600 Jahre Karnöffelspiel

Das Karnöffelspiel entstand wahrscheinlich im oberdeutschen Sprachgebiet im ersten Viertel des 15. Jahrhunderts. Schon frühe Quellen vermitteln den Eindruck, dass das Spiel kein Glücksspiel sondern ein viel Geschick erforderndes Kombinationsspiel war. Wegen seiner Popularität wird es in der macht- und religionspolitisch gärenden Zeit gegen Ende des 15. Jahrhunderts, dann aber vor allem im 16. Jahrhundert von Predigern und Pamphletisten als Gleichnis für die verkehrte Weltordnung beschrieben. Die Landsknechte sorgen für eine weite Verbreitung. Der “Karnöffel”, der Trumpfuntermann, ist die höchste Karte im Spiel. Er sticht “Papst” und “Kaiser”, “König” und “Obermann”. Somit konnte er zum Sinnbild einer revolutionären Zeit werden.

Das Karnöffelspiel am Beispiel des Herrenberger Altars



Der Maler Jerg Ratgeb (1480 - 1526) setzt das Karnöffelspiel als zeitgeschichtlichen Bezug in der Auferstehungsdarstellung des Herrenberger Altars ein.
Auf der Ostertafel des Altars werden die vier als Landsknechte gekleideten Wächter entgegen der biblischen Überlieferung und ikonographischen Tradition nicht im Schlaf, sondern beim sündhaften Karnöffelspiel vom Auferstehungsgeschehen überrascht.
Die Trumpf-Sechs, der 'Papst' genannt, lehnt an dem unbenutzten Kartenstapel. Die Karte wird näher charakterisiert durch die Herzfarbe, als Wink auf die zweifelhafte sittliche Haltung des damaligen Oberhirten.

 

Das Karnöffelspiel im 15. Jahrhundert


“Karnüffeln” wird im Jahre 1426 zum ersten Male im Zusammenhang mit anderen Würfel- oder Kartenspielen genannt. Das läßt vermuten, dass es schon einige Jahre früher bekannt gewesen sein muss. Das Karnöffelspiel war in Nördlingen (1426) erlaubt und später in Balgau (1448). In Augsburg war das Karnöffelspiel ausdrücklich verboten, während andere Spiele erlaubt waren; es wird allerdings kein Grund genannt. Man fragt sich, ob schon damals der ketzerische Anstich des Spiels der Anlaß war. In den verschiedenen Fastnachtspielen (1460, 1486) erkennen wir das Karnöffelspiel in seiner Rolle als populäres Gesellschaftsspiel, das im Haus auch von Frauen gespielt wird. Es zieht bereits die Falschspieler an. Interessant ist der Hinweis auf das “wilde Carnöffelspyle” in Molitors Würfellosbuch von 1455. In diesem Würfelspiel wird mit “lützel Augen” viel gewonnen, ebenso wie im Karnöffelkartenspiel die niedrigen Karten die hohen Stecher sind. Wichtig ist, dass um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Zürich und in Würzburg das Kaiserspiel bekannt ist. Die Aussage Geiler von Kaisersbergs (1496) belegt, dass es identisch mit dem Karnöffelspiel ist. Geilers Bemerkungen zum Karnöffelspiel, die zu den wichtigsten überhaupt gehören, werden im Zusammenhang mit seinen späteren Predigten besprochen.

