RechenschieberPiepmatzTwitter überraschte uns am letzten Montag mit einer Statistik ähnlich dem „Transparency Report“ von Google. Hierbei nennen beide Unternehmen konkrete Zahlen, in welchem Umfang staatliche Stellen die Herausgabe von Benutzerdaten angefordert haben und in welchem Maß diesen Forderungen entsprochen wurde – nicht allen Anfragen der Behörden sind die beiden Onlinedienste nachgekommen.

Absolut ist relativ

Während einige davon sprechen, dass die bei Twitter angeforderten Userdaten recht hoch sein sollen (679 Anfragen aus den USA im ersten Halbjahr 2012), frage ich mich jedoch, wo die Relationen geblieben sind?

Wie viele aktive Nutzerkonten sind bei Twitter oder Google überhaupt registriert? Und wie sieht es eigentlich mit dem prozentualen Anteil der Internetnutzer für das jeweilige Land aus? Twitter meldete 679 Behördenanfragen für den Zeitraum Januar 2012 bis Juni 2012, Google 5.950 Anfragen für den gleichen Vorjahreszeitraum – das mag zunächst nach viel klingen – aber für die Vereinigten Staaten mit einer Population von über 300 Mio. Menschen, wovon mehr als 200 Mio. das Internet nutzen [1], sind diese 679  bzw. 5.950  betroffenen Useraccounts statistisch gesehen nicht relevant bzw. gar nicht geschehen. Aber der Ansatz, die beiden Unternehmen mit ihren „Transparency Reports“ verfolgen, wenn es um die öffentliche Aufklärung geht, zeigt sicher in die gute Richtung. Bei möglichen Urheberrechtsverletzungen geht Google sogar so weit und nennt die Namen der anfragenden Unternehmen und visualisiert sie anschaulich in einem Ranking. Man darf raten, welches Softwareunternehmen sich in der Vergangenheit über mögliche Urheberrechtsverstöße am meisten geärgert hat?

Ein Rechenbeispiel

Google hat eine ganze Pipeline an Nutzerkonten für deren Onlinedienste zu vergeben – Gmail, Picasa, Google+, um nur einige zu nennen. Weltweit soll alleine das Soziale Netzwerk Google+ mehr als 90 Mio. Nutzer beheimaten, wie kürzlich in Googles eigenem Plus-Account bekannt gegenen wurde. Nehmen wir an, dass nur ein Drittel dieser insgesamt 90 Mio. Benutzerkonten auf US-Bürger registriert wäre, dann entspräche dies 30 Millionen Accounts. Würde ich nun davon ausgehen, dass alle 5.950 behörlich angeforderten Googlekonten ausschließlich Google+-Konten wären, dann läge der prozentuale Anteil hier bei „nur“ 0,02 %. Da die Gesamtzahl sämtlicher Googlekonten um ein vielfaches höher liegen dürfte, läge der Prozentsatz der Benutzerkonten, die die Behörden eingefordert haben, tatsächlich noch niedriger als 0,02 %. Ähnliches lässt sich bei angenommenen 107 Mio. aktiven Twitternutzern aus dem amerikanischen Bundesstaat vermuten. Hier entsprechen 679 Behördenanfragen zu Benutzerdaten sogar „nur“ 0,0006 %. Konkrete Nutzerzahlen auf den Seiten von Twitter konnte ich bisher nicht ausfindig machen, warum ich an dieser Stelle auf die Seiten von semiocast.com verwiesen habe, die diese Zahlen bereits ermittelt haben.

679 Benutzeranfragen in einem Halbjahr sind zwar statistisch betrachtet wenig. Aber wurde nicht erst kürzlich der Herausgabe sämtlicher öffentlicher Tweets, privater Nachrichten, IP-Adressen usw. eines mutmaßlichen Occupy-Aktivisten der Wall-Street auf richterliche Anweisung hin seitens Twitter entsprochen, wie Spiegel Online kürzlich berichtete? Zielgenau scheint hier von Seiten der Behörden angefragt worden zu sein, könnte man denken.

 

Links:
[1] Internet Telecommunication Union: www.itu.int/ITU-D/ict/statistics/ (Stand 31.12.2011)
Twitters Transparenzreport: blog.twitter.com/2012/07/twitter-transparency-report.html
Googles Transparenzreport: www.google.com/transparencyreport/userdatarequests/
Google+-Post: plus.google.com/107117483540235115863/posts/TXrnjNbzbWi
Semiocast.com – Twitternutzerzahlen weltweit: semiocast.com/publications/2012_01_31_Brazil_becomes_2nd_country_on_Twitter_superseds_Japan
Spiegel Online Beitrag: www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/nutzerdaten-richter-zwingt-twitter-zum-occupy-verrat-a-842239.html