#aufschrei - Anspruch und verzerrte Wirklichkeit

Beitrag vom 17. Februar 2013

Hintergrund zum #aufschrei

Anne Wizorek schlug am am 24.01.2013 vor, dass Frauen ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus unter dem Hashtag #aufschrei posten sollten. Auslöser war ein Stern-Artikel, der das ungebührliche Verhalten des Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion Rainer Brüderle thematisierte. Auf der Seite von Spiegel-Online ist am 08.02.2012 eine Bestandsaufnahme zum #aufschrei veröffentlicht worden. Im Artikel wird die Programmiererin Lena Schimmel zitiert, die von 15.000 Tweets mit dem Hashtag #aufschrei im Zeitraum vom 25. bis zum 31. Januar spricht. Bis zum 08.02.2012, so der Artikel weiter, seien 49.000 Tweets und mindestens 30.000 Re-Tweets veröffentlicht worden. Andere Quellen sprachen bereits am 02.02.2013 von 90.000 Tweets.

Anmerkung: Die vom Spiegel zitierte Programmiererin Lena Schimmel hat sich zum Ziel gesetzt, unter der Projektbezeichnung #aufschreistat eine vollständige Auswertung des #aufschreis vorzunehmen. Die Programmiererin befasst sich eigenen Angaben zu Folge derzeit hauptsächlich mit Frauenrechten, Gesellschaft, Politik und Transsexualität.


Unser Anliegen

In unterschiedlichen Medien wurde aufgrund dieser Zahlen von einem Twitter-Rekord gesprochen. Man überschlug sich nicht nur auf Spiegel-Online, sondern auch z. B. auf stern.de, welt.de oder ntv.de mit Superlativen. Gesprochen wurde ferner häufig von einer echten Diskussion, die auf Twitter geführt wurde.

Grund genug für uns, das Thema gewohnt kritisch zu hinterfragen. Wir wollen wissen:

  • Wie viele der 79.000 bzw. 90.000 Tweets der ursprünglichen Intention von Anne Wizorek entsprachen,
  • wie viele der Tweets unter dem Hashtag #aufschrei themenrelevant waren und
  • in welchem Umfang eine Diskussion zum Thema stattgefunden hat.

Unser Untersuchungslayout zum #aufschrei

Wir haben 200 zusammenhängende Tweets vom 26.01.2013 inhaltlich ausgewertet. Datengrundlage waren die #aufschrei-Tweets vom 25.01.2013 bis zum 28.01.2013, die uns in einer CSV-Datei vorliegen. Wir haben den 26.01.2013 gewählt, weil wir davon ausgehen, dass zu Beginn der Diskussion mit höherer Wahrscheinlichkeit von inhaltlich sinnvollen Beiträgen auszugehen ist, als zu einem späteren Zeitpunkt.

Wir haben in einem ersten Schritt die Tweets folgenden Kategorien zugeordnet:

  • Alltags-Sexismus = ursprüngliche Intention: Tweets, die Darstellungen von persönlichen Erfahrungen mit Alltagssexismus beinhalten
  • Anti-Sexismus-Tweets: Tweets mit Antisexismus-Kommentaren oder Links zu Anti-Sexismus-Beiträgen, Artikeln oder Blogs
  • Anti-FeminismusTweets: Tweets mit anti-feministischen Kommentaren, Links zu Anti-Feminismus-Beiträgen, Artikeln, Blogs, aber auch anzügliche Kommentare
  • Spam: Tweets, die in nicht-deutscher Sprache oder erkennbar automatisiert von sog. „Bots“ veröffentlicht wurden und keinen Beitrag zur Debatte leisten. Ferner Tweets mit identischem Inhalt, die mehrmals gepostet wurden
  • Unverständlich: Tweets, deren Urheber einen Beitrag leisten wollten, aber lediglich ein unverständliches „Kauderwelsch“ produzierten (sowohl anti-sexistisch als auch anti-feministisch)
  • Nicht einzuordnen: Tweets, die keine eindeutige Tendenz erkennen ließen

Bei der Kategorisierung der Tweets haben wir uns wohlwollend verhalten und auch schwer einzuordnende Tweets wie z. B. „genderspezifische Stereotypen #aufschrei“ für den #aufschrei gewertet, um nicht in Gefahr zu geraten, parteiisch zu wirken.


Quantitative Auswertung des #aufschreis

Das Ergebnis (in der von uns untersuchten Stichprobe):

  • 1,5% der Tweets beziehen auf persönliche Erfahrungen mit Alltags-Sexismus
  • 32,5% der Tweets sind als „anti-sexistisch“ einzuordnen und beziehen sich zum Großteil auf Links zu aktuellen Zeitungsartikeln
  • 27% der Tweets sind als „anti-feministisch“ zu deklarieren und enthalten persönliche Meinungen zur Debatte oder anzügliche Kommentare

In der von uns untersuchten Stichprobe bezogen sich also 3 Tweets auf die ursprüngliche Intention von Anne Wizorek. Rechnet man diesen Wert auf die angegebenen 90.000 Tweets hoch, so ergäbe das eine Anzahl von 1.350 Tweets im Sinne des #aufschreis. 1.350 Tweets bezogen auf eine Bevölkerungszahl von knapp 82 Millionen Einwohner der BRD (Stand Dezember 2011) bedeutet eine Quote von 0,00165%.

Gedankenspiel: Würde man unterstellen, dass alle Frauen, die im Sinne der ursprünglichen Intention getweetet haben, aus EINER einzigen Stadt mit 13.500 Einwohner kommen, so hätte man hier zumindest ein Volksbegehren anstoßen können.

Es ist davon auszugehen, dass der Anteil an Tweets mit themenrelevanten Inhalten insgesamt noch deutlich geringer ist. Wir haben Tweets vom Beginn der Kampagne ausgewertet, kursorische Blicke auf Tweets jenseits des 27.01.2013 lassen jedoch auf einen weitaus höheren Anteil an nicht-themenrelevanten Tweets schließen. So wurde z. B. der Hashtag #aufschrei in der Folge auch dazu genutzt, um Produkte oder Dienstleistungen zu bewerben.

Wie die deutschen Medien sich insgesamt in Superlativen ergehen können, bleibt für uns ein mittelgroßes bis nicht-lösbares Rätsel. Alle 90.000 Tweets im Sinne des #aufschreis zu werten, ist unseres Erachtens ein grober „Anfängerfehler“. Das ist genauso, als würde man bei einem DFB-Pokal-Spiel „FC-Bayern gegen einen 3. Liga-Verein“ im Stadion des FC Bayern ALLE Zuschauer als Fans des Drittliga-Vereins werten.


Qualitative Auswertung des #aufschreis

Viele Beiträge waren eher sinnbefreit, wie z. B. „Eben einen Silberfisch in meinem Bett gesichtet!“ (26.01.2013, 15:03 Uhr), eindeutig gegen den #aufschrei „Über den Unsinn lachen meine Frau und ich. Echte Frauen kennen eben ihren Platz!“ (26.01.2013, 15:00 Uhr) oder „Soll für meine Frau twittern : wenn ich #aufschrei, war mein mann gut“. Ferner haben wir aber leider auch persönliche Angriffe gefunden: „Such dir einen Job und rasier dich“.

Viele der von uns unter „Anti-Sexismus“ kategorisierten Tweets enthielten Verweise auf die immer gleichen Zeitungsartikel zur Thematik „Sexismus“ - ohne explizit formulierte eigene Meinungen.

Man kann ferner festhalten, dass durch den #aufschrei auch eine erheblichen Anzahl von Anti-Feministen „aktiviert“ wurde. Aufgrund der Tatsache, dass ihre Meinung nicht oder nur in sehr geringem Umfang in Zeitungsartikeln repräsentiert wurde, verwiesen sie auf eigene Blogs, selbst erstellte zynische Beiträge oder Links zu Fotos mit leicht bekleideten Frauen. Der #aufschrei hat also nicht nur zur Belebung der Anti-Seximsus-Debatte, sondern auch zur Belebung der Anti-Feminismus-Diskussion beigetragen.

Noch ungünstiger stellt sich das Verhältnis von „ursprünglicher Intention“ zu „Anti-Feminismus“ dar. Während nur 1,5% der Twitter-Nutzer im ursprünglichen Sinne antworteten, aktivierte die Diskussion ca. 20x so viele Anti-Feministen. Inwieweit man hierbei davon sprechen kann, dass der #aufschrei „eine neue Qualität in die Debatte über Gleichberechtigung“ bringe (Frankfurter Rundschau vom 25.01.2013), überlassen wir dem Leser.

Ferner ist festzustellen, dass die einzelnen Tweets nur ansatzweise eine Diskussion abbildeten, am ehesten noch bei den Anti-Feminismus-Twitter-Nutzern. Ansonsten bestand die Masse der Tweets aus voneinander unabhängigen Einzelaussagen / Meinungen bzw. Verweise auf Aussagen Dritter. Aufgrund der zum Teil „festgefahrenen und unverrückbaren“ Einstellungen auf beiden Seiten, kann man den #aufschrei beim besten Willen nicht als „inhaltliche Diskussion“, sondern allenfalls als ein Aufeinanderprallen diametral entgegengesetzter Meinungen ohne Eingehen auf die Aussagen des jeweils Anderen bezeichnen.

Etwas überrascht waren wir, dass alle von uns im Zuge des #aufschreis verfolgten Medien, Aussagen anscheinend ungeprüft übernommen haben. Hätte man sich auch nur ansatzweise mit den Inhalten der #aufschrei-Tweets auseinandergesetzt, hätte man aufgrund der vorliegenden Daten und dem geringen Prozentsatz an Tweets, die wirklich persönliche Erfahrungen beschreiben, keine „Rekordaussage“ tätigen dürfen. Schon gar nicht sollte man von einem Gewinn für die Anti-Sexismus-Bewegung, sondern bestenfalls von einer „Aktivierung von Personen aus beiden Lagern in gleichem Umfang“ sprechen.


Unsere Infografik zum #aufschrei

Zusammenfassung und traurige Schlussfolgerung:

Für uns lässt das nur den Schluss zu, dass die Funktionsweise der Socialmedia von weiten Teilen der Medienlandschaft noch nicht verstanden wurde. Und wir reden hier nicht von drittklassigen Lokalblättern, sondern von den großen deutschen Medien. Hier ist noch viel Arbeit zu leisten, um in Zukunft an ähnliche Ereignisse objektiver heranzugehen. Wir bieten hierzu dem Spiegel, der Frankfurter Rundschau, dem Stern, der Welt, NTV und anderen großen Medien gerne unsere Dienste an.

Autoren

Marko Willnecker - Besuchen Sie den Autor bei Google+

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