Das Karnöffelspiel im 16. Jahrhundert


Mit Beginn des 16. Jahrhunderts eröffnen sich neue Ausblicke auf das Karnöffelspiel. Zu dieser Zeit nuss es eines der verbreitesten und bakanntesten Kartenspiele gewesen sein. Daher wird es von Predigern und Pamphletisten seiner “verkehrten” Weltordnung halber gerne zum Thema gewählt. Wie früher schon das Schachspiel, so wurde seit dem 14. Jahrhundert das Kartenspiel allgemein und besondere Spiele, wie das Karnöffelspiel, zum Gegenstand religiöser, moralischer und politischer Darlegungen. Man denke an Johannes von Rheinfelden “Ludus Cartularum Moralisatus”, Phamphilius Gengenbach “Der Welsch Fluss” um 1500, Meister Ingold “Das Güldenspiel” von 1435, “Das Bockspiel Martin Luthers” aus Mainz 1531 und vor allem an die in Buchform veröffentlichten Predigen des Thomas Murner und die des Geiler von Kaisersberg, an die Pamphlete des “Deutschen Pasquillus” und an die Schriften des D. Cyriacus Spangenberg. In Hans Sachs Fastnachtspielen (1559) tritt der “verspilt Reuter” mit Namen Clas Schellendaus auf, der fünfzehn verschiedene Kartenspiele spielen kann, darunter flössen (Fluß), bucken (Bock), in Thurn, rauschen, ein und dreissig, eins und hundert und “das Carnöffeln, thet mich auch offt effen und löffeln”. Interessant ist Mathesius’ Bericht (1592), dass zur Fastenzeit Bergleute sich beim Mummenschanz als Figuren des Karnöffelspiels verkleiden konnten. Zu Luther kamen sie allerdings als Schachfiguren verkleidet, was lobend erwähnt wird. Sebastian Frank, dessen erste Sprichwörtersammlung im Jahre 1532 erschien, hat ein Sprichwort über das Karnöffelspiel. Dies weist wieder auf die Verwurzelung des Spieles im Bewustsein des Volkes hin.

