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DDR-Geschichte: Wie die Stasi mit einem Holocaust-Leugner zusammenarbeitete

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Das ehemalige Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte. Das Honecker-Porträt auf DDR-Tapete zitiert den Geist der Zeit.

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imago/JĂĽrgen Ritter

Das idyllisch im Wald gelegene Einfamilienhaus in Klein Köris, eine halbe Autostunde südlich von Berlin gelegen, hat einige illustre Gäste gesehen, als es noch der Stasi gehörte. Mal ließen sich in dem konspirativen „Objekt 80“ der für Terrorabwehr zuständigen Hauptabteilung XXII RAF-Terroristen oder arabische Freiheitskämpfer von MfS-Offizieren ausfragen, ein anderes Mal fuhren westdeutsche Neonazis in Stasi-Limousinen mit verdunkelten Fenstern vor.

Der Gast aber, der Mitte August 1984 in dem einsam stehenden Haus von der Stasi bewacht wurde, war von einem ganz anderen Kaliber. Ein alter, schon etwas klappriger Mann, schlohweißes Haar, wache Augen und langer Rauschebart. Ein Mann, dessen Waffen Hass und Hetze waren: Josef Ginsburg, einer der – obgleich selbst Jude – übelsten Antizionisten der Nachkriegszeit, Zeugenbeistand für Kriegsverbrecher und Holocaust-Leugner.

Seine unter dem Pseudonym J. G. Burg verfassten Schriften, in denen er den Massenmord in den deutschen Konzentrationslagern bestreitet, Israel als Hort alles Bösen brandmarkt und vor einer angeblichen zionistischen Weltverschwörung warnt, sind in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten verboten. Bis heute aber kursieren sie in der Nazi-Szene, gehören zum Kanon von Judenhassern und rechten Verschwörungstheoretikern.

Vom KGB zum DDR-Staatssicherheitsdienst

Was hatte dieser Mann in einem Stasi-Versteck mitten im Wald verloren? Eine jetzt im MfS-Archiv aufgetauchte Akte enthüllt ein bis heute unbekanntes Geheimnis des 1990 verstorbenen Ginsburg. Demnach hatte sich der jüdische Publizist 1982 – da war er 74 Jahre alt – erst dem KGB angedient und zwei Jahre später auch mit dem DDR-Staatssicherheitsdienst eingelassen.

Das MfS nutzte Ginsburg, den es als Kontaktperson unter dem Decknamen „Graf“ führte, ausweislich der aufgefundenen Unterlagen vor allem als Informationsquelle über die rechte Szene in der Bundesrepublik, in welcher der rechte Publizist Verbindungen pflegte zu einflussreichen Personen wie dem Verleger und späteren DVU-Gründer Gerhard Frey, dem Rechtsanwalt und Terroristen Manfred Roeder und dem einstigen Wehrmachtsgeneral Otto Ernst Remer, einem der wichtigsten Strippenzieher im Netz aus alten und neuen Nazis.

Distanz zu Nazi-Kreisen

Der Kontakt zu Ginsburg habe eine gute „operative Perspektive“, wie Stasi-Major Gerd Fischer nach dem ersten Zusammentreffen im August 1984 hoffnungsvoll in einem Vermerk festhält. Ein halbes Jahr später erläutern KGB und MfS gemeinsam ihrer Quelle diese Perspektive. So wünschen sie sich laut einem Treffbericht vom Februar 1985 einerseits eine gewisse Distanz Ginsburgs zu den Nazi-Kreisen, bestärken „Graf“ aber gleichzeitig darin, seine israelfeindlichen Publikationen fortzusetzen.

„Seine journalistischen/literarischen Arbeiten sollten zukünftig jedoch nicht die Propagierung des Neonazismus beinhalten. Auch die sowjetischen Genossen betonten mehrmals die Notwendigkeit der politischen Ausrichtung seiner Pressearbeit allein auf den Antizionismus“, wie es in dem Stasi-Vermerk heißt.

Ginsburg war 1908 im ukrainischen Czernowitz geboren worden, das damals noch zum österreichisch-ungarischen Kaiserreich gehörte. Dort erlernte er auch den Beruf des Buchbinders. Später ging er nach Lemberg, flüchtete aber nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zurück nach Czernowitz.

Theorie einer zionistischen Mitschuld am Massenmord

Er überlebte im Ghetto und ging 1946 in ein Lager heimatlos gewordener Juden – sogenannten displaced persons – bei München. Nach einem kurzen Aufenthalt in Israel ließ er sich 1950 in München nieder, wo er zunächst wieder als Buchbinder arbeitete. Seit Anfang der 60er-Jahre aber verlegte er sich aufs Schreiben.

