Eine unglückliche Ehe?

Über­legun­gen zum Ver­hält­nis von Geschlecht und Arbeit

Im Vor­feld der Ver­anstal­tung am Dien­stagabend im Ban­dito Rosso in Berlin, bei der ich zum Ver­hält­nis von Marx­is­mus und Fem­i­nis­mus sprach, veröf­fentlichte ich bei linksunten.indymedia eine Kri­tik des „biol­o­gis­tis­che Essen­tial­is­mus“, der die „marx­is­tis­che Erk­lärung der geschlechtsspez­i­fis­chen Arbeit­steilung“ kennzeichnet.

In meinem Text zitierte ich unter anderem die berühmte Stelle in der Deutschen Ide­olo­gie, in der Marx und Engels ihre sein­erzeit­ige Utopie der Aufhe­bung der Arbeit­steilung durch per­ma­nente Arbeit­splatzro­ta­tion entwer­fen. Die „kom­mu­nis­tis­che Gesellschaft“ sei eine Gesellschaft, „wo nicht Jeder einen aus­schließlichen Kreis der Tätig­keit hat, son­dern sich in jedem beliebi­gen Zweig aus­bilden kann, die Ge­sellschaft die all­ge­meine Pro­duk­tion regelt und mir dadurch möglich macht, heute dies, und mor­gen jenes zu tun, mor­gens zu ja­gen, nachmit­tags zu fis­chen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Es­sen zu kri­tisieren, wie ich ge­rade Lust habe, oh­ne je Jä­ger, Fi­scher, Hirt oder Kri­tiker zu wer­den.“ (MEW 3, 33).

Auf­fäl­lig an dieser Aufzäh­lung von Tätigkeiten, die die Män­ner Marx und Engels im Kom­mu­nis­mus gerne ausüben möchten, ist allerd­ings, daß jene üblicher­weise weib­lich kon­notierten Arbeiten fehlen, die Friedrich Engels einige Jahrzehnte später in etwas anderem Kon­text im Der Ursprung der Fam­i­lie, … nen­nen wird: „Zuberei­tung der Nahrung und Klei­dung, kocht, näht, webt“ (MEW 21, 155). Das Kochen, nähen und weben reizte die bei­den Begrün­der des His­torischen Mate­ri­al­is­mus anscheinend nicht so…

Im Zusam­men­hang mit meiner Kri­tik hat nun sys­tem­crash in seinem Blog die Frage aufge­wor­den (und sie wohl implizit bejaht), ob eine geschlechtsspez­i­fis­che Arbeit­steilung möglich ist, die nicht zugle­ich hier­ar­chisch ist (1). Und ich selbst möchte diese Frage dahinge­hend ergänzen, ob denn über­haupt eine Arbeit­steilung möglich ist, die nicht hier­ar­chisch ist.

Meine Ergänzungs­frage möchte ich beja­hen. Oder zumin­d­est hof­fen, daß es möglich ist, sie zu beja­hen. Denn mir scheint das ein­gangs zitierte Arbeitsplatz-​Rotations-​Modell nicht beson­ders real­is­tisch zu – beim dama­li­gen Stand der beru­flichen Spezial­isierun­gen schon nicht (auch indus­trielle Tätigkeiten kom­men in der ‚roman­tis­chen’ Aufzäh­lung von Marx und Engels beze­ich­nen­der­weise nicht vor) und heute erst recht nicht.

Mir scheint wenig wahrschein­lich, daß eine Per­son – sei es eine Frau, ein Mann oder habe sie im Kom­mu­nis­mus kein Geschlecht – heute Vor­mit­tag Hüftgelenks-​Operationen erfol­gre­ich aus­führt, heute nach­mit­tag eine neue Computer-​Generation entwick­elt und mor­gen vor­mit­tag inno­v­a­tive Musik komponiert.

Wegen der Arbeit­spro­duk­tiv­ität und damit wegen des Wohl­standes, die bzw. den Spezial­isierung ermöglicht, möchte ich auf sie ungern verzichten, und ich hoffe doch sehr, daß sie auf nicht-​hierarchische Weise möglich ist.

Ein­fach dürfte das allerd­ings nicht wer­den, da sich schnell Hier­ar­chien von pla­nen­den und aus­führen­den Tätigkeiten ein­stellen; da neu aufk­om­mende Tätigkeiten vielle­icht als beson­ders anspruchsvoll gel­ten und längst einge­bürgte als „einfach“.

Auf alle Fälle möglich und anstrebenswert erscheint mir, daß tat­säch­lich ein­fache Tätigkeiten, deren Ausübung keine lange Aus­bil­dung benötigt und die sich trotz­dem nicht automa­tisieren lassen, auf alle Indi­viduen gle­ich­mäßig verteilt wer­den – zumin­d­est, soweit sie den meis­ten Men­schen als unan­genehm gelten.

Um ein etwas ein­facheres Beispiel als eine etwaige kün­ftige kom­mu­nis­tis­che Welt­ge­sellschaft zu nehmen: Stellen wir uns eine poli­tis­che oder Gew­erkschafts­gruppe vor, wie wir sie alle kennen…

  • Wenn die Akademik­erIn­nen in der Gruppe die Flug­blät­ter schreiben und die anderen sie verteilen, dann ist das ein ein­deutiger Fall von hier­ar­chis­cher Arbeit­steilung. Die einen führen (ide­ol­o­gisch) und die anderen führen aus.
  • Wenn die Texte kollek­tiv geschrieben wer­den, aber sich die einen um Verteilung der Texte auf Papier und die anderen um deren Ver­bre­itung im inter­net küm­mern, dann dürfte dies noch keine – oder jeden­falls nicht notwendi­ger­weise eine – hier­ar­chis­che Arbeit­steilung sein. Allerd­ings kann sich daraus schnell ein Macht­ge­fälle durch ein Gefälle an Tech­nikkom­pe­tenz entwickeln.
  • Wenn in dieser Gruppe die weißen, deutschen Män­ner die Flug­blät­ter zu den The­men schreiben, die als „all­ge­mein rel­e­vant“ gel­ten; aber Frauen bzw. Schwarze bzw. MigrantInnen/​Geflüchte nur Texte zu The­men, von denen sie als „betrof­fen“ gel­ten, dann ist dies eine hier­ar­chis­che Arbeitsteilung.
  • Eben­falls um eine hier­ar­chis­che Arbeit­steilung han­delt es sich, wenn sich immer nur bes­timmte Grup­pen­mit­glieder um das Putzen des Raumes, in dem das Tre­f­fen stat­tfand, küm­mern, während die anderen beim Bier schon die Tage­sor­d­nung für das näch­ste Tre­f­fen ausklüngeln.
  • Wenn es dage­gen Spezial­istIn­nen gibt, von denen die Einen Texte zu Rechts-​, die Anderen zu Ökologie-​Themen, die Drit­ten zu ökonomis­chen und die Vierten zu mil­itärischen The­men entwer­fen, aber dann eine ern­sthafte und gründliche gemein­same Diskus­sion und ggf. Kor­rek­tur der Entwürfe erfolgt, dann dürfte dies keine hier­ar­chis­che Arbeit­steilung sein.

