Basilika St. Vitus

Basilika St. Vitus


Die heute als städtebaulicher Mittelpunkt und Wahrzeichen der Stadt erscheinende ehemalige Klosterkirche ist mindestens der dritte Bau an dieser Stelle. Sie wurde zwischen 1182 und 1233 in spätromanischem Stil errichtet. Architektonisch gesehen ist es eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querschiff, über das sich die Seitenschiffe fortsetzen, einem östlichen Abschluss mit fünf Apsiden, einer Westvorhalle und drei Türmen. Dieses Gotteshaus stellt den besonderen Beitrag Ellwangens zur Architektur jener Zeit dar. Hier wurde zum ersten Mal auf schwäbischem Boden in der romanischen Baukunst das Prinzip der flachen Holzdecke durch das der gewölbten Kuppeln abgelöst. So wurde diese Kirche zum hervorragendsten Baudenkmal der Stauferzeit im Stammland des berühmten Kaisergeschlechts, ja sogar zu einem der eindrucksvollsten Ausprägungen spätromanischer Architektur rechts des Rheins.



Das Äußere der Kirche mit dem einfachen Quaderwerk zeigt spärlichen Schmuck. Das Tympanonrelief des Südportals zeigt Christus als Weltenrichter, ihm zur Seite Maria und Johannes. Über Christus eine kleine Büste eines bärtigen Mannes, vielleicht der Baumeister oder Bildhauer. Die später am wenigsten veränderte Ostfassade ist am klarsten gegliedert. Die Vielfalt ihrer Formen – das Halbrund der Apsiden mit ihren kegelförmigen Dächern, überragt von den Giebeln und den viereckigen Türmen – und die Ausgewogenheit der klassischen Maße der Romanik ergeben insgesamt einen imposanten und erhabenen Eindruck und machen die Ostpartie zu einer ausgereiften Leistung. In der Spätgotik (um 1470-80) hat der Baumeister Hans Stieglitz von Miltenberg die bis dahin offene Westvorhalle durch eine Erweiterung und Ummantelung in eine geschlossene Kapelle verwandelt. Im Tympanon des verengten gotischen Westportals die Relieffiguren der drei vornehmsten Stiftsheiligen Sulpitius, Vitus und Servilianus. Der Giebel des südlichen Querschiffs wurde 1588 von dem Nördlinger Baumeister Wolfgang Waldberger mit Weltgerichtsrelief, Stifterfiguren und Wappen mit großem Einfühlungsvermögen in die alte romanische Architektur eingefügt.


Im Innern sind nur noch drei Räume im romanischen Zustand erhalten: die Westvorhalle, die darüber liegende Michaelskapelle und die Krypta. Der Innenraum der Westvorhalle („Altes Stift“) vermittelt in seinem jetzigen Zustand eine ungefähre Vorstellung vom ursprünglichen Innern der spätromanischen Kirche. Das innere Hauptportal hat anstelle eines Tympanons eine lateinische Inschrift, die die kirchlichen Würdenträger zur Sorge um dieses Gotteshaus mahnt. In der Westvorhalle befinden sich beachtliche Kunstwerke (Altäre, Grabmäler u.a.) aus verschiedenen Kunstepochen. Die seit der Bauzeit unveränderte Michaelskapelle (Abtskapelle) ist seit einigen Jahren für Gottesdienste ausgestaltet.
Die nur aus dem Raum unter der Vierung bestehende Krypta öffnet sich in drei rundbogigen Arkaden gegen die Querschiffe. Die Strebebögen zur Abstützung der Außenwände sind im Süden mit Löwenköpfen geziert – eines der frühesten Beispiele dieser Art in Deutschland.




Ihrem wechselnden Zweck entsprechend, wurde das Innere der Kirche mehrfach verändert.
Durch die 1460 durchgeführte Umwandlung des Benediktinerklosters in ein Chorherrenstift mit einem Fürstpropst an der Spitze wurde die bisherige Mönchskirche zur Stifts- und Hofkirche. Als in der Zeit des Absolutismus die höchsten Kirchenfürsten des Reiches die Fürstpropstei innehatten, waren sie bestrebt, dem Innern der Hofkirche den Charakter der geistlichen Residenz zu geben. Daher ließ sie Fürstpropst Franz Georg von Schönborn 1737-41 durch eine Gruppe oberitalienischer Künstler – Retti, Pighini, Carlone – in barockem Stil ausgestalten. Die schwierige Aufgabe, zwei so heterogene Baustile in Einklang zu bringen, ist in Ellwangen besonders gut gelungen. Die barocke Stuckverkleidung blieb  so zurückhaltend, dass die romanische Architektur weiterhin zum Ausdruck kommt, andererseits doch eine neue Raumgestaltung entstanden ist.
Als nach Aufhebung der Fürstpropstei die Kirche 1818 zur Pfarrkirche wurde, haben Raumnot und liturgische Bedürfnisse schließlich 1952 dazu geführt, das Chorgestühl, Chorgitter und den Kreuzaltar zu entfernen und den neuen Hauptaltar auf den freien Mittelpunkt des kreuzförmigen Kirchenraumes zu stellen, wo er von allen Seiten eingesehen werden kann.


Von der reichen Innenausstattung sei nur auf einige Hauptwerke hingewiesen: Ehemaliger Hochaltar: Strahlenkranz-madonna, Augsburger Goldschmiedearbeit des frühen 18. Jahrhunderts; Hochaltarbild mit „Mariä Himmelfahrt“ von dem Ellwanger Hofmaler Edmund Wiedemann, ursprünglich 1753 für die Marienkirche geschaffen. Im südlichen Querschiff Bronzeepitaph für die Klostergründer Hariolf und Erlolf mit dem historisch getreuen Modell der Stiftskirche (Werkstatt Peter Vischer d.Ä., Nürnberg, um 1485/90); dort auch die Bildnisse sämtlicher Äbte und Pröpste (begonnen 1516). Im nördlichen Querschiff eine Gedenktafel der beiden ersten Fürstpröpste, wohl auch aus der Werkstatt Peter Vischers, um 1505; gegenüber eine Freskenfolge aus dem frühen 16. Jahrhundert mit den Stiftsheiligen in Zeittracht. Die lebensgroßen Figuren der Apostel an den Pfeilern stammen von Diego Carlone aus der Zeit der barocken Umgestaltung.
Der gotische Kreuzgang wurde von 1468 an durch Hans Stiglitz von Miltenberg errichtet. Interessante Gewölbegestaltung und formenreiches Fenstermaßwerk mit spätgotischen Pass-, Blatt- und Fischblasen-muster. Im Kreuzgang zahlreiche sehenswerte Grabdenkmäler aus drei Jahrhunderten.
Die spätgotische Liebfrauenkapelle im Westflügel des Kreuzgangs; erbaut 1473 von Hans Stiglitz. Im Chor hochgotische Steinmadonna (in moderner Fassung), um 1340/50. In der Mitte Grab des hochverehrten Jesuitenpaters Philipp Jeningen, gest. 1704.
Anlässlich der Zwölfhundertjahrfeier Ellwangens 1964 erhielt die ehemalige Stiftskirche den Ehrentitel einer „Basilika minor“.