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  • Das Ende. Oder: der Anfang.

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    Die Nachricht über die Schliessung von blog.de kam keineswegs überraschend. Bereits seit Jahren krächzte das System - die Kommentare kamen kaum durch, der Support war irgendwie abwesend, Serverausfälle etc. etc. Wieso war ich immernoch da? Wegen Euch, meine lieben. 

    Als ich eines sonnigen Tages, am 13. Juni 2007 meinen Blog hier eröffnete, war ich bereits im Bloggerland längst unterwegs. Twoday, Blogger.com, Livejournal - und jede Menge anderer Blogplattformen waren mir vertraut. Doch hier fand ich die deutschsprachige Community - und bald schon fing die wunderschöne virtuelle Zeit an. Ich lernte Euch alle kennen, in Euren reichen Facetten - und dafür bin ich diesem auch so zerrüttelten System sehr dankbar.

    Nun wird das System am 15. Dezember 2015 abgeschlossen. Alle Inhalte gelöscht. (Nicht wirklich, denn dank "Wayback Machine" wird man meinen Blog immernoch erreichen können). Doch diese Plattform verschwindet.

    Woran werde ich mich erinnern?

    An die spannenden Geschichten, die wir zusammenschrieben. An die #Superfizialität, die immernoch höchst präsent ist. An die Helden, die unsere Welt zurecht verunsichern (weiter so!). An unsere wunderbare Auswüchse in Kommentaren. An Blixa Bargeld, der plötzlich meine Analyse der Dada-Einflüsse an die "Einstürzende Neubauten" kommentierte und korrigierte. An meine Serie "Inspiring Voyeurism", die ich natürlich noch fortsetzen werde. An die Schwitters-Tagung, die ich sehr erfreut war, mit Euch zu teilen. An all die Kultur-Events... etc etc etc

    Wie geht es jetzt weiter?

    Ich versuche, das nötige zu spiegeln. Auf einen der zahlreichen Blogs, die ich bereits habe, oder haben werde. Wahrscheinlich, werde ich ab nun dort schreiben (woauchimmer).

    UPDATE. Dank Careca, weiss ich nun, wie man diesen Blog samt Kommentare umziehen kann: http://support.blog.de/2015/07/09/wordpress-export-datei-xml-datei-erstellen-20646607/

    Nun bin ich hier: https://merzmensch.wordpress.com/ und Ihr eigentlich auch - mit Euren Kommentaren. Das freut mich am meisten. Die Texte meines Blogs habe ich hier und da verwürstelt, archiviert oder veröffentlicht, doch Eure Kommentare sind Gold Wert, und es wäre Jammerschade, wären sie ins Oblivion gewandert.

    Wo findet Ihr mich sonst?

    In meinem Wissenschaftsblog. In tumblr (hier poste ich meine Fotos, von Instagram aus). Und natürlich bei twitter. Und überall sonst. Es gibt nur ein Paar Merzmensche, die nicht ich sind. Alle anderen sind ich. 

    Das war mein letzter Eintrag in diesem Blog. Wir sehen uns drüben!

    UPDATE. Kurzzeitig war mein Blog als "Privat" eingestellt, jetzt geht es aber wieder für alle :-)

  • S-Bahn-Mauer, oder Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

    Bestimmt haben Sie bereits vor Monaten diese köstliche Geschichte mitbekommen:

    Ende April wurde eine Tür in der Hamburger S-Bahn zugemauert. So:

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    Deutsche Bahn sperrte den Zug und erklärte die Schäden in mehreren 10.000 EUR (kuriöserweise wurde sogar eine Abrissgenehmigung beeintragt). Polizei fing an mit der Fahndung, und es gab noch kaum Hinweise auf die "Täter", bis neulich "Bekennervideo" auftauchte.

    Eine Gruppe StreetArt-Künstler und Sprayer MOSES & TAPS™ präsentierte in diesem wunderschönen Maling Of die Entstehung der Mauer.

