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Mittwoch, 20.04.2011

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Sie befinden sich hier: > WDR.de > Computer > WDR.de berichtet von der Republica: Daniel Domscheit-Berg im Interview


Openleaks: "Babyklappe für Informationen"

Gespräch mit Daniel Domscheit-Berg während der Republica

2010 kam er als Wikileaks-Sprecher. Das war einmal - auf der Republica 2011 spricht Daniel Domscheit-Berg mit WDR.de über sein Projekt Openleaks und seine Vision einer aufgeklärten Welt.

Im September 2010 verließ der deutsche Sprecher und Ex-Vertraute von Julian Assange gemeinsam mit anderen unzufriedenen Mitarbeitern Wikileaks, um eine eigene Enthüllungsplattform zu gründen. Im Februar 2011 veröffentlichte Daniel Domscheit-Berg, Jahrgang 1978, dann das Buch "Inside Wikileaks". "Openleaks" heißt sein neues Whistleblower1-Projekt. WDR.de sprach am Rande der Republica mit dem studierten Informatiker.

WDR.de: Vor einem Jahr waren Sie noch als Wikileaks-Sprecher auf der Republica. Seitdem ist viel passiert.

Daniel Domscheit-Berg am Tag seiner Buchvorstellung am 10.02.11 in Berlin; Rechte: dapd/LoosBild vergrößern

2011 in neuer Mission: Daniel Domscheit-Berg

Daniel Domscheit-Berg: Als ich 2010 hier war, konnte ich noch nicht vorhersehen, was passieren würde. Ein bisschen hatte sich da schon etwas verändert. Es war der Beginn einer Entwicklung, bei der mir nicht ganz klar war, in welche Richtung sie geht. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es sich so auflöst und so dramatisch entwickelt.

WDR.de: Im Augenblick jetten Sie von Konferenz zu Konferenz, um Openleaks vorzustellen. Wie sind die Reaktionen bisher?

Daniel Domscheit-Berg: Einige wünschen sich, dass die Umsetzung schneller geht. Aber insgesamt sind die Rückmeldungen sehr positiv. Viele Leute, die sich mit dem Leaking-Thema schon länger auseinandersetzen und sich zu der Dynamik dahinter Gedanken machen, verstehen, dass unser Ansatz zumindest nicht unsinnvoll ist und wie sinnvoll er ist, kann auch nur die Praxis zeigen.

WDR.de: Wie weit sind Sie von der Praxis noch entfernt, wo stehen Sie mit Openleaks im Augenblick?

Domscheit-Berg: Es läuft viel im Hintergrund. Aktuelle Fortschritte sind bisher nur für einige Beteiligte und unsere Partner sichtbar, aber noch nicht für die Öffentlichkeit. Wir möchten es gerne richtig machen, das ist uns das Wichtigste. Und nicht etwas nur auf den Druck der Öffentlichkeit hin bereitstellen, um zu zeigen, dass da irgendwas ist.

WDR.de: Was macht die Arbeit so zeitintensiv?

Openleaks-GrafikBild vergrößern

Langer Weg zur Openleaks Community

Domscheit-Berg: Es ist vor allem die Koordination mit den Partnern. Es gibt mehr zu tun als das Schalten dieser Website. Gerade was den rechtlichen organisatorischen Rahmen angeht, gibt es extrem viel, was geklärt werden muss: Themenbereiche, die so noch keiner durchdacht hat. In denen man mit Anwälten spricht, um eine rechtliche Einschätzung zu bekommen und von jedem was anderes hört. Nur um zu erfahren, dass es da noch keine Rechtssicherheit gibt. Es geht darum, einzuschätzen, was das überhaupt für einen unserer Partner bedeutet, in Zukunft einen solchen Mechanismus zu haben bis hin zu der Frage: Wie rechtfertige ich unter Umständen eine gewisse Publikation, wenn es um die Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse und dem Schutz der Privatsphäre des Einzelnen geht. Viele Details, die da geklärt werden müssen.

WDR.de: Es soll zum offiziellen Start sechs Partnerorganisationen geben. In Ihrem Vortrag sprachen Sie vom "Babyklappenprinzip" - wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Domscheit-Berg: Es sind drei Medienorganisationen und drei NGOs. Wir werden ihnen die Technologie zur Verfügung stellen. In Zukunft kann sich eine Quelle, die Material hat, direkt an einen unserer Partner wenden. Auf einer speziell gekennzeichneten Unterseite im Onlineangebot dieses Partners wird er die "Babyklappe" finden, über die die Information übertragen werden kann. Das Kind, die Information, wird in die Hände des Partners gegeben und der ist in der primären Verantwortung, sich darum zu kümmern. Wenn er das nicht tut, kann die Quelle einen Zeitrahmen definieren. Wenn bis zum Ablauf dieses Zeitrahmens nichts passiert ist oder veröffentlicht wurde, dann wird das Kind innerhalb dieses Systems an potentielle "Eltern" weitergegeben.

WDR.de: Wie wird Openleaks dann für den Otto-normal-User überhaupt sichtbar sein?

Domscheit-Berg: Wir überlegen noch, wie man sicherstellen kann, dass jeder sofort erkennt und sicher weiß, dass es sich um unser System handelt. Es wird sicher auf den Websiten, die unsere Partner betreiben, einen Hinweis geben, dass es sich um Openleaks-Technologie handelt und es gibt natürlich noch unsere eigene Website openleaks.org, auf der man sich informieren kann. Wir möchten aber, dass sich die Öffentlichkeit insgesamt mehr auf die Inhalte konzentrieren kann als darauf, ob wir ein cooles Projekt sind oder nicht.

