Dieses Foto von Erich Fried im Großformat

Ein gebrauchter Dichter

Eine Textcollage zum 15. Todestag von Erich Fried

von Detlef Berentzen ©

 

 

Erich Fried. Mit Gehbehinderung geboren am 6. Mai 1921 in Wien. Als Kind einer jüdischen Familie: Vater Hugo arbeitet als Spediteur, Mutter Nellie als Kunstgewerbetreibende, während Großmutter Malvine einfach nur schlecht sieht, gerne lacht und erzählt - Von verlorenen Paradiesen.

Erich Fried, der Dichter. Er war mehrfach verheiratet, wurde unzählige Male geliebt, war oft genug verliebt, hatte Kinder und Enkelkinder. Fried starb am 22. November 1988 in Baden-Baden, inmitten von Dreharbeiten und Lesungsterminen, an Darmkrebs. Sein Grabstein steht auf dem Friedhof "Kensal Green" in London.

Meine grossen Worte

werden mich nicht vor dem Tod schützen

und meine kleinen Worte

werden mich nicht vor dem Tod schützen

überhaupt kein Wort

und auch nicht das Schweigen zwischen

den großen und kleinen Worten

wird mich vor dem Tod schützen

Aber vielleicht

werden einige

von diesen Worten

und vielleicht

besonders die kleineren

oder auch nur das Schweigen

zwischen den Worten

einige vor dem Tod schützen

wenn ich tot bin

Schreiben gegen die Verhältnisse. Unrecht spüren. Bloß nicht schweigen. Schon der Fried der jungen Jahre entwickelte in Versen und Theaterrollen seinen Eigen-Sinn. Hochintelligent und schwerbegabt war er, machte sich seinen Reim auf die autoritäre Erwachsenenwelt. War wider-ständig.

1938, nach dem bejubelten Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich, gründet Fried, gerade mal siebzehnjährig, mit Schulkameraden eine kleine Widerstandsgruppe, die Bücher vor der Beschlagnahmung rettet und antifaschistisches Propagandamaterial verbreitet.

Gleichwohl: Frieds Eltern werden verhaftet. Sein Vater wird beim Gestapo-Verhör zu Tode getreten, die Grossmutter später in Auschwitz ermordet. Der junge Erich flieht vor dem Terror ins Exil. Nach England.

Schreibt in London: Theaterstücke, Gedichte, Rundfunkkommentare für den "German Service" der BBC und Übersetzungen: Dylan Thomas, Shakespeare – Milchwälder und Sommernachtsträume, aber auch Exiltagebücher und Gedichte zum Überleben. Ein "Deutscher Dichter" wollte der emigrierte Fried sein, schon sehr früh, trotz aller Geldsorgen......erzählt er Jahrzehnte später in London westdeutschen Filmemachern, die tagelang samt Kamera mit ihm leben. Der ausführliche dokumentarische Film wird zumindest im Fernsehen nie gesendet - zuviel unkommentierter Fried, zu radikal, zu unkonventionell. Zu nah dran.

Uns bleibt die wertvolle Ton-Spur:

"Mein erstes Stipendium bekam ich eigentlich vom Jüdischen Flüchtlingskomitee. Da hatte ich Krach mit dem Personalchef. Der hatte mich aus Gehässigkeit beschuldigt, eine Akte geklaut zu haben. Ich sagte, er solle nicht verrückt sein, die Akte sei sicher im Büro von Miss Stiebel. Er hat mir das aber nicht geglaubt und hat mich am Arm hingeschleppt. Ich sagte zweimal: Lassen Sie meinen Arm los. Er liess mich aber nicht los, und dann sah ich: Was ist denn da los, das stehen die Leute um uns rum und lachen?

Ja, und ich hielt ihn an der Krawatte fest und ohrfeigte ihn, ihm ist die Pfeife aus dem Mund gefallen. Da gab es nur Eines: Ihn weiter zu ohrfeigen. Und nach einigen Minuten wurde die Akte auch gefunden, bei der Frau Stiebel, wie ich gesagt hatte. Aber ich konnte im Flüchtlingskomitee nicht länger beschäftigt werden, weil ich den Personalchef vor allen Augen geohrfeigt hatte. Andererseits war ich im Recht gewesen. Also kriegte ich ein Jahr lang mein sehr mageres Gehalt durch die Post ausbezahlt, unter der Bedingung, dass ich mich dort nicht zeigte. Das funktionierte natürlich wie ein ganz bescheidenes Stipendium. Ich konnte ein Jahr lang schreiben."