    Nun, aus der Sicht eines Reisenden, sind da wohl keine Schäden entstanden - man schmunzelte und ging einfach zu einer weiteren Tür (wie oft sind die Türe einer SBahn defekt), und Lebensgefahr ist da kaum entstanden (der Ausfall des Zuges aufgrund der Abrißmaßnahmen - wie oft fallen sonst die defekten Züge aus, und wie oft fahren sie tagelang mit defekten Türen?).

    Aus der Sicht eines Rezipienten ist diese Performance eine Weiterführung eines Ready-Made von Duchamp - dadaistisch, simpel, subversiv, paradox. Marcel hinterfragte mit seinem Werk "Fountain" den gesamten Kulturbetrieb, als eine festgefahrene, autoritäre Status-Einrichtung. Bei der S-Bahn-Mauer wird der Alltag an sich hintefragt, die Routinen, die Sinnhaftigkeit der Tagesabläufe. Man wird auf einmal aus dem Alltag herausgerissen. Man hinterfragt die eigenen Routinen. "Gemeinschädliche Sachbeschädigung" - wie es in den Polizeiberichten festgehalten wird? Naja, die rasanten Mieterhöhungen, Gentrifizierung und Entsozialisierung der Wohngegenden durch Luxusbauprojekte, wirtschaftliche Kürzungen im Sozialbereich sind weitaus gemeinschädlicher als so ein Prank.

    Werden leider nie polizeilich verfolgt.

  • Google goes surreal oder La trahison des images

    Klare Sache: Google sieht überall Hunde. Aber auf eine Art und Weise, die einem Dalí Alpträume bereiten könnte. 

    Was das mit meinem Becher zu tun hat, 
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    und wieso die Künstliche Intelligenz Sachen sieht, wo keine sind

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    (Quelle: Michael Tyka)

    das können Sie in meinem Wissenschaftsblog erfahren.

  • #Varoufake, oder "Deutschland, Deine Medienkompetenz!”

    Huch! Da ist gerade was passiert, und keinem ist's aufgefallen. Oder, wenn schon, dann nur für einen Augenblick. Und dann schon wieder weg. Kurzzeitgedächtnis unserer Zeit. Präsentiert von den Leitmedien, doppelt subventioniert durch die GEZ- und Steuerzahler. Na gut, schließlich doch noch ein Happy End, alles Gut, kein Zahlungsstorno. Gute Nacht, weiter schlafen.

    Da wir  schon über Sozio-Alzheimer und gesellschaftliche Demenz sprechen, habe ich vergessen, was war ein "Leitmedium" nochmal? Laut Wikipedia (soweit man dieser unzuverlässigen Quelle Glauben schenken darf, und wenn man annimmt, die zitieren tatsächlich Metzler Lexikon. Medientheorie Medienwissenschaft), werden als ein Leitmedium

    Einzelmedien bezeichnet, denen eine ausgeprägte "Hauptfunktion in der Konstitution gesellschaftlicher Kommunikation und von Öffentlichkeit zukommt".

    Und dann:

      • seit der Wende vom 20. Jahrhundert zum 21. Jahrhundert: Fernsehen, Internet

    Nun, was uns Günther Jauch in seinem Leitmedium am letztwöchigen Wochenende mit einer erbaulich-einschläfernden Stimme eines GL-Lehrers aus der Sekundarstufe I mitteilte, war der Stinkefinger, den der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis an Deutschland adressiert haben soll. In einem alten Video, habe ich vergessen von wann, und in welchem Zusammenhang. Ist ja auch egal heutzutage. Herr Varoufakis selbst behauptete in der Sendung, der Stinkefinger sei ein Fake. Auf jeden Fall, die Empörung war gross, und der Fokus verschob sich von komplexen Finanzthemen auf die haushaltskompatible Untergürtelthematik, die jeden Bürger unseres Landes anspricht und zu einer gesellschaftlich anerkannten Empörung und gegenseitigen Akzeptanz in Rahmen dieser Empörung führt (Volkssport schlechthin, oder meinetwegen Moralmasturbation).  (Netzpolitik und BILDblog berichteten [für tiefere Einführungen auch die feministische Sicht der... ehm... Dinge [mann, ich werde jetzt echt von den Frauenbeauftragten ob der lasziven Doppeldeutigkeit meiner Äusserungen gepeitscht. Ich meine, von Frauenbeauftragtinnen. Mist...)

