"Körperkontakt hat keine Nebenwirkungen"

Interview | Marietta Türk, 3. November 2011, 12:27
  • "Einsamkeit kann krank machen", sagt der Arzt Cem Ekmekcioglu
    foto: verlag edition a

    "Einsamkeit kann krank machen", sagt der Arzt Cem Ekmekcioglu

  • Buch: Cem Ekmekcioglu, Anita Ericson: "Der unberührte Mensch"
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    Buch: Cem Ekmekcioglu, Anita Ericson: "Der unberührte Mensch"

Warum Berührungen gesund sind und wir deshalb mehr davon brauchen, erklärt der Mediziner Cem Ekmekcioglu

Rund zwanzig Minuten täglich - so lautet die ärztlich empfohlene Dosis Körperkontakt. Der Physiologe Cem Ekmekcioglu und die Journalistin Anita Ericson erklären in ihrem Buch "Der unberührte Mensch", was es mit der Haut-Psyche-Verbindung auf sich hat und warum wir uns die nötige Dosis auch holen sollten.

derStandard.at: Warum ist Körperkontakt aus medizinischer Sicht wichtig?

Ekmekcioglu: Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass angenehmer Körperkontakt, Berührungen und Massagen zu wichtigen physiologischen Veränderungen im Körper führen können. Zum einen senken sie den Spiegel des Stresshormons Cortisol und dämpfen das Stressnervensystem, den Sympathikus. Außerdem rufen Berührungen Wohlbefinden hervor indem sie die Ausschüttung des "Kuschelhormons" Oxytozin anregen.

derStandard.at: Was bewirkt das Hormon Oxytozin genau?

Ekmekcioglu: Die Grundfunktion des Hormons ist es dem Säugling in der Stillperiode beim Saugen zu helfen. Es ist wichtig für die Bindung des Kindes an die Mutter. Außerdem wirkt es wehenauslösend bei der Geburt. Man weiß aber auch, dass durch angenehme Berührungen vermehrt Oxytozin produziert wird und in funktionierenden Partnerschaften hohe Hormonspiegel bei den Partnern gefunden wurden.

Verschiedene Areale im Gehirn, die für Gedächtnis, Gefühle und soziales Verhalten wichtig sind, weisen Bindungsstellen für Oxytocin auf. Daraus ist die Wirkung des Hormons auf Bindung, soziales Verhalten, Vertrauen, etc. erklärbar. 

derStandard.at: Gibt es zur Wirkung selbst Studien?

Ekmekcioglu: Im Rahmen von Interventionsstudien, bei denen Paare in eine Konfliktsituation hineinversetzt worden sind, hat ein Teil ein Oxytozin-Nasenspray verabreicht bekommen und ein Teil ein Placebopräparat. Jene, die das Hormon bekommen haben, waren einsichtiger, empathischer und verständnisvoller.

derStandard.at: Wie viel Berührung ist notwendig?

Ekmekcioglu: Grundsätzlich ist das von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Zwanzig Minuten pro Tag sind ein Schätzwert. Diese Empfehlung basiert auf Versuchen, bei denen Menschen massiert worden sind - mit bereits erwähnten positiven Effekten.

derStandard.at: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Ekmekcioglu: Männer assoziieren mit Berührungen sehr häufig auch sexuelle Annäherung. Versuche haben gezeigt, dass Männer - auch intimen - Berührungen fremder Frauen aufgeschlossener sind als umgekehrt Frauen Berührungen fremder Männer. Andererseits brauchen Frauen in intakten Beziehungen häufig mehr Berührung als Männer. Aber auch das ist sehr individuell.

derStandard.at: Kann Berührungsmangel auch krank machen?

Ekmekcioglu: Es gibt kaum Studien, die den direkten kausalen Zusammenhang untersucht haben. Man weiß aber von Einzelstudien, dass Patienten mit Essstörungen in der Kindheit unter Berührungsmangel gelitten haben. 

Über Umwege erklärt: Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer mehr Singlehaushalte gibt. Dass soziale Isolation krank machen kann, ist bekannt. Konkret kann Einsamkeit den Blutdruck erhöhen und es gibt Studien, dass sie das Sterblichkeits- und Demenzrisiko erhöht. Natürlich kann man Bluthochdruck nicht mit Kuscheln therapieren, aber unter Umständen können regelmäßige, angenehme Berührungen und körperliche Nähe den Blutdruck - wenigstens ein wenig - dämpfen. 

derStandard.at: Wie wichtig sind Berührungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation?

Ekmekcioglu: Ich finde es sehr wichtig. Ich stamme ursprünglich aus der Türkei, wo Berührung einen hohen Stellenwert in der Kommunikation hat. Ein Mindestmaß gehört dazu - wie jemandem die Hand zu geben. Das schafft sehr viel Vertrauen und Offenheit. Man sagt der Körper lügt nicht. 

Es gibt zahlreiche Studien von dem französischen Wissenschafter Nicolas Gueguen, die gezeigt haben, dass flüchtige - vielleicht gar nicht wahrgenommene - Berührungen, zum Beispiel am Oberarm, die Menschen kooperativer machen. Der Mensch ist ja ein soziales Wesen. Natürlich kann man das auch missbrauchen, aber in den meisten Fällen schafft es Nähe. Es kommt natürlich auch auf die jeweilige Kultur an.

derStandard.at: Durch Social Media bekommen wir mehr denn je Einblick in das Leben von Personen, die wir zum Teil gar nicht so gut kennen. Sind Berührungsängste dadurch kleiner geworden?

Ekmekcioglu: Das ist eine wesentliche Frage, die schwierig zu beantworten ist. Aber die virtuelle Berührung kann man nicht gleichsetzen mit tatsächlicher Berührung, mit persönlichen Treffen. Ich tendiere eher dazu zu sagen, dass echte Berührungen dadurch weniger werden.

derStandard.at: Inwiefern hängen Haut und Psyche zusammen?

Ekmekcioglu: Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, die gezeigt haben, dass die Symptome einer bestehenden Hauterkrankung durch psychische Störungen verstärkt werden. Das wurde zum Beispiel für die idiopathische Nesselsucht aber auch andere Hauterkrankungen, wie die Schuppenflechte, beschrieben. Dass durch Berührungsmangel Hautkrankheiten entstehen, dafür gibt es meines Wissens nach keinen Beweis. Über das Nervensystem sind die Haut und die Psyche aber eng miteinander verbunden.

derStandard.at: Aus den USA nach Wien sind die so genannten Kuschelpartys gekommen und bekannt ist auch die Aktion "Free Hugs", bei der Menschen anderen Umarmungen anbieten. Brauchen wir das in unserer Gesellschaft? 

Ekmekcioglu: Das sind kurzfristige Ereignisse, die langfristig keine Lösung bringen. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste die Qualität einer Partnerschaft zu verbessern. Bin ich in einer Partnerschaft, sollte ich Bewusstsein dafür schaffen. Das war ein wichtiger Grund, warum ich das Buch geschrieben habe. Berührungen wirken sich positiv auf die Kinder innerhalb der Familie aus und auf das Alltagsleben. 

Gesellschaftspolitisch gesehen hat das auch Effekte: Stress und das Risiko für psychische Erkrankungen werden reduziert. Bin ich Single und in keiner Beziehung sollte ich schauen, dass ich sozial aktiver werde und versuchen einen Partner zu finden. Diese Partys sind nicht jedermanns Sache, aber ist man aufgeschlossen, spricht natürlich nichts dagegen. Ich kann niemanden zwingen berührt zu werden, aber man sollte wissen: es gibt keinerlei Nebenwirkungen. (Marietta Türk, derStandard.at, 3.11.2011)

CEM EKMEKCIOGLU ist Facharzt für Physiologie und Ernährungsmediziner. Seit 1994 ist er am Institut für Physiologie an der Medizinischen Universität Wien tätig. Er schrieb zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, mehrere Sachbücher zu den Themen Ernährung und Altern und zwei Kriminalromane.

Literatur

Cem Ekmekcioglu, Anita Ericson: "Der unberührte Mensch"; erschienen im edition a Verlag; 192 Seiten; ISBN: 978-3990010235

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Großen, dicken, zotteligen Hund kaufen und man hat Tag und Nacht so viele Kuscheleinheiten wie die Haut begehrt. Vielleicht halt hin und wieder einen Hundefloh, aber das muss es einem wert sein.

Mir ist da die Zärtlichkeit eines Kätzchens aber viel lieber

Wenn man schon keinen lieben Menschen zum Kuscheln hat. Hunde finde ich eher ekelhaft - sie stinken, schlecken inen ab und sind aufdringlich.

