188,- Euro

Köln hat Finanzprobleme. Überall in Köln stehen Baustellen herum. So ist es und so war es. Allein der Kölner Dom ist eine ewige Baustelle. 300 Jahre lang, vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, stand die Baustelle Kölner Dom vollkommen still. Heinrich Heine dichtete dazu spöttisch im Jahr 1846:

Doch siehe! dort im Mondenschein
Den kolossalen Gesellen!
Er ragt verteufelt schwarz empor,
Das ist der Dom von Köllen.

Er sollte des Geistes Bastille sein,
Und die listigen Römlinge dachten:
“In diesem Riesenkerker wird
Die deutsche Vernunft verschmachten!

Da kam der Luther, und er hat
Sein großes “Halt! gesprochen;
Seit jenem Tage blieb der Bau
Des Domes unterbrochen.

Er ward nicht vollendet, und das ist gut.
Denn eben die Nichtvollendung
Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
Und protestantischer Sendung.

Ihr armen Schelme vom Domverein,
Ihr wollt mit schwachen Händen
Fortsetzen das unterbrochene Werk,
Und die alte Zwingburg vollenden!

O törichter Wahn! Vergebens wird
Geschüttelt der Klingelbeutel,
Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
Ist alles fruchtlos und eitel.

Vergebens wird der große Franz Liszt
Zum Besten des Doms musizieren,
Und ein talentvoller König wird
Vergebens deklamieren!

Er wird nicht vollendet, der Kölner Dom,
Obgleich die Narren in Schwaben
Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
Voll Steine gesendet haben.

Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
Der Raben und der Eulen,
Die, altertümlich gesinnt, so gern
In hohen Kirchtürmen weilen.

Ja, kommen wird die Zeit sogar,
Wo man, statt ihn zu vollenden,
Die inneren Räume zu einem Stall
Für Pferde wird verwenden.

“Und wird der Dom ein Pferdestall,
Was sollen wir dann beginnen
Mit den heil’gen drei Kön’gen, die da ruhn
Im Tabernakel da drinnen?

So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns
In unserer Zeit zu genieren?
Die heil’gen drei Kön’ge aus Morgenland,
Sie können wo anders logieren.

Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
In jene drei Körbe von Eisen,
Die hoch zu Münster hängen am Turm,
Der Sankt Lamberti geheißen.

Fehlt etwa einer vom Triumvirat,
So nehmt einen anderen Menschen,
Ersetzt den König des Morgenlands
Durch einen abendländ’schen.

Kölns Baustellen sind mittlerweile so bekannt, dass man bereits in ganz Deutschland dazu übergangen ist, sämtliche Baustellen der Nation in den Stadtfarben Kölns zu markieren: Rot-Weiß. Neben dem Dom gehört auch die Baustelle der Kölner Verkehrsbetriebe zum deutschen Allgemeinwissen. 2010 hätte die U-Bahn fertig sein sollen. Jetzt steht so rund das Jahr 2025 im Raum – wohlwollend berechnet.

Als Grund für diese ewigen Baustellen wird immer wieder die Finanznot angeführt. Es stimmt schon, die finanzielle Situation Kölns ist katastrophal und hat zu einer Menge anderer katastrophaler Entscheidungen geführt. Der letzte Tiefpunkt dürfte die peinliche Entlassung des Kölner Opernintendanten sein.

Jetzt hat die Stadt Köln einen Weg gefunden, die klammen Kassen zu füllen. Zukünftig will die Stadt Betreiber von Discotheken zur Kasse bitten. Die Begründung: Ihre auf Einlass wartenden Besucher blockieren auf dem Bürgersteig regelmäßig öffentlichen Raum. Jeder, der öffentlichen Raum privat oder geschäftlich nutzt, muss eine Sondernutzungsgebühr bezahlen”, sagte eine Stadtsprecherin zur Begründung. Laut der Express liegt die Gebühr bei 9,40 Euro pro Quadratmeter und Tag.