    Und dann plötzlich die Enthüllung von Jan Böhmermann, der in seiner Sendung ZDF_Neo erklärt, das Mittelfinger-Video wäre in seinem Auftrag gefakt und an die Medien subversiv weitergeleitet worden.

    Eine Empörungswelle bleibt aus, denn man ist gewissermassen verwirrt, und das Verwirrtsein ist der wohl am meisten gefürchtete Zustand in Deutschland, und ist schleunigst zu beheben, da spart man lieber die Energie bei Empörungen. Daher wird der (gefakte) Stinkefinger wieder analysiert (hier, hier, hier). Aber auch (wie Bernhard vorhin bereits erwähnte) der Rücktritt Jauchs wird gefordert (unabhängig davon, fake oder nicht fake).

    Und dann kommt es doch heraus, dass das gefakte Stinkefinger eigentlich auch ein Fake war, ein Fake des Fakes, der gefakt wurde, und Herr Varoufakis als Mittelfingeträger ist längst in den Hintergrund gerückt und spielt keine Rolle mehr, und sein Mittelfinger ragt heraus wie die Gogol'sche "Nase", und alle sind verwirrt, und dann, erst jetzt, kommt die offizielle Mitteilung seitens eines Mitarbeiters Böhmermann, über die Videobearbeitung, über den Stinkefinger, über die Medienmanipulation und über alles, was hierzutage heutzulande möglich ist:

    (via Nerdcore)

    Und kurze Zeit später zieht unsere Rauten-Bundeskanzlerin nach, indem sie im offiziellen ARD-Youtube-Account öffentlich mitteilt:

    Und die Moral von der Geschicht'? Sechs Punkte:

      1. Stinkefinger sind spannender als sozio-politische und wirtschaftliche Zusammenhänge für unsere oberflächliche neo-spießige Gesellschaft.
      1. Unsere GEZ-Gebühren werden von Jauch für primitive Küchengespräche missbraucht.
      1. Unsere GEZ-Gebühren werden von Böhmermann für die medienkritische Subversivität wieder rehabilitiert.
      1. Nur solche Themen machen unsere anabiotische und oberflächliche Gesellschaft kurzzeitig wach.
      1. Eigentlich alles ist egal, denn es spielt keine Rolle, weil im nächsten Moment vergisst man alles wieder und lernt man nicht von der Geschichte.

    Und nachfolgend die Erklärung Böhmermanns zu der ganzen Geschichte:

    Unter jedem seiner Worte möchte ich unterschreiben:

    Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen zwei Jahre alten aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, derart skrüpelös der Lächerlichkeit preisgeben.

    Achja, und falls sie noch wach sind... 

    P.S. Somit ist der Herr Böhmermann (auch entgegen meiner anfänglichen unerklärlichen Antipathie gegenüber seinem Stil) der Hero des Tages. Denn auch hier:

    UPDATE für die Fortgeschrittenen und Sinnsuchenden.

    Falls Sie immernoch nach der Sinnsuche sich befinden sollten, ob das Fake ein Fake-Fake oder Fake-Fake-Fake sei, sei darauf hinzuweisen, dass das "Originalvideo" von Zagreber Subversive Festival (15/05/2013, 18h, cinema Europa, Hall Müller, Zagreb, Croatia) - mit dem Mittelfinger drin (ab 40:10) erst am 12. Februar 2015 veröffentlicht wurde.

