lukas

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alpha : 0.18 – Für sei­nen Sohn, der gerade fünf Jahre alt gewor­den ist, hat sich Gus­tav L. etwas beson­de­res aus­ge­dacht. Er ist in den Kel­ler gestie­gen, um dem klei­nen Lukas einen wirk­li­chen, einen ech­ten Flug­d­ra­chen zu bauen, ein Geschenk von eige­ner Hand. Im Kel­ler lager­ten das Holz und das Sei­den­pa­pier in rot und blau, und Schnüre, davon feine Sor­ten und etwas kräf­ti­gere Gewinde. Im Kel­ler waren außer­dem Werk­zeuge zu fin­den, Sägen, Fei­len, Häm­mer, Cognac, alles das was man so braucht, einen wun­der­schö­nen Flug­d­ra­chen zu bauen. Es ist ein schö­ner Okto­ber­tag. Man zieht kurz nach Voll­endung des Kel­ler­wer­kes los auf die nächste Wiese, die schön blüht, Mar­ge­ri­ten vor allem. Lukas ist stolz auf den Dra­chen und der Vater ist es auch. Aus dem Dra­chen einer rei­nen Vor­stel­lung ist ein wirk­li­cher Dra­che gewor­den, den man berüh­ren kann, ein drei­stö­cki­ger Kas­ten­dra­che, der knis­tert. Gus­tav fühlt sich wohl, es ist ihm so rich­tig warm gewor­den, er hat sich gut ein­ge­pen­delt. Einig Bie­nen flie­gen zick­zack herum. Ein star­ker Wind geht, der Dra­che fliegt hoch hin­auf. Der Sohn und der Vater hal­ten ihn gemein­sam an der Schnur. Sie ren­nen über die Wiese. Ein­mal hebt der kleine Junge ab, der Vater erwischt ihn gerade noch am Fuß. Dann fällt der Vater um. – stop

menschen

grand cen­tral sta­tion. regen

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marimba : 0.12 – Grand Cen­tral Sta­tion an einem reg­ne­ri­schen Tag, viele der rei­sen­den Men­schen sind nass gewor­den. Auch ein paar Tau­ben haben sich in den Bahn­hof geflüch­tet, sie gehen zu Fuß, wes­halb sie von Kin­dern gejagt wer­den, deren Müt­ter lange Röcke tra­gen und Schlei­fen im Haar. Diese Per­so­nen wir­ken so, als wären sie gerade erst aus den Regen­wol­ken frü­he­rer Jahr­hun­derte gefal­len.  Wie ich mit einer Roll­treppe abwärts fahre, durch die Tun­nels unter dem Bahn­hof spa­ziere, treffe ich auf eine Modell­ei­sen­bahn, die mit Blau­licht durch einen Post­kar­ten­la­den fun­kelt. Ein Feuer ist aus­ge­bro­chen, eine Tank­stelle brennt, die jeder­zeit explo­die­ren könnte, und eine Schule. Von Zeit zu Zeit schep­pert ein Zug vor­bei, des­sen Loko­mo­tive dampft, indes­sen das Modell­ei­sen­bahn­feuer mit­tels fei­ner Papiere und künst­li­chem Wind zur Auf­füh­rung kommt. Eine dra­ma­ti­sche Szene. In die­sem Moment der Beob­ach­tung eines Unglücks, erin­nerte ich mich an einen Hei­zer, der in einem Mün­che­ner Bahn­hof das Fahr­werk einer rie­si­gen Loko­mo­tive ölte. Es war eine Zeit, da die fah­ren­den Koh­len­brenn­werke star­ben. Ich könnte damals zum ers­ten Mal bemerkt haben, dass auch Modell­lo­ko­mo­ti­ven regel­mä­ßig mit Maschi­nenöl, wel­ches aus hand­li­chen Behäl­tern trop­fen­weise ver­teilt wurde, ver­sorgt wer­den wol­len. Der Dampf, der unter der Fahrt kurz dar­auf aus zier­li­chen Schlo­ten pfiff, war echt, wie der Dampf der gro­ßen Loko­mo­ti­ven­brü­der. Die erste Eisen­bahn mei­nes Lebens habe ich von einem Lauf­stall aus als Gefan­ge­ner beob­ach­tet. Noch konnte ich, wenn ich mich nicht täu­sche, nur sit­zen oder lie­gen, aber das war nicht schlimm gewe­sen, weil der Zug, der mei­nen Lauf­stall umkreiste, vom Boden her sehr gut zu sehen war. Ich erin­nere mich an Schie­nen von Metall, die ich spä­ter ein­mal ver­bie­gen würde, an leuch­tende Signal­an­la­gen, an dun­kel­grüne Kro­ko­dile, die je über Schhein­wer­fer­köpfe vefüg­ten. Spä­tere, sehr viel klei­nere Dampf­lo­ko­mo­ti­ven­mo­delle, waren schwer. Wenn ich sie in mei­nen klei­nen Hän­den hielt, hatte ich das Gefühl etwas Bedeu­ten­des zu hal­ten. Ihre Far­ben waren schwarz und rot, und sie rochen sehr schön nach Eisen. Seit jener Zeit spüre ich eine kind­li­che Form der Erre­gung, sobald ich in einem Modell­ka­ta­log blät­tere. Die erste Spiel­zeug­ei­sen­bahn, die mir selbst gehörte, war von Holz gewe­sen, höl­zerne Schie­nen, höl­zerne Wagons, höl­zerne Loko­mo­ti­ven, auch die Pas­sa­giere waren von Holz. Heut­zu­tage wer­den Loko­mo­ti­ven her­ge­stellt, die so klein sind, dass man sie ver­schlu­cken kann. – Vor weni­gen Tagen wurde Rado­van Kara­d­zic zu 40 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. – stop
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martha­ge­schichte

