Mrz 10 2010

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Anna Schaffelhuber – mein Weg – meine Ziele

Abgelegt 11:20 unter Allgemein,Sport

Bald brennt das Feuer in Vancouver wieder. Senkrechtstarterin Anna Schaffelhuber ist erstmals dabei. MZ-Redakteur Claus Wotruba hat sie zuhause in Bayerbach besucht.

„Längerfristig muss auch mal Gold her“

BAYERBACH. Die Adresse ist Programm. Anna Schaffelhuber wohnt an der Sportplatzsiedlung in Bayerbach, als Hausnummer prangt die Eins an der Mauer. Die Niederbayerin aus dem Ort, der knapp über 50 Kilometer von Regensburg entfernt bei Ergoldsbach liegt, ist die Aufsteigerin im Ski-Behindertensport: Die 17-jährige Schülerin des Burkhart-Gymnaiums in Mallersdorf-Pfaffenberg und Weltcup-Zweite im Slalom gehört zu den 20Athleten, die Deutschland bei den Paralympics in Kanada vertreten. Sie bricht heute mit ihren Eltern und dem großen Bruder auf nach Vancouver.

Das olympische Feuer ist erst erloschen. Mit welchen Augen sieht man Vancouver, wenn man bald selbst da ist?

Bei jedem Rennen habe ich die Pisten genau und mit großer Vorfreude angeschaut.

Schaffelhuber – das ist ein neuer Name im Behindertensport. Wie sieht der sportliche Lebenslauf im Schnelldurchlauf aus?

Zum Leistungssport gekommen bin ich 2007. Ich bin erstmal national gefahren, dann Europacup, wo ich mich als Gesamtzweite für den Weltcup qualifiziert habe. Und bin ich Zweite im Slalom-Weltcup geworden. Tja, und jetzt bin ich da!

Gibt’s Vorlieben unter den Disziplinen?

Slalom mag ich um einiges lieber als Riesenslalom. Das liegt auch am Erfolg: Im Slalom war ich schon immer am besten. Das schnellere Wechseln liegt mir einfach.

Und Du schaust Slalom auch lieber als Riesenslalom?

Slalom oder die Speed-Disziplinen. Abfahrt darf ich ja noch nicht fahren, weil ich noch nicht 18 bin. Wir hätten auch eine Sondergenehmigung beantragen können. Aber weil ich so frisch dabei bin, fahre ich jetzt erstmal die technischen Disziplinen und nehme nur den Super-G noch dazu.

Wie stark ist die Konkurrenz?

Ich kenne einige noch nicht, die Weltspitze aber aus dem Weltcup – die Leistungsdichte ist groß. Bei uns Damen sitzend werden es um die 25 bis 30 Teilnehmerinnen sein.

Warum fährst Du Ski?

Ich habe viele Sportarten ausprobiert: Schwimmen, Tennis, Reiten, Basketball, Handball. Aber Skifahren ist das, was am meisten Spaß gemacht hat. Geschwindigkeit finde ich super. Und auf Schnee komme ich überall hin wie alle anderen auch.

Gibt’s eine Leistungssport-Alternative für den Sommer?

Reiten gefällt mir gut, aber Skifahren ist aufwändig genug. Nächstes Jahr mache ich Abitur, da schaue mir erst mal an, wie ich das jetzt schaffe. Im Winter war ich nicht viel in der Schule, da muss ich im Sommer wieder mehr tun.

Gibt es Vergleiche mit Riesch und Co? Trainiert Ihr mal zusammen?

Miteinander sind wir so gut wie nie unterwegs. Die Trainingspläne sind ähnlich. Nur sind wir nicht freigestellt und gehen in Schule und Arbeit. Ich bin im Zwei-Welten-Prinzip unterwegs: Wo ich gerade bin, gebe ich Vollgas. Das ist bei uns aufwändiger.

Kennst Du die eine oder andere Olympia-Fahrerin persönlich?

Bei der Einkleidung habe wir uns getroffen. Da haben wir auch geredet, aber nur Smalltalk. Ehrlich gesagt, waren die Biathleten offener, da fand mehr Austausch statt.

War der Leistungssport ein Ziel?

Ich wollte von Kindheit an etwas erreichen. Als ich zum Leistungssport kam, war das Ziel Olympia: Egal, ob jetzt Vancouver oder später, das wollte ich schaffen. Dass es sofort geklappt hat, darüber bin ich begeistert.

Gab es ein Schlüsselerlebnis?Ja, ich habe das Mono-Skifahren bei der Gerda Pamler aus München gelernt, die selber Paralympics-Siegerin ist und bis Nagano 1998 fuhr. Mein Vater hatte in einer Zeitschrift gelesen, dass sie Kurse gibt. Da war ich aber erst fünf. Erst mal fuhr ich zu Freizeitzwecken. 2007 hat Gerda nochmal gefragt, ich war beim Sichtungslehrgang – und seitdem gibt es nur noch das Ziel: Geradeaus weiter.Hast Du Sporthelden?Die Gerda ist ein Vorbild für mich, sie ist eine gute Freundin der ganzen Familie. Ansonsten will ich meinen eigenen Weg gehen.Was ist das Ziel für Vancouver und danach?Ich will Erfahrung mitnehmen und eine für mich gute Leistung bringen. Welche Platzierung rauskommt, das sehe ich, wenn ich unten bin. Danach will ich weiterentwickeln, steigern und an die Weltcup-Führende, die Claudia Lösch aus Österreich, herankommen, die ich noch nie geschlagen habe. Und längerfristig muss auch mal eine Goldene her.Ist in Vancouver eine Medaille möglich?Möglich ist alles. Ich gehe locker ran, jeder muss erst runterkommen.