Geschlechtliche Arbeit­steilung

Aber kom­men wir zu dem Thema, das Anlaß für die Inter­ven­tion des Genossen sys­tem­crash war: das Kinder bekom­men, das Stillen und das Kinder erziehen.

Gen. sys­tem­crash macht in Bezug auf frühe Gesellschaften gel­tend: „in der welt der dekro­n­struk­tivis­tis­chen fem­i­nis­tiker mag natür­lich eine schwan­gere frau (die vlt auch noch ein paar kinder im kleinkin­dal­ter hat [auch wenn kinder­be­treu­ung vlt kollek­tiv in grösseren grup­pen organ­isiert war]; ver­hü­tung gabs ja wahrschein­lich keine?!?) auch noch auf die jagd gehen und acker­bau– und viehzucht betreiben, aber in der realen welt musste es zu einer arbeit­steilung nach geschlecht kom­men, die tat­säch­lich die frau mehr an die hausar­beit (‚imma­nenz’*) und den mann mehr auf aushäusige tätigkeiten (‚tran­szen­denz’*. dies sind begriffe, die Simone de Beau­voir ver­wen­det in ihrer schrift ‚das andere geschlecht’) fes­tlegte.“ (2)

Und er fügt hinzu: Dies sei „keineswegs eine fes­tle­gung des sozialen sta­tus von frauen als sub­al­tern [gewe­sen], wie das dann später im zuge der entste­hung von klas­sen­ge­sellschaften geschah“ (3). Und: „dass män­ner zeu­gen und frauen kinder gebären, ist nun mal eine biol­o­gis­che tat­sache […] (retorten­babys will ja hof­fentlich keine/​r)“ (4).

Lassen wir an dieser Stelle mal bitte die marx­is­tis­che Par­al­lelisierung von Sub­al­ternisierung von Frauen und Entste­hung von Klas­sen­ge­sellschaften bei­seite – auch von dieser These bin ich alles andere als überzeugt (5) – und konzen­tri­eren uns auf die Kinder– und die Arbeit­steilungs­frage und die Frage nach dem Ver­hält­nis von Biol­o­gis­chem und Gesellschaftlichem.

1. Fan­gen wir mit dem an, was dem Gen. sys­tem­crash als das Selb­stver­ständlich­ste erscheint – näm­lich, daß „män­ner zeu­gen und frauen kinder gebären“. Ja, einige Män­ner zeu­gen Kinder und einige Frauen gebären.

Und ich teile die Ver­mu­tung des Gen. sys­tem­crash, daß in frühen Gesellschaften kaum Möglichkeiten bestanden, dies zu steuern („ver­hü­tung gabs ja wahrschein­lich keine“). Aber schon, daß es keine Ver­hü­tung gab, ist ja keine biol­o­gis­che Grenze der men­schlichen Erken­nt­nis– und Inno­va­tions­fähigkeit, son­dern die Pro­duk­tion von Erken­nt­nis­sen und daraus fol­gen­den tech­nis­chen und tech­nol­o­gis­chen Inno­va­tio­nen ist gesellschaftlich – und nicht biol­o­gisch. – Genauso (um auf ein anderes tech­nis­ches bzw. medi­zinis­ches Niveau zu sprin­gen): die Möglichkeit von Retorten­schwanger­schaften, zu nutzen oder auszuschla­gen. Etwas zu ‚wollen’ oder nicht zu ‚wollen’, ist gesellschaftlich, nicht biologisch.

Außer­dem: Ja, ohne Ver­hü­tungsmöglichkeiten dürften die meis­ten Män­ner Kinder zeu­gen und die meis­ten Frauen Kinder gebären. Manche wer­den aber schon in frühen Gesellschaften zeu­gungs– bzw. gebärun­fähig gewe­sen sein. Auch an diesem Punkt sehen wir wieder, was ich schon in meiner Rep­lik bei scharf-​links (6) auf sys­tem­crash zu anderen Punk­ten gezeigt habe: Die Geschlecht­szuord­nung ist – wenn wir die Biolo­gie ern­st­nehmen! – bei weitem nicht so ein­deutig, wie es dem All­t­agsver­stand erscheint: Gebär­fähigkeit ist nicht das Kri­terium für die Zuord­nung zum Geschlecht „Frauen“! Vie­len Frauen sind gebär­fähig; einige sind es nicht. Und entsprechend in Sachen Män­ner und Zeugungsfähigkeit.

Und hinzukommt, falls ich einen großen Sprung von den frühen Gesellschaften ins 21. Jahrhun­dert machen darf: Nach neuerer Recht­sprechung des Bun­desver­fas­sungs­gerichts müssen sich Trans­sex­uelle nicht mehr in ihrem Aus­gangs­geschlecht unfrucht­bar machen lassen, um das Geschlecht wech­seln zu dür­fen. Das heißt: Es gibt nun Men­schen mit dem staatlich anerkan­nten Per­so­n­en­stand „Frau“, die zeu­gen kön­nen, und Men­schen mit dem staatlich anerkan­nten Per­so­n­en­stand „Mann“, die gebären kön­nen. (7)

2. Zu unter­schei­den sind die Fähigkeit – die tat­säch­lich biol­o­gisch deter­miniert ist – und das Tun (das Nutzen dieser Fähigkeit), was sozial ist.