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echo : 5.12 – Mar­tha ist 76 Jahre alt. Seit 18 Jah­ren trinkt sie Likör. Schon am frü­hen Mor­gen beginnt sie damit. Sonst nimmt sie wenig zu sich. Die Luft riecht süß­lich um sie herum. Aber sie ist gut gepflegt. Und umge­fal­len ist sie auch noch nie. Nach­mit­tags um 3 fährt sie an den Bahn­hof. Das ist die Zeit, da für sie der Abend beginnt. Sie hat dort einen fes­ten Platz. Gleis 15 sitzt sie auf einer Bank. Frü­her war ihr Stamm­platz auf Gleis 8. Jetzt fah­ren auf Gleis 8 die schnel­len Inter­ci­ty­ex­press­züge ein und aus, man hat Mar­tha von höhe­rer Stelle aus gebe­ten, sich auf Gleis 23 auf eine ver­gleich­bare Bank zu set­zen. Aber das ist ein Ran­gier­gleis, dort ist nichts los, außer ein paar Jun­kies, und die sind Mar­tha zu gefähr­lich. Also sitzt sie auf Gleis 15., man könnte ihre Wahl als einen Kom­pro­miss bezeich­nen. Im Som­mer trägt Mar­tha Kos­tüm­chen. Sie ist gern bunt geklei­det. Wenn es doch nicht immer so drü­ckend und heiß wäre. Die Beine wer­den ganz dick davon, und die Füße wol­len sich den Schu­hen nicht län­ger fügen. Manch­mal geht sie ein paar Schritte auf und ab. Mar­tha setzt vor­sich­tig Fuß für Fuß. Dann lässt sie sich wie­der nie­der und nimmt sich ein Gläs­chen voll zur Brust, macht einen klei­nen See in das Täsch­chen ihrer Unter­lippe, Kara­mellge­schmack, den liebt sie sehr, auch Anis und Scho­ko­creme, die blauen Bols mag sie gar nicht. Sobald sie sich wie­der gut fühlt, beginnt sie Papiere zu fal­ten, die sie aus ihrer Hand­ta­sche nimmt. Sie fal­tet Him­mel und Hölle. Wenn ein Kind auf dem Bahn­steig vor­über kommt, ver­schenkt sie das Spiel. Mit die­sem Spiel habe ich mir frü­her immer die Zeit ver­trie­ben, sagt sie, da war ich so alt wie du. Oft zer­ren die Müt­ter ihr Kind von der alten Mar­tha weg, weil Kin­der das alles nicht so genau neh­men. Und Mar­tha sagt: Ich habe in Landau gewohnt. Im Gar­ten hat­ten wir einen Birn­baum. Im Som­mer haben wir Him­bee­ren gepflückt. Der Kel­ler war dun­kel und die Treppe steil. Ein­mal bin ich die Treppe in Landau her­un­ter­ge­fal­len. So erzählt Mar­tha immerzu fort, wie sie im Kel­ler Geis­ter ent­deckte, oder von den Schnaps­fläsch­chen im Regal ihres Vaters. Zu die­sem Zeit­punkt ist der Zug mit dem Kind längst abge­fah­ren. Sie holt sich jetzt ein wei­te­res Gläs­chen vor den Mund, dann ein neues Blatt aus ihrer Hand­ta­sche, ent­we­der ist es ein rotes, ein gel­bes oder ein blaues. – stop

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brook­lyn heights pro­me­nade : höhe pier­re­pont st.

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delta : 0.02 – Immer wie­der bemer­kens­wert in der Däm­me­rung: Der syn­chrone Auf­tritt kor­pu­len­ter Netz­spin­nen. Von einem Augen­blick zum nächs­ten, sit­zen sie im Dut­zend in der Mee­res­luft auf Vor­nacht­ge­spins­ten, um unver­züg­lich Repa­ra­tur­ar­bei­ten auf­zu­neh­men. Fast möchte man mei­nen, sie wären in ihren Tages­ver­ste­cken mit­tels gehei­mer Signal­lei­tun­gen mit­ein­an­der ver­bun­den, so plötz­lich tau­chen sie in der Dun­kel­heit auf, laut­los, ohne Geruch, ver­we­ben sie Fäden von stau­bi­gem Licht. Ich habe den Ver­dacht, sie könn­ten, mit sen­si­bels­ten opti­schen Sen­so­ren aus­ge­rüs­tet, in der Lage sein, feinste Grade von Licht­stärke zu mes­sen. Ich dachte, eine Art der Dau­er­be­leuch­tung, Mit­ter­nachts­sonne über Man­hat­tan, könnte sie mürbe machen. – stop

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torero

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tango : 22.02 – Ich notierte in ein dun­kel­blaues Heft, das ich ange­legt hatte, um die Beob­ach­tung eines Gar­tens zu doku­men­tie­ren, fol­gende dra­ma­ti­sche Geschichte in weni­gen Sät­zen: Ein Vogel, viel­leicht weil er hung­rig gewe­sen war, raste mit auf­ge­ris­se­nem Schna­bel knapp über eine Wiese hin. In die­sem Zusam­men­hang hatte sich ein Fal­ter in einer Weise ver­hal­ten, als wäre er ein Torero. Sehr dicht über dem Erd­bo­den lock­ten klei­nere Manö­ver den angrei­fen­den Sper­ling ins Leere. Ich hatte, weder der Fal­ter noch der Vogel inter­es­sier­ten sich für meine Gegen­wart, begeis­tert zuge­se­hen und erwar­tete mit jedem neuen Anflug den Ein­schlag des Vogels in den Erd­bo­den. Ein mini­ma­ler Wind­stoß, der den Fal­ter uner­war­tet seit­wärts ver­setzte, führte dann doch zu sei­nem plötz­li­chen Ende. Ich ver­mute, das mutige Tier war ein Tag­pfau­en­auge gewe­sen. - stop