    Was einem im Laufe dieses Videos auffält, sind die roten Zwischenbilder, die eine Sekunde lang hier und da in diesem einstündigen Vortrag aufblitzen:

    Die Urheber (?) des Videos erklären dieses Phänomen folgendermassen:

    The red flashes in the video are due to the poor state of our recording equipment.
    Quelle: Youtube-Kommentar

    Es bleibt nur die Frage, wieso identische "red flashes" auch im Video von Böhmermann ab und zu zu sehen sind:

    Für einen identischen technischen Defekt halte ich es nicht. Ausserdem fällt so was nur einem völlig gestörten Medienfreak wie mir ein. Und so ein paar anderen. Ist es vielleicht ein Marken- oder Kooperationszeichen von Subversive Festival mit ZDF_Neo?

    UPDATE zu FAKE-UPDATE-FAKE.
    Und da hat jemand dazu schon was geschrieben.

  • Iran und Zensur

    Da, wir alle wissen, Iran ein durchaus frommes und anständites Land ist, werden dort die Sportsendungen entsprechenderweise bearbeitet, damit die Zuschauer ja nicht auf wollustige Gedanken kommen.

    Dabei entstehen die Meisterwerke der Kunst, die mal an das Schwaze Quader von Malewitsch, mal an das Dada-Kostüm eines Hugo Balls erinnern. Wunderschön.

    Wobei das Gnze erscheint mir so unglaublich, dass es fast an ein Fake nähert.

  • #InspiringVoyeurism - Drei Schwestern und ein geheimnisvoller LOT.

    Anton Pavlovič Čechov schrieb am 11. April 1889 im Brief an seinen Bruder: "Краткость - сестра таланта" ("Die Kürze ist eine Schwester des Talents"). Doch hier geht es weder um Čechov, noch um die Schwester des Talents, und nicht einmal um die "Drei Schwestern", ein weiteres Meisterwerk von Anton Pavlovič, sondern um drei völlig andere - aber nichtsdestotrotz immernoch - Schwestern: Margeret, Helen und Maria.

    Und von wegen Talent - wir haben bereits gesehen, wie genial so manch eine knapp verfasste Postkarte sein kann.
    Doch nun zurück zu einer folgenden Karte, datiert mit dem 24.07.1935.

    Da scheibt eine gewisse Maria W. an ihre zwei Schwestern, nach Dresden. Mit Schreibmaschine. Auf Englisch. (Wieso in meinem Blog so oft Dresden erwähnt wird, kann ich nur dadurch erklären, dass ich diese Reihe der Karten bei einem Händler am Flohmarkt kaufte, wahrschenlich war da der gleiche Nachlass. Vielleicht. Eventuell.) Doch nun zum Text.

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    Ich weiss, Sie alle sind des Englischen mächtig, doch als Formalität übersetze ich mal diese Karte ins Deutsche.

    Liebste Margeret und Helen,
    Meine Sachen sind in dem Moment angekommen, wo ich schon meine letzte Hoffnung aufgegeben habe, sie irgendwann wiedersehen zu können. Ihr habt Kreis Mosdorf angegeben, anstelle vom Kreis Mosbach. Kommt Ihr soweit klar? Wann habt Ihr Ferien (Urlaub)? Hier gibt es Feiertagstickets, die hin und zurück weniger kosten, wie ich es für die einfache Fahrt bezahlte. Ich hoffe, meine letzte Karte ist problemlos angekommen. Diese hier wird nicht vor morgen versandt, da sie nicht vor halb fünf am Nachmittag geschickt werden kann. Das ist der nächste Ort zu Binau.