London bleibt Wohnsitz, lebenslang. Doch ab 1953 löst Fried sich immer wieder, verlässt das Exil, betritt – zunächst vorsichtig, tastend - deutschen und später auch österreichischen Boden. Und findet Freunde. Gute Freunde, die ihn bis heute nicht vergessen haben:

Ditha Brickwell, zum Beispiel, österreichische Schriftstellerin, wohnhaft in Berlin. Ihr letzter Buchtitel: "Der Kinderdieb".

Sie begegnet Fried in Wien. Gegen Ende der 50er-Jahre.

"Ein Wuschelkopf, ein Wesen mit sehr grossen dicken Brillen, ein Wesen, das fast nur geschaut hat, und wenn es nicht geschaut hat, dann hatte es einen Mund, es hatte einen sehr dicken Mund dieses Wesen..und es war sehr streng dieses Wesen: Du musst keinen österreichischen Tonklang mehr haben, Du bist frei! Da habe ich gesagt...Woas bin i? Frei? Ja, so war das!"

Peter Härtling, der Schriftssteller, der Wanderer. Er traf Fried erstmals bei einer Tagung der "Gruppe 47" in den 60er-Jahren. Als Deutschlands adenauernde Restauration zu Ende ging.

"In diesem Hin und Her begann Erich Fried für mich ganz eigentümlich zu leuchten, denn er verwandelte sich, dieser kleine schwere Mensch, in einen jungen dahinhüpfenden Mann, der wirklich darauf aus war, endlich eine Barrikade zu finden, auf die er springen konnte. Diese Energie und diese bei ihm wirklich fleischgewordene Utopie, die werde ich nie vergessen."

Joern Schlund, Münster. Maler von abstrakten Aquarellen, die Fried einst mit spontan-assoziierenden Kommentaren wie "Bockwurst? Hoffentlich, denn sonst wären es vielleicht die Reste verstümmelter Menschen" versah. Schlund ist auch Autor des erwähnten Fried-Films. Traf ihn zu Dreharbeiten in London. Im Jahre 1986.

"Nähe gab mir, als wir in Küche waren und er mir sagte, dass er Damenstrümpfe sammele. Und ich dachte: Jetzt! Jetzt! Jetzt wird etwas kommen, oh Gott, das sollten wir dann lieber verschweigen! Und tatsächlich, er zog die Damenstrümpfe raus, lächelte und sagte, die seien alle gewaschen und er sammle sie, um Teesiebe daraus zu machen und zeigte mir eine unendliche Produktion verschiedener Teesiebe, die er all seinen Freunden gab, zu denen ja Heinrich Böll und Silvia Plath gehörten, die alle partizipierten von seinen Teesieben."

Die schon vom Leben zerrissen

immer noch Sorge tragen

keine Antwort zu wissen

auf ungefragte Fragen

und die den Rest ihres Lebens

damit verbringen

ihr ungelebtes Leben/zu besingen

Die vielleicht auch bereit sind

ihr Leben dafür zu geben

nicht sehen zu müssen

wofür und wogegen sie leben

und die doch noch auf Morgen hoffen

ohne Wissen von Heute und Gestern

allen Lügen und Täuschungen offen

die sind meine Brüder und Schwestern

Erich Fried, Mitte der 60er Jahre folgende: Nach diversen gescheiterten Ehen heiratet er Catherine Boswell. Die bleibt. Genauso wie die Freundschaft mit Rudi Dutschke. Mit Grass streitet er über die Neue Linke. Demonstriert und schreibt gegen den Vietnamkrieg. Fried schreibt über "Kinder und Narren", "Die Beine der grösseren Lügen" und "Die Freiheit den Mund aufzumachen". Und resümmiert später:

"Man darf nicht glauben, dass die Studentenbewegung ganz schiefgegangen ist. Die Studenten sind durch die Studentenbewegung von einer Reserve der Rechten, die sie in Deutschland historisch gesehen seit vielen Jahrzehnten waren, zu einer Reserve der Linken oder zumindest des aufgeschlossenen und lagerfreien Denkens geworden. Es ist sehr wichtig, dass man diese Dinge nicht bloß als Modetorheiten belächelt, obwohl sie natürlich von Modecharakteristiken nicht frei sind, sondern dass man sieht, dass es hier wirklich Ansätze gibt, dass die Menschen ihr Leben anders gestalten wollen."