3. Ich bin mir nicht sicher, ob es sin­nvoll ist, das Zeu­gen und Gebären von Kindern als Zeu­gungs– und Gebärarbeit zu beze­ich­nen. – Aber ja, falls wir Zeu­gen und Gebären als „Arbeit“ beze­ich­nen wollen, stimme ich dem Genossen sys­tem­crash zu: Daß viele Men­schen Kinder zeu­gen und andere (eben­falls: viele) sie gebären, bedeutet nicht notwendi­ger­weise eine Hier­ar­chie; nicht notwendi­ger­weise ein Herrschaftsverhältnis.

Herrschaft beginnt aber bspw., wenn Men­schen, weil sie Sperma pro­duzieren, die gesellschaftliche Erwartung aufer­legt wird, Kinder zu zeu­gen, bzw. wenn Men­schen, weil sie eine Vagina haben, die Erwartung aufer­legt wird, Kinder zu gebären.

4.a) Es mag auch sein, daß sich die – in frühen Gesellschaften sich wahrschein­lich unver­mei­dlich an das Gebären anschließende – Tätigkeit des Stil­lens auf eine Weise organ­isieren läßt, die keine hier­ar­chis­che Arbeit­eilung ist. – Das hängt davon ab, wie die Tätigkeit des Stil­lens und wie die anderen Tätigkeiten gesellschaftlich bew­ertet wer­den; und wie das Gesamtvol­u­men an Arbeit auf Per­so­nen, die stillen, und Per­so­nen, die nicht stillen, verteilt ist.

b) Dieser Punkt scheint ja auch gar nicht strit­tig zu sein, zu sein – jeden­falls zwis­chen dem Marx­is­mus und vie­len Fem­i­nistin­nen. Denn auch Friedrichs Engels ging ja davon aus, daß dem Patri­ar­chat eine Gesellschafts­form voraus­ging, die nicht-​patriarchal war (sei sie nun ein „Matri­ar­chat“ gewe­sen, spiegel­bildlich zu den späteren Patri­ar­chaten, oder eine weit­ge­hend geschlechtere­gal­itäre Gesellschaft [falls das denn geht: Exis­tenz, aber Gle­ich­heit von Geschlechtern – und das nicht genauso unmöglich ist, wie Exis­tenz, aber Gle­ich­heit von Klassen]).

5. Die große Frage scheint mir zu sein: Wie weit kann geschlechtliche (oder jede andere) Arbeit­steilung aus­ge­baut wer­den, ohne daß sie in die eine andere Rich­tung zu einer Hier­ar­chisierung wird?

Rein logisch würde ich sagen: Beliebig weit. Logisch spricht nichts dage­gen, daß es möglich ist, daß Unter­schiede bew­er­tungsneu­tral bestehen.

Prag­ma­tisch zeigt sich aber, daß Unter­schiede auch bew­ertet wer­den, und daß Unter­schei­dun­gen ger­ade getrof­fen wer­den, um Bew­er­tung vornehmen zu kön­nen – und das gilt ger­ade dann, wenn es nur um zufäl­lige Unter­schiede zwis­chen Indi­viduen geht, son­dern um Unter­schiede zwis­chen großen gesellschaftlichen Grup­pen, die fol­glich für die gesellschaftliche Struk­tur rel­e­vant sind. Insofern würde ich Corinna Gen­schel (8) zus­tim­men: In der gesellschaftlichen Praxis dienen „Her­stel­lungsver­fahren von ‚dem Anderen‘ Aus­gren­zungsmech­a­nis­men als Legitimationspraktiken.“

6. Allerd­ings ist ja zwis­chen Fem­i­nistin­nen und Marx­is­mus gar nicht umstrit­ten, daß die geschlechtliche Arbeit­steilung zu irgen­deinem Zeit­punkt und aus Grün­den, die sehr wohl umstrit­ten sind, hier­ar­chisch wurde. Engels und Lenin sagen es sehr deut­lich: Die „Hausar­beit der Frau ver­schwand jetzt neben der Erwerbsar­beit des Mannes; diese war alles, jene eine unbe­deu­tende Beigabe.“ (MEW 21, 158). „Sie [Die Zuhören­den] alle wis­sen, daß diese fak­tis­che Unter­drück­ung der Frau auch bei völ­liger Gle­ich­berech­ti­gung beste­hen­bleibt, weil die gesamte Hauswirtschaft ihr aufge­bürdet wird. Die Hauswirtschaft ist in den meis­ten Fällen die unpro­duk­tivste, die bar­barischste und schw­er­ste Arbeit, die die Frau ver­richtet.“ (LW 30, 26).

Das Bemerkenswerte, an dem ich in meinem Artikel bei linksunten.indymedia (9) Anstoß genom­men hatte, ist ja ger­ade, daß Engels und Lenin den hier­ar­chis­chen Charak­ter der geschlechtlichen Arbeit­steilung erkan­nten, aber sie trotz­dem nat­u­ral­isierten – obwohl doch für jeden Marx­is­ten und jede Marx­istin Hier­ar­chie (10) = Herrschaft = Gesellschaft heißt (wenn es denn nicht ger­ade um das Geschlechter­ver­hält­nis geht…).

Oder anders gesagt: Ich hatte kri­tisiert, daß der Marx­is­mus die geschlecht­shier­ar­chis­che Arbeit­steilung nat­u­ral­isiert (indem er vom Gebären auf’s Kinder erziehen, Kochen, Nähen, Weben usw. schließt [11]). Dage­gen ist sys­tem­crashs Hin­weis, daß es auch nicht-​hierarchische For­men von Arbeit­steilung geben kann, gar kein Ein­wand – son­dern glatt an meinem Argu­ment vorbeigeschrieben.

