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Band XIV (1998) Spalten 716-719 Autor: Gisela Fleckenstein

ANTICI Tommaso, * 10. Mai 1731 in Recanati (Marken), † 4. Jan. 1812 ebd. Kardinal und Diplomat. Stammt aus einer seit dem 12. Jhd. nachgewiesenen Adelsfamilie. Sohn von Giuseppe Rinaldo Marchese A. (di Recanati) und Antonia Cipriani. A. absolvierte seine juristischen und theologischen Studien in Rom, empfing aber keine Priesterweihe, sondern nur die Tonsur. Als Sekretär des einflußreichen Prälaten und späteren Kardinals Ferdinando Maria de Rossi (+ 1775) hatte er Gelegenheit, sich mit kurialen Angelegenheiten vertraut zu machen. U.a. durch die Protektion de Rossis, wurde er mit mehreren Gesandtschaften betraut. Herausragend ist dabei die Polnische unter König Stanislaus II. August Poniatowski und der polnischen Republik. Nach einer anderen Version hat A. diese Gesandtschaften dem Kardinalstaatssekretär Clemens XIII., Luigi Maria Torrigiani, zu verdanken. A. war zwischen 1763 und 1798 in verschiedenen Rängen als Diplomat in Rom tätig: Parma und Piacenza (1763-1767), Kurfürstentum Köln (1762-1789), Kurfürstentum Pfalz (1769-1777), Königreich Polen (1768-1795), Bistum Lüttich (1767-1784/1788), Königreich Preußen (1776-1778), Herzogtum Pfalz-Zweibrücken (1777-1798), Kurfürstentum Bayern (1776-1798). Er galt als ein äußerst geschickter Diplomat, der immer die Interessen seiner jeweiligen Auftraggeber zu vertreten wußte. Wen A. in Rom vertrat, war nicht immer ganz durchsichtig. Eine geradezu entscheidende Rolle wird A. für Pfalz-Bayern bei der Errichtung der Münchner Nuntiatur zuerkannt, die von Seiten Pfalz-Bayerns vor allem gegen die Bischöfe gerichtet war. A. verhandelte deswegen seit Beginn des Jahres 1784 in Rom. Weitere Einkünfte bezog A. als Kommendatarabt der Zisterzienserabtei Paradies bei Meseritz (Bistum Posen). Durch Fürsprache des polnischen Königs Stanislaus August und des Preußenkönigs Friedrich II., sowie der Kurfürsten die er in Rom vertrat, wurde er gegen den Widerstand Pius VI., im Konsistorium am 30. März 1789 zum Kardinal ernannt. Als Titelkirche erhielt er Santa Maria in Trastevere (3. August 1789) und am 31. Jan. 1790 ließ er sich zum Subdiakon, am 2. Februar 1790 zum Diakon weihen. Am 25. September 1795 wurde er zum Präfekten der Konzilskongregation und der Ablaßkongregation ernannt. Am 7. März 1798 streifte er, als die Franzosen nach Rom kamen - der Papst war am 20. Februar 1798 geflohen -den Kardinalspurpur ab, um Belästigungen durch die Republikaner zu entgehen. Nach der offiziellen Version allerdings aus Alters- und Gesundheitsgründen und der Sehnsucht nach einem stillen Lebensabend. Der Papst nahm mit Breve vom 7. September 1798 den Rücktritt an. Damit waren A. dem Kardinalsrang enthoben. - Nach dem Sieg der Österreicher wollte A. sein Kardinalat wieder aufleben lassen. Er versuchte in das Konklave, welches 1799/1800 in Venedig tagte, Einlaß zu erhalten. In einer Denkschrift an das Heilige Kollegium erklärte er, daß sein Amtsverzicht nur durch die revolutionäre Gewalt erzwungen worden sei und er deswegen um Wiederzulasung in seine Ämter ersuche. Das Kardinalskollegium bestätigte in seiner Antwort lediglich das Breve des verstorbenen Papstes. Dem neuen Kirchenoberhaupt Pius VII. schickte er am 3. September 1800 ein reumütiges Schreiben in dem er sein Ansuchen widerrief. A. zog sich in seine Geburtsstadt Recanati zurück. Dort widmete er sich mildtätigen Werken und einer bigotten. Sein Freund Nicolas Maillot de la Treille (+ 1794) hatte ihn schon früher zu einem kirchlicheren Lebenswandel ermahnt. Sein Grab befindet sich im Dom S. Flaviano in Recanati. Die Grabinschrift rühmt seine Tugend und seine Freigiebigkeit als Beschützer der Armen und Schwachen, ohne auf sein Kardinalat einzugehen. A. war ein typischer Condottiere-Diplomat seiner Zeit.

