02.01.2016

Propaganda Der Ziegenmord von Lostau

In sozialen Netzwerken verbreiten sich absurde Berichte über Asylbewerber bis in bürgerliche Kreise. Wer streut die Gerüchte?
Beschämend!!!! Vier Ausrufezeichen trug die Überschrift, unter der ein Facebook-Nutzer kürzlich empört über einen Vorfall im sachsen-anhaltischen Lostau berichtete. Der Streichelzoo dort sei von Flüchtlingen geplündert worden, "Ziegen wurden geschlachtet und am Lagerfeuer verzehrt".
Die Geschichte zielte direkt ins Herz der deutschen Tierfreunde, Steuerzahler und Flüchtlingsfeinde. Sie hatte nur einen entscheidenden Fehler: Sie stimmte nicht. "Einen Streichelzoo gibt es hier schon seit vielen Jahren nicht mehr", sagt Thomas Voigt, der Lostauer Ortsbürgermeister. Zu DDR-Zeiten seien bei einer Klinik in der Nähe einige Wildschweine, Rehe und Ziegen zum Zeitvertreib der Patienten gehalten worden. "Aber kurz nach der Wende wurde der Park geschlossen", sagt Voigt. "Wahrscheinlich wollte da jemand die Leute aufhetzen."
Mit wilden Erzählungen über Muslime und deren fremde Sitten und Gebräuche scheint das besonders gut zu funktionieren. Seit Monaten kursieren im Netz haarsträubende Berichte über angebliche Untaten von Flüchtlingen, die Mär von den geschlachteten Zicklein aus dem Streichelzoo ist nur eine davon. Mal sind es reine Hirngespinste, mal Halbwahrheiten, zu denen mitunter gefälschte Belege präsentiert werden.
Wer fragt schon nach, ob das alles stimmt? Warum soll man den Facebook-Freunden denn nicht vertrauen, die den Beitrag schicken? Schnell werden die fremdenfeindlichen Gerüchte in einschlägigen Foren weiterverbreitet, mit Hasskommentaren ergänzt oder einfach unter einem anderen Ortsnamen kopiert.
Eine der vielen Legenden im Netz besagt, dass Flüchtlinge mit dem Geld deutscher Steuerzahler auf Shoppingtour gingen. In Schongau schilderte eine Bürgerin auf Facebook, ein Asylbewerber habe in einem Sportgeschäft per Sozialgutschein teure Turnschuhe ergattert. "Welche alleinerziehende Mama kann ihrem Nachwuchs Markenschuhe in Markenläden kaufen?", schimpfte sie. In Göppingen meldete eine anonyme Anruferin der Lokalzeitung, Flüchtlinge tauschten in einem Schuhgeschäft in Donzdorf alte Schuhe gegen neue auf Rechnung des Landratsamts.
Und in Erding hatte der Inspektionsleiter der Polizei, Anton Altmann, einen aufgebrachten Anrufer in der Leitung: Ein Flüchtling habe für eine 450 Euro teure Jacke nur 400 Euro bezahlen wollen. Die herbeigerufene Polizeistreife habe bloß mit den Schultern gezuckt und gesagt, das Landratsamt werde die Differenz schon zahlen. Ob das denn stimme?
"Quatsch" sei das, sagt Altmann. Wer ein wenig nachdenke, müsse doch selbst erkennen, dass das nicht sein könne. Trotzdem nähmen einige Leute solche Gerüchte aus dem Internet so ernst, dass sie sogar die Polizei einschalteten.
Doch wer streut die Gerüchte?
Die Kommunikation im Netz hinterlässt Spuren, man kann sie zurückverfolgen. Im Fall des Ziegenmords von Lostau führen sie zur Facebook-Seite von Peter Knoche. Er ist Vizesprecher der rechten AfD in Wuppertal, und er räumt ein, dass er den Beitrag als Erster im sozialen Netzwerk verbreitet habe. Seine Quelle: "ein Freund", der im Kreis Magdeburg "gerade unterwegs" sei.
Dieser Freund sei "absolut vertrauenswürdig", sagt Knoche auf Nachfrage bis heute. Trotzdem habe er die Geschichte inzwischen auf seinem Profil gelöscht. Es lasse sich ja nicht leugnen, dass der Streichelzoo in Lostau nicht mehr existiere, gibt Knoche zu. Aber sein Freund habe eine gute Erklärung parat, man könne ihn per E-Mail dazu befragen.
Knoches Freund ist, wie sich herausstellt, ebenfalls bei der AfD Wuppertal aktiv, als "fachpolitischer Sprecher für Asyl". In einer E-Mail beharrt er darauf, dass der Vorfall im Streichelzoo "durch Zeugen bestätigt" sei. Beim Ort allerdings habe er sich "vertan": Die Tat habe in Halberstadt stattgefunden, also etwa 60 Kilometer von Lostau entfernt. Dort gebe es einen Tierpfleger, der alles bezeugen könne, behauptet Knoches Parteifreund. Der Name des Pflegers? Den könne er nicht nennen, dem Mann drohe eine "fristlose Kündigung".