Ich bin ges­pannt, ob sich andere Marx­istIn­nen entweder zu einer überzeu­gen­den Vertei­di­gung der von mir kri­tisierten marx­is­tis­chen The­o­rie der „Frauen­frage“ (12) oder aber zu einer selb­stkri­tis­chen Kor­rek­tur des Marx­is­mus aufschwingen…

PS.:

sys­tem­crash schreibt – wie oben schon zitiert –: „in der realen welt musste es zu einer arbeit­steilung nach geschlecht kom­men, die tat­säch­lich die frau mehr an die hausar­beit […] und den mann mehr auf aushäusige tätigkeiten […] festlegte.“

Aber was heißt „musste“?! – Es gibt auch Gründe, warum auf den Zusam­men­bruch des Römis­chen Kaiser­re­iches nicht sogle­ich der Kom­mu­nis­mus fol­gte (und bis heute immer noch nicht gefolgt ist), son­dern erst ein­mal die feu­dale und kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise herrschend wur­den und die ‚real-​sozialistischen’ Gesellschafts­for­ma­tio­nen mit ziem­lich vie­len und ungelösten Prob­lem und Fehlentschei­dun­gen zu kämpfen hat­ten. – Aber deshalb ist die bish­erige Nicht-​Existenz einer kom­mu­nis­tis­chen Welt­ge­sellschaft keine ‚biol­o­gis­che Notwendigkeit’!

Und es mag sein, daß eine bes­timmte (auch geschlechtliche!) Arbeit­steilung auf bes­timmte natür­liche Umstände reagiert, aber dies ändert nichts daran, daß es eine – wie bewußt oder wie plan­los sie auch immer erfol­gte – gesellschaftliche Antwort ist, die mit diesen und jenen Vor– und Nachteilen ver­bun­den ist, und die prinzip­iell auch anders (mit einer anderen Mis­chung von Vor– und Nachteilen) getrof­fen wer­den kann.

Welche ‚gesellschaftlichen Reak­tio­nen’ sich zu einem bes­timmten his­torischen Zeit­punkt durch­set­zen, hängt vom jew­eili­gen Stand der gesellschaftlichen Erken­nt­nis­pro­duk­tion sowie dem Stand der poli­tis­chen, ökonomis­chen, ide­ol­o­gis­chen, mil­itärischen usw. Kämpfe (also vom jew­eili­gen gesellschaftlichen Kräftev­er­hält­nis) ab. – Das sollte Marx­istIn­nen nicht unbekannt sein; und es gilt für das Geschlechter­ver­hält­nis genauso, wie für die Klassenverhältnisse.

(1) „diese unter­schei­dung [zwis­chen „geschlechtsspez­i­fisch“ und „geschlecht­shier­ar­chisch“] und ist insofern wichtig, als geschlecht­shier­ar­chisch auf ein herrschaftver­hält­nis ver­weist; geschlechtsspez­i­fisch KÖN­NTE AUCH einen ‚neu­trale’ bedeu­tung haben, wenn man akzep­tieren würde, dass die geschlech­ter­dif­ferenz sowohl kul­turelle ALS AUCH biol­o­gis­che aspekte (ver­schränkung von biosphäre und noospäre) hat und man dies im (re)produktionsprozess und sozialleben dementsprechend auch berück­sichti­gen kön­nte (ohne das dies eine herrschaft­shier­achie begrün­det). aber genau diesen umstand leug­nen ja die dekon­struk­tivis­ten, da bei ihnen alles ‚soziales kon­strukt’ ist.“ (https://​sys​tem​crash​.word​press​.com/​2015​/​03​/​06​/​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​r​-​m​a​t​e​r​i​a​l​i​s​m​u​s​-​h​e​i​s​s​t​-​n​i​c​h​t​-​d​a​s​s​-​e​s​-​k​e​i​n​e​-​b​i​o​l​o​g​i​e​-​i​n​-​m​e​n​s​c​h​l​i​c​h​e​n​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​e​n​-​g​a​b​e​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​5343)

(2) https://​sys​tem​crash​.word​press​.com/​2015​/​03​/​06​/​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​r​-​m​a​t​e​r​i​a​l​i​s​m​u​s​-​h​e​i​s​s​t​-​n​i​c​h​t​-​d​a​s​s​-​e​s​-​k​e​i​n​e​-​b​i​o​l​o​g​i​e​-​i​n​-​m​e​n​s​c​h​l​i​c​h​e​n​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​e​n​-​g​a​b​e​/

(3) ebd.

(4) ebd.

(5) https://​linksun​ten​.indy​media​.org/​d​e​/​s​y​s​t​e​m​/​f​i​l​e​s​/​d​a​t​a​/​2015​/​03​/​8110432065​.​p​d​f, S. 11, 13 f.

(6) http://scharf-links.de/51.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=50369&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=0144cdb2ce

(7) Pressemit­teilung des Gerichts: http://​www​.bun​desver​fas​sungs​gericht​.de/​S​h​a​r​e​d​D​o​c​s​/​P​r​e​s​s​e​m​i​t​t​e​i​l​u​n​g​e​n​/​D​E​/​2011​/​b​v​g​11​-​007​.​h​t​m​l; Beschluß des Gerichts im Voll­text: http://​www​.bun​desver​fas​sungs​gericht​.de/​e​n​t​s​c​h​e​i​d​u​n​g​e​n​/​r​s​20110111​_​1​b​v​r​329507​.​h​t​m​l. – Auch diese Entschei­dung bleibt allerd­ings (noch) einem essen­tial­is­tis­chen Geschlechter­mod­ell ver­haftet – und ist außer­dem juris­tisch schlecht begrün­det. Bei­des zu zeigen, würde allerd­ings den Rah­men des vor­liegen­den Artikels sprengen.

(8) Corinna Gen­schel, Fear of Queer Planet: Dimen­sio­nen lesbisch-​schwuler Gesellschaft­skri­tik, in: Das Argu­ment H. 216, 4/​1996, 525537 (529).

(9) https://​linksun​ten​.indy​media​.org/​d​e​/​n​o​d​e​/​136750.

(10) Zu beto­nen ist im übri­gen noch, daß „Hier­ar­chie“ hier nicht im Sinne einer beziehungslosen Schich­tung, son­dern im Sinne eines (Herrschafts)Ver­hält­nisses zwis­chen gesellschaftlichen Grup­pen zu ver­ste­hen ist.

(11) Siehe die in meinen linksunten-​Artikel ange­führten Zitate zahlre­icher marx­is­tis­cher KlassikerInnen.

