Sehr geehrte StadtRevue,

in Ihrer Februar-Ausgabe stellen Sie auf Seite 12 die Frage, ob die „Kölner Klagemauer“ antisemitisch sei und lassen zwei Meinungen zu Wort kommen: Christian Meier-Oehlke argumentiert: „Die Klagemauer muss weg“ und Manfred Wegener erklärt: „Es gibt keinen Grund, sie zu entfernen.“

Christian Meier-Oehlke beginnt seinen Artikel mit folgenden Worten: „Antisemitismus ist historisch gesehen keine Erfindung der Linken, sie hat ihn auch nicht salonfähig gemacht. Diese Gewissheit birgt zugleich Gefahren.“ Diese Gewissheit, die Christian Meier-Oehlke verspürt, ist leider nichts weiter als eine Illusion.

Ich kann sehr gut verstehen, dass ein Autor der StadtRevue, eines Magazins, das sich als eher links bezeichnet, dazu tendiert, die Linke etwas zu verklären, aber dabei sollte er doch wenigstens bei den historische Fakten bleiben. Die Ideologie des Antisemitismus’ geht auf den Journalisten Wilhelm Marr (1819-1904) zurück. Er gehörte dem extrem linken Flügel der radikal-demokratischen Partei um 1848 an und war erklärter Atheist. In seiner linken Überzeugung waren die Juden schuld am Liberalismus, weil er sich den jüdisch konnotierten Kapitalinteressen verschrieben habe. In Berlin erschien im Februar 1879 Marrs Propagandaschrift „Der Sieg des Germanenthums über das Judenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet“, die noch im selben Jahr zwölf Auflagen erlebte. In dieser Schrift grenzt sich Marr deutlich von der traditionellen religiösen Judenfeindschaft ab und behauptet stattdessen, dass die Juden eine fremde Rasse von „Parasiten“ seien, die erfolgreich die Ausbeutung Deutschlands betreibe. Diesen Paradigmenwechsel von Religion zu Rasse verdeutlichte er durch die Einführung des Begriffs „Antisemitismus“ in den zeitgenössischen politisch-gesellschaftlichen Diskurs. Es ist allerdings nicht sicher, dass die Begriffsschöpfung tatsächlich auf ihn zurückgeht, da das Adjektiv „antisemitisch“ schon 1873 belegt ist. Marr prägte jedoch wesentliche Klischees und Schlagworte, die weit über seinen persönlichen Erfolg hinaus weiterwirkten und die Diskussion um die „Judenfrage“ bestimmten. So legte er 1880 mit seiner Schrift „Goldene Ratten und rothe Mäuse“ die Basis für die verschwörungstheoretische Gleichsetzung von Judentum, Kapitalismus und Kommunismus, wie sie später Adolf Hitler in „Mein Kampf“ vertrat.

Wilhelm Marr gehörte somit zu jenen aufgeklärten Demokraten, die zwar auf Gott und den König, nicht aber auf den Judenhass verzichten konnten. Mit pseudo-wissenschaftlicher Akribie rehabilitierte Marr den Judenhass und brutalisierte ihn dadurch. Der Antisemitismus war und ist der pseudo-wissenschaftliche Versuch, dem alten religiösen Judenhass ein neues modernes Gewandt zu geben. Als im Zuge der Aufklärung immer mehr Menschen die Kostüme der christlichen Dogmen und Fundamentalismen abgelegt und sich somit auch der Socken des christlichen Judenhasses entledigt hatten, erkannten sie, dass sie zwar nackt waren, aber immer noch keine Juden mochten. Der Judenhass hatte sich in der langen traditionellen Ausübung der Religion so tief in ihre Herzen verankert, dass sie als Relikt des alten Glaubens Eingang in das Zeitalter der Wissenschaft und Aufklärung erhielt.