    Mit viel Liebe
    Eure Schwester Maria

    Also hat hier eine Schwester Maria (aus irgendeinem völlig unmotivierten Gründe vermute ich, es sei die älteste Schwester) einen One-Way-Ticket gekauft, und sich entschlossen aus der Grosstadt Dresden quer durch ganz Deutschland nach Odenwald begab. Ihre beiden englischsprachigen Schwestern sind in Dresden zurückgeblieben.

    Aus welchem Grunde fuhr sie nach Schloss Binau? Und wieso haben die Schwestern all Marias Habseligkeiten nach Kreis Mosdorf geschickt, wo es nicht einmal so einen Kreis auf der Landkarte aufzufinden ist. Wonach suchte Maria? Und was taten Margeret und Helen, die mit einer beunruhigenden Frage "Kommt Ihr soweit klar?" angesprochen wurden?

    Und was bedeutet der mit Bleistift in einer hektischen Schrift am Rande verfasste Satz:

    I found the lot // 31st August.

    Was wurde am 31. August gefunden?

    Laut The Concise Oxford Dictionary (Oxford, 1998, p.807) hat das Wort "lot" mehrere Bedeutungen:

    • Grundstück, Zuteilung/Erschliessung des Landes
    • persönliche Schicksal, Fortune oder Zustand
    • zur Auktion angebotene Artikel oder ein Set aus mehrerer Artikeln
    • Anzahl der dazugehörigen Personen oder Dinge

    Fand Maria vielleicht einen Grundstück, weswegen sie auch möglicherweise sich auf den langen Weg machte? Oder nahm sie im Schloss Binau an einer Auktion teil? Und wieso ist es mit dem 31. August datiert, wo doch die Postkarte bereits am 24.7.1935 gestempelt war? Oder ist 31. August nicht 1935, und nicht einmal von Maria W. notiert? (Dafür würde die ebenso mit Bleistift notierte Nummer auf der Vorderseite der Karte sprechen).

    Und wenn nicht Maria, wer war denn der Glückliche, der diese Karte auf einer Auktion fand, und wieso verschwand diese Karte wieder aus seinen Händen in Richtung Flohmarkt?

    Fragen über Fragen. Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser?

  • #InspiringVoyeurism: Wetter rebooted, oder neibohportsualK eredna dnu retteW saD

    Geheimnisse. Jeder Text trägt in sich welche. Denn jeder Kontext ist geheimnisvoll, auf seine Art und Weise. Auch diese, langeweilige, nichtsaussagende Karte, voller Wetterberichte, über die wir vorhin sprachen. Wechselt man den Fokus, und schon wird man von der Botschaft regelrecht umgehaut, die sich hier offenbart. 

    Betrachten wir dieses Bild doch noch einmal, mit Berücksichtigung einiger Hintergründe und der grauweiss schweren Wolken. Segelschiffe, Boote. Kreiseln an einem Stausee. Ohne Ausgang. Nur einige Bächer. In den 1960er Jahren. Irgendwo inmitten von der DDR.

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    Und der Text?
    Er zeugt nun von mehr als lediglich einer Wetterlage. Denn... doch lesen Sie es lieber selbst. Nochmals.

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    Lieber Hermann und Inge!
    Wir sind gut angekommen und haben
    uns auch gut miteinander eingelebt.
    Viel Wind und teilweise Regen machen
    langes Fortgehen unmöglich. Wir waren
    im Garten und gehen gleich in den
    Wald. Ob sich das Wetter nicht etwas bessert?
    Wir wollen doch aufwärts fahren.
    Seid herzlich gegrüsst von uns allen.

    Wir sind gut angekommen... haben uns gut miteinander eingelebt - wenn es sich zunächst von einer vermeintlich anfangs nicht unholprigen Beziehung der zusammen Reisenden, die sich erst miteinander einleben müssen, vermuten lässt, schlägt sich nun eine neue Möglichkeit vor: mehrere Gleichgesinnte (Dissidenten? Andersdenkenden?), die sich nicht unbedingt kannten, sich aber nun zusammentun, mit einer einzigen Sehnsucht, mit einem hehren Ziel vor Augen -

    nichts wie weg hier.