(12) http://​the​o​rieal​spraxis​.blogsport​.de/​2015​/​03​/​08​/​w​a​r​u​m​-​d​i​e​-​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​f​r​a​u​e​n​f​r​a​g​e​-​k​e​i​n​e​-​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​-​m​a​t​e​r​i​a​l​i​s​t​i​s​c​h​e​-​a​n​a​l​y​s​e​-​d​e​s​-​g​e​s​c​h​l​e​c​h​t​e​r​v​e​r​h​a​e​l​t​n​i​s​s​e​s​-​i​s​t​/

Kom­mentare

0 # Antwort auf DGSsys­tem­crash 2015-​03-​13 20:32
“Oder anders gesagt: Ich hatte kri­tisiert, daß der Marx­is­mus die geschlecht­shier­ar­chis­che Arbeit­steilung nat­u­ral­isiert (indem er vom Gebären auf’s Kinder erziehen, Kochen, Nähen, Weben usw. schließt [11]). Dage­gen ist sys­tem­crashs Hin­weis, daß es auch nicht-​hierarchische For­men von Arbeit­steilung geben kann, gar kein Ein­wand – son­dern glatt an meinem Argu­ment vor­beigeschrieben.”

mein hin­weis auf ein nichthier­achis­ches geschlechter­ver­hält­nis war aber gar kein ein­wand gegen die “nat­u­ral­isierung” (die kri­tisiere ich auch), son­dern eine kri­tik am (starken) dekon­struk­tivis­mus, der alles zu einer “sozialen kon­struk­tion” macht. und also die exis­tenz von “naturkon­stan­ten” im men­schlichen (sozial)leben ver­leugnet. so eine naturkon­stante ist eben auch das geschlecht. aber man muss gle­ich eine ein­schränkung hin­ter­her­schieben: das geschlecht (mit der sex­u­al­ität als kern) ist die SCHNITTSTELLE zwis­chen dem biol­o­gis­chen und dem sozialen; und von daher ist es kon­stant und wan­del­bar ZUGLE­ICH. auch der hin­weis darauf, dass es zeu­gung­sun­fähige män­ner und nicht gebär­fähige frauen gibt, ändert nichts daran, dass die biol­o­gis­che funk­tion der zweigeschlechtlichkeit die fortpflanzung ist. nie­mand betre­itet ja, dass die “def­i­n­i­tion” von män­nern und frauen nicht rein biol­o­gisch ist, aber die biolo­gie ist die basis und die kul­tur der über­bau (um diese vul­gär­marx­is­tis­che analo­gie zu ver­wen­den). aber natür­lich kann ein nicht zeu­gungs­fähiger mann und eine nicht gebär­fähige frau
sich vol­lkom­men als “mann” oder “frau” fühlen (das gle­iche recht haben natür­lich auch trans­gen­der) . das ist ja eine der bemerkenswerten eigen­schaften der men­schliche psy­che, dass sie eine enorme elas­tiz­ität und anpas­sungs­fähigkeit ermöglicht. (“gat­tungswe­sen” und indi­vidu­elle aus­prä­gun­gen sind ohne­hin zwangsläu­fig unter­schiedlich)

weiter DGS:



“Aber was heißt „musste“?! – Es gibt auch Gründe, warum auf den Zusam­men­bruch des Römis­chen Kaiser­re­iches nicht sogle­ich der Kom­mu­nis­mus fol­gte (und bis heute immer noch nicht gefolgt ist), son­dern erst ein­mal die feu­dale und kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise herrschend wur­den und die ‚real-​sozialistischen’ Gesellschafts­for­ma­tio­nen mit ziem­lich vie­len und ungelösten Prob­lem und Fehlentschei­dun­gen zu kämpfen hat­ten. – Aber deshalb ist die bish­erige Nicht-​Existenz einer kom­mu­nis­tis­chen Welt­ge­sellschaft keine ‚biol­o­gis­che Notwendigkeit’!”

völ­lig richtig! aber dies ist eben auch eine “rein” soziale” frage, während die geschlechtliche arbeit­steilung sowohl einen biol­o­gis­chen ALS auch einen sozialen aspekt hat.



“Und es mag sein, daß eine bes­timmte (auch geschlechtliche!) Arbeit­steilung auf bes­timmte natür­liche Umstände reagiert, aber dies ändert nichts daran, daß es eine – wie bewußt oder wie plan­los sie auch immer erfol­gte – gesellschaftliche Antwort ist, die mit diesen und jenen Vor– und Nachteilen ver­bun­den ist, und die prinzip­iell auch anders (mit einer anderen Mis­chung von Vor– und Nachteilen) getrof­fen wer­den kann.”

genau das würde ich bestre­iten! unter den bedin­gun­gen der urge­sellschaft oder der frühen klas­sen­ge­sellschaft wäre kein anderes geschlechter­arrange­ment (das tat­säch­lich “urwüch­sig” ent­stand) möglich gewe­sen, weil dafür der stand der pro­duk­tivkräfte nicht aus­gere­icht hätte. wenn es nicht so wäre, dann müsste man män­ner als schweine als frauen als schafe anse­hen, die so doof waren sich 5000 jahre lang von män­nern unter­drücken zu lassen. aber so war es eben nicht. das “patri­ar­chat” war ein his­torischer zwang, der heute prinzip­iell über­wind­bar wäre. (übri­gens: patri­ar­chat heisst nicht unbe­d­ingt männliche priv­i­legien, es heisst auch: män­ner beim ster­ben zuerst vortreten. dass es bei schiff­sunglücken heute noch heisst “frauen und kinder zuerst” ist ein echo der ural­ten stammes­ge­sellschaft, da frauen mehr in die repro­duk­tion “investieren” müssen – schon rein kör­per­lich eben)



“Welche ‚gesellschaftlichen Reak­tio­nen’ sich zu einem bes­timmten his­torischen Zeit­punkt durch­set­zen, hängt vom jew­eili­gen Stand der gesellschaftlichen Erken­nt­nis­pro­duk­tion sowie dem Stand der poli­tis­chen, ökonomis­chen, ide­ol­o­gis­chen, mil­itärischen usw. Kämpfe (also vom jew­eili­gen gesellschaftlichen Kräftev­er­hält­nis) ab. – Das sollte Marx­istIn­nen nicht unbekannt sein; und es gilt für das Geschlechter­ver­hält­nis genauso, wie für die Klassen­ver­hält­nisse.”

