Studienschwerpunkt NaG

Interdisziplinärer Studienschwerpunkt NaG „Nachhaltige Gestaltung von Technik und Wissenschaft“

NaG ist ein interdisziplinäres Angebot an alle Studierenden, das als fachübergreifende Lehre, als Wahlmodul und/oder mit einem unabhängigen Zertifikat abgeschlossen werden kann.

 

Der Studienschwerpunkt ist seit Juli 2011 administrativ am Fachbereich 2 beheimatet und wird inhaltlich von einer interdisziplinären Gruppe von Lehrenden an der TU Darmstadt betreut, die sich im Rahmen ihrer Forschung für Verantwortung, Nachhaltigkeit und Sicherheit engagieren und sich für das Verhältnis von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft interessieren. iSPs

Worum geht's?

Niemand ist gegen Nachhaltigkeit … aber was bedeutet „Nachhaltigkeit“, wie setzt man sie um? Oder genauer für uns an einer TU: Wie sollen Technik und Wissenschaft nachhaltig gestaltet werden? Diese Frage wird verfolgt an Beispielen aus der aktuellen Forschung, die problemorientierte interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern: Plutoniumentsorgung lässt sich weder durch Physik, Politologie, Friedensforschung noch Ökonomie allein planen, Nanotechnologie und Gentechnik stellen Philosophie und Sozialwissenschaften vor grundsätzlich neue Fragen. Irgendwann werden Sie – als Naturwissenschaftler, Ingenieurinnen, Sozialwissenschaftler oder Ökonominnen – vor Entscheidungen stehen, die den Kurs für die weitere Entwicklung in einem Bereich von Wissenschaft und Technik mitbestimmen. Dann sind Kompetenzen nötig – die Reflexion der Bedingungen der eigenen Arbeit und interdisziplinäre Denkweise zum Beispiel – die Ihr bei NaG entwickeln könnt. Zur Orientierung ist NaG in drei Module (E,K & T) gegliedert, die abzudecken sind.

 
Submodul E
Exemplarische Veranstaltungen,
Submodul K
Konzeptionelle Veranstaltungen,
Submodul T
Theorie von Wissenschaft und Technik:
die beispielhaft anhand einer Technologie die Chancen, Risiken, Ambivalenzen und Gestaltungsalternativen untersuchen, z.B. Nanotechnologie oder Stammzellforschung. die Ansätze vorstellen und erproben, wie mit solchen Entscheidungslagen umzugehen ist, z. B.: Prospektives Technology Assessment, Kreislaufwirtschaft, Nachhaltige Entwicklung. Sozial- und Geisteswissenschaftliche Ansätze zur Analyse von Wissenschaft und Technik werden daraufhin untersucht, ob sie Gestaltungsperspektiven eröffnen, z.B. Wissenschaftsforschung und Transdisziplinarität.
 

Inhalte und der Gesamtumfang richten sich nach den eigenen Interessen und nach dem Umfang des Ne ben-/Austauschfaches der Studienordnung. Wer ein NaG-Zertifikat erwerben möchte, das unabhängig ist von diesen Reglungen, muss dafür insgesamt mindestens 16 ECTS belegen, davon mindestens 2 ECTS aus jedem Teilmodul und mindestens 10 ECTS benotet.

 

Das Konzept:

Was ist gemeint mit „Nachhaltiger Gestaltung von Technik und Wissenschaft“?

Technik und Wissenschaft

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt führt zu verschiedenen kritischen Entwicklungen: Neben-folgen, Ambivalenz, Risiko, Dual-Use und andere Problemtypen werden erkennbar. Diese Phänomene sind oft irreversibel, aber nicht zwangsläufig. Sie müssen im vorhinein – prospektiv – bedacht werden, um angemessen mit Technik und Wissenschft umzugehen, sie zu minimieren, auszugleichen oder ganz zu vermeiden. Oft können Alternativen in den Forschungsstrategien und den gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen gefunden werden, die zu deutlich unterschiedlichen Folgen und zu anderen Forschungslinien führen.

Was für ein Bild von Wissenschaft und Technik ist das? Die Forschungsdynamik ist kein Selbstläufer mehr. Bisher „rein“ innerwissenschaftliche Entscheidungen können zu Fragen von ethischer Relevanz werden. Entscheidungen müssen nicht mehr nur fachlich begründet sein, sondern müssen ihre gesellschaftliche Relevanz mit einbeziehen. Einen wesentlichen Schritt dazu stellt problemorientierte Interdisziplinarität dar, die durch das Zusammenführen verschiedener fachlicher Perspektiven ein breiteres Verständnis der zu vermeidenden oder zu lösenden Probleme erlaubt.

Nachhaltige Entwicklung

Neben der Richtigkeit und Angemessenheit sollen die Entscheidungen in Wissenschaft und Technik legitim sein: sie müssen transparent, demokratisch und an möglichst allgemein anerkannten Maßstäben orientiert sein. Als ein grundlegender Maßstab kann Nachhaltigkeit dienen. Es existieren verschiedene Interpretationen, was Nachhaltigkeit bedeuten, wie z.B. „Ausgleich zwischen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft“ oder „inner- und intergenerative Gerechtigkeit“. Wie sich solche grund-sätzlichen Forderungen – die immer eher als Orientierung und nicht als Zielpunkt zu verstehen sind – eignen, konkrete Entscheidungen zu treffen, ist noch offen. Für die Gestaltung von Technik und Wissenschaft bieten sie aber auf jeden Fall einen Ausgangspunkt, für jeden Einzelfall Kriterien zu formulieren, nach denen die Alternativen abgewogen werden können. In diesem Prozess gilt es aber, nicht den Kerngedanken der „Nachhaltigen Entwicklung“ aus den Augen zu verlieren, nämlich Möglichkeiten zu schaffen für eine menschenwürdigen Zukunft weltweit.

Gestaltung

Warum Gestaltung? Zwei andere oft verwendete Begriffe böten sich an, Entwicklung und Steuerung.

Entwicklung steht nicht ohne Grund im Leitbild „Nachhaltige Entwicklung“. Sie bezeichnet einerseits die Notwendigkeit, allen Weltteilen die Möglichkeit zu einer eigenen Entwicklung zu geben. Andererseits muss Nachhaltige Entwicklung immer einen langfristigen Prozess darstellen, Nachhaltigkeit kann nicht einen unveränderlichen Zustand beschreiben. Allerdings verleitet Entwicklung eher zu einber Vorstellung von Eigendynamik: Etwas, dass sich selbst entwickelt und dazu Raum, aber keine Eingriffe braucht.

Steuerung dagegen kommt aus der Vorstellung, dass sich der Fortschritt z.B. politisch steuern lässt, um ein gesetztes Ziel zu erreichen. Wissenschaft und Technik wären kalkulierbare Instrumente. Solche Versuche der vollständigen Steuerung scheiterten an der Eigendynamik der Wissenschaft und der offenheit ihrer Folgen, die sich der Planung entzog.

Gestaltung bezeichnet nun eine dritte Vorstellung. Die Eigendynamik der Wissenschaft, wie sie sich in beiden anderen Ansätzen zeigt, wird als Gestaltungsprozess ernst genommen und aktiv integriert in die Entscheidungsprozesse. Die Institutionen und Akteure der Wissenschaft werden in die Verantwortung mit einbezogen. Die Entscheidungen betreffen zugleich die gesellschaftliche Zukunft und die der Wissenschaft. Politik wird damit wissenschaftlicher, Wissenschaft politischer. Neu ist dabei nicht, dass in beiden Bereichen Entscheidungen getroffen werden, sondern dass die Entscheidungen aufeinander abgestimmt werden. Natürlich lässt sich so keine Gewissheit über die Folgen der Entscheidungen treffen, aber es besteht immerhin die Hoffnung, bessere und sozial robustere Entwicklungslinien einzuschlagen.

Nachhaltige Gestaltung von Technik und Wissenschaft

Technik und Wissenschaft sowohl als Gestalter als auch als Gestaltete zu begreifen ist die Prämisse dafür, diese Gestaltungsprozesse als zusammenhängend zu begreifen und an sie die Forderung nach Nachhaltiger Entwicklung zu stellen. Nachhaltige Gestaltung von Technik und Wissenschaft ist weniger ein beschreibender als ein programmatischer Ansatz.

 

Wie wird das Angebot anerkannt?

Die Regelungen zur Anerkennung sind in den Fachbereichen sehr unterschiedlich.

Je nach Studiengang ist eine Anerkennung möglich als:

  • Austauschfach (Diplom)
  • Nebenfach (Magister, Staatsexamen)
  • Wahlfach, Wahlpflichtfach (Diplom, Bachelor, Master)
  • Modul (Bachelor, Master)
  • fachübergreifende Lehre (alle Studiengänge)

Zusätzlich zur Anerkennung als Teil des Studiums kann auch ein

  • Zertifikat (alle Studiengänge, GasthörerInnen)

ausgestellt werden, um die Vertiefung angemessen zu dokumentieren. Das Angebot kann je nach Anforderungen von einigen wenigen bis etwa 20 SWS (ca. 80 ECTS in 3 Semestern) angepasst werden, auch inhaltliche Schwerpunktsetzungen sind dabei möglich (z.B. Betonung der Beispielfälle aus der Biologie oder Nähe zur Technikphilosophie).