Leider, tausendfach leider, aber unumstößlich gilt es zu akzeptieren, dass der Antisemitismus sehr wohl eine Erfindung auch der Linken ist und dass die Linke auch daran beteiligt war, Antisemitismus salonfähig zu machen. Der Begriff „Sozialismus“ in Nationalsozialismus war weniger ein verführerischer Propagandatrick der Nazis als vielmehr tatsächlicher Ausdruck einer leider weit verbreiteten Auffassung von dem, was es bedeutet, links zu sein.

Manfred Wegener auf der anderen Seite schreibt: „Wenn die Kritik an einem Staat gleichzusetzen ist mit ‘gegen diesen Staat sein’, dann ist Walter Herrmann meinetwegen ‘anti-israelisch’.“

Manfred Wegener ist klüger als Christian Meier-Oehlke, denn während Meier-Oehlke bei seiner Behauptung von einer Gewissheit spricht und sich so angreifbar macht, setzt Wegener seiner Behauptung ein kleines „wenn“ vorraus und immunisiert sich so vor Kritik. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er im Folgenden so tut, als habe er dieses „wenn“ nie gesprochen und einfach behauptet, Walter Herrmann sei wegen Israelkritik angeklagt worden. Diese Behauptung ist schlicht falsch!

Walter Herrmann wurde nicht angeklagt, weil er Israel kritisiert hat, sondern weil er Israel dämonisiert, delegitimisiert und it doppelter Moral eine andere Meßlatte an Israel anlegt, als an alle anderen Nationen dieser Welt. Kritik an Israel ist natürlich nicht anti-israelisch. Niemand hat das je behauptet. Das Gegenteil ist der Fall: Kritik an Israel ist sogar sehr israelisch! Es ist das Wesen einer jeden Demokratie, Kritik am Staat und an der Regierung nicht zu kriminalisieren, sondern es vielmehr als einen sehr patriotischen Akt zu verstehen.

Walter Herrmann jedoch betreibt mit seiner „Klagemauer“ keine Israel-Kritik sondern pure Israel-Verdammung. Er zeichnet Israel als Kinderfresser und bezeichnet das jüdische Volk schlechthin als Erpresservolk. Er vergleicht Israel mit Hitler und verharmlost jene, die keinen Hehl daraus machen, Israel vernichten zu wollen. Wer das Existenzrecht Israels in Frage stellt oder nicht anerkennen möchte, macht nichts anderes, als einen Holocaust an Israel als Option anzuerkennen. Das ist antisemitisch!

Die Frage nach dem Existensrecht Israels ist keine berechtigte Kritik, sondern schlicht ein Verbrechen und die Ablehung der Verhandlung des Existenzrechts ist nicht pro-israelisch! Es ist nicht pro-israelisch, für das Existenzrecht Israels zu streiten! Es ist nicht pro-israelisch, gegen die Vernichtung des Staates Israels zu sein! Es ist nicht pro-israelisch, auf das Recht Israels zur Selbstverteidigung zu pochen! Es ist kein besonderes Zeichen der Zuneigung, wenn ich einem Land das Recht auf Existenz und Verteidigung zuspreche, schließlich spreche ich jedem Land diese Selbstverständlichkeit zu. In der Verteidigung des Existenzrechts Israels einen pro-israelischen Akt zu vermuten, ist so absurd, wie zu behaupten, man sei pro-jüdisch, wenn man gegen Auschwitz und die Vernichtung von Juden sei. Die Verurteilung des Holocaust ist natürlich nicht pro-jüdisch, sondern schlicht pro-menschlich, so wie die Verurteilung der Sehnsucht nach der Vernichtung Israels auch nicht pro-israelisch sondern schlicht pro-menschlich ist.

Israel ist allerdings zur Zeit das einzige Land auf der ganzen Welt, das um seine Existenz fürchten muss, da es von verschiedenen Seiten der Landkarte mit der Auslöschung bedroht wird. Wäre Italien von der Vernichtung bedroht, ich würde auch Italien verteidigen, trotz Berlusconi!