Momentchen mal, gibt es da in Köln nicht noch so einen Typen, der seit Jahren öffentlichen Raum nutzt? Walter Herrmann! Mit seiner sogenannten “Kölner Klagemauer” nutzt er schon seit Jahren öffentliches Gelände. Es wird sogar toleriert, dass er Straßenschilder und öffentliche Laternen nutzt. Die Polizei arbeitet sogar mit ihm in Form der Tolerierung zusammen.

Zwanzig Quadratmeter nimmt die Installation von Walter Herrmann ein. Das sind bei 9,40 Euro am Tag pro Quadratmeter 188,- Euro. Das Geld sollte sich Köln nicht durch die Finger gehen lassen.

Der Oberbürgermeister Kölns und die CDU, SPD, FDP und die Grünen im Kölner Rat nennen die “Kölner Klagemauer” mit ihren Pappen “Botschaften des Hasses”. Die Polizei toleriert diese Botschaften und die Kölner Staatsanwaltschaft erlaubt sie. Jetzt erwarte ich wenigstens, dass Walter Herrmann für die Nutzung des öffentlichen Raum zur Verbreitung seines Hass’ ebenso bezahlt, wie jene Discothekenbesitzer, die nichts anderes zu verantworten haben, als Menschen, die darauf warten tanzen, feiern und froh sein zu können.

Da ich am Anfang Heinrich Heine zitiert habe. Immer wenn ich an Walter Herrmann denke und an die Kölner Unfähigkeit, diesen Hass in seine Schranken zu weisen, muss ich an folgende Zeilen von Heine denken:

Zu Köllen kam ich spätabends an,
Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
Da fächelte mich schon deutsche Luft,
Da fühlt ich ihren Einfluß -

Auf meinen Appetit. Ich aß
Dort Eierkuchen mit Schinken,
Und da er sehr gesalzen war,
Mußt ich auch Rheinwein trinken.

Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
Im grünen Römerglase,
Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
So steigt er dir in die Nase.

In die Nase steigt ein Prickeln so süß,
Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
Es trieb mich hinaus in die dämmernde Nacht,
In die widerhallenden Gassen.

Die steinernen Häuser schauten mich an,
Als wollten sie mir berichten
Legenden aus altverschollener Zeit,
Der heil’gen Stadt Köllen Geschichten.

Ja, hier hat einst die Klerisei
Ihr frommes Wesen getrieben,
Hier haben die Dunkelmänner geherrscht,
Die Ulrich von Hutten beschrieben.

Der Cancan des Mittelalters ward hier
Getanzt von Nonnen und Mönchen;
Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Köln,
Die gift’gen Denunziatiönchen.

Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
Bücher und Menschen verschlungen;
Die Glocken wurden geläutet dabei
Und Kyrie eleison gesungen.

Dummheit und Bosheit buhlten hier
Gleich Hunden auf freier Gasse;
Die Enkelbrut erkennt man noch heut
An ihrem Glaubenshasse.

Zu dieser Enkelbrut gehört auch Walter Herrmann.

***

Mein Dank gilt Lizas Welt für den Hinweis.

Dieser Beitrag wurde unter Kölner "Klagemauer" veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu 188,- Euro

  1. anti3anti schreibt:

    Der Anlass mag traurig sein, die Erinnerung an die wundervolle Stadtführung mit Heine und Buurmann macht mich fröhlich.
    PS: Zur Nachahmung empfohlen!

  2. Paul schreibt:

    Mensch, seid Ihr verrückt und macht für sowas noch Reklame.
    Wenn das einer in Berlin liest, dann führt er das auch ein. Denn wer ist Klammer als Berlin?

    Da das Anstehen an einer Discothek schon zu Steuereinnahmen führt, frage ich mich, warum man den Fußgänger ausklammert?
    Der Fußgänger nutzt doch auch öffentlichen Raum. Warum ist er von der Sondernutzungsgebühr befreit? Pauschal würde ich für jeden Fußgänger 1 m² pro Tag in Ansatz bringen. Macht im Jahr 3431,- €. Hat die Stadt Köln etwas zu verschenken?