das kräftev­er­hält­nis ist das EINE, das ANDERE ist der stand der pro­duk­tivkraften­twick­lung. HEUTE wäre eine geschlecht­se­gal­itäre arbeit­steilung prinzip­iell möglich (die kul­turellen und psy­chis­chen wider­stände dage­gen wären allerd­ings gewaltig, da tech­nis­che und kul­turelle evo­lu­tion nie par­al­lel sind); in der höhle der sippe Feuer­stein im Nean­der­tal wäre es nicht möglich gewe­sen. aber als marx­is­ten sehen wir die geschichte nicht moralisch, son­dern hal­ten uns da eher an Spin­oza:

“Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, son­dern begreifen.”

https://​sys​tem​crash​.word​press​.com/​2015​/​03​/​06​/​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​r​-​m​a​t​e​r​i​a​l​i​s​m​u​s​-​h​e​i​s​s​t​-​n​i​c​h​t​-​d​a​s​s​-​e​s​-​k​e​i​n​e​-​b​i​o​l​o​g​i​e​-​i​n​-​m​e​n​s​c​h​l​i​c​h​e​n​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​e​n​-​g​a​b​e​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​5348
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
0 # The­o­retis­che oder empirische Dif­feren­zen?DGS 2015-​03-​14 15:47
Lieber Gen. sys­tem­crash,

wenn Du jetzt 1. schreibst,

„das geschlecht (mit der sex­u­al­ität als kern) ist die SCHNITTSTELLE zwis­chen dem biol­o­gis­chen und dem sozialen; und von daher ist es kon­stant und wan­del­bar ZUGLE­ICH.“

dann frage ich mich, ob wir eigentlich eine the­o­retis­che Dif­ferenz haben oder ob wir auss­chließlich die empirische Grenze zwis­chen „natür­liche Umstände“ und „gesellschaftliche[r] Antwort“ (meine For­mulierung) bzw. Biol­o­gis­chem und Sozialem (Deine For­mulierung) etwas anders ziehen.


2.

Bedenken habe ich jeden­falls gegen Deine For­mulierung, „dass die biol­o­gis­che funk­tion der zweigeschlechtlichkeit die fortpflanzung ist“. Denn mir scheint mit dem Begriff der „biol­o­gis­che funk­tion“ wird eine Tele­olo­gie in die biol­o­gis­che Fak­tiz­ität hinein­ge­le­sen. Das Hin­le­sen ist dann aber erst eine gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen – bzw. vielmehr: Pro­jizieren­den –, keine Eigen­schaft der Biolo­gie selbst.


3.

„nie­mand betre­itet ja, dass die ‚def­i­n­i­tion’ von män­nern und frauen nicht rein biol­o­gisch ist, aber die biolo­gie ist die basis und die kul­tur der über­bau (um diese vul­gär­marx­is­tis­che analo­gie zu ver­wen­den).“

Das entschei­dende Argu­ment gegen die Nat­u­ral­isierung der Zwei(!)geschlechtlichkeit – das ist der strit­tige Punkt – lautet allerd­ings, daß auch die gängi­gen biol­o­gis­chen Geschlech­ter­de­f­i­n­i­tio­nen nicht ein­deutig sind bzw. nicht in auss­chließlich zwei Geschlechter aufge­hen: „Es gibt zwar (biol­o­gisch ein­deutige) Män­ner und Frauen, aber es gibt nicht auss­chließlich zwei Geschlechter, was die […] unein­deuti­gen Fälle zeigen.“ (http://​the​o​rieal​spraxis​.blogsport​.de/​2009​/​08​/​23​/​h​e​u​t​e​-​g​e​s​e​h​e​n​-​238​/ und aus­führlicher: http://​the​o​rieal​spraxis​.blogsport​.de/​2009​/​08​/​26​/​g​i​b​t​-​e​s​-​a​u​s​s​c​h​l​i​e​s​s​l​i​c​h​-​z​w​e​i​-​g​e​s​c​h​l​e​c​h​t​e​r​/).

Daß die Indi­viduen trotz größer biol­o­gis­cher Vielfalt in nur zwei Geschlechter ein­sortiert wer­den ist, ein gesellschaftlicher Vor­gang; keine biol­o­gis­che Tat­sache. Die Vere­in­heitlichung der Indi­viduen zu gesellschaftlichen Grup­pen, zwis­chen denen ein Herrschafts– und Aus­beu­tungsver­hält­nis besteht – das ist der heikle Punkt.


4.

„dies“ – die Abfolge der ver­schiede­nen For­men von Klassege­sellschaft – „ist eben auch eine ‚rein’ soziale frage, während die geschlechtliche arbeit­steilung sowohl einen biol­o­gis­chen ALS auch einen sozialen aspekt hat.“

„‚Rein’ sozial“ würde ich auch in diesem Fall nicht sagen. Denn auch Klassen benöti­gen – wie Geschlechter – Indi­viduen (mit biol­o­gis­chen Kör­pern!), die als Ange­hörige dieser oder jener Klasse (im anderen Fall: dieses oder jenes Geschlechts) fungieren. Das heißt: Auch die Frage der gen­er­a­tiven Pro­duk­tion und die Frage der Ernährung der Indi­viduen ist nicht nur eine Geschlechter-​, son­dern auch eine Klassen­frage. Auch die Klassen­ver­hält­nisse ste­hen in Beziehung zu ihrer stof­flichen (sei es belebten oder unbelebten) natür­lichen Umge­bung (Frucht­barkeit der Böden, Zugänglichkeit von Wasser und Rohstof­fen, kli­ma­tis­che Bedin­gun­gen usw.).

Auch im Falle der Klassen­ver­hält­nisse gibt es – ebenso wie im Falle der Geschlechter­ver­hält­nisse – biol­o­gis­che Tat­sachen und gesellschaftliche Reaktionen/​Antworten darauf.


5.

