Wir alle kennen den Satz: Am Telefon kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Dieser bekannte Satz ist uns nicht nur von Handwerkern bekannt. Nein, auch Arztpraxen nerven uns bisweilen damit. Wir verstopfen die Arztpraxen mit unserer banalen Erkältung. Wir tauschen nicht nur unser Wissen über unsere Krankheit im Wartezimmer aus. Wir teilen sogar partnerschaftlich unsere Viren und Bakterien. Den Stress könnten wir uns, den Mitpatienten, dem Personal und den Ärzten ersparen – mit Hilfe der Telemedizin – theoretisch.

Das Wesen der Telemedizin ist es, dass Symptome über Kommunikationsmedien wie dem Internet oder per Telefon erfasst, ärztlich bewertet und sogar “behandelt” werden. Das schont unser aller kostbare Zeit – ein inzwischen wichtiges Luxusgut. Doch von einer funktionierenden Telemedizin sind wir in Deutschland noch Meilen weit entfernt

Bitte anfassen!

Zu unserem Pech ist der Mediziner in Deutschland dazu gesetzlich angehalten, uns mindestens einmal für ein bestimmtes Leiden persönlich gesehen haben zu müssen. Das uns der Mediziner dabei auch noch berühren mag – die Zeiten sind schon lange vorbei. Mit stetem Blick auf die Uhr wird die Standardmedikation verordnet – Fragen verboten. Das passende Rezept für unser Alltagsleiden hat er bereits auf dem Tisch liegen.

Ausschließliche Telemedizin ist in Deutschland eigentlich untersagt. So steht in der (Muster-)Berufsordnung (MBO) für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte – Stand 2011 – unter § 7 Abs. 4 folgendes: „Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.“ [Quelle: http://www.bundesaerztekammer.de]. Die Dunkelziffer derer, die ihre Patienten dennoch ausschließlich über eine der hier genannten Kommunikationswege beraten, ist wahrscheinlich hoch und eigentlich auch nicht verwerflich.

Gerade in Zeiten der Harmonisierung innerhalb der EU gehört der Bereich der telemedizinischen Versorgung der Bevölkerung zu den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die digitale Vernetzung steigt, die Reisebereitschaft wächst, insbesondere auch beruflich, die Lebenserwartung und somit auch die Anzahl chronischer Erkrankungen schreitet stetig voran. Weiterhin gibt es eine ganze Reihe von Regionen, die weit ab der städtischen Ballungsräume gelegen sind und über mangelhafte oder sogar keine medizinische Betreuung verfügen.

Auf dem Forum Health & Vitality in Halle 8 der diesjährigen CeBIT Messe gab es ausreichend Diskussionsbedarf zum Thema Telemedizin. Es diskutierten Fachleute aus der Politik und den lokalen Verbänden sowie Unternehmer aus dem Bereich der Telemedizin der Länder Schweiz, Großbritannien und Deutschland. Die Liste der Referenten und Diskussionsteilnehmer befindet sich am Ende dieses Beitrags.

Telemedizin: Forum Health & Vitality CeBIT 2012

CeBIT-Forum Health & Vitality: Medizinische Patienten-Beratung über das Internet: Themen, Qualität und Geschäftsmodelle Session (v. li.: David Meinertz, Susanne Mauersberg, Corinna Schaefer, MinDirig Dr. Matthias von Schwanenflügel, Dr. Timo Rimner. Moderiert von Dr. med. Franz-Joseph Bartmann)

Telemedizin Vorbild Schweiz

In der Schweiz beispielsweise wird die Telemedizin schon lange praktiziert. Wie zum Beispiel vom Schweizer Zentrum für Telemedizin MEDGATE. Dr. Timo Rimner von MEDGATE stellte einige Zahlen vor, wonach beispielsweise bereits ca. 40 % aller Patientenanfragen am Telefon von den Medizinern abschließend geklärt werden konnten. Am meisten nachgefragt wurden Beschwerden aus den Bereichen des Bewegungsapparates, der Atmungsorgane, des Verdauungssystems und der Haut. Ein wichtiges Qualitätsmessinstrument der telemedizinischen Behandlung sei hier, dass die Patienten am dritten Tag nach der Fernkonsultation eines Mediziners noch einmal ausführlich nach ihrem Beschwerdebild und der Qualität der Arztleistung befragt wurden. Durch die Vernetzung des Unternehmens mit zahllosen Apotheken können so dringend benötigte Rezepte unmittelbar an die nächstgelegene Apotheke weitergeleitet werden.