    Doch ihre Pläne scheitern an den DDR-Realien: "Viel Wind und teilweise Regen machen langes Fortgehen unmöglich". Denn bereits 1951 machte die "Verordnung über die Rückgabe Deutscher Personalausweise bei Übersiedlung nach Westdeutschland oder Westberlin vom 25. Januar 1951" die sogenannte "Republikflucht" so richtig strafbar.

    Langes Fortgehen - das klingt nach einer unerreichbaren, verheissenen Erlösung.

    Wir waren im Garten und gehen gleich in den Wald - und einige Zeile davor wurde noch ein ziemlich ungemütliches Wetter für Spaziergänge draussen beschrieben. Sind es nicht eher angedeutete Versuche oder Pläne, dem Kafkaesken System zu entgehen? Dazu muss gerechtigkeitshalber gesagt werden, dass Malter Talsperre ziemlich tief innerhalb der Republik lag - die Grenze mit der Tschechoslowakei war die nächste. Und Prager Frühling kommt noch ein Paar Jährchen später. Ausharren.

    Sind sie wirklich in Malter Talsperre? Oder ist dieses Kartenmotiv nur eine Ablenkung? Und Garten und Wald - Umschreibungen der Amtsgänge, vielleicht zunächst die in DDR noch legale Versuche (s. Verordnung oben), eine Möglichkeit zu finden, lang fortzugehen?

    Ob sich das Wetter nicht etwas bessert? Wir wollen doch aufwärts fahren. - Und doch noch ein Fünkchen Hoffnung. Aufwärts fahren. Schon wieder so ein Ausdruck.

    Ein Perspektivenwechsel - und schon offenbart sich die Äsopische Sprache der verlorengehen wollenden Botschaft.
     
    Im Jahre 1960 wurden 152 291 erfolgreiche Fluchtversuche in der BRD registriert - davon 46 897 über Innendeutsche Grenze oder Ausland. Wer weiss?.. Wer weiss?..

    P.S. Für Perspektivenwechselimpuls möchte ich Trithemius herzlich danken.

  • Inspiring Voyeurism: Das Wetter und andere Klaustrophobien

    Das Wetter. Ein beliebtes Thema der sterbenden Kommunikation in Aufzügen. Ein leeres Aufgreifen eines völlig irrelevanten und doch so globalen Topics. Auch in Briefen kommt es vor, man schreibt über das Wetter. Damals, in der prä-digitalen Zeit war das Konkretisieren des Wetters eine fast schon absurde Angelegenheit - wenn der Brief ankommt, hat sich das Wetter bereits geändert, also alles umsonst. Nicht der Rede wert.

    Čechov nutzte solche Belanglosigkeiten zur Eskalierung einer inneren Angespanntheit. Spricht jemand in seinen Stücken über solche Trivialitäten, so weiss man sofort: uhoh, da herrscht aber dicke Luft. Und das nicht auf den atmosphärischen Druck bezogen. 

    Doch schauen wir mal erst auf dieses Schwarzweiss-Idyll von einem See. 

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    Menschen fahren Boote am See (hier: Tallesperre Malter - mit der Landsperrenverwaltung des Freistaates Sachsen irgendwo am Ufer). Dieses ziellose Treiben - denn wer will sich schon ein Ziel setzen, am Wochenende beim schönen Wetter im Boot (es sei denn, man ist ein Fischer, Wasserrettungsdienst oder ein - wenn auch werdender - Mörder). Die Familie im Boot unten am Photo entdeckt gerade etwas interessantes, auch wenn der (mutmassliche) Familienvater im Anzug davon zu rudern versucht.

    Und der Text? Er zeugt von einer Wetterlage - sei es im schwarzweissen Wolkenhimmel oder in der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen.