„unter den bedin­gun­gen der urge­sellschaft oder der frühen klas­sen­ge­sellschaft wäre kein anderes geschlechter­arrange­ment (das tat­säch­lich ‚urwüch­sig’ ent­stand) möglich gewe­sen, weil dafür der stand der pro­duk­tivkräfte nicht aus­gere­icht hätte.“

Das mag sein, aber der Stand der Pro­duk­tivkräfte ist ein gesellschaftliches, kein biol­o­gis­ches Phänomen.

Und davon abge­se­hen: In den frühen Gesellschaften kam es ja ger­ade zum Wech­sel von matri­lin­earen (vielle­icht: matri­ar­chalen) Gesellschafts­for­men hin zu patrilinear-​patriarchalen Gesellschafts­for­men. Das beweist, daß es auch damals hin­sichtlich des Geschlechter­ver­hält­nisses eine Flex­i­bil­ität in der gesellschaftlichen Antwort auf die biol­o­gis­chen Umstände gab.


6.

„das ‚patri­ar­chat’ war ein his­torischer zwang“

Ja, vielle­icht ein damals unüber­wind­barer Zwang, aber eben ein his­torischer Zwang (= Zuständigkeits­bere­ich des His­torischen Mate­ri­al­is­mus, nicht der Biolo­gie).


7.

„übri­gens: patri­ar­chat heisst nicht unbe­d­ingt männliche priv­i­legien, es heisst auch: män­ner beim ster­ben zuerst vortreten. dass es bei schiff­sunglücken heute noch heisst ‚frauen und kinder zuerst’ ist ein echo der ural­ten stammes­ge­sellschaft, da frauen mehr in die repro­duk­tion ‚investieren’ müssen – schon rein kör­per­lich eben“


Ja, das Patri­ar­chat bein­hal­tet auch für Män­ner einige Beschw­ernisse (z.B., um den Mythos weib­licher Schwäche und männlicher Stärke aufrechtzuer­hal­ten). Aber auch das ist keine Beson­der­heit des Geschlechter­ver­hält­nisses. Auch als Kap­i­tal­istIn im Konkur­ren­zkampf mit anderen Kap­i­tal­istIn­nen beste­hen zu müssen, ist kein rein Zuck­er­schlecken; kann Streß bedeuten; kann hohe Arbeit­szeiten bedeuten; kann sogar im Bankrott enden.

Trotz­dem ist die Klassen– und Geschlechter­ver­rat­squote auf Seiten der herrschen­den Klassen und des herrschen­den Geschlechts ver­dammt gering.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
0 # ich denke Bei­des ;)sys­tem­crash 2015-​03-​15 10:52
im grossen und ganzen habe ich nichts auszuset­zen. der text ist jeden­falls deut­lich dif­feren­zierter als so mancher vul­gärdekon­struk­tivis­mus. :)
ich habe nur zwei anmerkun­gen.

1)
“Bedenken habe ich jeden­falls gegen Deine For­mulierung, „dass die biol­o­gis­che funk­tion der zweigeschlechtlichkeit die fortpflanzung ist“. Denn mir scheint mit dem Begriff der „biol­o­gis­che funk­tion“ wird eine Tele­olo­gie in die biol­o­gis­che Fak­tiz­ität hinein­ge­le­sen. Das Hin­le­sen ist dann aber erst eine gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen – bzw. vielmehr: Pro­jizieren­den –, keine Eigen­schaft der Biolo­gie selbst.”

ich muss das erst mal sacken lassen: “biol­o­gis­che funk­tion” ist eine (men­schliche) tele­olo­gie! teufel noch mal, das sind philosophis­che fein­heiten. also, wenn rehbock und ricke kop­ulieren und her­aus kom­men rehk­itze, dann ist die biol­o­gis­che fortpflanzungs­funk­tion “eine gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen – bzw. vielmehr: Pro­jizieren­den –, keine Eigen­schaft der Biolo­gie selbst.”

ich werde das nicht weiter kom­men­tieren und kann an dieser stelle nur meine beruhi­gung darüber aus­drücken, dass der “dekon­struk­tivis­tis­che fem­i­nis­mus” niemals, was den poli­tis­chen nicht-​einfluss bet­rifft, über gewisse akademis­che kreise hin­aus­ge­lan­gen wird. ;)

2)
“Und davon abge­se­hen: In den frühen Gesellschaften kam es ja ger­ade zum Wech­sel von matri­lin­earen (vielle­icht: matri­ar­chalen) Gesellschafts­for­men hin zu patrilinear-​patriarchalen Gesellschafts­for­men. Das beweist, daß es auch damals hin­sichtlich des Geschlechter­ver­hält­nisses eine Flex­i­bil­ität in der gesellschaftlichen Antwort auf die biol­o­gis­chen Umstände gab.”

erstens war dieser wech­sel sehr viel später (also im über­gang zur antike) und zweit­ens gab es nie ein “matri­ar­chat”. es gab zwar matri­lin­eare gesellschaften (und gibt es noch heute, wenn auch sel­ten), aber der grund dafür hatte nichts mit “frauen­e­manzi­pa­tion” (im heuti­gen sinne) zu tun. der grund war ein anderer: ganz zu anfang war der ein­fluss der männlichen zeu­gung auf die entste­hung von nach­wuchs nicht erkannt. und als er erkannt wurde, war eben trotz­dem der weib­liche anteil (biol­o­gisch!) an der entste­hung des nach­wuch­ses grösser. so dass sich die vererbungslinie über die weib­liche ver­wand­schaft definierte. auch die religiösen for­men gal­ten der “mut­ter­got­theit” und die natur (“mut­ter erde”) wurde als “weib­lich” kon­notiert”, weil eben frauen “leben spende­ten” (was män­ner nicht kön­nen). das heisst aber nicht, dass frauen das “herrschende geschlecht” waren; ja, im prinzip lassen sich allein daraus nicht mal rückschlüsse auf den sozialen sta­tus der frauen ziehen. man kann aber davon aus­ge­hen, dass es eine grössere geschlechter-​egalität gab als in patri­ar­chalen gesellschaften. allerd­ings gab es wohl auch (männliche) men­schenopfer.

