11.03.04

Real existierender Antifaschismus

Zum Fall der Ärztin Rosemarie Albrecht: Wenn es opportun war, wurden auch in der DDR Nazi-Verbrecher nicht verfolgt Von Sven F. Kellerhoff

Die Ermittlungsakte beeindruckt durch Präzision: Insgesamt 159 Todesfälle auf der Frauenstation des Krankenhauses Stadtroda zwischen 1940 und 1942 werden detailliert beschrieben. Unter ihnen sind 15 Frauen und Mädchen, die behindert, aber ansonsten gesund waren. Sie starben an "Herz- und Kreislaufschwäche". Befragungen von Angehörigen und weiteres, akribisch gesammeltes Material ergänzen die Akte unter dem zynischen Kennwort "Ausmerzer".

Doch an ihrem Ende steht ein "Vorschlag" eines Oberleutnants Richter vom 22. April 1966: "Da Beschuldigte aus der DDR in höheren Positionen des Gesundheitswesens stehen, könnte bei Auswertung ein unseren gesellschaftlichen Verhältnissen widersprechendes Ergebnis erreicht werden." Der Vorgang wanderte in eine Sperrablage im Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit.

38 Jahre später ist "Ausmerzer" doch noch ein Fall für die Justiz geworden: Ende Januar erhob die Staatsanwaltschaft Gera Anklage gegen Rosemarie Albrecht, ehemalige Medizinprofessorin in Jena, "verdiente Ärztin des Volkes" der DDR - und 1940 bis 1942 tätig in der Klinik Stadtroda. Vorwurf: Mordverdacht in fünf Fällen von "Euthanasie".

Ob es zum Prozess gegen die 88-Jährige kommt und gar zu einem Urteil, ist zweifelhaft. Der Fall Albrecht wirft allerdings ein grelles Licht auf den Umgang der DDR mit NS-Verbrechern. Die Birthler-Behörde, die die Stasi-Unterlagen verwaltet, hat jetzt in Berlin dieses schwierige Thema aufgegriffen.

Schwierig, weil viele ehemalige DDR-Bürgern, aber ebenso Altlinke aus dem Westen weiter glauben, der SED-Staat habe bei allen seinen Fehlern immerhin NS-Verbrecher konsequent verfolgt. Dem wird die Behandlung der Massenverbrechen vor bundesdeutschen Gerichten gegenüber gestellt, die kein Ruhmesblatt ist. Anlass zum Zweifeln am gängigen Bild des "Antifaschismus" geben freilich schon die schieren Zahlen: In weniger als tausend Fällen wurden 1951 bis 1989 NS-Verbrecher in der DDR verurteilt - bei rund 100 000 Voruntersuchungen durch die Stasi. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik gab es bei rund 106 000 Ermittlungsverfahren (die im Gegensatz zur SED-Diktatur rechtsstaatlich geführt wurden) immerhin knapp 7000 Urteile.

Zwar sind solche Zahlen allein nicht besonders aussagekräftig, schränkt Henry Leide ein, Historiker bei der Birthler-Behörde. Fest steht jedoch, dass die Stasi bei der Verfolgung von NS-Verbrecher nicht agierte, sondern reagierte. "Systematische Ermittlungen gab es in der DDR nicht", sagt die Historikerin Annette Weinke, die das wichtigste Buch zum Thema vorgelegt hat ("Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland. Vergangenheitsbewältigungen 1949 bis 1969. Schöningh, 514 S., 49,80 Euro).

Am Beispiel der Euthanasie-Verbrechen lässt sich das genau verfolgen. In Gang kamen die DDR-Untersuchungen stets durch Zufallsfunde im Zusammenhang mit Verfahren in der Bundesrepublik - im Fall Albrecht durch die Ermittlungen gegen den ehemaligen Klinikchef von Stadtroda, Gerhard Kloos. Das Verfahren gegen ihn musste aus Mangel an Beweisen eingestellt werden - die DDR-Staatssicherheit hatte ihre Erkenntnisse zurückgehalten, um Frau Albrecht zu schützen.

Weinke ist, ohne eigens danach gesucht zu haben, auf mehr als zwei Dutzend Vorgänge gestoßen, in denen die Stasi Ermittlungen gegen NS-Verbrecher einstellte - weil ihre Verfolgung den "gesellschaftlichen Verhältnissen" in der DDR geschadet hätte. Den Grund dafür hat Erich Mielke unter anderem im Befehl 39/67 formuliert: Die Stasi solle "durch ihre faschistische Vergangenheit belastete Personen", die "in Westdeutschland und auf dem besonderen Territorium Westberlin" lebten, "noch zielgerichteter entlarven".

Nicht Recht und Gerechtigkeit waren also der Antrieb für die Ermittlung gegen NS-Verbrecher in der DDR, sondern politische Motive im Sinne der SED. Dass auch in Ostdeutschland die NS-Verbrechen nicht konsequent verfolgt wurden, relativiert zwar nicht das Versagen der westdeutschen Justiz. Aber es widerlegt die noch immer lebendige Legende vom "Antifaschismus" in Ulbrichts und Honeckers Diktatur.

Leserkommentare
Datenschutz Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen
Moderation Die Moderation der Kommentare liegt allein bei WELT ONLINE. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus