom Dau
folgt er ihm unbeirrt
hört ein mittelmäßiger vom Dau
folgt er ihm schwankend und verliert es
hört ein unverständiger vom Dau so lacht er laut auf
was wäre denn das für ein Dau
das unverständige nicht verlachen!
darum heißt es:
wer das Dau versteht, scheint unverständig
wer im Dau fortschreitet, scheint rückwärts zu gehen
wer im Dau ausgeglichen, scheint rauh zu sein
wie das tiefste tal ist das höchste De
wie beflecktsein die größte reinheit
am engsten begrenzt scheint das weiteste De
gebrechlich scheint das stärkste De
ausgehöhlt scheint das vollste De
eckenlos scheint das größte quadrat
spät fertig wird ein großes gefäß
kaum zu hören ist ein gewaltiger klang
ungestalt ist die riesengestalt
verborgen und namenlos ist das Dau
doch alles verleiht es den dingen
und vollendet sie


up

42

das Dau gebar das eine
das eine gebar die zweizahl
die zweizahl gebar die dreizahl
aus der dreizahl wurde die vielzahl
der dinge vielzahl
getragen vom Yin, umfangen vom Yang
geeint werden sie durch den allumfassenden krafthauch

waisentum, witwenschaft, unwürdigkeit
sind den menschen verhaßt
und doch nennen die fürsten sich:
"ich waise", "ich witwer", "ich unwürdiger"
mit den dingen ist es so:
sie mehren sich, wenn man sie verringert
verringern sich, wenn man sie mehrt

was andere lehrten
lehre auch ich:
eines gewaltsamen todes muß
der gewaltsame sterben
so dient auch der gewalttätige mir
als lehrmeister


up

43

das härteste in der welt -
bezwungen wird es vom geschmeidigsten
das lückenlos undurchdringliche -
durchdrungen wird es vom gestaltlosen

so weiß ich denn:
nicht wider die natur handeln
fördert der dinge gedeihen

aber
belehrung ohne worte
handeln, doch nicht wider die natur -
gar selten trifft man dergleichen
in dieser welt


up

44

ruhm oder leben, was liegt näher?
leben oder reichtum, was gilt mehr?
gewinn - verlust, was drückt schwerer?

denn so ist es:
begehrt man sehr, gibt man viel her
viel horten macht die speicher leer

nicht erniedrigt, wer sich bescheidet
nicht gefährdet, wer falsches meidet
so kann man ewig währen


up

45

das vollkommenste gleicht unvollkommenem
und vergeht doch nie
die größte fülle gleicht leerem
und versiegt doch nie

das geradeste gleicht dem krummen
das geschickteste dem dummen
das beredteste dem stummen

bewegung überwindet kälte
stille überwindet hitze
reine stille gibt der welt
das rechte ma zurück


up

46

herrscht in der welt das Dau -
karrt das roß den dünger aufs feld
fehlt in der welt das Dau - grast das schlachtroß im feld

es ist kein übel ärger als begehren
kein unheil böser als sichnichtbegnügen
kein fehler größer als erwerbenwollen

nur wer sich in genügsamkeit genügt
hat stets genug


up

47

nicht aus dem hause gehn
doch alles wissen
nicht aus dem fenster blicken
und doch das Dau des himmels sehn

je weiter hinaus man geht
desto weniger weiß man
darum geht der weise nicht hinaus
und weiß doch
blickt nicht hin
und kann doch der dinge namen nennen
handelt nicht
und vollendet doch


up

48

wer dem lernen ergeben, gewinnt täglich
wer dem Dau ergeben, verliert täglich
verlierend, verlernend gelangt er
mählich dahin, nicht mehr tätig zu sein
nichts bleibt ungetan
wo nichts überflüssiges getan wird
zur wahren herrschaft im reich gelangten
immer nur tatenlose
jene, die taten vollbringen
sind nicht fähig, das reich zu erlangen