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staub­ge­schichte

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ginkgo : 15.00 – Fei­ner, bit­ter duf­ten­der Rauch, der aus einem Laden her­aus durch das Licht der tie­fen Win­ter­sonne schwebt. Die Rau­cher rau­chen, indes­sen sie fri­sche Rauch­ware besor­gen. So muß das geduf­tet haben, genau so oder so ähn­lich, ohne moderne Tabak­par­füme, sobald unter den Hafen­him­meln des 16. Jahr­hun­derts, nach lan­ger Fahrt Schiffs­bäu­che geöff­net wur­den. Die Ent­zün­dung des getrock­ne­ten, des weit­ge­reis­ten Mate­ri­als vor der Mund­öff­nung eines Euro­pä­ers führte zu einem Vor­gang, den man zunächst als die Sau­fe­rei des Nebels bezeich­nete, als Rauch- oder Tabak­trin­ken. – Nichts wei­ter. – stop

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ein junge und seine leh­re­rin

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sierra : 5.14 – In dem Doku­men­tar­film Selbst­por­trait Syrien von Ossama Moham­med und Wiam Simav Bedir­xan spa­ziert die kur­di­sche Künst­le­rin Wiam Simav Bedir­xan mit einem Jun­gen, den sie filmt, durch die bela­gerte Stadt Homs. Der Junge hüpft herum, wie es Kin­der tun, ent­deckt Blät­ter, die seine Mut­ter viel­leicht kochen könnte, und vor einer Häu­ser­wand eine rote Blume, die der Junge pflückt. Im Hin­ter­grund sind Deto­na­tio­nen zu hören, auch Vogel­stim­men. Als der Junge einen Platz erreicht, an wel­chen sich eine brei­tere Straße anschließt, fragt er die Leh­re­rin, wie sie wei­ter­ge­hen wer­den. Die Leh­re­rin sagt: Wie Du willst. Und der Junge hüpft voran, er nimmt eine Treppe, er sagt: Da vorne ist ein Hecken­schütze. Also will er dort nicht gehen, weil er weiß, was ein Hecken­schütze ist. Wenige Minu­ten spä­ter errei­chen die Leh­re­rin und der Junge eine wei­tere Straße, die sie über­que­ren wol­len. Es ist viel­leicht ein Ort, an dem schon viele Men­schen zuvor erschos­sen wur­den. Die Leh­re­rin ruft: Lauf! Ich sehe wie der Junge sehr schnell über die Straße springt, bis er den Schutz eines gegen­über­lie­gen­den Hau­ses erreicht, kurz dar­auf beschleu­nigt auch die Leh­re­rin ihre Schritte, das Bild hüpft auf und ab. Ich schloss in die­sem Moment die Augen, als ich sie wie­der öff­nete war eine Foto­gra­fie zweier Mäd­chen zu sehen, die in einen Foto­ap­pa­rat lach­ten, auf einer wei­te­ren Foto­gra­fie, die wenige Tage spä­ter auf­ge­nom­men wurde, lie­gen sie in sma­ragd­grü­nen Kleid­chen neben­ein­an­der auf den Boden und sind tot. Ich bin müde, ich muss bald prü­fen, ob ich erin­nert habe wie es war. – stop

drohne20

peru­gia

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MELDUNG. Selt­same Dinge gesche­hen in den spät­win­ter­li­chen Gär­ten zu Peru­gia. 2657 spa­ni­sche Oster­lu­zei­fal­ter der Gat­tung zeryn­thia XZF 88C* haben sich zu Grup­pen ver­sam­melt, flie­gen in For­ma­tio­nen, bil­den Kugeln, Qua­der und wei­tere geo­me­tri­sche Kör­per. Bei leich­tem Regen, so heute Mor­gen gesche­hen, stellt man exakt gezir­kelte Türme in die Luft. Die Stadt wird unter Qua­ran­täne gestellt. – stop

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