Arbeitsunfall: Absicherung Verlässliche Berufsgenossenschaft?


Buch: Arbeitsunfall und Berufskrankheit

Arbeitsunfall: Absicherung

Verlässliche Berufsgenossenschaft?

(07:01)

Montag, 16. März 2015, 21.00 - 21.45 Uhr

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Montag, 16. März 2015, 21.00 - 21.45 Uhr

Dass man nach einem Arbeitsunfall abgesichert ist, gehört zu den großen Errungenschaften in Deutschland. Doch was, wenn die Berufsgenossenschaft die Zahlung verweigert, teilweise mit abstrusen Begründungen? Kein Einzelfall: Selbst Richter monieren, dass Verfahren vor den Sozialgerichten verschleppt werden – mit schlimmen Folgen für die Betroffenen.


Buch: Arbeitsunfall und Berufskrankheit
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Zum Thema Arbeitsunfall gibt es dicke Bücher - denn sowohl rechtlich als auch medizinisch gibt es einiges zu beachten.

Damir Ivcek hat kein Gefühl mehr im linken Unterarm, seine linke Hand kann er nicht mehr voll benutzen. Der Installateur aus Düsseldorf erlitt vor knapp eineinhalb Jahren einen Arbeitsunfall. Seitdem ist er beruflich kaltgestellt.

Es passierte Ende Oktober 2013: Damals – sagt Ivcek – hätten sie eine schwere Duschabtrennung aus Glas abgeladen. Der Chef – auf dem Wagen – schob, Ivcek zog hinten. "Als der Chef dann rumging, damit wir sie ganz rausziehen konnten, da hatte ich kurzfristig mit der Hand losgelassen, um mal kurz zu entspannen, und da hat diese Scheibe Übergewicht bekommen", erzählt der Installateur. Er habe das zentnerschwere Glas mit aller Kraft abgefangen, sagt Ivcek – und riss sich dabei die Bizepssehne ab. Ein Arbeitsunfall – könnte man meinen.

"Abgefangen" oder "angehoben"? Der juristische Unterschied

Für solche Unfälle zuständig: die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU). Sie lehnt allerdings die Heilbehandlung ab – und bestreitet sogar, dass es einen Unfall gegeben habe, denn: Im Bericht des behandelnden Arztes sei von einer Verletzung "beim Anheben einer Glasscheibe" die Rede. Doch bewusstes Anheben ist für Juristen kein Unfall. Damir Ivcek versichert, er habe die stürzende Scheibe abgefangen und eben nicht angehoben.


Ein Verwaltungsgebäude der Beufsgenossenschaft der Bauwirtschaft in München.
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Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft - hier ein Verwaltungsgebäude in München - sieht sich nicht in der Pflicht, für den Damir Ivcek entstandenen Schaden zu zahlen.

Die Anwältin Miriam Battenstein kennt solche Differenzen zwischen Unfallschilderung des Opfers und des Arztes. Gestresste Ärzte, traumatisierte Patienten – dies führe oft zu Ungenauigkeiten mit teils fatalen Folgen. "Ein großes Problem ist, dass die Durchgangsarzt-Berichte häufig Versionen des Unfallgeschehens vorhalten, worauf sich die Berufsgenossenschaft durch alle Instanzen beruft – ohne dem Rechnung zu tragen, dass der Unfall sich ganz anders ereignet haben kann als der Durchgangsarzt das festgehalten hat", sagt die Juristin.  

Dabei sind die gesetzlichen Unfallversicherer nicht nur für Heilbehandlung, Reha und Unfallprävention zuständig – sie müssen den Hergang eines Arbeitsunfalls auch umfassend ermitteln, wie Anwältin Battenstein erklärt: "Die Berufsgenossenschaft muss von Amts wegen alles prüfen, was um den Arbeitsunfall von Bedeutung ist, also der Hergang des Arbeitsunfalles, dessen Folgen und alle Beweismittel, die greifbar sind." 

Wie umfassend kümmert sich die BG BAU um Aufklärung?