up

49

nicht immer gleich ist des weisen herz:
zum herzen des volkes macht er sein herz
gut heißt er die guten
gut aber auch die unguten:
denn gut ist aller dinge De
wahr nennt er die wahren
wahr aber auch de unwahren:
denn wahr ist aller dinge De
der weise strebt danach im reich
daß die herzen eins werden in einfalt
so sammelt sich wieder sicht und gehör des volkes
und alle macht er zum kinde


up

50

geburt und tod ist allen lebewesen eigen
lebensfähig sind drei von zehn
todesträchtig auch drei von zehn
von den menschen aber
treiben sich selbst in den tod
drei von zehn
und warum?
weil sie zuviel tun für das leben
doch hört man, daß jene
die wohl zu wahren wissen ihr leben
das land durchziehen, verschont von nashorn und tiger
unbewaffnet durchschreiten waffenstarrende heere
nichts an ihnen lockt das nashorn, sein horn hineinzustoßen
nichts reizt den tiger, die kralle hineinzukrallen
keinen raum bietet ihr leib dem schwerte

und warum?
weil sie nicht achten den tod


up

51

das Dau gebiert die Dinge
das De erhält sie
die dingwelt formt sie
die eigenkraft vollendet sie

darum gibt es kein ding
das nicht ehrte das Dau und schützte das De
geehrt wird das Dau
geschützt wird das De
weil sie nie zwingen
und immer die dinge wachsen lassen
wie es ihnen entspricht

das Dau gebiert sie
das De erhält sie
läßt sie wachsen
läßt sie gedeihen
läßt sie reifen
und sich vollenden

(der weise) läßt die dinge wachsen und besitzt sie nicht
tut und verlangt nichts für sich
behüter, nicht beherrscher
das sei genannt Süen De - das tiefe De


up

52

es war ein anfang des alls
benannt urmutter des alls
wer die urmutter erschaut hat
erkennt durch sie ihre kinder
wer ihre kinder erkannt hat
kehre zurück zur urmutter
sich eng an sie haltend
ist er gefeit bis an sein ende

wer seine sinne verschließt
das tor nach außen verriegelt
wird unter bürden nicht ächzen bis an sein ende
wer seine sinne aufschließt
sich hingibt den äußeren dingen
hoffnungslos lebt er dahin bis an sein ende
im keime erkennen, das nenn ich erhellt sein
sein schwachsein bewahren, das nenn ich starksein
wer sein licht nimmt und es zurückträgt zur helle
dem wird nie widerfahren ein leid
denn das heißt: dem ewigen folgen


up

53

besäße einer überragendes wissen
er würd wandern die breite straße des Dau
und ängstlich krumme wege meiden

eben und gerade ist die große straße des Daus
doch die menschen lieben die nebenpfade
prachtvoll sind die paläste der fürsten
verwildert aber sind rings die äcker
und leer die getreidespeicher
die bunten gewänder der edlen glänzen
sie tragen scharfgeschliffene schwerter
übersättigt mit speise und trank sind sie
das beste ist ihnen zuwider
vor überfluß wissen sie nicht
wohin mit den schätzen und kostbarkeiten
das aber nenn ich "erbärmliches großtun von räubern"
nichts hat ihr tun gemein mit dem dau!


up

54

festgegründetes ist nicht abzubrechen
festumfangenes ist nicht wegzureißen
so werden söhne und enkel die opfer fortführn für immer

gebrauch es an dir -
das De wird echt
gebrauch es im haus -
das De wird mehr
gebrauch es im dorf -
das De wächst fort
gebrauch es im land -
das De trägt frucht
gebrauchs in der welt -
das De dringt überall hin

so beurteile dich nach dir selbst
nach den leuten im hause das haus
nach den leuten im dorfe das dorf
nach den menschen im land das land
nach den geschöpfen der welt die welt
woher weiß ich, daß die welt so ist?
durch das Dau in mir