Klaus Wagenbach, Frieds Verleger. Der Rotbuchmacher begegnete dem, wie er zärtlich anmutet, "kleinen Krumpeligen" in der Berliner Akademie der Künste. Fried hatte wie üblich seine Plastiktüte dabei. Mit Manuskripten zum Vietnamkrieg darin. Zusammen machen sie ein Buch voller Signalgedichte: "und Vietnam und".

"Wir haben etwas zum Bekanntwerden dieses Krieges gemacht, denn der war so unbekannt, dass mich Günter Grass gefragt hat: Wo liegt denn das überhaupt? Also haben wir, seltsam für einen Gedichtband, den Gedichtband mit einer Landkarte anfangen lassen, wo nämlich Vietnam liegt. Es war insofern auch ein literarisch wichtiges Buch, es war nicht sehr erfolgreich, aber sehr skandalisiert, insofern hat es literarische Wirkung gehabt, weil Erich Fried – und das konnte er wahrscheinlich nur als ein emigrierter Jude aus dem Ausland, er konnte der deutschen Literatur einen Raum zurückgewinnen. Der Raum des politischen Gedichtes war ja versaut zwischen 1933 und 45 und war für einen deutschen Autor sehr schwer zu betreten. Diesen Raum hat er dem deutschen Gedicht, das ist eine der grossen Leistungen von Erich Fried, diesen Raum des politisch eingreifenden Gedichts hat er der deutschen Literatur wiedereröffnet."

Peter Härtling. Er geriet mitunter in Widerspruch zu Fried. Gerade auch im Falle dieser empörten, klagenden, verzweifelten und bissigen Vietnamgedichten mit Zeilen wie: "Es kann nicht sein/dass die Amerikaner/ohne Notwendigkeit /vietnamesische Kinder verbrennen"

"Ich schrieb im Spiegel - und bei der Überzeugung bin ich geblieben, da konnte mich der Erich auch nicht von abbringen - dass es im Grunde einem Gedicht schadet, wenn es zur Parole werden will, zur politischen Parole und dass ich diese Art von Estradenlyrik zwar für den Moment tragbar und auch nützlich halte, aber als Gedicht nicht akzeptieren kann.Das hat ihn verletzt, sehr verletzt. Ich weiss noch, er rief mich an, sagte: Hast Du das ernst gemeint? Und ich sagte: Erich, wenn ich sowas schreibe, dann meine ich es ernst! Dann sagt er: Ja,... - auch das war Erich -....Ja, also ich weiss, Du wirst es zurücknehmen."

Volker Kaukoreit. Verwalter des Fried-Nachlasses im Österreichischen Literaturarchiv. Wien. Nach eigener Aussage war er als Student für "kurze Zeit " eines der vielen männlichen "Groupies" des Meisters. Der junge Kaukoreit erlebte Fried als synthetischen Vater der vaterlosen Linken.

"Ich erinnere mich, wir waren einmal in einem Alternativzentrum in Düsseldorf, in der "Werkstatt", es war alles zeitgemäß oder fast schon unzeitgemäß etwas abgedunkelt und Erich Fried las Gedichte. Er konnte sehr pathetisch lesen und er las eines von diesen Gelegenheitsgedichten, die mir auch nicht immer so gut gefallen haben, mit unglaublichem Ton, dann war er fertig und Schweigen in diesem dunklen Raum und ein junger Mann sagte: Hugh, der Vater hat gesprochen! Woraufhin Fried wieder schwieg und dann in das neue Schweigen hinein sagte: Der Sohn auch!"

Wer

von einem Gedicht

seine Rettung erwartet

der sollte lieber

lernen

Gedichte zu lesen

Wer

von einem Gedicht

keine Rettung erwartet

der sollte lieber

lernen

Gedichte zu lesen

Erich Fried. 70er-Jahre folgende. Ob mit oder ohne Bart: Er schreibt Gedichte über die "Großen der Bewegung": Georg von Rauch, Ulrike Meinhof, auch solche gegen den Zionismus: Höre Israel! Fried dichtet Verse gegen Gewalt, Paranoia und Todesschüsse. Distanziert sich vom "Bewaffneten Kampf", versucht aber ihn zu "verstehen". Damit macht Fried sich Feinde: Politiker in Nord und Süd wollen seine Gedichte "verbrannt" oder aus Schulbüchern verbannt wissen - Fried denkt weiter. Wird angegriffen. Denkt weiter.

