Anuttara Tantra


Versammlung von Yidams und Dakinis der Shangpa-Kagyü Linie.
Quelle: www.himalayanart.org


Die Lehren des tantrischen Buddhismus sind in verschiedene Stufen geteilt, die den Fähigkeiten der verschiedenen Arten von Übenden entsprechen. In den Sakya-, Kagyü- und Gelug-Traditionen des tibetischen Buddhismus gibt es vier Stufen, die vierte und höchste wird als Anuttara-Tantra bezeichnet, wörtlich heißt das "unübertreffbares Tantra", was in dem Sinn gemeint ist, das es keine nachfolgende Lehre gibt, deren Resultate noch über die Resultate des Anuttara-Tantra hinausgehen. Es ist nicht so gemeint, dass diese Lehre allen anderen Geheimlehren, vor allem auch nicht-buddhistischen, überlegen ist, unübertreffbar hießt unübertreffbar innerhalb des Systems des tantrischen Buddhismus. In der ältesten Überlieferunglinie, der Nyingma-Tradition, sind die Tantras in sechs Klassen eingeteilt, die Klassen vier bis sechs werden unter dem Namen "Inneres Tantra" zusammengefasst, sie heißen Maha-, Anu- und Ati-Yoga. Letzteres bleibt im Zusammenhang mit diesen Webseiten vorerst außer Betracht, da es mit dem System des Gottheitenyoga, bei welchem der Übende sich als Erscheinungsform des Buddha neu generiert, nichts zu tun hat. (Das stimmt in Wirklichkeit nicht ganz, näheres in systematischen Darstellungen des Nyingma Systems). Hier werden wir der Einfachheit halber unter Anuttara-Tantra stets das Anuttara-Tantra an sich und die Lehren von Maha- und Anu-Yoga verstehen.

Da es im Westen sehr viele Anhänger einer vielfältigen Richtung gibt, die ich nach einiger Überlegung mit dem Begriff "Erotisch-therapeutisches Tantra" zumammengefaßen möchte, habe ich zu dieser Richtung einen kleinen Aufsatz verfasst, um etwas zur fast nicht vorhandenen Kommunikation zwischen dieser Richtung (manchmal auch als "Westliches Tantra" bezeichnet) und dem hier behandelten buddhistischen Anuttara-Tantra etwas beizutragen:
Erotisch-therapeutisches und buddhistisches Tantra - eine besondere Vereinigung

Das Anuttara-Tantra hat ein besonderes Merkmal: Die Übende identifiziert sich nach der Einweihung in ein Tantra dieser Klasse vollständig mit der Buddhaform, in welche die Einweihung erfolgt ist. Das kann eine männliche, eine weibliche oder (sehr häufig) eine Form in sexueller Vereinigung sein. Sich vollständig mit einer Buddhaform zu identifizieren sagt sich leicht, ist aber für das abendländische philosophische und religiöse Denken im allgemeinen eine sehr ungewohnte Sichtweise. Es handelt sich auch keineswegs um eine Identifikation des Ego, vielmehr soll durch diese Identifikation die Ego-Anhaftung irreversibel zerstört werden. Die Übende betrachtet nicht nur sich selbst als erleuchtetes Wesen, sondern alle Phänomene rundherum werden als Buddhabereich, alle Wesen als (potentiell) erleuchtete Wesen gesehen. Die „Sichtweise“, die stets aufrecht erhaltene Betrachtungsweise der Phänomene im Anuttara-Tantra läßt sich mit einem einzigen Satz beschreiben:

Alle Phänomene sind urprünglich rein

In der Praxis bedeutet dies auch, das gewöhnlich als unrein betrachtete Dinge als Opfergaben für die Gottheiten verwendet werden, ebenso werden die Geistesgifte wie Hass und Gier nicht als etwas unreines betrachtet, sondern als Mittel des Pfades. Diese Anschauung ist diametral entgegengesetzt den im Westen sehr tief eingeprägten Vorstellungen von Gott und Teufel, Gut und Böse, Spirituell und Materiell, Rein und Unrein und so weiter. Diese Non-Duale Sichtweise des Anuttara-Tantra wird auch in Kreisen der Praktizierenden dieser Dinge häufig nicht oder nicht ausreichend verstanden, was damit zusammenhängt, dass viele Einweihungen in Anuttara-Praktiken öffentlich ohne Erfordernis irgend einer Qualifikaktion zugänglich sind. Die Praxis des Anuttaratantra ist eine weit fortgeschrittene Angelegenheit. Das heißt nun wiederum nicht, dass es Jahre der Vorbereitung oder gar die Ableistung eines Drei-Jahres-Retreats erfordert, um in dieser Tantrastufe üben zu können, aber eine gewisse Einsicht in die Natur der Phänomene ist auf jeden Fall Voraussetzung, nicht Resultat der Praxis. Für die Grundbegriffe des tantrischen Buddhismus verweise ich auf die Kurzeinführung ins buddhistische Tantra.

Diese Websiten werden keine detaillierten Erklärungen zu verschiedenen Lehrzyklen des Anuttara-Tantra enthalten, das wäre wegen der Gelübde der Geheimhaltung der Lehren nicht erlaubt. Sie werden sich auch nicht theoretisch mit Lehren befassen, ohne dass eine Möglichkeit zur Praxis besteht. Vielmehr möchte ich ein paar Bemerkungen zu einigen Anuttara-Tantras machen, mit denen ich mich selbst intensiv befasse und bei dieser Gelegenheit auf Projekte hinweisen, die in konkretem Zusammenhang mit diesen Lehren stehen. Zu allen erwähnten Tantras bin ich auf Anfrage gern bereit, Textermächtigungen und mündliche Instruktionen zu geben, üblicherweise unter Voraussetzung einer bereits absolvierten Einweihung in das betreffende Tantra (die nicht von mir erhalten werden kann).

Hevajra und das Dakini-Mandala, in dessen Mitte er steht, war für mich die erste Erfahrung der Yidam-Praxis. Von besonderem Interesse ist Hevajra auch, weil das Wurzeltantra ins Englische übersetzt wurde.

Vajrakila ist der Yidam des Zerstörens von Hindernissen und ein wesentlicher Yidam der Nyingma-Linie, vom Gründer dieser Linie, Padmasambhava, wurde Vajrakila zur Unterwerfung und Umwandlung lokaler Dämonen benutzt. Ich habe schon viele Retreats zu Vajrakila veranstaltet (zu verschiedenen Kila-Traditionen) und verfüge über umfassende und vollständige mündliche Instruktionen zu Vajrakila.

Kalachakra ist in Österreich ein aktuelles Thema, da S.H. der Dalai Lama im Oktober 2002 in Graz eine Kalachakra-Initiation gegeben hat. Da das Kalachakra-Tantra sehr komplex ist und oft zu Missverständnissen Anlass gibt, die von der erhältlichen Literartur keineswegs geklärt werden, will ich hier zu einigen ausgewählten Fragen bezüglich Kalachakra Stellung nehmen: Kalachakra FAQ

Das Kapitel Dakini gehört hier her, weil viele Dakini-Tantras wie Vajrayogini, Kurukulla (tib. Kurukulle), Simhamukha (die löwenköpfige Dakini) zur Anuttara-Klasse gehören. Die Dakini als voll erleuchtetes weibliches Wesen ist keinewegs nur, wie es oft verstanden wird, als spirituelle Idendifikationsgestalt für Frauen wichtig, die Dakini-Praxis ist auch für Männer wesentlich, stellt sie doch das dritte von den drei tantrischen Zufluchtsobjekten dar (Guru, Deva, Dakini).

Es gibt noch viele Anuttara-Tantras, wie das Nyingma-System der acht Herukas, weitere hier nicht näher ausgeführte Dakini-Tantras, die Systeme von Hayagriva, Yamantaka, Chakrasamvara und viele mehr. Die Auswahl der Tantras auf diesen Seiten erfolgte nach dem subjektiven Kriterium meines eigenen Wegs als Lernender und Leiter von Gruppen und Retreats, in denen diese Dinge geübt wurden und noch werden.

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Vierarmiger Mahakala, ein Schützer der Anuttara-Lehren