up

55

wer die fülle des De bewahrt
gleicht dem kinde
giftiges gewürm sticht es nicht
das raubtier schlägt es nicht
der raubvogel hackt es nicht
schwach sind die knochen des kindes
zart seine sehne
doch voll kraft ist sein griff
nichts weiß es von der geschlechte paarung
doch steift sich sein glied
ungeschwächt ist in ihm die samenkraft des lebens
schreit es von früh bis spät -
wird es nicht heiser
ungeschwächt in ihm ist der einklang
wer der vielstimmigkeit einklang kennt
kennt das ewige
wer das ewige kennt
findet die helle
unheil aber droht dem, der leben fördern will mit gewalt
nicht gewaltig, gewalttätig nenn ich den geist
der zwingen will die kräfte des lebens

die kraft mißbrauchen bringt verfall
das heißt: dem Dau zuwiderhandeln
wer ihm zuwiderhandelt, endet früh


up

56

wer weiß, spricht nicht
wer spricht, weiß nicht

die sinne verschließen
die tore verriegeln
rauhkantiges glätten
das wirre schlichten
den vielglanz einen
gemeinsam im staube -
urtiefe gemeinsamkeit sei dies genannt

so kann keiner verwandt sein
keiner fremd sein
keiner gewinn erringen
keiner verlust erleiden
keiner edel sein
keiner gemein sein
das ist das edelste der welt


up

57

ein land regiert man nach regel und maß
krieg führt man ohne regel mit list
das reich aber erringt man ohne taten
woher weiß ich, daß die welt so ist?
daher:
je mehr verbote
um so ärmer das volk
je mehr scharfe waffen im volk
um so wirrer der staat
je geschickter die menschen
um so mehr seltene waren
je mehr gesetze
um so mehr diebe und räuber
darum sagt der weise:
ich tue nichts, und das volk wandelt sich von selbst
ich verhalte mich still, und das volk findet das maß
ich bleibe tatenlos, und das volk gelangt zu wohlstand
ich bin begierdelos, und das volk findet zur unverdorbenheit


up

58

ist die regierung schwerfällig
so ist das volk einfältig
ist die regierung scharfäugig
so ist das volk arglistig
unglück stützt sich aufs glück
glüclk liegt verborgen im unglück
wer weiß wo sie enden!
gibt es denn kein maß?
maßvolles wird zu maßlosem
gutes wird zu bösem
seit langem schon
gehn die menschen irre
darum dient der weise als richtmaß
und stutz doch keinen danach zurecht
lebt ein lauteres leben
und kränkt doch keinen mit seiner lauterkeit
geht den geraden weg
und zwingt ihm doch keinem auf
erstrahlt in seinem licht
und sucht doch nicht zu glänzen


up

59

nichts ist besser als in beiden -
menschenordnung, himmelsdienst -
karg zu sein, denn nur der karge
kann schon früh dem Dau sich fügen
und schon früh dem Dau sich fügen
heißt sein De noch reicher speichern
wer es aber reich gespeichert
dem kann nichts mehr widerstehen
kann ihm nichts mehr widerstehen
wirkt er endlos wie das Dau -
kann sein wirken niemand sehen
ist er reif, den staat zu lenken
ist er wahrer sohn der mutter -
mutter wahrer menschenordnung
und so kann er lang bestehen
also nenn ich tiefverwurzelt
und im dau festgegründet
leben, das kein ende findet


up

60

den großen staat regiert man
wie man kleine fische brät

wird nach dem Dau gelenkt das reich
sind die totengeister nicht mehr mächtig
nicht, daß sie keine zaubermacht besäßen
ihre zaubermacht stört die menschen nicht mehr
nicht nur ihre zaubermacht stört die menschen nicht mehr
auch der weise stört nicht mehr die menschen
und da beide ihr De nicht mehr störnd vertun
fließt es gemeinsam zurück ins Dau