Besessen von der Idee einer Kooperation zwischen Zionisten und dem NS-Staat, propagierte Ginsburg die Theorie einer zionistischen Mitschuld am Massenmord an den europäischen Juden. Gleichzeitig leugnete er die systematische Judenvernichtung in Nazi-Deutschland und bezeichnete den Holocaust als Erfindung Israels, mit der sich Tel Aviv lediglich die finanzielle Unterstützung Deutschlands sichern wollte.

Entlastungszeuge fĂĽr Kriegsverbrecher

Unter dem Pseudonym J. G. Burg publizierte er Bücher, die in der Bundesrepublik von dem rechtsextremen Ederer Verlag publiziert wurden. Außerdem schrieb er Artikel für die von Gerhard Frey herausgegebenen Blätter wie Deutsche Soldaten-Zeitung und Deutsche Wochen-Zeitung.

In den Prozessen gegen den deutschen Kriegsverbrecher Hans Krüger und den in Kanada lebenden Holocaust-Leugner Ernst Zündel trat Ginsburg als angeblicher Entlastungszeuge auf. Dabei bestritt er die in den jeweiligen Anklageschriften genannte Zahl der Holocaust-Opfer und wies die Existenz von Gaskammern als „zionistische Lüge“ zurück.

Zwar wurden die meisten von Ginsburgs Schriften in der Bundesrepublik verboten; eine Verurteilung, etwa wegen Volksverhetzung oder der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener fand aber bis zu seinem Tod 1990 erstaunlicherweise nicht statt. Allerdings hatten die USA ein Einreiseverbot gegen ihn verhängt.

Stasi-Akte von KP „Graf“

In den Ostblock hingegen durfte Ginsburg reisen. Und so traf er im Dezember 1982 in Moskau ein und nahm Kontakt zum KGB auf. So steht es in einem an das MfS gerichteten Schreiben der sowjetischen „Freunde“, das sich in der Stasi-Akte von KP „Graf“ findet. In der Folgezeit trifft sich Ginsburg mit seinen Gesprächspartnern vom KGB dem Vermerk zufolge regelmäßig im thüringischen Oberhof.

In einem von der Stasi zur Verfügung gestellten Zimmer im Hotel Panorama führen sie tagelang jeweils mehrstündige Gespräche. Offenbar geht es unter anderem auch darum, inwieweit Moskau dem Autor eine finanzielle Unterstützung für die Abfassung seiner Bücher gewähren könne. In dem KGB-Bericht heißt es, Ginsburg habe „einen übersteigerten Hass gegenüber den Zionisten“, die er für den „Hauptfeind der Juden“ halte.

Mossad soll Anschlag auf Honecker geplant haben

Mitte Juli 1984 erzählt „Graf“ seinen sowjetischen Partnern eine überraschende Geschichte: Demnach plane der Mossad einen Mordanschlag auf SED-Chef Erich Honecker, wenn dieser im Herbst des Jahres die Bundesrepublik besuchen werde. Er, Ginsburg, will bereits 1983 einen Mitarbeiter des israelischen Militärgeheimdienstes kennengelernt haben, der ihm nun auf einem Spaziergang in München erzählt habe, dass im Zusammenhang mit dem geplanten (später allerdings abgesagten) Honecker-Besuch in Bonn von israelischen Agenten „große Ereignisse“ vorbereitet werden.

„Zurückfahren wird er von hier nicht mehr“, habe der Mann noch über Honecker gesagt. Nachdem der KGB seine Stasi-Partner über die Aussagen Ginsburgs informiert hat, kommt es Mitte August 1984 zu einem ersten Treffen mit dem Publizisten im konspirativen „Objekt 80“ in Klein Köris bei Berlin. Fünf Tage lang sprechen wechselseitig KGB und MfS mit dem 76-Jährigen.

Details über das angeblich geplante Honecker-Attentat kann er allerdings nicht liefern, was eine „zweifelsfreie operative Wertung seiner Information“ erschwere, wie es in einem 45 Seiten umfassenden Stasi-Vermerk über das Treffen im „Objekt 80“ heißt.

Verschwörungstheorien zur RAF

Penibel sind in ihm auch alle kruden Verschwörungstheorien beschrieben, an denen „Graf“ seine tschekistischen Gesprächspartner im Waldhaus von Klein Köris teilhaben ließ. Bei Kamillentee und Wodka – so belegt es die Bewirtungsquittung – plaudert Ginsburg über Affären und Terrorakte, hinter denen immer nur ein Schuldiger stecke: Israel. Die gefälschten Hitler-Tagebücher im Stern? Eine Operation des Mossad, erklärt „Graf“.

Die Entführung und Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion? Auch da stecke Israel dahinter, erläutert er: Es habe Schleyer der RAF zugespielt, weil sich die Regierung von Kanzler Helmut Schmidt einer weiteren Finanzhilfe für den Judenstaat verweigerte.

Das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München? Natürlich ebenfalls ein Werk des Mossad. Und schließlich sei da ja noch die Geheimkonferenz der „Zion-Mafia“ 1972 in Brüssel gewesen, auf der laut Ginsburg der israelische Verteidigungsminister Mosche Dajan seinen Plan unterbreitete, die Bundesrepublik mittels Neutronenwaffen „deutschfrei“ zu machen und das Land dem Staat Israel einzuverleiben.

FĂĽr 6200 Mark

„Eine Kommentierung dieser Darlegungen erfolgte seitens des Treffdurchführenden nicht“, vermerkt lakonisch Stasi-Major Fischer. Immerhin aber bringe Ginsburg in allen Gesprächen „seine kommunistische Grundhaltung sowie Liebe und Treue zur Sowjetunion zum Ausdruck“.

Und auch seine Haltung zur DDR und zum MfS sei „generell positiv“, vermerkt die Stasi zufrieden. Am Ende seines einwöchigen Aufenthalts in den märkischen Wäldern quittiert Ginsburg seinen MfS-Partnern den Erhalt von 6200 D-Mark „für übergebene Informationen“.

Die Tschekisten interessieren sich vor allem fĂĽr Ginsburgs enge Kontakte zum ehemaligen Wehrmachtsgeneral Otto Ernst Remer, der in der Bundesrepublik bis zu seinem Tod 1997 eine wichtige Identifikationsfigur deutscher Neofaschisten war. Bereits kurz nach Weltkriegsende hatte der 1912 geborene Offizier, der aktiv an der Niederschlagung des Anti-Hitler-Putsches vom 20. Juli 1944 beteiligt war, mit dem Aufbau rechtsextremistischer Strukturen in der Bundesrepublik begonnen.

Dieser Eifer war der Stasi nicht geheuer

1983 gründete der Ex-General Die Deutsche Freiheitsbewegung (DDF), mit der er die nationalistischen Kräfte außerhalb der NPD sammeln wollte. In rechten Kreisen war die DDF allerdings nicht unumstritten, da Remer anfangs eine Annäherung an die Sowjetunion propagierte.

Auch Ginsburg teilt die sowjetfreundliche Ausrichtung der Organisation. Eindringlich wirbt „Graf“ bei seinen DDR-Besuchen dafür, dass die Stasi die Remer-Organisation unterstützen solle, weil man doch in Israel und den USA den gleichen Gegner habe. Die DDF strebe zudem eine deutsche Wiedervereinigung unter gleichzeitiger Herauslösung des Landes aus den Militärblöcken Nato und Warschauer Pakt an.

Dem MfS ist der Eifer seiner Kontaktperson „Graf“ nicht geheuer. In einem Gespräch Anfang Februar 1985 mahnen die Stasi-Offiziere Ginsburg, den Aufbau der DDF nur zu beobachten, aber nicht selbst voranzutreiben. Dies liege „nicht im Interesse des MfS“. Auch seine Gedanken zur prokommunistischen Ausrichtung der rechtsextremen Remer-Organisation seien „politisch absurd“, wie es in einem Vermerk über das Treffen heißt.

Informationsgewinn wir stetig geringer

Ginsburg reagiert verärgert und zornig darauf. Die SED verfolge eine falsche deutsch-deutsche Politik, wettert er. Er sehe sich selbst als Kommunist und Anti-Zionist, der neonazistische Gruppen nur gezwungenermaßen als Basis für eine Umsetzung seiner Vision eines wiedervereinigten, von israelischem und US-Einfluss gereinigten Deutschlands nutze.

Trotz der Verstimmung finden die Treffen Ginsburgs in der DDR mit seinen Partnern vom KGB weiterhin zweimal jährlich statt. Bis November 1986 ist ausweislich der „Graf“-Akte auch das MfS immer dabei. Der Informationsgewinn wird allerdings in den Augen der Stasi  stetig geringer. Das schlägt sich auch in der Bezahlung der Quelle nieder, die von ihren DDR-Partnern nun nur noch ein paar Hundert D-Mark erhält.

Auch die Bedeutung von Remers DDF-Organisation hat das MfS intern längst heruntergestuft. Der ursprüngliche Plan, den früheren Wehrmachtsgeneral in einem speziellen Operativvorgang mit der Deckbezeichnung „General“ aufzuklären und unter Kontrolle zu halten, wird bereits im April 1985 ad acta gelegt.

Ende 1986 entscheidet das MfS schließlich, keine Gespräche mehr mit Ginsburg zu führen. Allerdings werde man weiterhin das KGB, das an „Graf“ weiter festhält, bei der Trefforganisation in der DDR unterstützen, heißt es in der Akte.


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