TELEPOLIS

Ära der Androiden

01.11.2015

Soso, Sie wollen also einen Wikipedia-Artikel über die Geschichte der Androiden schreiben? Seitdem Wikipedia von der Bundeszentrale für politische Bildung und Propaganda kontrolliert wird mache ich da eigentlich nicht mehr mit. Aber ich will mal nicht so sein und Ihnen trotzdem ein Interview geben.

Es begann also alles mit einem Paper eines obskuren sibirischen Wissenschaftlers, in dem die Mikrostruktur eines völlig neuartigen, selbst-modifizierenden und rekursiven neuronalen Netzes beschrieben wurde. Mit diesem Konzept schien es nun erstmals möglich zu sein, eine wahrhaft generische künstliche Intelligenz zu schaffen, die wie ein Mensch lernt und auch in der komplexen Alltagsumgebung zurecht kommen kann.

Ich kann mich noch gut an den Tag der Publikation erinnern, denn an diesem Tag begann auch die 17. Amtszeit unserer geliebten Kanzlerin Angela Merkel. Prompt entstand dann auch die Verschwörungstheorie, dass die amerikanische NSA schon längst über diese Technologie verfügt und heimlich Regierungschefs im Ausland durch Androiden ersetzt. Obgleich es schon sehr verdächtig ist, dass unsere Kanzlerin kaum Alterserscheinungen zeigt, sollte man doch realistisch bleiben: Einerseits ist die NSA wohl kaum an rational denkenden, lernfähigen Regierungen im Ausland interessiert. Andererseits wird beim Blick auf die politischen Taten unserer Kanzlerin klar, dass hier, wenn überhaupt, ein aus den USA ferngesteuerter Roboter am Werk ist, kein autonom denkender Androide.

Jedenfalls kam der implementierungstechnische Durchbruch erst, als ein Mathematik-Professor aus Kalifornien verschiedene mathematische Näherungsverfahren geschickt einsetzte, um auf Grundlage des Papers den Reinigungsalgorithmus seines Roombas zu optimieren. Mit der Veröffentlichung einer patentfreien Nachbau-Anleitung unter BSD-Lizenz legte er den Grundstein für eine quirlige Androiden-Maker-Szene, die in dieser Form heutzutage aufgrund der Gesetzeslage leider ja nicht mehr möglich ist.

Viele Firmen begannen dann, kommerzielle Androiden zu entwickeln. Insbesondere ist hier Google zu nennen, das sein Mobil-Betriebssystem Android auch für den Einsatz auf autonomen Androiden erweiterte und so für eine gewisse Standardisierung sorgte.

Interessanterweise stellte sich heraus, dass die künstliche Intelligenz der Androiden wirklich sehr, sehr menschenähnlich war. Die Androiden waren zwar in der Lage, einfache Tätigkeiten wie Waschen und Putzen recht schnell zu erlernen und dann auch selbständig auszuführen. Wenn es aber um komplexere Dinge ging, wie z.B. Kochen oder die Betreuung von Kindern, mussten die Androiden wie Menschen eben auch erst monatelang üben, bis sie wirklich gut darin waren. Deswegen erweiterte Google den Play-Store, so dass die Hersteller der Androiden auch Lerneinheiten für ihre Produkte verkaufen konnte.

Anstatt seinen Androiden also zu einem Kochkurs zu schicken, konnte man einfach das jeweilige Modul kaufen und der Android verfügte sofort über die Fertigkeit, schmackhafte und gesunde Gerichte zuzubereiten. Anfangs war die Herstellung eines Lernmoduls recht komplex, und durch das DRM-System hatten zunächst die entsprechenden Hersteller ein Monopol für die Erstellung und Verkauf der Lernmodule. Damit konnten die Hersteller saftige Preise für ihre Lernmodule verlangen, sehr zum Unmut vieler Nutzer.

Es dauerte aber nicht lange, und findige Hacker fanden Möglichkeiten, root-Zugriff auf ihren Androiden zu erlangen, so dass sie selbst Lerneinheiten erstellen konnten. Ursprünglich setzten sich die Hacker nur aus reiner Lust am Basteln mit ihren Androiden auseinander. Mit dem root-Zugriff war es aber auch möglich, das DRM-System der offiziellen Lerneinheiten zu umgehen und diese beliebig auf andere Androiden zu kopieren. Quasi über Nacht konnte man dann neben Musik, Filmen und Spielen auch Lernmodule für Androiden über die einschlägigen Kanäle illegal aus dem Internet runterladen.