"Totaler Unsinn", sagt die Leiterin des Halberstädter Tiergartens, Marina Breitschuh. Niemand habe den Zoo geplündert, und den Tieren, inklusive der Ziegen, gehe es gut. Rechtsextreme Tierpfleger, denen die Kündigung drohe, beschäftige man auch nicht, versichert Breitschuh. Das Gerücht über die geschlachteten Ziegen habe sie allerdings so ähnlich noch einmal aus Erfurt gehört. Aber auch dort meldet der Garten- und Freizeitpark: keine abgängigen Tiere.
"Das ist ein ganz übliches Muster", weiß Andre Wolf von der österreichischen Netzplattform Mimikama, die gegen Internetmissbrauch kämpft. Wenn eine erfundene Geschichte eindeutig widerlegt sei, werde sie oft an einen anderen Ort verlegt und dort in lokalen Netzwerken erneut verbreitet. "Manche Geschichten sind wie alte Bekannte", sagt Wolf, "sie tauchen so alle paar Wochen oder Monate aufs Neue aus den Tiefen des Internets auf."
Wolf, 38, studierter Theologe, sitzt mit seinem Kollegen Tom Wannenmacher, 45, vor großen Computerbildschirmen in einem Dachgeschossbüro unweit des Donaukanals in Wien. Mithilfe einiger Dutzend ehrenamtlicher Aktivisten durchforsten sie täglich das Netz nach gezielten Falschinformationen, sogenannten hoaxes, um auf ihrer Website darüber aufzuklären oder zu warnen. "Uns ärgert einfach, dass so viele Leute in den Netzwerken unterwegs sind, um andere hereinzulegen und Lügengeschichten zu verbreiten", sagt Wolf. Gerade Gerüchte über Flüchtlinge hätten dieses Jahr stark zugenommen. An manchen Tagen entdeckten sie bis zu neun solcher Fälle.
Zu den Klassikern im Mimikama-Archiv gehören gefälschte oder aus dem Zusammenhang gerissene Amtsbriefe. So kursierten im Landkreis Oberhavel nördlich von Berlin wochenlang Rundschreiben mit dem Briefkopf des Landratsamts. Die Bürger wurden darin aufgefordert, sich zu melden, wenn sie über mehr als zwölf Quadratmeter Wohnraum pro Haushaltsmitglied verfügten. Da die Kapazität der Kommunen für die Aufnahme von Flüchtlingen nicht mehr ausreiche, werde "gegebenenfalls die Unterbringung von Asylbewerbern in Ihrer Wohnung notwendig", heißt es in dem Schreiben.
Der Brief war eine Montage aus echten Behördenschreiben und Fantasieformulierungen, die angedrohte Zwangseinweisung von Flüchtlingen in Privatwohnungen war frei erfunden: "Eine ganz perfide Methode, um die Bürger zu verunsichern", schimpfte der Landrat, als er davon erfuhr. Die Aktivisten von Mimikama hatten unterdessen ein fast wortgleiches Fake-Schreiben auch in Dresden entdeckt: mit dem kopierten Briefkopf des Sozialamts der sächsischen Landeshauptstadt, "Abteilung Migration".
Manchmal würden auch alte Bilder oder Filme verwendet, um erfundenen Nachrichten den Anstrich von Echtheit zu verleihen, erklärt Wolf. Auf der rechtsextremen Seite "Netzplanet" fanden die Mimikama-Leute das Gesicht eines blonden Kindes mit üblen Verletzungen im Gesicht unter der Überschrift "12-Jähriger brutal verprügelt von Araber wegen blauen Augen". Das Bild, so ergab eine Internetrecherche, war schon einige Jahre alt, es tauchte immer wieder in anderen Zusammenhängen auf. 2008 etwa war der angeblich misshandelte Junge auf einer englischsprachigen
Seite noch als blondes, vierjähriges Mädchen zu sehen, das von einem Rottweiler angefallen worden sei.
Auch Verfassungsschützer und Polizei spüren seit Anfang dieses Jahres verstärkt fremdenfeindlichen oder rassistischen Legenden im Netz nach. Oft führen ihre Recherchen auf Homepages oder Netzwerkforen rechtsextremer Gruppierungen oder Parteien. Doch viele Betreiber dieser Seiten seien offenbar juristisch gut beraten, sagt der Rechtsextremismusexperte Roland Keilen vom Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz. Die Formulierungen blieben oft knapp unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Zudem heiße es oft, man gebe lediglich Informationen Dritter weiter. "Die richtig harten Sätze, die den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen, finden sich dann eher in den Kommentaren und Foren, in denen über diese Geschichten diskutiert wird", sagt der LKA-Mann.
