FAKT

Berufskrankheit : Kritik an restriktivem Umgang mit Asbestose-Patienten

Asbestose-Patienten in Deutschland beklagen ein restriktives Vorgehen von Berufsgenossenschaften bei der Anerkennung einer Asbest-Verseuchung als Berufskrankheit. Nach Angaben des Bundesverbandes der Asbestose-Selbsthilfegruppen haben seit Mitte der 1990-er Jahre 130.000 Menschen Anträge auf die Anerkennung von Berufskrankheiten wegen Asbest gestellt. Nur knapp ein Viertel davon ist positiv beschieden worden. Verbandsvorstand Manfred Clasen sagte dem ARD-Magazin FAKT, damit würden die Betroffenen von den Berufsgenossenschaften "doppelt bestraft". Zum einen hätten diese dabei versagt, "den Gefahrstoff rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen".  Zum anderen müssten Erkrankte nun im Anerkennungsverfahren teilweise "eine sehr starke Tortur durchlaufen".

Zwei Männer tragen Asbestplatten.
Seit 1993 ist die Verwendung von Asbest als Baustoff in Deutschland verboten. Hier werden Dachplatten aus Asbest entsorgt.

Hintergrund ist die gesetzliche Vorgabe, dass Betroffene bei einem Antrag auf Anerkennung einer durch den Umgang mit Asbest hervorgerufenen Krankheit beweisen müssen, dass diese ihre Ursache in dem giftigen Stoff hat.

Nach Einschätzung des Hamburger Arbeitsmediziners Xaver Baur müssten viele der  abgelehnten Anträge anders entschieden werden. Gerade die Beschäftigung mit dem persönlichen Krankheitsverlauf der Betroffenen komme oft zu kurz, sagte der Direktor des Zentralinstituts für Arbeitsmedizin gegenüber FAKT.

Die Vizepräsidentin der Bremer Bürgerschaft, Silvia Schön, forderte eine Gesetzesänderung, mit der die Beweispflicht im Fall von Berufserkrankungen umgekehrt werden sollte. Demnach sollen Arbeitgeber künftig nachweisen, dass Beschäftigte nicht durch ihre jeweiligen Arbeitssituationen erkrankt sind. Zwar sei die Berufsgenossenschaft eine Selbstverwaltung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, so die Grünen-Politikerin bei FAKT. Es könne aber nicht sein, "dass die Menschen, die besonders krank sind, besonders stark sein müssen, um zu ihrem Recht zu kommen".

Asbest ist in den 1960-er bis 1980-er Jahren deutschlandweit massenhaft als Baustoff verwendet worden. Seit 1993 ist seine Verarbeitung und sogar der Import nach Deutschland verboten, nachdem seine Gefährlichkeit festgestellt wurde. Die feinen Asbest-Stäube können sich beispielsweise nach dem Einatmen in der Lunge festsetzen und Krebs auslösen. Die Erkrankung tritt jedoch oft erst viele Jahre nach dem Einatmen der Stäube auf.

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Berufskrankheit Asbestose

Schätzungsweise zwei Millionen Menschen haben in der DDR und der BRD regelmäßig mit Asbest gearbeitet. Die Auswirkungen merken sie aber oft erst jetzt, Jahrzente später.

03.06.2014, 21:45 Uhr | 08:14 min

Zuletzt aktualisiert: 03. Juni 2014, 22:32 Uhr

6. Pec:
Es dürften fast keine Baumaterialien aus den 50er bis 90er Jahren geben, in denen kein Asbest verarbeitet wurde. Schon 2011 wurde es flächendeckend in Spachtelmassen (für Wände und Fugen von Gipskartonplatten) gefunden. Ältere Wandfarbe, Fliesenkleber und Fußbodenbeläge können Asbest enthalten. Somit könnte jeder, der seine Wohnung schon mal selbst renoviert hat, eine krebsauslösende Dosis eingeatmet haben. Straßenbeläge können asbesthaltig sein. Das Abfräsen beim Straßenbau kann die Fasern freisetzen. Vielleicht sind die große Anzahl der Personen, die an Lungekrebs erkranken gar nicht alle durch das Rauchen erkrankt. Wer weiß das schon ...?
05.06.2014
19:33 Uhr
5. Klaus Kellner:
Silvia Schön wird bald ein Buch im Bremer KellnerVerlag herausgeben mit dem Titel "Asbest und das Leiden der Leute: Wir klagen an", in dem exemplarische Fälle und die Forderung nach Umkehr der Beweislast vielfältig dargestellt werden.
04.06.2014
17:49 Uhr
4. Monika Rudiger:
Wir bekamen vor 4 Monaten, die Nachricht, dass mein Mann Asbestkrebs hat, 2 Tumore. Seither kämpfen wir 24 Stunden am Tag dagegen. Ich wüsste nicht, wo ich die Kraft des Kämpfens der Anerkennung der grausamen Krankheit hernehmen sollte! Mein Mann kann das schon gar nicht. An seinem Arbeitsplatz war es in den höheren Etagen schon damals bekannt das mit Asbest gearbeitet wurde, aber so ist das!! Von wem bekommen wir Unterstützung????? MfG. M.Rudiger
04.06.2014
17:02 Uhr
3. Christiano:
Die gesetzliche Unfallversicherung entwickelte sich vom Sozialversicherungsträger zu einer Gewinn orientierten Versicherungs-AG. Seit drei Jahren kämpfe ich nach einer Vergiftung mit Tonerstaub aus einer defekten Laserdruckerpatrone um eine Entschädigung. Da werden auch Vorerkrankungen zu einem Leistungsauschluss herangezogen. In 2012 hat das Bremer Umweltinstitut in einer Untersuchung von Laserdruckern im Normalbetrieb Ultrafeinstaubpartikel (UFP) gemessen, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Bei mir wurde ein halbes Jahr später Fibromyalgie diagnostiziert, die als Ursache Umwelteinflüsse haben kann. Aus den letzten zehn Jahren sind mir allein im Kollegenkreis über ein halbes Dutzend Krebsfälle, auch mit Todesfolge, bekannt. Aber bislang kommen von der BG nur Empfehlungen zum Aufstellen der Laserdrucker. Messungen oder Verbote folgen wahrscheinlich erst in 50 Jahren, da auch das Bundesamt für Arbeitschutz Zahlen von gestern präsentiert.
04.06.2014
10:21 Uhr
2. Ernst Werner:
Sehr geehrte Damen und Herren, zu dem Thema Asbest passt wunderbar der Bericht im Magazin der ETEM von Christian Sprotte, Pressesprecher der BG ETEM (etem Heft 2.2014 Seite 5 -Elektro, Feinmechanik) Anmerkung: rein rechnerisch betreut 1 Mitarbeiter(in) ca. 19.230 Menschen Somit kann sich jeder selber überlegen, wieviel Zeit der Mensch von den Mitarbeiter(in) in Anspruch nehmen darf Ich bin selbst einer jener Menschen die mit Asbest in Berührung gekommen ist, ich werde regelmäßig bei TüV Süd in Augsburg gecheckt. Allerdings ist nicht jede Untersuchung freiwillig durch die BG, manche müssen von mir angefordert werden. Mit freundlichem Gruß und weiter berichten Ernst Werner
04.06.2014
09:43 Uhr
1. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.:
"Es könne aber nicht sein, "dass die Menschen, die besonders krank sind, besonders stark sein müssen, um zu ihrem Recht zu kommen"." - DAS ist klassisches GESCHWÄTZ: Es kann nicht nur sein - es IST vor allem seit vielen vielen Jahren genau SO. Was die Frage aufwirft, welche Politiker, welche Parteien dagegen etwas unternommen haben? Antwort: Niemand und keiner. Und woher kennen wir das? Abgesehen von Dutzenden anderer "Industriegesellschaftskrankheiten" kennen wir das in voller Härte z.B. aus dem Fall Lindan in NRW. Deswegen ist es einfach nur zum K@tzen, wenn eine Politikerin mit Worthülsen um sich wirft, statt konkrete Abhilfe zu diskutieren. Davon abgesehen ist das nicht der einzige Fall, in dem die BG's Erkrankungen mit leichter Hand als nicht berufsbedingt definieren. Darunter sind wahrhaft absurde Fälle.
04.06.2014
00:29 Uhr

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