mit der entwick­lung des acker­baus und der viehzucht bekam der männliche anteil an der gesellschaften (re)produktion ein grösseres gewicht. und so wuchs in den män­nern das bedürf­nis, auch ihren erwirtschafteten besitz an ihre kinder zu vererben. dazu musste es natür­lich zu einer gesellschaftlichen umdeu­tung des “geschlechter­ver­hält­nisses” kom­men. während vorher die (biol­o­gisch) lebensspendende kraft der frauen “dom­i­nant” war, mussten jetzt die (sozialen) “kopfge­burten” der män­ner auss­chlaggebend sein. dazu war es erforder­lich, ein rechtssys­tem zu instal­lieren, dass sich nicht mehr an den (weib­lichen) “bluts­ban­den” ori­en­tierte, son­dern einen über­ge­ord­neten (sozialen) stand­punkt ein­nahm, der den män­nern einen (immer grösser wer­den­den) zugriff ermöglichte. im prinzip kön­nte man sagen, dass mit der entste­hung des patri­ar­chats auch die idee des (freien) rechtssub­jekts in die welt trat, auch wenn sie anfangs freilich auf “freie (sprich: adelige) män­ner beschränkt war. [in der lit­er­atur wird dieser über­gang wohl in der “Orestie” von Ais­chy­los dargestellt, aber das müsste ich erst genauer nach­le­sen]

der wan­del von der matri­lin­ean­ität zum patri­ar­chat betraf also nicht im eigentlichen sinne das “geschlechter­ver­hält­nis” (in der antike wurde sicher nicht anders gevögelt als in den urhor­den), son­dern im prinzip kön­nte man sagen, dass das patri­ar­chat eine emanzi­pa­tion (der män­ner) aus der “natur­wüch­sigkeit” war. dass es dabei zu einer “unterord­nung” der frau kam, war dem gerin­gen stand der pro­duk­tivkraften­twick­lung geschuldet und vielle­icht kon­nten die män­ner bei zunehmenden Macht­gewinn nicht mehr “halt” machen (gier ist ja uns allen bekannt), so dass das pen­del der geschichte zu weit in EINE rich­tung auss­chlug. inwieweit das pen­del wieder zu seiner “Mitte” zurück­findet, hängt wohl zu einem guten teil von uns heuti­gen ab. :)

https://​sys​tem​crash​.word​press​.com/​2015​/​03​/​06​/​h​i​s​t​o​r​i​s​c​h​e​r​-​m​a​t​e​r​i​a​l​i​s​m​u​s​-​h​e​i​s​s​t​-​n​i​c​h​t​-​d​a​s​s​-​e​s​-​k​e​i​n​e​-​b​i​o​l​o​g​i​e​-​i​n​-​m​e​n​s​c​h​l​i​c​h​e​n​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​e​n​-​g​a​b​e​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​5354
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
0 # KleinigkeitenDGS 2015-​03-​16 02:21
Lieber Gen. sys­tem­crash,

auch von meiner Seite aus nur noch kurz und – vielle­icht – wenig Grund­sät­zliches.

zu 1.:

Mein Bedenken richtet(e) sich speziell gegen das Wort „Funk­tion“. Ich unter­schied zwis­chen dem Aus­druck „biol­o­gis­che Funk­tion“ und biol­o­gis­cher Fak­tiz­ität.

„wenn rehbock und ricke kop­ulieren und her­aus kom­men rehk­itze“, dann ist das in der Tat keine „gesellschaftliche ‚Leis­tung’ der men­schlichen Beobach­terIn­nen“. Insoweit stimme ich Dir zu.

Aber eine men­schliche Leis­tung ist, der Natur eine funk­tion­al­is­tis­che Logik zu unter­stellen. Men­schen haben Bewußt­sein und Willen, aber „die Natur“ hat weder das Eine noch das Andere.

Und weil „die Natur“ weder Willen noch Bewußt­sein hat, wäre es falsch zu sagen, es gibt Rehböcke und Ricken, weil Rehk­itze pro­duziert wer­den sollen. – Der funk­tion­al­is­tis­che Fehlschluß vom Ergeb­nis auf die Ursache ist Par­sons nicht Marx!

zu 2.:

Ich hatte ja geschrieben:

„matri­lin­earen (vielle­icht: matri­ar­chalen) Gesellschafts­for­men“.

Also, ich habe die Aus­sage – und zwar absichtlich! – in der Schwebe gelassen.

Gesichert scheint zu sein: Es gab matri­lin­eare Gesellschaften.

Rel­a­tiv unum­strit­ten ist vielle­icht auch, daß Frauen in matri­lin­earen Gesellschaften mehr Ein­fluß hat­ten als in den späteren Patri­ar­chaten – daß diese Gesellschaft also (vielle­icht) annährend geschlechte­gal­itär waren (falls „geschlechtere­gal­itär“ nicht genauso eine Unmöglichkeit ist, wie „Klas­sen­gle­ich­heit“).

„Matri­ar­chal“ hatte ich nur geschrieben, weil das ja die These von Bachofen war, die Friedrich Engels über­nom­men hatte – wenn ich Recht sehe.

Ich kenne mich mit dieser Debatte nicht wirk­lich aus, aber mir scheint die im Fem­i­nis­mus heute vorherrschende Posi­tion ver­wirft die Matriarchats-​These,

(1.) weil sie von Bachofen nicht solide begrün­det wurde (was aber nicht auss­chließt, daß sie solide begrün­det wer­den kön­nte)

(2.) weil Bachofens Motiv für seine These alles andere als ‚frauen-​freundlich‘ war (was aber kein Argu­ment in der Sache ist).
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren
0 # Vortrags-​MitschnittDGS 2015-​03-​22 22:06
Es gibt jetzt einen Mitschnitt meines — im ersten Absatz des Artikels erwäh­n­ten — Vor­trages vom 10. März zum Ver­hält­nis von Marx­is­mus und Fem­i­nis­mus online:

http://​per​spek​tive​.nos​tate​.net/​480

Eine schriftliche Fas­sung mit den obili­ga­torischen Fußnoten usw. wird es auch dem­nächst geben.
Antworten | Antworten mit Zitat | Zitieren