WDR.de: Im Februar sorgte die Veröffentlichung Ihres Buches "Inside Wikileaks" und der öffentliche Streit mit Julian Assange für viele Schlagzeilen. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit an Openleaks ausgewirkt?

Daniel Domscheit-Berg bei seiner Buchvorstellung am 10.02.11 in Berlin; Rechte: dapd/LoosBild vergrößern

Daniel Domscheit-Berg bei seiner Buchvorstellung

Domscheit-Berg: Für uns hat sich so direkt nichts verändert. Die Entscheidung, das Buch so zu veröffentlichen ist natürlich von den Leuten, mit denen ich arbeite, mitgetragen worden. Das Buch hilft uns im Moment dabei, gewisse Dinge zu finanzieren. Zum Glück bin ich dadurch jetzt ein klein bisschen finanziell flexibel. Bei Weitem nicht in dem Maße, wie Julian das mit seinem Buchverkauf gelungen ist. Aber es reicht zumindest dafür, dass wir einige Anschaffungen in Sachen Hardware tätigen und uns etwas unabhängiger um dieses Projekt kümmern können.

WDR.de: Wie finanzieren Sie und das Openleaks-Team sich noch?

Domscheit-Berg: Wir können im Augenblick den Crowdfunding-Service flattr2 anbieten; es gibt auch bitcoin, das ist auch eine Online-Zahlungsmethode, die wir annehmen können. Wir arbeiten aber noch in Richtung anderer Bezahlsysteme und möchten eine ganze Bandbreite anbieten. Auf der anderen Seite ist das nur ein Teil des Ganzen und wir werden nie alle operativen Kosten decken können. Deshalb möchten wir unsere Partner stimulieren, dass sie Infrastruktur bereitstellen, damit unsere operativen Kosten niedriger sind. Wir möchten das Projekt so effizient gestalten, dass wir möglichst wenig Geld brauchen, um es zu betreiben.

WDR.de: Wie machen Whistleblower-Plattformen unsere Welt besser? Das ist immerhin ein erklärtes Ziel von Openleaks.

Domscheit-Berg: Whistleblowing-Plattformen können konkret einen Beitrag leisten, die Presse besser zu stellen. Eine Presse, die unabhängig ist und kontrolliert, aber auch selbst überprüfbarer sein muss, indem nicht nur die Geschichten von Journalisten verfügbar sein werden, sondern auch die Dokumente, die diesen Geschichten zugrunde liegen. Ich hoffe einfach, dass wir als Gesellschaft lernen, verantwortungsvoller mit Information umzugehen. Das betrifft sowohl Privatleute, die sich im Internet aufhalten und eine schreckliche Paranoia haben vor der Sammelwut des Staates, die aber überhaupt nicht kritisch vor der Sammelwut von kommerziellen Unternehmen stehen.

Es betrifft auch die Medien, in der Art und Weise, wie sie mit Informationen umgehen und die Öffentlichkeit informieren. Und wir alle müssen als Mitglieder der Informationsgesellschaft als Individuen lernen, dass wir uns selbstverantwortlich Wissen anschaffen und nicht die Verantwortung, über bestimmte Sachverhalte Bescheid zu wissen, an andere abgeben oder auslagern. Da hoffe ich, dass wir so etwas wie ein Erwachen, eine Aufklärung des Individuums sehen werden.

Das Gespräch führte Insa Moog.

Stichwörter

1 Whistleblower

Whistleblower sind Informanten, die Missstände in einem Unternehmen oder einer Institution anonym an die Öffentlichkeit tragen - in der Hoffnung diese zu beseitigen. Das können interne Informationen zu Korruption, unlauteren Geschäften oder Insiderhandel bei Börsengeschäften sein. Auch verschleierte Gefahren an einem Arbeitsplatz, Bedrohungen für den Umweltschutz und Risiken bei medizinischen Behandlungen gelangen so an die Öffentlichkeit.

Das Wort "Whistleblower" stammt aus dem Englischen, die Ableitung "to blow a whistle" bedeutet "die Pfeife blasen"; "whistleblowing" bedeutet so viel wie "Alarm schlagen".

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2 Flattr

Flattr ist ein sogenannter Crowdfunding- ("Massen-Finanzierung") oder Social Payment-Service. Die Idee dahinter ist, für kostenlose Internet-Angebote einen selbst gewählten Betrag zu spenden. User können damit ausdrücken, ob ihnen ein Artikel oder Online-Service gefällt. Viele, die Einzelbeiträge leisten, helfen damit in der Menge, das Angebot zu finanzieren und sein Fortbestehen zu sichern.

Die Anbieter integrieren auf ihrer Site dafür einen "Flattr-Button", einen Link also, der zur Spendenseite führt. Bei Flattr schließen User ein Monatsabo ab, am Monatsende wird der zuvor festgelegte Betrag auf die einzelnen geklickten Angebote verteilt. Flattr ist eine Wortschöpfung aus "Flat" (von Flatrate) und dem Verb "to flatter", das so viel wie "schmeicheln" bedeutet.

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Stand: 15.04.2011, 10:40 Uhr


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