Warum Berührungen gesund sind

Eine Berührung hat nicht nur eine Äußere Seite. Fühlt sich ein Mensch angenehm berührt (dies muss nicht unbedingt sanft sein) werden im Innern Glückshormone ausgeschüttet. Fühlt sich ein Mensch unangenehm berührt (vielleicht weil der Berührende etwas will, wofür der Andere nicht bereit ist) werden Stresshormone im Körper frei gesetzt. Eine Äußere Berührung ruft immer eine Innere Reaktion hervor. Welche und wie stark die Reaktion ist, hängt so wohl von der Person die berührt, wie von der Person die berührt wird, ab. Ob Glückshormone gesundheitsfördernd sind, kann jeder Mensch für sich selbst entscheiden. Dazu braucht es keine Wissenschaft.

Das entscheidende ist halt das "angenehm berührt". Wenn mich morgens in der U4 tausend Mitfahrer zusammenquetschen hat das bei mir keinen Wohltu-Effekt, ich schütte dann nur Stresshormone aus.
Wäre das nicht ein interessanter neuer Beruf: "Hautberührer"? Der kommt für zwei Stunden, kuschelt einen rundum, nimmt sein Honorar und geht wieder, ohne Essen oder sonstwas zu wollen. Kann auch von weniger gebildeten oder der Sprache unkundigen Personen ausgeübt werden, wenn sie nur weiche, kräftige, seidig-trockene Hände... aaaah...

Ich glaube, diesen Beruf gibts sogar schon, so ähnlich jedenfalls!

Toller Tipp ;-)

"Bin ich Single und in keiner Beziehung sollte ich schauen, dass ich sozial aktiver werde und versuchen einen Partner zu finden."

Gell ja? Auf solche Ratschläge haben wir gewartet. Dafür waren sicher sehr teure Studien notwendig um das herauszufinden.

Als wenn man zu einem Depressiven sagt: Sieh es doch einfach mal positiver!

Nein eher, du bist single, daher sozial unaktiv, daher wahscheinlich unattraktiv.

Für alle Singles und solche die es noch werden wollen:

es gibt das Hormon auch in der Apotheke als "Pitocin" oder "Syntocinon"!

Ehrlich? Rezeptfrei?

Warum aus der Apotheke wenns das homöopathisch auch gibt:

20 min Händeschütteln?

Brasilien! Steht sogar im Guide, dass die näher stehen

beim Sprechen und sich dauernd berühren.

Die müssen Oxytozin im Überfluss haben.

Hormonschnittstelle für Computer

am Besten noch gekoppelt mit sozialen Netzen - damit die Liebe oder das Drama auch über die Distanz auf allen Ebenen funktioniert...

Die beste außerpartnerschaftliche Berührung erhielt ich vor kurzem im Hamam. Na das kann was! Vor allem die Peelingmassage und die Sache mit dem Rosenöl nachher!

Ist allen Berührungshungrigen zu empfehlen. Besser als die bei uns übliche Massage.

Ich ziehe es vor, mit meinem Partner zu kuscheln, wobei ich sagen muss, dass ich Kuschlen und viiiiiel körperliche Nähe viel angenehmer und erfüllender finde als Sex. :-) Leider sezten sehr viele Menschen Berürhrung und Nähe sehr schnell mit Sex in Bezug, weshalb - vielleicht? - es bei vielen zu Problemen bezüglich der körperlichen Nähe kommt, weil halt oft einer grad nicht will bzw. Sexerlebnisse ja auch nicht immer täglich 20 Minuten umfassen? Deshalb leiden auch viele Verheiratete oder sonstwie Gebunde oft an extremem Berührungsmangel, weil Berührung halt nur in Verbindung mit Sex möglich ist.

Ich find überhaupt alle Wellness-Aktivitäten als guten Ersatz.

kann ich verstehen. die können das ganz wunderbar! von den damen da möcht ich keine aufgelegt bekommen.

Keine Ahnung. Wir wurden von männlichen Hamammeistern betreut.

pics or it didn't happen

na dann...

...werd ich mal ein kuschelstudio eröffnen
klassische win-win situation
1€/minute ist angemessen oda?

Erstmal bitte ein aussagekräftiges Ganzkörperfoto von Ihnen!

Meine Rede

Berührungen gehören zu jedem Aufrss dazu wie das Gschichtl drucken und tanze :).

Merkt euch das!
(und neckt ein bisschen)

Oije... billige Schmäh führen, abgrapschen und Hüften reiben von einem 50+ alten Elvis-Verschnitt...

Wer tanzen muss kann nur nicht cool an der Bar stehen.

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