21.03.2008
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Europa-AG

Das neue Drohpotenzial

Europa-AG. Immer mehr ­Konzerne wählen die EU-Rechtsform SE. Dadurch können sie Mitarbeiter wie Politiker besser in Schach halten – und ihren Sitz leichter ins Ausland verlagern.

Der Fahrplan für Klöckner in Duisburg steht. Bis Anfang Juni will Vorstandschef Thomas Ludwig entscheiden, wie aus der Kommanditgesellschaft auf Aktien eine Europäische Aktiengesellschaft (SE) wird. Noch feilschen die Betriebsräte mit der Geschäftsleitung des Stahlhandelskonzerns um ihre Rechte, doch schon auf der Hauptversammlung am 20. Juni sollen die Aktionäre das Konzept absegnen.

Einer der wichtigsten Punkte: "Mitbestimmung im Aufsichtsrat wird es nun niemals geben", sagt ein Verhandlungsteilnehmer. Denn bisher liegt Klöckner mit rund 1.600 Mitarbeitern in Deutschland knapp unterhalb der Grenze von 2000 Beschäftigten, ab der eine Mitsprache der Belegschaft im Kontrollgremium gesetzlich vorgeschrieben ist. "Über die SE-Gründung friert der Vorstand diesen Status ein."

So wie in Duisburg machen sich in ganz Europa immer mehr Unternehmen auf, ihre nationalen Fesseln zu lösen und sich in eine SE – das Kürzel steht für "Societas Europaea" – zu verwandeln. Die Münchner Allianz machte vor zwei Jahren den Anfang, BASF, Fresenius und Porsche ­haben nachgezogen. "In sechs bis acht Jahren wird ein erheblicher Teil der Dax-30-Unternehmen eine Europa-AG sein", prognostiziert Christian Strenger, Mitglied der Corporate-Governance-Kommission und bis 1999 Chef der Fondsgesellschaft DWS. Rainer Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, schätzt sogar: "Auf Dauer haben wir nur noch SE."

Die Vorteile für Unternehmen und Aktionäre liegen auf der Hand: Niedrigere Standards im Vergleich zu den deutschen Mitbestimmungsgesetzen, übersichtliche Konzernstrukturen, leicht verschiebba­res Kapital, einheitliche Finanzaufsicht. Bei Töchtern können sie Minderheitsakti­onäre billiger auskaufen, damit sparen sich die Konzerne teure Hauptversammlungen und Berichtspflichten für ihre Ableger.

Vor allem aber können sie als SE leichter den Sitz ihrer Konzernzentrale ins Ausland verlagern – ein wichtiges Argument in künftigen Diskussionen um Gesetze, Arbeitsplatzabbau und Privilegien. Der Schweizer Rückversicherer Swiss Re machte es mit einem Teilbereich und der finnische Elektrokonzern Elcoteq mit seiner Zentrale vor: Nachdem sie SE wurden, residieren sie in Luxemburg.

SE befeuern den EU-weiten Standortwettbewerb

Allein die Option auf einen erleichterten Umzug heizt den EU-weiten Wettbewerb um günstige Steuern und niedrige Auflagen für Umwelt und Finanzsicherheit an. Die Politik gerät noch mehr als bisher ­unter Druck: "Spätestens, falls die SPD es wagen würde, mit der Linken eine Bundesregierung zu stellen, droht in den Konzernen eine Diskussion über ihren Hauptstandort", unkt Joachim Betz, Präsident des Deutschen Führungskräfteverbandes.

Noch halten sich deutsche Konzerne mit solchen Vorstößen zurück. "Als deutsches Unternehmen ist Luxemburg für uns kein Thema", winkt Münchener-Rück-Finanzchef Jörg Schneider ab. Aber mit der Europa-Karte winken kann man ja mal: Der neue RWE-Chef Jürgen Großmann betonte im Capital-Gespräch Anfang des Jahres, dass er für den Essener Stromgiganten die Rechtsform einer SE nicht ausschließt – bei einer Fusion mit einem ausländischen Partner wäre sie der perfekte Mantel. Ähnlich die Logik beim Stromkonzern Eon, der Spaniens Endesa schlucken wollte. Für Linde-Chef Wolfgang Reitzle wäre die SE das richtige Vehikel, um nach Integration der zugekauften britischen Boc-Gruppe die Vertreter der 30.000 neuen Kollegen im Aufsichtsrat zu integrieren und Bürokratie zu ersparen.

Andere wie die Münchener Rück sind weiter und halten SE-Pläne in ihren Schubladen bereit. "Sobald es sich für uns lohnt, könnten wir uns sehr schnell in eine Europa-AG verwandeln", sagt Schneider. Und selbst beim früheren Staatsmonopolisten Telekom wird Umfir­mierung nicht ausgeschlossen. "Spätestens wenn wir in Europa eine große Übernahme oder Fusion schultern", sagt ein führender Manager, "kommt das Thema schnell auf die Tagesordnung."


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