up

61

ist ein großer staat wie eines flusses unterlauf
so strömt ihm alles zu
in ihm verkörpert sich das weibliche der welt
ewig besiegt das weibliche durch stille das männliche
durch stille setzt es sich herab

wenn sich ein großer staat herabsetzt vor dem kleinen
so nimmt er auf den kleinen staat
wenn sich ein kleiner staat herabsetzt vor dem großen
wird er vom großen aufgenommen
so setzt der eine sich herab, um aufzunehmen
der andre, daß er aufgenommen werde
der große staat wünscht nur mit zu ernährn des andren volk
der kleine staat wünscht nur mitzudienen dem andren
so erhält jeder, was er wünscht
geziemend wäre es großen staaten
sich so herabzusetzen


up

62

das Dau - bewahrer aller dinge -
ist schatz dem guten
schutz dem bösen

mit schönen reden läßt manches sich erhandeln
mit würdigtun läßt mancher sich verknechten

warum sollte von den schlechten
das Dau verworfen werden?

wird ein könig auf den thron gesetzt
und werden die drei minister bestallt
so bringt ihnen nicht kostbare jadezepter
bringt ihnen zur huldigung lieber das Dau

warum war bei den Alten das Dau so hoch angesehen?
weil man erhielt, was man wollte
trotz schuld der strafe entgehen konnte
darum schätzte es die welt


up

63

handle - doch nie der natur zuwider
tu - doch nicht der taten wegen
schmeck - doch nicht um geschmack zu finden
großes wird aus geringem, wenig wächst und wird viel

vergelte übelwollen mit güte
für schweres sorg, solange es leicht ist
und für großes, solange es klein ist
denn alles schwere der welt ward aus leichtem
und alles große entsteht aus geringem
nie müht sich darum der weise um großes
und so vermag er großes zu schaffen

wer leicht verspricht
hält sein wort
viel schweres erduldet
wer vieles zu leichtnimmt
so fällt ihm nichts schwer


up

64

ruhendes ist leicht zu halten
keimendes ist leicht zu leiten
sprödes leicht zu teilen
geringes leicht zu zerstreuen
handle, ehe es da ist
lenk es, ehe es wirr wird
der kaum zu umspannende baum
erwuchs aus dem reis
der neunstöckige turm
begann mit dem häufchen lehm
die reise von tausend meilen
mit einem schritt
wer handelt, verdirbt es
wer hält, verliert es
so handelt der weise nicht und verdirbt nichts
hält nichts und verliert nichts
wenn menschen handeln
versagen sie meist knapp vor der vollendung
wer das ende bedenkt, wie er den anfang bedachte
der wird nichts verderben
so wünscht der weise das nicht wünschenswerte
er schätzt nicht seltene güter
lernt die ungelehrtheit
geht zurück den weg, den die menschen gingen
um den dingen zurückzuhelfen zu ihrer natur
und wagt nur eines nicht: wider die natur zu handeln


up

65

die alten meister im gebrauch des Dau
erhellten nicht den sinn des volks
es zu verdummen brauchten sie das Dau
ein volk, an wissen reich
ist schwer in zucht zu halten

wer wissenfördernd einen staat regiert
begeht an seinem staate raub
wer wissenhindern einen staat regiert
befördert seines staates glück

die beiden lehren sind ein vorbild
wer ewig sie zum vorbild nimmt
besitzt Hsüen De - das tief, das weit ist
das große wohlgelingen aber ist erreicht
wenn man zurückgekehrt ist mit den dingen


up

66

herrscher über alle wässer sind strom und meer
nur daß sie sich tiefer stellen
tiefer denn alle wässer sich stellen
erhebt sie fürstliche über alle wässer

so muß der weise sich erniedrigen
will er sich übers volk erheben
so muß er hintennach sich stellen
will er vor dem volke stehen

