KONTEXT Extra:
Guido Wolf belebt die alten Seilschaften wieder

Der neue Kandidat zieht die alten Strippen: Um seine Wirtschaftskompetenz zu erhöhen, umgibt sich der frühere Landrat Guido Wolf (CDU) mit Fachleuten von früher, die einst an der Baden-Württemberg AG gebastelt haben. Wie die "Stuttgarter Zeitung" meldet, sind das Wolfgang Schuster (Ex-OB), Heinrich Haasis (Ex-Sparkassenpräsident), Klaus Mangold (Ex-Daimler), Hans Reichenecker (Ex-CDU-Schatzmeister), Jürgen Offenbach (Ex-Chefredakteur "Stuttgarter Nachrichten"). Aktiv im Geschäft ist noch Nicola Leibinger-Kammüller sowie Juliane Vees vom Landfrauenverband Württemberg-Hohenzollern. Erstaunlicherweise fehlt nur Hans-Peter Stihl, der Vater der Kettensägen. Bei so viel geballtem Sachverstand kann eigentlich nichts mehr schief gehen.


Auf ein gutes Neues!

Also, wenn es geklappt hat mit dem frohen Fest, soll es grad so weiter gehen. Unseren LeserInnen wünschen wir einen unfallfreien Wechsel ins neue Jahr, und dann natürlich ein 2016, das friedfertiger sein möge als das abgelaufene. Zur Einstimmung empfehlen wir das wundervolle Wimmelbild unseres Karikaturisten Oliver Stenzel - ab Mitternacht hier.


Frohes Fest!

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern schöne Weihnachten und geruhsame Feiertage!

Den Klassiker gibts hier


Dortmund guckt in die Röhre – wegen S 21

Es ist ja nicht so, dass die Kostenexplosionen bei Stuttgart 21 nur am Neckar für Verdruss sorgen. Auch in Dortmund sind die Berechnungen von Vieregg-Rössler sauer aufgestoßen. Mit den vorausgesagten Mehrkosten von 3,5 Milliarden Euro hätte man den Dortmunder Hauptbahnhof und viele andere Stationen "locker attraktiv modernisieren" können, schreibt der örtliche SPD-Bundestagsabgeordnete Marc Bülow. Er habe das Gefühl, dass das Ruhrgebiet "wieder einmal in die Röhre schaut" und: "S 21 bremst Dortmunder Hauptbahnhof aus". Kleiner Tipp von Kontext: Die Parteifreunde in Stuttgart fragen, ob sie ihn nicht unterstützen können.


Dietrich Wagner: "Entschuldigung angenommen"

Winfried Kretschmann hat sich bei allen Opfern des "Schwarzen Donnerstag" entschuldigt. Während des Treffens mit zehn Stuttgart-21-Gegnern, die beim Polizeieinsatz 2010 verletzt wurden - darunter auch Dietrich Wagner -, sprach Kretschmann sein "aufrichtiges Bedauern" aus. Das gelte nicht nur für die Anwesenden, sondern für alle, die im Schlossgarten zu Schaden gekommen seien. Wagner, der durch einen Wasserwerferstoß fast erblindet ist, erklärte danach: "Die Entschuldigung ist für alle angenommen." Er lobte das Gespräch in der Bibliothek des Staatsministeriums als konzentriert und ernsthaft, man habe, sagte er danach, eine Stecknadel fallen hören können. Auch dem Ministerpräsidenten persönlich sprach Wagner seine Hochachtung aus: Gerade jetzt, "wo unsere Demokratie von rechts unter Druck gerät, sind aufrichtige Politiker wie er sehr wichtig".

Die Opfer des Polizeieinsatzes hatten Kretschmann seit dem Machtwechsel zu einer Erklärung zum 30. September 2010 gedrängt. Dass fünf Jahre vergehen mussten, erklärte der grüne Regierungschef mit dem Gerichtsverfahren. Jetzt sei der Polizeieinsatz als rechtswidrig erklärt worden. Er sehe sich "in seiner Funktion als Ministerpräsident in der Kontinuität seines Vorgängers" und habe sich in dieser Funktion auch entschuldigt. Das Land verzichtet auf Rechtsmittel, weshalb das Innenministerium umgehend mit jedem Einzelnen Gespräche über eine Entschädigung "im Rahmen und nach den Regeln des Amtshaftungsrechtes" aufnehmen wird. Kretschmann kündigte auch an, dass die anonymisierte Kennzeichnung von Polizisten bei Großeinsätzen, sollte Grün-Rot die Wahl im März gewinnen, endlich doch eingeführt wird. Die Gegner ihrerseits verzichteten darauf, die Aufhebung des Rahmenbefehls zu fordern. "Die Atmosphäre war so dicht", sagte Wagner, "dass gar nicht alle Punkte angesprochen werden konnten."


Peter Conradi nennt StZ-Kolumnistin niederträchtig

Die steilen, zunehmend reaktionären Thesen von Sibylle Krause-Burger sind steigerungsfähig. In der "Stuttgarter Zeitung" vom 15.12. schreibt die Kolumnistin: "So begeistert, wie die Väter und Großväter einst den Mordaufrufen der Nazis folgten ..., so begeistert gehört es sich 70 Jahre später, Hundertausenden von Muslimen ein freundliches Gesicht zu zeigen". Das hat SPD-Urgestein Peter Conradi zu einem scharfen Leserbrief an die StZ veranlasst, den wir zur Sicherheit an dieser Stelle veröffentlichen:

"Diese Gleichsetzung der Nazi-Verbrechen mit der Hilfsbereitschaft vieler Menschen gegenüber den Flüchtlingen ist niederträchtig und eine Gemeinheit, für die sich die Schreiberin und die StZ bei ihren Lesern entschuldigen sollte. Wir freuen uns über den "humanitären Imperativ", auf den sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel beruft, und über das grosse Engagement der ehrenamtlichen HelferInnen und der MitarbeiterInnen im öffentlichen Dienst der Gemeinden und Länder für die Flüchtlinge. Wenn es eine Nähe zu den Nazis gibt, dann beim Fremdenhass der AfD, bei der Flüchtlingshetze der Pegida und bei den Anschlägen der Rechtsextremen gegen Flüchtlingsunterkünfte." Unterzeichnet hat auch Petra Bewer.

Der Schriftsteller Rainer Wochele schließt sich an. Die Kolumnistin Krause-Burger habe sich mit diesem "unanständigen und unerhörten" Vergleich "weit rechts" von der wertemäßigen Grundlinie des Blattes entfernt. Sie mache alle jene verächtlich, die sich mit großer Empathie um die Flüchtlinge kümmerten. Wochele hat lange Jahre bei der "Stuttgarter Zeitung" gearbeitet.


S 21: Kostenexplosion, die nächste?

Der Tiefbahnhof Stuttgart 21 wird mindestens 9,8 Milliarden Euro kosten - und damit nochmals mit über drei Milliarden Euro mehr zu Buche schlagen, als bislang offiziell eingeräumt. Das prognostiziert der Münchner Verkehrsplaner Martin Vieregg in einem Gutachten für das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, das heute in Berlin vorgestellt wurde. Zudem werde der Tiefbahnhof nicht Ende 2021, sondern frühestens Ende 2025 in Betrieb gehen.

Als Kostentreiber erweist sich laut Gutachten vor allem der Tiefbahnhof im Stuttgarter Talkessel. Schwierige geologische und hydrologische Verhältnisse sowie höhere Anforderungen an den Brandschutz verteuerten das Bauwerk von ursprünglich 757 Millionen auf 1,6 Milliarden Euro.

Das Ergebnis des Gutachtens schaffe eine grundsätzlich "neue Lage", so Eisenhart von Loeper, Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21: "Der Ausstieg aus Stuttgart 21 ist jetzt unaufschiebbar!" Dringend empfiehlt er einen Baustopp, "um ehrlich Inventur zu machen bei den Kosten". In einer ersten Reaktion von politischer Seite forderte Bernd Riexinger, Bundesvorsitzender der Linken und Spitzenkandidat bei der baden-württembergischen Landtagswahl, ein sofortiges Ende des Bahnhofsprojekts.

Die Deutsche Bahn wies das Gutachten als "nicht haltbare Spekulation" zurück und geht weiter von 6,526 Milliarden Euro Baukosten aus. Aufgrund des bereits weit fortgeschrittenen Stands der Vergaben seien die eigenen Kostenkalkulationen plausibel.

Bereits 2008 hatte Vieregg-Rössler für S 21 ein Kostenvolumen von mindestens 6,8 Milliarden Euro prognostiziert. Damals lagen die offiziell genannten Kosten noch bei 4,5 Milliarden Euro.