"Mit dem Faschismus leben? Nein! Wenn ich den Faschismus bekämpfen kann, dann will ich ihn nach Kräften bekämpfen, denn der Faschismus würde mich ja nicht leben lassen. Aber mit den einzelnen Menschen, die auf den Faschismus hereingefallen sind – aus falscher Prinzipientreue oder aus Treue gegen ihre Eltern und Lehrer darin verharren, mit denen will ich allerdings leben. Weil ich erstens nicht gesonnen bin, Menschen zu vertilgen, weil zweitens jeder Mensch ein Mensch ist, weil ich nicht glaube, dass man die Welt verbessert, indem man die Menschen wegmacht.

Ich habe mal ein Gedicht "Die Maßnahmen" geschrieben, darin heisst es: Die Faulen werden geschlachtet, die Welt wird fleissig, die Hässlichen werden geschlachtet, die Welt wird schön, Die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung, die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut ...Natürlich wird durch dies Schlachten der halben Welt die andere halbe Welt nicht besser, sondern sie wird zu einer Welt von überlebenden Schlächtern."

Ditha Brickwell. Auch sie weiss, Fried glühte zur Welt hin. Er liebte das Leben und alles Lebendige. Konnte nicht ertragen, wenn es gegen das Recht auf Leben und Freiheit ging. Wollte immer dort helfen, wo Verzweiflung und Elend herrschten. Fried war nicht "erwachsen". Er war nicht der, der sich mit dem Zustand der Welt abfindet und aufhört, Fragen zu stellen. Fried drückte aus, was er empfand. Spontan und unzensiert. Genie ist die wiedergewonnene Kindheit, sagt man.

"Wenn er sich mit einem Menschen beschäftigt hat, dann ganz und gar, das war vielleicht das geniale Kind in ihm: Ohne jedes Vorurteil, mit besonderer Neugier, mit einer ungeheuren Vitalität, die sich schon in der Vielfältigkeit seiner Stimme und im geruhsamen Ausdruck seines Redens deutlich machte, er hat sich ja Zeit genommen. Und so ist er auf jeden zugegangen. Dass Frauen darauf vielleicht sensibler reagieren, weil sie gewohnt sind, dass Männer ihnen schwarz-weiss in die Seele picken, das kann vielleicht den Ruf begründen, dass Frauen ihn besonders liebten,...aber ich habe Männer an seinem Grab weinen sehen."

Peter Härtling, der freundliche Kritiker, das gereifte Kind. Er spricht von der "intelektuellen Naivität" Frieds. Die habe Fried auch schutzlos gemacht. Immer wieder.

"Er hat, ich kann nur sagen, unter exzessiven Gemeinheiten leiden müssen. Wie manche Politiker sich über Fried geäussert haben, auch wie mancher Journalist mit ihm umging, das war schon ziemlich dreckig, anders kann ich es nicht sagen. Da habe ich mich oft gefragt, wenn ich dann den Erich wiedertraf, der immer kleiner wurde, wie hält er das aus? Er hat es ausgehalten, weil seine politische Religiosität viel stärker war als das, was ihn treffen musste."

Ingeborg Quaas. Frieds Lektorin in der DDR. Beim Verlag "Volk und Welt". Sie kämpfte lange um die Veröffentlichung des offiziell geschmähten Dichters. Bis zum Erfolg. Fried nannte ihren Verlag "Volk ohne Welt" und gab ihr Mut.

"Er kam und das war wie eine Naturkatastrophe, weil er hat alles auf den Kopf gestellt, alles, was ich bis dahin gewusst und gedacht habe, hat er anders hinterfragt. Er war auch zu mir sehr streng, er hat zum Beispiel gesagt, nein, so darfst Du nicht über Ulbricht reden, der hat das nicht so gemacht wie die Ungarn, er hat es anders gemacht und ich musste versuchen, ganz genau zu sein und durfte eben Fragen stellen. Er hat mir alles beantwortet, ich habe eine Menge über Rudi Dutschke, der an der gleichen Schule war wie ich, den ich aber nie kennengelernt habe, erfahren. Er hat mir eigentlich die Welt erklärt."

Joern Schlund. Er hat bei den Dreharbeiten in London erfahren, dass Fried manchen Frauen nicht nur die Welt erklärte. Der Ehefrau bleibt manchmal nur die Eifer-Sucht. Erinnerung an Fried, den vielgeliebten "homme des femmes".