so steht der weise überm volk
und fällt dem volke nicht zur last
so steht der weise vor dem volk
und wirkt ihm nicht zum schaden

freudig drängt ihn die welt nach vorn
und keiner murrt
da er mit keinem streitet
bleibt er unbestritten sieger


up

67

einmütig sagt die welt von meinem Dau
es sei zwar groß, doch ungestalt
ungestalt macht es nur seine größe
denn wohlgestaltet
war es längst erbärmlich klein

ich habe drei schätze
die halte ich fest
der erste - mitleid
der zweite - sparsamkeit
der dritte - angst, sich vorzudrängen

wer mitleid fühlt, kann mutig sein
wer sparsam ist, freigiebig sein
wer sich nicht vordrängt, aller wesen erstes sein
wer mitleidlos, doch mutig ist
nicht sparsam, doch freigiebig ist
sich vordrängt, statt sich hintennach zu stellen
der stirbt

von großer macht ist mitleid
im kampf verleiht es sieg
im widerstand festigkeit
und wen der himmel schützen will
den schützt er mit der macht des mitleids


up

68

ein wahrer feldherr ist nicht kriegswütig
ein wahrer kämpfer ist nicht zornmütig
ein wahrer bezwinger des feinds nicht streitsüchtig
ein wahrer lenker der menschen aber ist demütig
das nenne ich De des nichtstreitens
das nenne ich kraft der menschenlenkung
nenn ich höchstes, daas dem himmel gleicht
seit alters her


up

69

unter strategen gibt es das wort:
ich wag nicht als herr einzutreten, ich komme lieber als gast
rück lieber zurück eine elle als vorwärts ein zoll

das nenn ich vorankommen ohne vordringen
schlagen ohne armbewegungen
den feind vertreiben ohne feindseligkeit
gewappnet sein - doch ohne waffentragen

kein größres übel als den feind unterschätzen
das bringt mich leicht um meine schätze
wo sich im kampfe gleiche gegner messen
siegt der mitleidige


up

70

sehr leicht sind meine worte zu verstehen
sehr leicht ist es, danach zu handeln
und dennoch gibt es keinen in der welt
der sie versteht, der danach handelt

denn jedes wort hat einen sinn
wie jede tat auch einen täter hat
das aber wissen nicht die menschen
und darum bin ich ihnen unbekannt

doch wachse ich an wert
je weniger mich kennen

so trägt der weise ein härenes kleid
und birgt doch jade im herzen


up

71

wer sein nichtwissen weiß, ist erhaben
wer es für wissen hält, ist leidend
nur der gesundet von seinem leiden
der sein leiden erkannt hat als leiden

der weise aber leidet nicht
weil er sein leiden erkannt hat als leiden
darum leidet er nicht


up

72

fürchtet das volk nicht mehr die macht
naht schon drohend die übermacht

plagt nicht das volk
macht ihm nicht hassenswert das leben!
nicht gehaßt wird nur der
der ihm nicht hassenswert macht das leben

der weise kennt die eigene kraft
und wird sie doch nie prahlend zeigen
kennt den eigenen wert
und wird sich doch nie selbst erhöhen
darum weist er macht von sich
und wählt demut


up

73

wer den mut hat zu verzweifeltem wagnis, stirbt
wer den mut hat, nichts aus verzweiflung zu wagen, lebt
mut in beiden fällen -
doch nützt der eine, der andere schadet

wer weiß, wen und warum der himmel haßt?
so fällt auch dem weisen haß und strafe schwer

das Dau des himmels streitet nicht und siegt immer
redet nicht und findet immer die antwort
ruft nicht, und alle eilen von selbst herbei
verhält sich still und vermag doch weise zu lenken

des himmels netz ist von gewaltiger größe
weitmaschig, und doch entschlüpft ihm nichts


up

74

wenn das volk den tod nicht mehr fürchtet
wie wollt ihr es mit dem tode erschrecken?
solange es den tod fürchtet
mögt ihr die störenfriede packen und töten -
wer hätte noch mut zu verzweifeltem wagnis?