Das Karnöffelspiel in den Predigten des Geilers von Kaisersberg


Geiler von Kaisersberg, der große Prediger vor dem Herrn, der unentwegt den Menschen einer verworrenen Zeit ins Gewissen redet und gegen die Verderbnis in der kirchlichen und weltlichen Hierarchie wetterte hat mindestens in drei seiner Predigtensammlungen, die im Laufe der Jahre auch ins Deutsche übersetzt und mehrfach gedruckt wurden, vom Karnöffelspiel gesprochen, und zwar in einer Weise, die voraussetzt, dass der größte Teil seiner Zuhörer oder Leser das Spiel kannten und daher verstanden, wovon er redete. Zusammengenommen geben uns Geilers Predigten grundlegende und bedeutsame Nachrichten über das Karnöffelspiel.
Die erste für uns wichtige Predigt Geilers ist die “an dem durnstag nach Invocavit” am 1. März 1496 (feria quin-ta post invocavit) gehaltene Predigt in der Serie “de conditionibus mortis” (Über die Eigenschaften des Todes).
Die Predigt handelt vom Teufel als “Wannenkremer” (wandernder Händler), der den Menschen die Verführungen der Welt wie eine Ware anbietet. “Die sibent war ist kartenspil / bedeut gwalt / adel / eer ect.”, also die weltliche Macht.
Geiler prangert die Korruption der kirchlichen und weltlichen Ordnung an. Hier geht es nicht nach Rang und Leistung, sondern nach Einfluß und Macht. Jeder kann jetzt Kaiser werden und “der minder sticht den merern”, vor allem, wenn man falsch mischt! Hierzu dient ihm das Karnöffelspiel, in dem “all ding verkert” sind, als vorzügliches Gleichnis, und damit gibt er uns als Nebenprodukt eine ausführliche Beschreibung des Spieles.
Aus den wichtigsten Passagen können wir entnehmen, dass es sich beim Karnöffelspiel um ein Spiel mit Trümpfen handelt, und zwar um Trümpfe, die durch Wahl einer Trumpffarbe ihre Stichkraft erwerben. Diese Wahl erfolgt durch “umschlagen” einer Karte, wahrscheinlich beim Geben. Das Wort “erwoelt”, “erwelet” wird von Geiler und in den Pasquillen für die Trumpffarbe oder Trumpfkarten gebraucht . Es wird noch in heutiger Zeit im friesischen Knüffeln verwandt. Dort wird zwischen gewählten Trumpffarben und “butergewählten” Farben, d.h. Nicht-Trumpffarben, unterschieden.
Die lateinischen Texte der beiden Ausgaben von 1515 und 1519 sind wortgleich. In der deutschen Ausgabe von 1521 finden sich jedoch einige Zusätze und Abweichungen. So nennt der lateinische Text das “neue” Spiel (Keiserspiel) ludus caesaris, vel (Karnöffelins)”. Der deutsche Text nennt es “Karniffelspil Karniffelius”. Die Lesart Karnöffelins ist in beiden lateinischen Ausgaben deutlich und schließt einen Druckfehler aus. Diese volkstümliche Form des Namens ist ähnlich der in der Augsburger Ratsordnung von 1446. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass Kaiser- und Karnöffelspiel ein und dasselbe sind.
Die für das Karnöffelspiel typische Kartenfiguren Papst und Teufel werden nicht genannt, vielleicht weil sie nicht in das Thema passen, vielleicht weil Geiler den Papst im Kartenspiel aus Pietät verschweigt. Die Sechs als Königstecher ist ein Zusatz des Übersetzers. Erst die Pamphletisten der Reformationszeit werden von diesen Figuren des Karnöffelspiels ausgiebigst Gebrauch machen.
Die zweite Schrift oder Predigtreihe Geilers, in der das Karnöffelspiel erwähnt wird, ist:
Geiler von Keisersberg: “Navicula sive speculum fatuorum”, gepredigt am Sonntag Invocavit 1498, gedruckt in Strassburg 1510, oder in Deutsch: Des hochwirdigen Doctor Keiserberg Narrenschiff, übersetzt von Fr. Pauli 1519 gedruckt in Strassburg 1520. Hier wird das Karnöffelspiel vor allen anderen Kartenspielen als Geschicklichkeitsspiel hervorgehoben und von den reinen Glücksspielen unterschieden.
Die dritte Schrift Geilers ist:
Die Brösalim doct. Keiserspergs uffgelesen von Fr. Johann Paulin barfüsser order, gepredigt 1508, übersetzt 1515 und gedruckt in Strassburg 1517. Die 21. Predigt in dieser Reihe handelt “Von dem bösen Wannenkremer”. Wieder ist die siebente Ware, die der Wannenkrämer feil hält, und in die “der Teufel uns die Nase stößt”, das Kartenspiel. Man könnte glauben, dass Geiler immer die Sieben wählt, weil im Karnöffelspiel der Teufel auf der Sieben steht. Die Predigt ist auch in sieben Lehrpunkte unterteilt. Thema ist die geistliche und weltliche Ordnung. Die Ordnung im Kartenspiel dient als Gleichnis. In den ersten vier Punkten wird das gewöhnliche Kartenspiel behandelt, in dem es König, Königin, Obermann, Untermann, das Banner und die Zwei von Schellen, den Schellendaus, gibt; alle Karten sind aus gleicher Materie, nämlich aus zusammengeklebten Papier; ebenso sind Könige und Päpste, Hirten und Bettler in der weltlichen Ordnung gleich geboren und gehen den selben Weg ins Grab. Und schließlich zum Siebenten, wenn das Spiel aus ist, zerreißt man die Karten und wirft König, Kaiser, Obermann, Banner und den Teufel “als miteinander” ins Feuer. Hier zeigt sich das der oder das Karnöffel alle anderen Karten sticht, und es bestätigt sich, dass, wenn “darselben lei (Farbe) uffligt”, eine Karte Kaiser wird (und wenn man geschickt ist, kann man es sich so mischen). Diese Kaisertrümpfe werden durch “Umschlagen” bestimmt. In den Spielregeln des Schweitzer Kaiserspiels von 1841 wird dieser “Umschlag” genau definiert. Das Karnöffelspiel, das Geiler kannte, war dem späteren Spiel schon sehr ähnlich. Geiler hat im Karnöffelspiel ein populäres Spiel gesehen. Man muß es mit Verstand spielen. Es kannte die Wahl einer Trumpffarbe, in der der Trumpfbube oder Karnöffel die höchste Karte war, gefolgt von der Trumpf-Sechs, die bei Geiler keinen Namen hat und Zwei, Drei und Vier der Trumpffarbe, welche die Kaiser heißen. Die Trumpf-Sieben wird nicht erwähnt und der Teufel nur einmal im siebenten Punkt der Brösämli-Predigt, wo er zusammen mit König und Kaiser und den anderen Karten ins Feuer fliegt.

von Jürgen Ludwig

 

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