Männer-, Frauen- und Sexualgesundheit

Beim Besuch der Internetseite von Dr. Ed wird sofort klar – hier geht es primär um Erkrankungen oder Störungen, über die man(n) nicht spricht, weil man(n) sich dafür schämt. Die Steigerung der Lebensqualität im Alter spielt hier eine wichtige Rolle. Dr. Ed, mit Sitz in London, praktiziert als telemedizinischer Anbieter bereits in vielen europäischen Ländern wie in Deutschland, Österreich, Frankreich, Norwegen oder Großbritannien, um nur einige Länder zu nennen. Die Behandlung und die Rezeptverordnung erfolgen – zumindest in Deutschland – auf Privatrechnung. Die Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen sollte hier vorsorglich im Vorfeld geklärt werden. Interessant ist Dr. Ed zum Beispiel in der Männer- und Frauengesundheit, die mit einer gewissen Scham verbunden ist – zum Beispiel Erektionsstörungen beim Mann. Nach Aussage von David Meinertz auf dem Forum soll Dr. Ed den Arztbesuch nicht ersetzen, sondern eine alternative Behandlungsmethode für den Patienten darstellen.

“Schwester AGnES”

Ein hochinteressantes bundesdeutsches Projekt im Rahmen der lückenlosen Patientenversorgung ist das im Jahr 2009 ins Leben gerufene Modellprojekt “Schwester AGnES” (AGnES = Arztentlastende, Gemeindenahe, E-Healthgestützte, Systemische Intervention) – vorgestellt von Herrn Dr. Matthias von Schwanenflügel vom Bundesministerium für Gesundheit (BGMG). Das Modellprojekt AGnES wurde vom Institut für Community Medicine an der Universität Greifswald in Zusammenarbeit mit einigen ostdeutschen Bundesländern entwickelt und vorangetrieben. AGnES ist ein Konzept, um die hausärztliche Versorgung in ländlichen und in medizinisch unterversorgten Gebieten mit Hilfe speziell ausgebildeter Schwestern und Pfleger zu verbessern und zu sichern. Diese übernehmen dann in den Regionen in Vertretung die hausärztliche Konsultation bei den Patienten vor Ort. Vereinzelt gehören auch Laptop und ein Videokonferenzsystem zur Standardausrüstung. Erste Ergebnisse des Modellprojektes sind am Ende des Beitrags nachzuschlagen.

Patientenaufklärung an erster Stelle

Einene anderen Ansatz verfolgt das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) – auf dem Forum vertreten durch Frau Corinna Schäfer. Das ÄZQ setzt auf Patientenaufklärung und stellt den Interessierten auf www.patienten-information.de evidenzbasierte Informationen zu Krankheiten in Form eines Glossars und mit zahlreichen Links versehen bereit. Doch auch die Ärzte müssen und wollen sich regelmäßig über geltende Behandlungsleitlinien informieren, die auf der Homepage des ÄZQ unter www.aezq.de direkt abgerufen werden können.

Positiv zu den aufkeimenden telemedizinischen Angeboten äußerte sich auch die Referentin der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) Frau Susanne Mauersberg. Hier verwies sie auf die inzwischen von vielen Krankenkassen etablierten Online-Beratungsangebote für die Patienten bei der Auswahl des richtigen Arztes oder der korrekten Behandlung.

Fazit

Allen Angeboten gemeinsam ist, dass Patienten in schlecht erreichbaren Gebieten des Landes von ausgebildeten Medizinern behandelt werden können. Manchmal ist dem Patienten bereits dadurch geholfen, dass ihm die Angst vor einem ernsten Leiden genommen wird, indem man nur mit ihm spricht – am Telefon. Selbstverständlich werden auch hier medizinische Notfälle umgehend an die Arztnotrufzentralen des Landes weiter gegeben. Die sorge vor einer Unetrversorgung durch Telemedizin braucht keiner zu haben.

Die (Muster-)Berufsordnung (MBO) sollte zum Nutzen der Patienten in diesem Punkt “Telemedizin” nachgebessert werden. Im digitalen Zeitalter sind inzwischen viele Internetnutzer ausreichend über ihre Krankheit informiert, dass eine konstruktive Zusammenarbeit – vor allem per Fernkonsultation – durchaus Sinn machen würde. Denkt man an die chronisch erkrankten Menschen, so kann für sie der Gang zum Arzt zu einer wahren Tortur werden. Doch zum Glück gibt es ja Telefon und Internet, wenn man den Arzt “nur” etwas fragen möchte…

Referenten und Diskutanten:

Ergebnisse aus dem Modellprojekt “Schwester AGnES”: