Deutschland -  Berichte vermischt - Amiga Platten Cover

Amiga-Cover mit Blutlaugensalz geätzt

 
 

Wo die Schallplattenhüllen herkamen

Thomas Behlert (2007)

 

Wer in der DDR aufgewachsen ist, beschäftigte sich von frühester Jugend an mit Tonträgern. Kinder durften zum ersten Mal eine Schallplatte in den Händen halten, wenn man diese nämlich den Erziehungsberechtigten unter die Nase hielt, damit er sie auf den Plattenspieler auflegen konnte. Märchen drangen an die kleinen Ohren, dann die kultigen Stimmen von Herrn Fuchs und Pittiplatsch oder vom Wernigerodaer Kinderchor eingesungene Kinder-, Volks- oder Pionierlieder. Einige Jahre später schwenkte man auf Rock und Pop um und interessierte sich bewusst für die schnuckeligen Jungs auf den Cover (Mädchen!) oder für die tollen Gitarren, die die Musiker lässig in den Händen hielten (Jungs!). Wer so eine Schallplattenhülle entbehren konnte verdiente sich einige Ostmark.

Eine Jimi-Hendrix-Hülle brachte mir so den Eintritt für die Disco und mehrere alkoholische Getränke ein: Mit fünf Ostmark war ein Schulkumpel dabei. Die Macher dieser Hüllen wurden beneidet, denn sie bekamen angeblich immer die neuesten Lizenzplatten und hatten außerdem noch schöne Poster für die Kinderzimmer des Nachwuchses.

 

So lange es Tonträger, ob nun Langspielplatten, Singles, Quartettsingles oder Kassetten, vom VEB Deutsche Schallplatten gab, ob nun von Amiga, Eterna oder Nova, wurden die Ummantelungen immer im VEB „Ernst Thälmann“ Druck hergestellt, insgesamt 8500. Dieses Kombinat befand sich in einem großen Backsteingebäude im thüringischen Gotha, einer Stadt, die von unserem Chefredakteur, der dort Verkehrswesen studierte, immer noch sehr gelobt wird, besonders wegen des Bahnhofes, wo es gutes Bier gab und die Züge in die Heimat abfuhren.

Im Nachhinein wird die Herstellung der „Taschen“ gerne als Sorgenkind bezeichnet, da man im VEB Gotha-Druck bis zu einem halben Jahr benötigte, von der Überlegung wie man an das vom VEB Deutsche Schallplatte gelieferte Material herangehen wollte bis zum drucken des fertigen Covers. Umbesetzungen der Band, während der Produktionsphase, konnten nicht berücksichtigt werden. Aufwendige Gestaltungen, wie Klappcover, Einschiebungen oder besondere Farben, waren fast unmöglich. Musiker hatten nur wenig Mitspracherecht, auch wenn das Cover einfallslos oder von übelster Qualität war. Gudrun Bernkopf, die von 1961 bis vor einigen Jahren bei Gotha-Druck als Lithografin arbeitete, wobei dieser Berufszweig zu DDR-Zeiten Offsetretuscheurin hieß, stellte während eines Interviews klar, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen für die Qualität nichts konnten, denn Farbe, Papier, Arbeitsgeräte, gelieferte Fotos und Negative waren oft nicht das Beste.

An der Erstellung eines Covers arbeiteten ca. 20 Personen, u.a. Fotografen, Drucker, Meister und eben Retuscheure. Zunächst musste überlegt werden, wie man die von einem Künstler gelieferte Idee umsetzen wollte. Es entstanden Rasterfolien, die Schrift wurde immer extra aufgenommen, wobei zu bedenken war, dass in Spiegelschrift gearbeitet werden musste.

Die vom Fotografen hergestellten Negative wurden dann u.a. von Frau Bernkopf mit Pinseln und Schabern bearbeitet und an einem besonderen Tisch mit Blutlaugensalz und Natronlauge geätzt. Jede Farbe hatte ihre eigene Ätzung und wurde auf einer extra Folie gerastert. Es ging also von der Retusche, Montage über die Druckplattenherstellung bis hin zum Probedruck. Wie Gudrun Bernkopf berichtete, ging jede Farbe einzeln an je einem Tag in den Druck, denn der Drucker musste die Maschine säubern, damit nicht Reste von Schwarz das Gelb verschmutzten. Im Gespräch kam dann auch heraus, dass sich so mancher gerne an der begonnenen Arbeit regelrecht festhielt und dass plötzliche Aktionen dazwischen kamen, wie Kalender für den Soli-Basar oder Wahlplakate für die Parteikreisleitung. An Fotos für Gisela May und Helene Weigel LPs musste Gudrun Bernkopf besonders lange schaben und ätzen, denn es sollte der unvorteilhafte Bauch verschwinden und die altersbedingten Falten im Gesicht und an den Händen. So war es auch normal, dass im Land des Mangels manchmal kein Werkzeug für die Vollendung eines Covers zur Verfügung stand. Mit etwas Valuta (vom Staat genehmigtes „Westgeld“) konnte dann der verantwortliche Meister Schaber, Pinsel, Abdeckfarben, Tesa-Band (!) und Arkansas-Ölsteine, zum schärfen der Schaber, besorgen.

Wer keine Lizenzplatten ergatterte, verbreitete das Gerücht, dass die Mitarbeiter von Gotha-Druck alle hatten. Doch an dem war nicht so, wie Gudrun Bernkopf verdeutlichte: „Unsere Brigade bekam pro Album zehn Stück, wir waren aber zwanzig Leute. Es wurde immer eine Liste abgearbeitet. Gerne hätte ich da für meinen Sohn Santana gehabt, bekam aber Peter Alexander zugeteilt.“ Wenn man jetzt mit ihr über die Schallplattenhüllen spricht, kann sie sich noch an jedes gefertigte Detail erinnern, auch an ein Klassikalbum, das mit seitenverkehrtem Cover auf den Markt kam. Im Vergleich mit heutigen Plattenhüllen rutscht ihr bei der Betrachtung alter VEB-Hüllen schon mal ein „oh, sind die hässlich“ heraus.  

Wenige Monate vor der Wende hätte alles gut werden können, denn ein großer Scanner aus dem kapitalistischen Ausland stand eines Tages in der Werkhalle. Da es keine Pläne dazu gab, der Platz fehlte und die Brigademitglieder, die ihn bedienen konnten, aus Krankheitsgründen oder erreichen des Rentenalters ausfielen, konnte er nie richtig genutzt werden. Der Rest ist bekannt.