Lit.: Augustin Theiner, Geschichte des Pontificats Clemens'XIV. nach unedirten Staatsschriften aus dem geheimen Archive des Vaticans, 2 Bde, Leipzig/Paris 1853; - Dictionnaire des cardinaux par M. l'abbé G. B., publie par M. l'abbé Migne (Troisieme et dernière Encyclopédie théologique, Tome 31) Paris 1857. Reprint Westmead Farnborough 1969 (Verf.: Charles Berton); - Max Lehmann, Preußen und die katholische Kirche seit 1640, Bd. 5 (1775-1786) (Publicationen aus den Königl. Preussischen Staatsarchiven Bd. 24) Leipzig 1885; - Ludwig von Pastor, Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. XVI/1-XVI/3, Freiburg i. Br. 1931-1933; - Franciscus Hanus, Die preussische Vatikangesandtschaft 1747-1920, München 1954; - Peter Fuchs, Palatinatus Illustratus. Die historische Forschung an der kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften (Forschungen zur Geschichte Mannheims und der Pfalz N. F. Bd. I) Mannheim 1963; - N. del Re, I cardinali prefetti della sacra congregazione del concilio dalle origini ad oggi (1564-1964), in: Apollinaris 37 (1964), 107-149; - Georg Franz-Willing, Die bayerische Vatikangesandtschaft 1803-1934, München 1965; - Peter Fuchs, Der Pfalzbesuch des Kölner Nuntius Bellisomi von 1778 und die Affäre Seelmann in der Korrespondenz des kurpfälzischen Gesandten in Rom Tommaso Marchese A., in: AMRKG 20 (1968), 167-226; - Christoph Weber, Kardinäle und Prälaten in den letzten Jahrzehnten des Kirchenstaates, 2 Bde (Päpste und Papsttum 13.1 u. 13.2) Stuttgart 1978; - Rudolf Fendler, Johann Casimir Häffelin (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 35) Mainz 1980; - Cesare Fini, Recanati memorie, Ancona 1985; - Maciej Loret, in: Polski Slownik Biograficzny, Bd. 1, Krakau 1935, 135; - E. Gencarelli, in: Dizionario Biografico degli Italiani Bd. III, Roma 1962, 448-450 (Lit.); - P. Richard, in: Dictionnaire d_histoire et de géographie ecclésiastique Bd. III, Paris 1924, 542-543 (Lit); - Hierarchia catholica medii et recentioris aevi, Bd. VI, Patavii 1958, 36; - Repertorium der diplomatischen Vertreter aller Länder, Bd. I (1648-1715), hg. v. L. Bittner/ L. Groß, Berlin 1936; - Bd. II (1716-1763) hg. v. F. Hausmann, Zürich 1950; - Bd. III (1764-1815), hg. v. O. F. Winter, Graz/ Köln 1965.

Gisela Fleckenstein

Literaturergänzung:

Christoph Weber, Faire revivre l'arbre entier - Die Freilassung d. gefangenen Jesuiten aus d. Engelsburg (1775/76) nach d. Berichten d. kurköln. Ministers Marchese T.A. aus Rom, in: Rheinisch-Kölnisch-Katholisch. Köln 2008, S. 291-314.

Letzte Änderung: 27.05.2008