Keines der vielen islamofaschistischen Länder, in denen Homosexuelle gehängt, freizügige Frauen gesteinigt, Juden verfolgt und kritische Muslime getötet werden, wird in seiner puren Existenz bedroht. Diese ganz besondere Ehre der besonderen Behandlung kommt nur Israel zu und Walter Herrmann kämpft in vorderen Reihe bei dieser Sonderbehandlung von Juden.

Wenn Manfred Wegener dies tatsächlich nicht sehen und begreifen kann, dann soll er sich einfach mal vorstellen, vor dem Kölner Dom würde man ihm regelmäßig das Existenzrecht absprechen. Wie würde er reagieren, wenn man öffentlich die Möglichkeit seiner Vernichtung verhandeln würde und sich beim Versuch der Verhinderung dieses Vernichtungsdiskurs’ dreist auf das hohe Gute der Meinungsfreiheit berufen würde?

Wie würde Manfred Wegener wohl auf Menschen reagieren, die in Anbetracht seiner ständigen Dämonisierung und Delegitimierung öffentlich bekennen würden, es gäbe eigentlich keinen triftigen Grund mit diesem Hass im Herzen der Stadt Köln aufzuhören?

Ich hoffe Manfred Wegener wird es niemals erleben müssen; und wenn es doch mal dazu kommen sollte, bleibt zu hoffen, dass Manfred Wegener auf einfühlsamere und verständnisvollere Menschen treffen möge, als er einer ist.

Mit freundlichen Grüßen,
gerd buurmann

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht unter Kölner "Klagemauer". Permalink in die Lesezeichen aufnehmen.
Einem Blogger gefällt das post.

3 Antworten zu Sehr geehrte StadtRevue,

  1. anti3anti schreibt:

    Ich komme zu dem Schluss, dass es sogar unter den deutschen Philosemiten Antisemiten gibt.

    http://anti3anti.wordpress.com/2011/01/27/die-gesichter-der-tater/

  2. yael1 schreibt:

    Ich erinnere nur z.B. an die früheren Sozialisten, vor allem die französischen, die den Antisemitimus schon immer frönten. Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) , Alphonse Toussenel (1803-1885), Gustave Tridon (1841-1871), Albert Regnard (1836-1903) usw. Also das oben behauptete, kann jeder widerlegen, wenn er denn will.