"Ich bekam einen, für meine Verhältnisse, starken Krach zwischen Catherine und ihm mit. Nun muss man wissen, dass Catherine zwei Köpfe grösser war. Und Erich wollte nun Frieden haben und schaute zu Catherine auf und sagte: "Catherine, I wanna kiss!"...Catherine guckte runter und sagte so mit ihrer tiefen Stimme: "No, Erich!" ..."I wanna kiss!", und er stampfte mit dem Fuss auf und sie sagte wiederum: "No, Erich!" "SHIT!" und er ging weg und während er wegging, griff sie ihn mit den langen Armen, zog ihn zurück, gab ihm einen Kuss. "

Manches kann

lächerlich sein

zum Beispiel

mein Telefon

zu küssen wenn ich

deine Stimme

in ihm gehört habe

Noch lächerlicher

und trauriger

wäre es

mein Telefon

nicht zu küssen

wenn ich

nicht Dich küssen kann

Erich Fried in den 80er-Jahren. Er schreibt Gedichtbände wie: "Angst und Trost", "Und nicht taub und stumpf werden", "Mitunter sogar Lachen". Die 80er-Jahre sind für Fried die Zeit der grossen, späten Ehrungen: Georg-Büchner-Preis, Österreichischer Staatspreis. Sie sind auch die Zeit seiner Liebesgedichte: "Es ist, was es ist, sagt die Liebe". Auflage des Buches: 350.000 Exemplare. Tendenz steigend.

Seit der Krebsiagnose des Jahres 1982 sind die 80er-Jahre für Fried auch die Zeit des nahenden Todes. Doch Fried bleibt unterwegs: Lesungen, Interviews, Konferenzen, Diskussionen, Liebschaften - Ein "Wanderrabbi", wie Marcel Reich-Ranicki ihn nannte. Bis zum Schluss.

"Wenn man erfährt, daß man unter Umständen bald sterben wird, bevor man eine Menge von den Dingen, die man plant, noch ausführen kann, so ist man schon ein bisschen niedergeschlagen. Aber dann überlegt man, man hat eigentlich ein volles Leben gehabt und allzuviel kann einem daher nicht mehr geschehen, ausser, dass man stirbt. Aber der Lebenssinn ist dadurch nicht ganz ausgelöscht. Das hilft dann, die Niedergeschlagenheit in Grenzen zu halten. Und darum geht es."

Baden-Baden. Während der Aufnahmen für die Fernsehsendung "Pluspunkte" bricht Erich Fried zusammn. Er stirbt am 22. November 1988.

Und was bleibt?

Ditha Brickwell "Kein verbrauchter Schriftsteller, sondern ein Schriftsteller, den man gebrauchen kann. Es gibt viele schlechte Sachen von ihm, man muss suchen, und es gibt ein paar Sätze, die Weltsätze sind."

Volker Kaukoreit "Mit Sicherheit bleibt sein literarisches Werk. Nicht alles wird über die Jahrhunderte bestehen bleiben. Über seine Shakespeare-Übersetzungen wird neu zu verhandeln sein, die sind ja mal sehr rege aufgeführt worden. Es bleibt auch sein Roman "Ein Soldat und ein Mädchen", das als Taschenbuch vorliegt, aber meiner Ansicht nach nicht ausreichend gewürdigt ist, in dem es um die Kollektivschuld-These geht und das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen."

Ingeborg Quaas "Erich war der wichtigste Mensch oder die wichtigste Persönlichkeit, die ich in meinem Leben getroffen habe. Er hat Vieles in mir bewegt, das wirklich total verschüttete Kind rausgekitzelt und ich werde – das klingt jetzt wahrscheinlich hochdramatisch - ich werde ihn wirklich nie vergessen."

Joern Schlund "Es ist keiner mehr da, der sagt: Das stört mich. Welchen Literaten, welchen Künstler interessiert es denn überhaupt, was vorgeht: Hunger, Durst, Epidemien..."

Klaus Wagenbach "Es bleibt viel. Wissen Sie, da fragen Sie den Falschen. Sie fragen einen Verleger, der von einzelnen Gedichtbänden - Halten Sie sich fest – acht- bis zehntausend Exemplare pro Jahr, pro Jahr! verkauft. Das heisst, Erich Fried hat nach wie vor eine gewaltige Leserschaft."

Peter Härtling "Was bleibt? Sehe ich unsere Zeit an, ich bin um ein paar Jahre jünger als Erich Fried, aber er hat vor den Nazis als Jude fliehen müssen, ich habe einen Teil der Nazizeit noch erlebt, den Krieg auch und wir haben beide den sogenannten Nachkrieg tätig erfahren, .....wenn man jetzt zurückschaut, dann fehlt mir solch eine Stimme."

(Der vorliegende Text basiert auf meinem Rundfunkfeature "Ein gebrauchter Dichter", das ich für SFB und ORF produzierte. D.B.)