    Postcards026-a

    Lieber Hermann und Inge!
    Wir sind gut angekommen und haben
    uns auch gut miteinander eingelebt.
    Viel Wind und teilweise Regen machen
    langes Fortgehen unmöglich. Wir waren
    im Garten und gehen gleich in den
    Wald. Ob sich das Wetter nicht etwas bessert?
    Wir wollen doch aufwärts fahren.
    Seid herzlich gegrüsst von uns allen.

    Ein Text wie ein Wetterbericht. Aber ohne Aussichten. Oder doch mit Hoffnung. "haben uns gut miteinander eingelebt". Wer sind "wir" in diesem Fall - und wieviel davon? Das "sich gut einleben" zeugt nicht gerade von einer Harmonie vor der Reise. Es klingt fast wie eine überraschende Wendung. Das Wetter ändert sich aber nicht... Wo sie doch fortgehen möchten. Aufwärts fahren. So viele Synonyme für eine herbeigesehnte Normalität. Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen macht es einem zu schaffen. Doch beunruhigend ist, dass sie gerade aus dem Garten in den Wald sich begeben. Aus dem apollinisch Semi-Urbanen in das Dionysische des Dickichtes. Garten war zu wenig Natur. Zu klein. Zu übersichtlich. Was wird sie im Wald erwarten? Kommen sie je heil davon?

    Und: ist es vielleicht nur einer, der da schreibt? Mit der fortschreitenden Persönlichkeitsspaltung? Wohin mit uns?..

    Je öfter man den Text liest, desto mehr kommt es einem vor, man lese einen WetterGemütsbericht. Ob sich das Wetter nicht bessert? Ich hoffe für sie alle. Denn bei dem Wetter können sie unmöglich fortgehen und stecken fest.

    Und während diese zwischenmenschliche Klaustrophobie sich hoffentlich bald legt, wird an diesem Tag, am 7.7.1960 irgendwo auf der anderen Seite der Welt, in Portland, Kevin A. Ford geboren. Ein amerikanischer Astronaut, der mittlerweile 157 Tagen 13 Stunden 9 Minuten im Weltall zählt. Und von oben, aus dem Weltall, sieht die Erde so klein aus. Und das Wetter so wunderschön. Und alles andere so lächerlich.

  • Joachim Gauck ist ein guter Bundespräsident

    Tjaja, so ist es. Die Qualitätsjournalismuszitadelle under dem Namen "Die Welt" hat sich nun mit unserem Bundespräsident Gauck auseinandergesetzt. Die mediale Auseinandersetzungen mit den Bundespräsidenten haben ja etwas verhängnisvolles an sich. Mediale Auseinandersetzung mit Köhler? Köhler geht beleidigt. Mediale Auseinandersetzung mit Wulff? Wulff geht (naja, nicht nur deswegen, aber er geht). Oder, zitieren wir doch besser "Die Welt":

    ...so groß war die Enttäuschung nach Wulffs stelzbeinigem Gehabe bei tönender Hohlheit, Köhlers mimosenhafter Wichtigtuerei und der gut gemeinten, doch verstaubten Kirchentagsrhetorik von Bruder Johannes.

    Nun zu dem noch gegenwärtigen Bundespräsident Gauck. Um ihn steht es anders. Er ist nämlich "der deutsche Glücksfall". Er "verkörpert das, was die Deutschen brauchen", so der Chefkommentator Jacques Schuster. Allein der völlig unparteiliche und journalistisch gut recherchierte Artikel beginnt schon sehr sachlich:

    Man darf an dieser Stelle auch einmal ohne Wenn und Aber loben: Was für ein Glück hat Deutschland mit seinem Bundespräsidenten!