töten soll nur, wer zu töten befugt ist
wer tötet statt seiner
ist wie der lehrling
der das beil schwingt an stelle des meisters
wer statt seiner das beil schwingt
zerhackt sich leicht die hand


up

75

das volk hungert
weil die herren zuviel steuern verzehren
deshalb muß es hungern
es ist störrisch
weil die herren zuviel tun, es zu stören
darum ist es störrisch
es nimmt den tod leicht
weil die herren zu sehr hängen an ihrem leben
deshalb nimmt es den tod leicht

nur jene wissen das leben wahrlich zu schätzen
die nichts tun, es zu stören


up

76

zart und schwach ist des menschen leib, wenn er eben geboren
starr und hart aber wird er im tode
zart und biegsam sind tiere und pflanzen, eben erstanden
steif und starr aber sind sie im tode
so sind das starre und harte gefährten des todes
das zarte und schwache gefährten des lebens

so siegt nicht die starre und starke waffe
den starren und starken baum fällt die axt

so sinkt in die niederungen das starke und große
indes das zarte und schwache die höhen erklimmt


up

77

gleicht nicht das Dau des himmels
dem spannen des bogens?
das hohe wird herabgedrückt
das tiefe wird gehoben
vom überfluß wird abgekargt
das karge aufgewogen

das Dau des himmels nimmt vom überfluß
das karge aufzuwiegen
nicht so das Dau des menschen
es kargt vom kargen ab
den überfluß zu speisen
wer aber hat genug, mit seinem überfluß
die welt zu speisen?
doch nur der weise

so ist der weise:
tut und verlangt nichts für sich
nimmt nicht für sich, was er vollbracht
und will nicht gepriesen sein


up

78

nichts in der welt sit weicher und schwächer als wasser
und doch gibt es nichts, das wie wasser
starres und hartes bezwingt
unabänderlich strömt es nach seiner art

daß schwaches über starkes siegt
starrs geschmeidigem unterliegt
wer wüßte das nicht? doch wer handelt danach!

so sagt der weise;
wer eines landes übel auf sich nimmt
ist wert, herr der altäre zu sein
wer eines landes unglück auf sich nimmt
ist wert, herr der welt zu sein

als gegenteil ist oft das wort erst wahr


up

79

ist auch der ärgste groll beschwichtigt
schwelt immer noch ein rest von groll
wie ihn begütigen?

hält der weise den vertrag in den händen
so preßt er damit nicht die menschen
wer De besitzt, wahrt den vertrag
wer keins besitzt, fordert fron

das Dau, das keinem nahesteht
ist immer auf der seite der gerechten


up

80

klein sei das land, das volk gering an zahl
so viele werkzeuge es gibt, gebraucht sie nicht!
lehrt das volk den tod scheuen und weites wandern meiden!
gibt es auch boote und wagen
man besteige sie nicht
gibt es auch harnisch und waffen
man hole sie nicht hervor
das schreiben schafft ab
lehrt die menschen wieder quippu-knoten knüpfen
die speise sei ihnen süß
die kleidung schön
die hütten bequem
die sitten fröhlich
die nachbarstaaten liegen dicht beisammen
man hört die hühner gackern, die hunde bellen
und doch verkehrt man bis zum tode
mit seinen nachbarn nicht


up

81

wahre worte sind nicht schön
schöne wort sind nicht wahr

dem guten fehlt die glatte zunge
glattzüngige sind nicht gut

wissende sind nicht gelehrt
gelehrte sind nicht wissend

der weise speichert nicht für sich
und da er andern dient
wächst sein besitz
und da er andern gibt
so mehrt er sich

das Dau des himmels:
nutzen ohne schaden

das Dau des weisen:
handeln ohne streit


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