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Epilog für
die S-Bahn:

Gerd Frey

Terminiert

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Rob ging langsam den Gang entlang. Vor und hinter ihm verschluckte Dunkelheit jegliche Raumkontur. Dennoch schien die alles verschlingende Schwärze lebendig und von noch dunkleren Schatten bevölkert zu sein. Hin und wieder glaubte er, die blassen Windungen gewaltiger Eingeweide zu erkennen, und rechnete jeden Augenblick damit, von etwas Monströsem angesprungen zu werden. Der Gang schien endlos und nur die spärlich verteilten Fackeln an den rußigen Wänden vermittelten ihm den Eindruck, voranzukommen. Es roch plötzlich nach verrottenden Pflanzen und Verwesung, so dass er unwillkürlich seinen Schritt beschleunigte.

Hinter sich glaubte er etwas atmen zu hören. Ein röchelndes Geräusch, so erschreckend nah, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er drehte sich vorsichtig um und sah einen länglichen Körper von der Decke baumeln. Die bläulich schimmernde Haut war von dickknotigen Adern überspannt, und in dem fast kreisrund klaffenden Maul rotierten blitzende Metallzähne.

Der Körper, der aus einem zackigem Loch herunterhing, zuckte mit schlagenden Bewegungen vor und zurück. Rob fühlte sich bedroht. Wirklich sehr eindrucksvoll! Mark musste monatelang an dem Monster gearbeitet haben. Die Polygone waren dicht gesetzt und die Texturen brillant. Er zog seinen Energiewerfer aus der Halterung und feuerte. Ein blau gleißender Impuls jagte der Kreatur in den Kopf, zerfetzte ihn und ließ einen Hagel blutigen Körpergewebes niedergehen. Rob schüttelte sich. Manchmal ging Mark zu weit.

Rob wollte sich gerade umwenden, als noch ein Monster aus dem Loch schnellte. Er kam kaum dazu, die Waffe erneut zu heben, als ihn das Wesen erreichte. Das Maul mit den rotierenden Zähnen schnappte um die Hand, in der er den Energiewerfer hielt, so dass er gerade noch Zeit hatte, einen Schuss auszulösen. Durch sein minimiertes Schmerzempfinden merkte er kaum, wie ihm die Hand abgebissen wurde. Eine Fontäne grünen Blutes schoss aus seinem ausgefransten Armstumpf, da explodierte vor ihm das zweite Monster. »Sehr komisch, Mark!« rief er in die Dunkelheit. Mit der unversehrten Hand zog er die Waffe aus der dampfenden Blutmasse. Weiter den Gang entlang. Er musste den Ausgang finden oder sterben, nur so konnte man den Level verlassen.

Nach einigen Metern veränderte sich die Wandstruktur. Eine klebrige Substanz überzog den massiven Stein. Darunter zeichneten sich organische Strukturen ab. Der niedrige Gang weitete sich. Aus kleinen Öffnungen sickerte trübes Licht in dunstigen Flecken zu Boden. Nebelschwaden trieben durch die Luft.

Er erreichte den Eingang einer riesigen Arena, in deren Mitte er den dunklen Leib eines Raumschiffes erblickte. Es ragte Hunderte von Metern in einen wolkenverhangenen Himmel. Wurde er erwartet? Rob lächelte. Selbst Mark gelang es nicht immer, hundertprozentigen Realismus zu erzeugen. Die Wolkenformationen zogen etwas zu gleichmäßig dahin, als dass sie einen geübten Betrachter täuschen konnten.

Nach einigen tiefen Atemzügen lief er langsam auf das Schiff zu. Es herrschte absolute Stille. Nicht einmal Windgeräusche waren zu vernehmen. Als er die Hälfte der Strecke hinter sich hatte, gab es ein Geräusch wie das Entriegeln eines riesigen Tors. Ein silbern glühender Faden schoss über die Länge der schwarzen Schiffshülle und verbreiterte sich. Es entstand eine gleißende Öffnung, die zuweilen unruhig flackerte. Rob schaltete seinen Schutzschild mit dem Oval des milchigen Energiefeldes ein.

In diesem Augenblick trat ein Schatten in das gleißende Lichtfeld des Raumschiffs. Die Kreatur war riesig und bewegte sich schwerfällig wie ein Urzeitwesen. Der Boden bebte, als die Kreatur ihm entgegen stapfte. Die Umrisse, die er ausmachen konnte, enthüllten gewaltige Hornplatten mit spitze Dornen, die den Körper des Ungeheuers bedeckten, dazu unzählige stachel- und klauenbewehrte Auswüchse. Er musste sich zwingen, nicht Hals über Kopf davonzurennen. Schließlich war alles nur eine Simulation.

Die Erschütterungen wurden immer heftiger, die Kreatur kam schnell näher. An ihrem flachen, länglichen Kopf leuchteten drei rote Augen. Hier lag höchtswahrscheinlich der Punkt, an dem Mark das Monster verwundbar gelassen hatte. Er würde schon beim ersten Mal genau zielen müssen, oder es würde ein anstrengender Kampf werden. Rob schaltete sein Schutzfeld ab, hob langsam den unverletzten Arm mit der matt leuchtenden Waffe, visierte eines der Augen an und zog den Auslöser durch. Augenblicklich schloss sich das verspiegelte Lid des Auges, der Energieimpuls wurde reflektiert, jagte zu Rob zurück und schlug ihm ein zentimetergroßes, merkwürdig sauberes Loch in die Brust. Seine Gesundheitsanzeige sackte auf 24 Prozent. Rob taumelte zurück. Sein virtueller Körper geriet aus dem Gleichgewicht. Er fiel auf den Rücken. Das Monster jagte auf ihn zu.

Rob verschlug es die Sprache. Mark hatte sich diesmal selbst übertroffen. Er hatte das Letzte aus dem Level-Editor herausgeholt – und noch ein ganzes Stück mehr. Das Monster kam über ihm zum Stehen. Es öffnete ein Maul und brüllte mit Marks Stimme ein erschütterndes GAME OVER. Eine Klauenhand hob sich zum letzten Schlag, und Rob rief QUIT.

Die Klauenhand traf ihn. Der augenblicklich einsetzende Schmerz ließ ihn aufbrüllen, bevor die Fratze des Monsters verblasste.

© Gerd Frey 2002
Erstveröffentlichung in: Gerd Frey, Dunkle Sonne, Shayol
Erschienen in
Gerd Frey: Dunkle Sonne (Berlin: Shayol, 2002)
Hardy Kettlitz u.a. (Hrsg.): [[buch.kettlitz-hardy-1966.alien-contact-jahrbuch-2002|Alien Contact – Jahrbuch f
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