Kretschmann trifft Campact

Die Südwest-Grünen haben auf ihrem Parteitag am Samstag in Reutlingen dem Freihandelsabkommen CETA eine Absage erteilt und einen Neustart der TTIP-Verhandlungen verlangt. "EU-weit errungene Standards in den Bereichen Umweltschutz, Gesundheit und Soziales, Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Datenschutz" müssten unangetastet bleiben, heißt es im Programm für die Landtagswahl im März 2016. Zuvor hatten Campact-Aktivisten und -Aktivistinnen Ministerpräsident Winfried Kretschmann vier dicke Packen Unterschriften gegen CETA und TTIP übergeben. Zugleich fordern sie von der grün-roten Koalition, sollte sie die Landtagswahl 2016 gewinnen, im Bundesrat gegen CETA und TTIP zu stimmen. Exakt 402 926 Menschen in ganz Deutschland haben einen entsprechenden Aufruf an alle Landesregierungen unterzeichnet. Kretschmann versprach, grundsätzlich nur solchen Handelsabkommen seinen Segen zu geben, die dem Demokratieprinzip entsprechen.


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Pleitegeier über Pistengaudi

Von Jürgen Lessat

Wärmerekord statt Wintertraum: Auf dem Feldberg, dem höchsten Gipfel von Baden-Württemberg, ist die Skisaison bislang ausgefallen. Seit Jahren warnen Umweltschützer, dass gegen den Klimawandel keine Schneekanonen helfen. Dennoch pulverten Kommunen und Investoren erst jüngst 25 Millionen Euro ins stillstehende Skigebiet.

6 Kommentare

Einfach nur dreist

Von Stefan Siller

Am Anfang fand er Stuttgart 21 toll, dann hat er gelesen und wurde zum Gegner. Der SWR-Moderator i. R. Stefan Siller beschreibt in seinem Buch, wie die Menschen belogen wurden, weil sich Investoren eine "goldene Nase" verdienen wollten. Kontext veröffentlicht das Kapitel zum Bahnhof.

4 Kommentare

Raumschiff Enterprise

Von Rupert Koppold (Text) und Joachim E. Röttgers (Fotos)

Nicht mehr nur durch Gucklöcher auf die S-21-Baustelle gucken. Jetzt darf man zwischen den Baggern herumwandern. Drei Tage lang, ganz offiziell, geführt von der Bahn. Die Presse durfte schon vorher ins Raumschiff Enterprise.

5 Kommentare

Glück reloaded

Von Elena Wolf (Text) und Joachim E. Röttgers (Fotos)

Die Zeit um die Jahreswende ist berüchtigt für den Blick in die Zukunft und die Sterne. Esoterik und Sinnsuche boomen auch 2016. Das ist oft zum Kichern, aber auch zum Frösteln.

2 Kommentare

Mann in der Wildnis

Von Rupert Koppold

In Koppolds Kino tanzt der Bär. Leonardo DiCaprio ist ein Trapper, der von seinem Trupp schwer verletzt zurückgelassen wird. Und nun zurückkriecht, um Rache zu nehmen.

Top 5 im Dezember

Von unserer Redaktion

Im Artikel "SWR – ganz elastisch" ging es um die Idee des Staatssenders, der AfD das Adjektiv "rechtspopulistisch" vor dem Namen künftig zu streichen. Ein veritabler kleiner Skandal, fanden wir. Unsere Leser offenbar auch, denn die hoben den flexiblen Südwestrundfunk aufs Siegerpodest der meistgelesenen Kontext-Texte im Dezember.

3 Kommentare

Gestrandet im Libanon

Von Dietrich Heißenbüttel

Rund ein Prozent betrug 2015 der Bevölkerungszuwachs im deutschen Südwesten durch Flüchtlinge – und manche meinen schon, das sei nicht zu schaffen. Im Libanon ist jeder Vierte ein Flüchtling. Die Geografin Leila Mousa hat sich mit der Situation dort beschäftigt.

2 Kommentare

Ende Legende

Von Johanna Henkel-Waidhofer

Die Länderfinanzminister schworen dieser Tage parteiübergreifend Stein und Bein: Trotz Zuwanderung bleibt es bei der Schuldenbremse. Besser wäre gewesen, sich zum Jahreswechsel vorzunehmen, den tanzenden Rotstift endlich aus dem Fenster zu werfen.

4 Kommentare

"Ich habe Zweifel"

Von Jens Wernicke (Interview)

Für Clemens Binninger (CDU) sind noch zu viele Fragen unbeantwortet. Als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses "NSU-Terrorgruppe II" im Bundestag will er nun Antworten. Ein Gespräch über die Lücken der bisherigen Aufklärung.

10 Kommentare

Pop! Stolizei!

Von Oliver Stenzel (Text), Gerhard Seyfried (Bilder)

Mit seinen Comics voll bekiffter Freaks und tumber Polizisten wurde Gerhard Seyfried zum zeichnerischen Chronisten der APO-Zeit. Nun widmet sich das Frankfurter Caricatura-Museum in einer Ausstellung dem Werk des Wahlberliners. Eine zwerchfellerschütternde Zeitreise.

Letzte Kommentare:

Ausgabe 249 / "Ich habe Zweifel" / Schwabe, 08.01.2016 13:07
@Bernd Kruczek "...Herr Binninger ist Bestandteil eines Systemes und kann und wird sicher nicht eigenständige Entscheidungen treffen." Für mich und bestimmt für viele andere politisch Interessierte auch ist diese Aussage von Ihnen...

Ausgabe 249 / Kontext ist kein Kotzkübel / Bernd Oehler, 08.01.2016 12:51
Soso. Regeln. Die gibt es bekanntlich bei gedruckten Zeitungen (Achtung Digitalnerds: Totholz- und Analog-Alarm) längst: anonymes Geschreibsel kommt in den Papierkorb und dummes Geblöke wird nicht veröffentlicht (na gut: die Messlatte...

Ausgabe 249 / Raumschiff Enterprise / Schwabe, 08.01.2016 12:09
Den virtuellen Rundgang hier habe ich sehr genossen, sehr amüsant - vielen Dank Rupert Koppold und Joachim E.Röttgers. Live habe ich mir dieses verzweifelte Trauerspiel der Bahn erspart. Weiß eigentlich jemand wieviel diese...

Ausgabe 249 / Kontext ist kein Kotzkübel / observer, 08.01.2016 11:54
Verbindliche Regeln sind nachvollziehbar und löblich. Sie sollten allerdings keinen Interpretationsspielraum lassen, keine Gummiformulierungen verwenden (die berüchtigte "Hetze" z.B.), sondern einfach anwendbar sein. In fast allen...

Ausgabe 249 / Ende Legende / Blender, 08.01.2016 10:42
Ohne Stuttgart 21, ohne ENBW-Deal, ohne BER Berlin, ohne PPP (=private public partnership projects, z.B. Engelbergtunnel), ohne Elbphilharmonie, ohne Asse (bzw. Gorleben), ohne den nie fertiggestellten schnellen Brüter in Kalkar, ohne das...

Ausgabe 248 / "Die Leute sind feige" / U. Gerhardt, 08.01.2016 10:30
Wenn ich den Artikel lese, frage ich mich wer hier der "Zündler" ist. Schon alleine die Wortwahl der Autorin unterstreicht, daß Sie selbst die Rolle übernimmt. Nachdem unsere Leitmedien oder Mainstream-Medien oder wie immer man sie...

Ausgabe 249 / Raumschiff Enterprise / Blender, 08.01.2016 09:57
Ich spüre Resignation! Eigentlich ist es mir als Kurpfälzer inzwischen völlig Wurst, dass die Bahnhofsbaustelle Stuttgart verschandelt, dass der Schlossgarten/Rosensteinpark als Naherholungsgebiet kaputtgefällt und ausgehöhlt wurde,...

Ausgabe 249 / Kontext ist kein Kotzkübel / ophir, 08.01.2016 08:19
Einverstanden, liebe KONTEXT-Redaktion! Aber, mögen sich "Fern-der-Heimat", "by-the-way" und Konsorten in Zukunft auch daran halten!?

Ausgabe 249 / "Ich habe Zweifel" / by-the-way, 08.01.2016 00:18
Zu welchen Ergebnis wird dieser Untersuchungsausschuss kommen? Der Mitforist "Schwabe" hat es in seinem Kommentar am 06.01. bereits zutreffend beantwortet: "systemkonformes Ermittlungsergebnis." Auch sollte man aus der jüngsten...

Ausgabe 249 / Raumschiff Enterprise / Statistiker, 07.01.2016 23:54
"Ich bin hier, um die Technik zu erklären...", was nun wie und warum gebaut wird, konnte oder wollte er daher nicht näher erläutern. Die Frage, um die es dabei ging: welche Änderung denn nun genau zu den jahre- bzw. monatelangen...

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Werden Sie KONTEXT:Unterstützer