Welchen Stil pflegst Du: Eher kämpferisch oder eher stilistisch?

Ich würde mich als waghalsig einstufen und denke so gut wie nichts zuvor. Ich gehe mutig ran, und will ansonsten im Slalom auch schön fahren.

Du kümmerst Dich selbst um Öffentlichkeitsarbeit, vor Vancouver ist deine Homepage fertig geworden. Der Behindertensport spielt in der Öffentlichkeit immer noch eine untergeordnete Rolle. Ärgert Dich das?

   

Es geht vorwärts, aber es ärgert mich schon. Die Leute in meinem Umkreis interessiert das alle. Von den Medien kommt wenig. In Deutschland wird im Fernsehen wenig gezeigt, nur bei den Paralympics. In Schweden ist selbst der Europacup ein Großereignis: Da war das Fernsehen da, die Zeitung, und du bist morgens aufgestanden und warst auf dem Titelblatt. Oder die Österreicher: Da gibt’s abends eine TV-Zusammenfassung vom Welt- oder Europacup.

Möchtest Du ein Vorbild für andere sein und anderen Mut machen?

Das ist auch ein Punkt. Die Leute sollen sehen: So geht’s auch, man kann seinen Weg machen. Ich will zeigen, dass ich sogar mehr zustande bringe als Leute, die normal leben.

Woher kommt Deine Behinderung? Rollstuhlfahrer bringt man ja sofort mit einem Unfall in Verbindung.

Bei mir nicht, ich bin von Geburt an querschnittsgelähmt. Über die Ursache gibt es nur Vermutungen.

Hast Du Deine Behinderung öfter als hinderlich empfunden?

Nein, ich mache die Dinge vielleicht anders als meine Brüder, aber es ist immer dasselbe rausgekommen. Das Einzige, was mich sehr stört, sind die 1000 Treppen, wenn du durch die Stadt gehst. Dabei wäre es ohne Treppen auch für alte Menschen einfacher.

Du hast gesagt, Du bist viel weg von der Schule. Da müssen die Noten gut sein?

Das ist jetzt so eine Sache. Wenn ich sage, ich bin gut, dann kommt das angeberisch rüber. Aber ja, ich würde mich zum oberen Feld rechnen. Für mich ist das Ansporn: Ich will zum Skifahren, da brauche ich frei und das kriege ich nur, wenn ich gut bin. Ich gehöre ja auch zum ersten G-8-Jahrgang und habe 13 Hauptfächer.

Hast Du dann gestreikt?

(lacht) Da war ich nicht da. Wenn ich da gewesen wäre, wäre ich mitgefahren. Zum Teil ist das unzumutbar, wir haben dreimal nachmittags bis halb fünf Schule. Das ist viel, wenn du noch Hausaufgaben machen musst und lernen musst für Schulaufgaben.

Bist Du an der Schule ein kleiner Star?

Schon. Da kommen die Sechstklassler und fragen: „Wann fliegst Du jetzt rüber?“ Das habe ja alle mitbekommen. In der Schule hängen die Artikel aus, die Lehrer kommen und gratulieren, im Jahresbericht steht etwas. Das genieße ich auch. Und die Unterstützung der Schulleitung habe ich zum Glück auch. Die Konrektorin zum Beispiel hat früher selbst Leistungssport gemacht und war Turnerin.

Wenn’s denn so kommt, wäre auch München 2018 ein schönes Ziel, oder?

Das wäre natürlich der Traum schlechthin. Das würde ich auf jeden Fall mitnehmen.

 Das ist Anna Schaffelhuber

Anna Schaffelhuber ist am 26. Januar geboren und 1,50 m groß. Ihre Eltern heißen Beate und Peter, sie hat zwei Brüder (Peter/18 und Josef/15). Die Familie wohnt in Bayerbach, sieben Kilometer von Ergoldsbach und rund 50 Kilometer von Regensburg entfernt.

Nach dem Abitur auf dem Burkhart-Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg 2011 strebt sie ein Jura-Studium an. „Staatsanwaltschaft oder Richterschaft, das wäre etwas für mich“, sagt sie. „Verteidigen habe ich schon immer gerne gemocht.“

Die Musik ist eines der Hobbys der 17-Jährigen, wenn mal ein bisschen Zeit bleibt. Sie spielt Querflöte. Auch Reisen tut sie gerne. „Mein Lieblingsland? Das ist Neuseeland. Dort war das Ski-Nationalteam ja auch schon mal unterwegs. Vielleicht komme ich da ja bald mal hin.“

Der Zeitaufwand für Schaffelhuber ist groß. „Jedes zweite Wochenende ist Training, dazu gehen die Ferien komplett drauf. Daheim mache ich fast täglich Konditionstraining“, sagt sie. „Dazu kommt noch die Materialpflege.“

Homepage von Anna Schaffelhuber 

Quellenangabe: Mittelbayrische Zeitung Samstag, 06.03.2010, Gesamtausgabe

 

Ein Kommentar

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Ein Kommentar für “Anna Schaffelhuber – mein Weg – meine Ziele”

  1. Chiara u. TilliNo Gravataram 6. Februar 2012 um 15:28 1

    Hallo, Wir finden Anna Schaffelhuber sehr Interrissant und wir würden gerne uns mal mit ihr in verbindung setzen.Es wer schön wenn sie uns mal zurück schreiben könnten.
    Liebe Grüße
    Chiara und Tilli

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