Ivceks Chef Addi Kloppenburg hätte bei der Aufklärung des Unfalles helfen können, denn er war dabei. Auch er versichert: Damir Ivcek habe die Scheibe nicht angehoben. Seine Versuche, mit der Berufsgenossenschaft ins Gespräch zu kommen, hätten nicht weitergeführt, sagt Kloppenburg. Wie umfassend hat die BG BAU den Unfallhergang also tatsächlich ermittelt? Hat sie je Zeugen gehört oder sich allein auf den strittigen Bericht des Durchgangsarztes verlassen? markt fragt nach. Doch mit Hinweis auf das laufende Verfahren äußert sich die BG BAU dazu nicht.

Addi Kloppenburg macht das Verhalten der BG BAU wütend: "Wenn ich sehe, was mit Herrn Ivcek passiert, wie mit ihm verfahren wird, wie unverschämt er letztendlich behandelt wird, habe ich mir gesagt: Also hier muss Schluss sein, solche Leute, solche Vereine kann man nicht auch noch fördern." Kloppenburg kündigt bei der Berufsgenossenschaft und Damir Ivcek legt Widerspruch gegen die Ablehnung seines Falles ein. Vier Monate später schreibt die Berufsgenossenschaft, der Widerspruch werde "als unbegründet zurückgewiesen".

Zermürbende Gerichtsverfahren

Damir Ivcek bleibt nur die Klage vorm Sozialgericht. Das Sozialgericht beauftragt zwei Gutachten. Bis die vorliegen, vergehen weitere vier Monate. Immerhin: Sie stützen die Unfall-Version von Damir Ivcek. Doch die Berufsgenossenschaft gibt nicht nach: Sie beauftragt ein weiteres Gutachten, das die beiden ersten Gutachten begutachten soll.


An einem Gebäude steht: "Arbeitsgericht, Sozialgericht, Verwaltungsgericht",
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Wenn sich Berufsgenossenschaften und Geschädigte nicht einigen, treffen sie sich meist vor Sozialgerichten wieder.

Das passt zur Erfahrung von Jürgen Borchert. Er ist einer der profiliertesten deutschen Sozialrichter und hat über viele Jahre Erfahrungen mit strittigen Arbeitsunfällen gesammelt. "Da ist sehr, sehr auffallend, vor allem in den letzten Jahren, dass wir kaum noch Gutachten einholen können von den Sozialgerichten, ohne dass die Berufsgenossenschaft mit ihren Vertragsärzten Gegengutachten erstellen lässt." Das zwinge zu endlosen Ermittlungen. Auch wenn die Geschädigten am Ende siegen, gingen sie aus den Verfahren häufig beschädigter heraus, als sie hineingegangen sind, so Jürgen Borchert.

Der Kampf geht weiter

Damir Ivcek ist kein Einzelfall. Während unserer Recherchen melden sich viele Menschen, die sich – scheinbar machtlos – einem Apparat aus Versicherungsprofis und Ärzten gegenüber sehen. Hat die Verweigerung also System? Ziehen sich Berufsgenossenschaften, wo nur möglich, zurück? Die BG BAU findet diesen Vorwurf empörend. Sie schreibt: "Diese Kritik weisen wir entschieden zurück. (...) Im Fokus unserer Arbeit (...) steht stets der einzelne Versicherte, dem wir zur optimalen Rehabilitation und beruflichen Wiedereingliederung unsere Leistungen gewähren."

Der Kampf macht Damir Ivcek langsam mürbe: Seine Krankenkasse zahlte zwar die OP der Bizepssehne, aber seit der Operation ist sein linker Unterarm taub – ein Nervenschaden. Er ist überzeugt: Hätte die BG seinen Fall direkt übernommen – wäre er mit seiner Reha heute viel weiter.

Vor kurzem bekam Damir Ivcek ein Vergleichsangebot der Berufsgenossenschaft: Eineinviertel Jahre nach dem Unfall erkennt sie den Arbeitsunfall an, aber zahlen will sie nur für acht Wochen – nur für die kaputte Bizepssehne. Kein Wort von dem geschädigten Nerv im Arm. Sein Kampf, sagt Ivcek, sei wohl noch nicht zu Ende.

Autor: Herbert Kordes



Stand: 11.03.2015, 16.54 Uhr



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