  3. Quisa schreibt:

    Viele der Karikaturen an Walther Hermanns „Klagemauer“ sind eindeutig volksverhetzend und widerlich. Das ist traurig, gerade auch im Hinblick auf die Tatsache, dass die „Klagemauer“ ursprünglich als ein Projekt startete, das auf das Problem der Obdachlosigkeit aufmerksam machen sollte. Ich möchte nicht sagen, es sei verwerflich, den Nahostkonflikt zu thematisieren und sich dabei auch eindeutig zu positionieren. Auch ich stehe der israelischen Besatzungspolitik kritisch gegenüber. Bei Hermanns „Klagemauer“ geschieht die Kritik allerdings auf eine höchst kontraproduktive und verwerfliche Art und Weise. Er stellt nicht die gesellschaftlichen und historischen Hintergründe in Kontext zum Konflikt. Nicht einmal den Konflikt selbst, sondern er dämonisiert die Israelis lediglich als ein „Volk der Täter“. Er zeigt lediglich Taten der Israelis. Die alleinige Ausstellung von Bildern von Toten Kindern und ähnlichen schrecklichen Kriegsfolgen tragen zur Lösung des Konfliktes nicht bei. Dies kann nur durch die Thematisierung der Konfliktursachen geschehen, nicht aber der einseitigen Fokussierung auf die Konfliktfolgen. Er vermittelt lediglich das Bild von Israelis als ein grausames „Volk der Täter“. Ganz klar und verallgemeinernd steht hier das israelische Volk als Verbrecher und Mörder. Dies gilt insbesondere für die Karikatur, auf der das palästinensische Kind mit Messer und Gabel verspeist wird. Zudem werden hier antisemitische Mythen des „bluttrinkenden Juden“ reproduziert. Diese unkreative und perverse Karikatur hat mit Kunst und Satire nichts zu tun. Es ist reine Volksverhetzung und könnte aus der Feder von NS-Propagandisten stammen. Aus diesen Gründen ist die „Kölner Klagemauer“ klar zu verurteilen. Mit Meinungsfreiheit lassen sich solche Volksverhetzungen wohl kaum rechtfertigen.
    In diesem Kontext ist mir allerdings die Auszeichnung des nur minder begabten Karrikaturisten Kurt Westergaard mit dem M100 Medienpreis für Pressefreiheit absolut unverständlich. Auch diese Bilder sind eindeutig volksverhetzend. Auf der bekanntesten seiner Karikaturen etwa werden Muslime verallgemeinernd so dargestellt, als hätten sie grundsätzlich eine Bombe auf dem Kopf. Es wird der Eindruck vermittelt, dass dort wo Muslime hinkommen, grundsätzlich der Terror mit im Gepäck ist. Eine Karikatur, die muslimische Zuwanderer und deren Nachfahren grundsätzlich mit Terror in Verbindung bringt, hat mit Satire nichts zu tun, sondern erinnert am allerehesten an NPD Wahlkampfplakate gegen Zuwanderung. Unter dem Deckmantel des Kampfes der Aufklärung gegen den Islam wird hier platte rassistische Hetze gegen Zuwanderer und deren Nachfahren betrieben. Ähnlich ist es in Internetforen wie der sog „Achse des Guten“, in der gerne auch mal Einzelfallbeispiele von sich nicht sehr aufgeklärt verhaltenden Muslimen gezeigt werden, um somit zu beweisen, was für eine Gefahr der Islam darstelle.
    Von den Verantwortlichen solcher Foren wird behauptet, es handele sich dabei ja lediglich um die Kritik an der Religion des Islam und nicht um Hetze gegen bestimmte Minderheiten. Menschen, die aus einem islamischen Land stammen, seien sie auch noch so wenig religiös spüren den stärker werdenden Druck allerdings zunehmend, parallel zur Zunahme der als Islamkritik getarnten Hetze aus konservativen Kreisen. Personen, die sich auf Broder und die Achse des Guten oder Westergaardt berufen, trennen zudem meist nicht zwischen Religion und Menschen, die aus diesem Kulturkreis stammen. Diese wachsende neue Rechte gibt Altnazis die Möglichkeit als „Kreuzritter im Namen der Aufklärung“ aufzutreten. Obermachos, die sich noch nie über Frauenrechte Gedanken gemacht haben und deren Platz am Herd sehen, sind plötzlich empört über die Diskriminierung von Frauen im Islam. Kurzum, mal wieder eine Bewegung, die das Abendland retten möchte. Neuerdings wird die Hetze bei der „Achse des Guten“ auch gar nicht mehr als Islamkritik getarnt, sonder es wird ganz offen gegen „Türken gehetzt“, wie der folgende Link zeigt:
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ich_moechte_auslaender_werden/
    Die Auszeichnung Westergaards mit dem Pressepreis und dessen Würdigung durch Angela Merkel stellt wohl einen vorläufigen Höhepunkt der Schläge gegen Muslime in Europa dar. Er zeigt, dass jemand der gegen Muslime auf pauschalisierende Weise hetzt, dafür belohnt wird.
    So wenig wie die „Kölner Klagemauer“ produktiv in der Diskussion um den Nahostkonflikt ist, so wenig tragen Westergaard oder das Bündnis aus Internetforen wie der „Achse des Guten“ und der Springerpresse zum Dialog zwischen Aufnahmegesellschaften und Zugewanderten in Europa bei. Beide sind lediglich kontraproduktiv und schüren Emotionen gegen die jeweils andere Seite.

    Genau wie die „Kölner Klagemauer“ absolut kontraproduktiv in der Diskussion um Nahostkonflikt ist,

Einen Kommentar hinterlassen

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * gekennzeichnet.

*

Du kannst folgende HTML Befehle und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>