  3. Paul schreibt:

    Gerd,
    Du hast Herrmann erwähnt mit seiner Dauerdemonstration.
    Mir ist gestern aufgefallen, nach dem ich Deinen Link benutzt habe und bei der “Klagemauer online” gelandet bin, dass er schon seit 20 Jahren “demonstriert”.
    Bin dabei der Sache nachzugehen, ob das nicht ein Missbrauch des Demonstrationsrechts ist. Wird mit dem Demonstrationsrecht auch eine jahrelange permanente Demonstration abgedeckt? Für mich das ein Missbrauch des Demonstrationsrechts.
    Weißt Du, ob schon jemand dieser Frage nachgegangen ist?

  4. Danny Wilde schreibt:

    Gerd, dein Lieblings-OB hat sich aus dem Urlaub gemeldet, kuckstu:

    http://www.spiegel.de/panorama/koelner-oberbuergermeister-stoppt-gebuehr-fuer-warteschlangen-a-847922-druck.html

    Ich finde schon, die Kölner Disco-Besitzer könnten dir jetzt eine Lifetime-Freecard incl. All-You-Can-Drink ausgeben! Denn kann man das glauben, dass ein solcher Scheiß ohne des OBs Kenntnis in seiner Abwesenheit ausgeheckt wird? Niemals. Irgendwer wird ihm in seinem Urlaub gesteckt haben, dass der Buurmann Gerd der berechtigten Rechtsauffasung sei, Hermans Wallter oder wie der heißt (hehehe…. Mod ausgetrickst) müsse dann auch blechen… geht ja gar nicht, Warteschlangen-Gebühr vom Tisch! Prost! (Hierzu noch am Rande: ich sach nur Karneval…) (watt da an öffentlichem Raum verbraucht wird…)

    @Paul: “Wer ist klammer als Berlin?” Hmm. Sexier bestimmt keiner, nur wer ist überhaupt Berlin? Ein Mensch?, ein Tier?, ne Stadt? Als Bundesland wird es glaub ich noch von Bremen übertroffen, und zwar in der einzig richtigen Vergleichsgröße, der Pro-Kopf-Verschuldung. Im Städteranking ebenfalls, und zwar von Oberhausen.

    Und Oberhausen hat sich eine Perversion ausgedacht (die seit Jan. 2012 auch gnadenlos exekutiert wird), da ist die Schlangesteh-Maut ein Witz dagegen.

    Also? In den diversen Stadtteilen zu je klar definierten Zeiten wird an einem Tag auf der einen, am nächsten auf der anderen Straßenseite für den Zeitraum von 7:00 bis 10:00 ein absolutes Halteverbot erklärt (z.B. “dritter Dienstag im Monat und dritter Mittwoch im Monat”). Grund (hahaha…!) – die Straßenreinigung kütt! Jawoll!!

    Da latschen dann ganz wichtige Vertreter vom Ordnungsamt zu sechst (!!) durch die Gemeinde, um’s Eck parken zwischen 3 und 15 (!!!) Abschleppwagen, und ab geht die Luzie! Wurscht, dass dem ohnehin schon kränkelnden Einzelhandel die Kunden flöten gehen, wurscht, dass die letzten Vertreter des kränkelnden Einzelhandels, die noch aus eigener Kraft laufen können, fluchtartig die Stadt verlassen, und ganz besonders wurscht, dass Bürger, die für eine erhebliche Jahresgebühr ein Anwohner-Parkticket besitzen, gezwungen werden, ihre Karre 3 Stunden sinnlos durch die Gegend zu fahren oder abschleppen zu lassen.

    Auch Madame und ich, die dort eine kleine Arztpraxis betreiben, werden diesen Irrsinn nicht mehr lange mitmachen.

    Andererseits ist mit Entsetzen festzustellen, dass der kaum noch zahlungsfähige Oberhausener Bürger mit seiner 20 J. alten Rostlaube auch diese weitere Schikanierung durch seine Obrigkeit zwar murrend, aber ohne größere Aufstände schluckt.

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