Meine Güte, das war wirklich eine spaßige Zeit: soll dein Androide mal das Essen auf einem Einrad balancierend servieren? Kein Problem, dafür konnte man ein Lernmodul runterladen. Oder wolltest du ein privat-Konzert deiner Lieblings-Band in deinem Wohnzimmer, täuschend echt vorgetragen von deinen Androiden? Auch dafür gab es entsprechende Lernmodule. Die nötigen Kostüme und Musikinstrumente konnte sich dein Android mit Schrott aus deinem Keller vorher selbst herstellen, natürlich nach Download eines weiteren Lernmoduls.

Viele Leute spielten ein Lernmodul nach dem anderen auf ihren Androiden auf, während Kenner der Szene davor warnten, dass in den Lernmodulen auch Sicherheitslücken vorhanden sein könnten. Insbesondere gab es auch die Möglichkeit, dass Trojaner in den Lerneinheiten versteckt sein könnten. Denn aufgrund der Komplexität der neuronalen Netzes war es quasi unmöglich, anhand des binären Codes eines gegebenen Lernmoduls vorherzusagen, welche Fertigkeiten der Androide mit dem Modul lernen würde.

Und tatsächlich: Es mehrten sich die Meldungen, dass Androiden ihre Besitzer im Schlaf ausraubten und dann auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Manche Bürger wurden sogar von ihren eigenen Androiden unter Androhung von Gewalt dazu gezwungen, ihre gesamten Ersparnisse auf zwielichtige Konten am anderen Ende der Welt zu überweisen. Schließlich musste sogar die Bundeswehr eingreifen, um die Bot-Netze virenverseuchter Androiden zu zerstören, die teilweise sogar kleinere Städte in ihre Gewalt gebracht hatten und Schutzgeld erpressten. Die kriminellen Hacker, die für das Einschleusen der Viren verantwortlich waren, konnten bis auf wenige Ausnahmen unerkannt mit ihrer Beute entkommen. Die gehackten Androiden dienten einerseits als skrupellose Erfüllungsgehilfen, andererseits aber auch als Relais-Station für die Beute, so dass die Identität der Hintermänner nur sehr schwer aufzudecken war.

Danach wurde der Androiden-Markt strengstens reguliert. Auf alle Androiden musste ein besonderes staatliches root-Lernmodul aufgespielt werden. Offiziell heißt es, dass damit nur die Ausführung von nicht-zugelassenen Lernmodulen verhindert wird, natürlich nur zum Schutz der Allgemeinheit. Selbstverständlich hätte der Staat theoretisch damit noch viel weitergehende Möglichkeiten, aber zum Glück verhindert das Grundgesetz solche Aktionen.

Als passionierter Bastler hatte ich es damals nicht über das Herz gebracht, meine Androiden-Bastelprojekte durch das Aufspielen des staatlichen Lernmoduls auf allen meine Androiden zu beenden. Deswegen verschonte ich einen meiner Androiden, und da ich ihn nur in einem abgeschlossenen Raum betreibe, ist das ja meines Wissens auch legal. Naja, aber damit bin ich inzwischen in der absoluten Minderheit. Durch immer kompliziertere Vorschriften und drakonischere Strafen ist es quasi nicht mehr möglich, so ein Hobby zu betreiben. Hinsichtlich Androiden ist man heutzutage nur noch Konsument: Man kann nur noch staatlich geprüfte Androiden kaufen, und diese, wenn überhaupt, nur mit staatlich geprüften Lernmodulen erweitern. Anscheinend ist das der politische Wille."

Währenddessen kam es im Keller zu einem Kampf zwischen meinen Androiden. Der Android ohne staatliches Lernmodul hatte dabei keine Chance, da bei den anderen beiden Androiden per Fernwartung plötzlich ein Lernmodul mit erweiterten Nahkampftechniken eingespielt worden war. Als der Android gefesselt war, druckten sich die anderen Androiden auf meinem 3D-Drucker Polizeimarken und eine Schusswaffe aus. Dann kamen sie nach oben um mich festzunehmen.

Diese Geschichte von Lorenz Wallner steht unter der CC-BY-SA-4.0-Lizenz.

Das Ausgangsbild von Angela Merkel stammt von Armin Linnartz und steht unter der CC-BY-SA-3.0-Lizenz. (Illustration: Telepolis)