    Was da alles an unserem noch gegenwärtigen Bundespräsidenten Joachim Gauck schön und toll ist (seine Sprechtart sei schön wie eine Reise, er sei ausgewogen, er sei der "politischste" Bundespräsident, er wisse, "dass der Bedarf der Deutschen an Weltgeschichte gedeckt ist", die Verantwortung, "politisch wie militärisch", ohja, militärisch...), können Sie selbst dem Artikel entnehmen, und auch gleichzeitig an einem Meinungsbarometer teilnehmen, das die Meinung des Volkes bezüglich der Wunderbarlichkeit unseres noch gegenwärtigen Bundespräsidenten Joachim Gauck wiedergibt. Hier sind, übrigens, die Zwischenergebnisse des halben Tages dieser allgemeinen Volksumfrage, wie beliebt unser noch gegenwärtige Bundespräsident Joachim Gauck denn ist. Der Zeiger dieses Kompass-Barometers zeigt nämlich nach...

      Ehm... naja, ich denke da ist irgendwie ein Fehler aufgetreten, der Kompass entmagnitisiert oder mein Rechner steht kopfüber. Naja... Ich schreibe da mal in Kommentaren darüber (denn dieser Artikel befindet sich ja in der Rubrik Meinung / Debatten / Kommentare, also ein direkter Kontakt mit der Leserschaft, Demokratie und Meinungsaustausch)... Warte mal, die Kommentarfunktion ist abgeschaltet, ein Paar Stunden nach der Erscheinung des Artikels.

    Und da wollte ich über die Liebesbeziehungen von Herrn Gauck zu Militärlösungen anfragen. Und wieso er Snowden "Verräter" nennt. Okay, stimmt nicht ganz. Aber ich darf ja nicht. Die nach 12 Kommentaren abgeschaltete Kommentarfunktion bewahrt so wohl von der totalen Überlastung "Der Welt". Naja, wollen wir nicht so pingelig sein. Der ist schon gut, unser noch gegenwärtige Bundespräsident Joachim Gauck.

    Zuerst in der Frankfurter Gemeinen Zeitung veröffentlicht.

  • Inspiring Voyeurism: Palimpseste. Ein Zwischenbericht

    Diese halb-erzählte Geschichten, geschrieben von unbekannten Autoren mit ihren unbekannten Hintergründen und unbekannten Schicksalen, faszinieren in ihrer schnellebigen Ewigkeit. Sie sind kleine Türchen in die Wirklichkeit eines jemanden - sind nur für kurze Zeit aufgeschlossen, nicht für mich und nicht für dich, sondern nur für den Adressaten der Karte. Ist es eigentlich ethisch bedenklich, fremde Briefe zu lesen? Stehlen wir ihre Schicksale? Schlechen wir in ihre Gedanken? Ist es OK, durch diese kleine Zeitlöcher zu spähen, in andere Leben zu penetrieren? Auch wenn als ein unsichtbarer Beobachter. Wie ein Geist. Gibt es auch Geister, die in unser Leben dreinschauen? Jetzt, hier?

    Hallo Geister.

    Ich kann meinen Voyeurismus nicht stoppen, wie es mir auch leid tut. Doch diese kleinen Einblicke in die anderer Menschen Schicksale inspirieren, bereichern meine Welt. Ich parasitiere buchstäblich. Die Schickale, die Gedanken, die Ideen sind zu der Noosphäre verbunden, genau so wie Vernandski es meinte. Sie sind ein Teilchen unserer Zivilisation, ein Teilchen eines jeden von uns. So setze ich mit meiner Suche nach geschriebenen Postkarten fort - sei es in Pariser Flohmärkten oder Antiquarbuchhandlungen in Osaka. Ich suche und untersuche weiterhin diese einzigartigen und zufälligen Splitter der Menschheit. Diese halbwegs schweigsamen Zeugen der Zeit. Diese Gedächtnispalimpseste.

    P.S. Und ich bin nicht der einzige. Duroy und Trithemius sind ebenso dabei - jeder in seiner Weise - die Vergangenheit für die Zukunft zu retten.

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