So stand im September auf der Internetseite Dortmundecho ein offensichtlich erfundener Bericht über eine Vergewaltigung eines 17-jährigen Mädchens in Lünen. Die Seite ist ein Sprachrohr für Rechtsextremisten im Ruhrgebiet und verlinkt mit der Neonazi-Partei "Die Rechte".
Der Text bestand aus einer kruden Mischung aus anonymem Geraune und Tatsachenbehauptungen: Eine "Ausländergruppe" aus mindestens fünf Männern solle "demnach ein Mädchen bedrängt, geschlagen und zum Oralverkehr gezwungen haben", hieß es zunächst vage, aber mit genauer Ortsangabe. Und danach, als Faktum: "Nur der heftigen Gegenwehr des Opfers war es zu verdanken, dass weitere Erniedrigungen des Opfers (größtenteils) verhindert werden konnten."
Die Tat hat nach Erkenntnissen der Polizei nie stattgefunden. Das Kommissariat habe akribisch vor Ort ermittelt, als sich das Gerücht verbreitete. Bis heute hätten aber weder ein Opfer noch Zeugen gefunden werden können, sagt ein Sprecher der Dortmunder Polizei. Dennoch löste der Post brachiale Reaktionen im Internet aus. "Alle zurückschicken, die Kameltreiber", kommentierte etwa jemand mit dem Pseudonym "suchmich" den Bericht. "Einfach alle fünf Gliedmaßen mit einem stumpfen Löffel abschneiden", verlangte ein "max". Andere ließen sich verächtlich über "Bimbos" aus, forderten "die Deutschen" auf "aufzuwachen" oder hielten sogar einen "Militärputsch süd- und mittelamerikanischer Couleur" für erforderlich. Und, natürlich, wurden "die Lügenmedien" beschuldigt, "die kriminellen Machenschaften der angeblichen Kriegsflüchtlinge" zu verschweigen. Der Beleg? Keine Zeitung habe darüber berichtet.
Der Mainzer LKA-Experte Keilen hat noch gruseligere Kommentare in seinen Akten. Er ermittelt in Fällen, in denen kaum verhüllt dazu aufgerufen wurde, Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden oder Asylbewerber mit Giftgas zu ermorden. "Die Kommentare werden oft von Beitrag zu Beitrag schärfer", sagt Keilen.
Anders als man vermuten könnte, stammten die meisten Hasskommentare nicht aus der polizeibekannten Neonazi-Szene, so Keilen. "Wir treffen zunehmend auf bislang unbescholtene Bürger, die sich daran beteiligen", einige sogar unter ihrem Klarnamen. Mehr als ein Viertel der 41 Tatverdächtigen, gegen die das rheinland-pfälzische LKA derzeit wegen Verdachts der Volksverhetzung ermittele, seien Frauen. Auch das sei eine "neue Entwicklung".
Im hessischen Fulda wurde im November gestreut, es habe schon 30 Vergewaltigungen gegeben, seit die Flüchtlinge in der Stadt seien. Journalisten wurden gedrängt, endlich darüber zu berichten obwohl niemand einen konkreten Hinweis hatte und die Polizei heftig dementierte.
Warum nehmen selbst gebildete Menschen solche Fabrikationen für bare Münze? Gerüchte verbreiteten sich dann besonders gut, wenn sie Stereotypen aufgriffen, die in der Gesellschaft bereits verankert seien, sagt der Leipziger Sozialpsychologe Immo Fritsche. Teile der Bevölkerung hielten Asylbewerber offenbar für Menschen, die zur Kriminalität neigten und die Gutmütigkeit der Bevölkerung ausnutzten. Strategisch platzierte Gerüchte, die diese Grundstimmung bestärkten, fielen besonders in unsicheren Zeiten auf fruchtbaren Boden, so der Psychologe.
Manche Personen fühlten sich dadurch in fremdenfeindlichen Stereotypen derart bestärkt, dass ihre Hemmschwelle zur Gewalt sinken könne, befürchtet auch der erfahrene Fahnder Keilen. Seit fast 25 Jahren beschäftige er sich nun beim Mainzer LKA mit Rechtsextremismus, aber so ernst wie im Moment sei ihm die Lage seit Anfang der Neunzigerjahre nicht mehr vorgekommen: "Das schaukelt sich im Netz immer weiter hoch", sagt Keilen: "Und manche macht es blind für die Wirklichkeit: Sie radikalisieren sich dabei so stark, dass sie für keine Argumente mehr zugänglich sind."
* Mimikama-Screenshots von Facebook-Seiten.
Von Bartsch, Matthias, Clauß, Anna

DER SPIEGEL 1/2016
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