Verschwörungstheorien: Wurde Udo Ulfkotte von der CIA ermordet?

Central Intelligence Agency Udo Ulfkotte CIA
Central Intelligence Agency (CC 3.0)

Udo Ulfkotte ist tot. Der Publizist war für seine verschwörungstheoretischen und islamfeindlichen Bücher bekannt. Seine Fans bezweifeln, dass ihr Guru tatsächlich an einem Herzinfarkt gestorben ist. Sie vermuten ein vertuschtes Attentat mit einer „Herzinfarktpistole“.

In den 1990er Jahren arbeitete Udo Ulfkotte in der außenpolitischen Redaktion der FAZ. Nach seiner Entlassung verbreitete er allerlei wilde Geschichten über diese Zeit. Das amerikanische Außenministerium habe telefonisch Artikel in Auftrag gegeben, heißt es in seinem Sachbuch-Bestseller „Gekaufte Journalisten“. Ihm selbst haben Agenten des Bundesnachrichtendienstes Texte Wort für Wort diktiert – im Interesse der Finanzelite. Die bizarrste Geschichte jedoch war wohl die vom „Fäkalien-Dschihad“: Muslime verteilen gezielt Kot und Urin auf europäischen Lebensmitteln, um uns alle mit Darmbakterien zu vergiften. Das zumindest behauptete Ulfkotte auf der Website des auf Verschwörungen spezialisierten Kopp-Verlags.

Musste Udo Ulfkotte sterben, weil er zu viel wusste?

Udo Ulfkotte
Udo Ulfkotte beim russischen Auslandsfernsehen RT (Flickr | tonynetone | CC 2.0)

Der Verstorbene stand der Neuen Rechten nahe und engagierte sich in der deutschen Truther-Szene, unermüdlich war er den neuesten Verschwörungen auf der Spur. Nun wird er selbst zur Hauptfigur von Verschwörungstheorien. Bereits wenige Stunden nach seinem überraschenden Tod kursierten erste Gerüchte im Netz. Der antifeministische Blogger Hadmut Danisch vermutete etwa, Udo Ulfkotte sei einer heißen Wahrheit zu nahegekommen und deshalb „umgelegt“ worden. Die fremdenfeindliche „Bürgerbewegung Bautzen“ raunte auf Facebook: die „CIA hat seit 1975 [eine] Herzinfarkt-Pistole“. Andere User stimmten zu: Der US-Geheimdienst benutzt solche Waffen, um seine Gegner unbemerkt um die Ecke zu bringen. Das könnte auch hier geschehen sein.

Am Samstag griffen verschiedene „Alternativmedien“ die Mutmaßungen auf. Es habe „keinerlei Anzeichen“ für einen möglichen Infarkt gegeben, schrieb zum Beispiel eine Seite namens blastingnews und forderte eine Autopsie „am besten im neutralen Ausland und durch mehrere Pathologen“. Dass Ulfkotte bereits mehrere Herzinfarkte und eine Krebserkrankung überstanden hatte, tut offenbar nichts zur Sache, auch wenn er selbst in seinen Texten ausführlich davon berichtete. Tatsächlich litt er auch unter den Folgen eines schweren Schädelbruchs, den er sich bei einem Treppensturz in seinem Haus zugezogen hatte. Ulfkotte selbst beschuldigte damals übrigens den pakistanischen Geheimdienst, ihn geschubst zu haben. Aber ansonsten war der Mann kerngesund.

Verschwörungstheorien sind Pop

Verschwörungstheorien gibt es vermutlich schon so lange, wie Menschen versuchen, die Welt zu verstehen. Doch in den 1970er Jahren wurden sie Teil der Popkultur. Die US-Regierung stand wegen des Vietnamkrieges in der Kritik, der Watergate-Skandal führte zum Rücktritt von Präsident Richard Nixon und der CIA wurden zwielichtige Operationen in Lateinamerika vorgeworfen. Hollywood setzte dem paranoiden  Lebensgefühl der Zeit mit Filmen wie Zeuge einer Verschwörung, Drei Tage des Kondors oder Die Unbestechlichen Denkmäler. Um dem allgemeinen Misstrauen zu begegnen, setzte der US-Senat erstmals einen Sonderausschuss ein, der gegen die Geheimdienste ermitteln sollte.

Das „Church Committee“, legte 1975 und 1976 insgesamt 14 Berichte vor. Den Diensten wurden darin unter anderem Attentatsversuche gegen ausländische Politiker wie Fidel Castro oder Patrice Lumumba nachgewiesen, aber auch illegale Abhöraktionen gegen US-Bürgerrechtler wie Martin Luther King. Vor allem der CIA-Chef William Colby geriet ins Kreuzfeuer der Kritik. Rechtsgerichte Republikaner hingegen sahen den Skandal darin, dass überhaupt ermittelt wurde und vermuteten ihrerseits eine kommunistische Verschwörung gegen Amerika. (Im Gegensatz zu heute hielten die meisten Republikaner damals Moskau für gefährlicher als die amerikanischen Institutionen.)

Was zum Teufel ist eine „Herzinfarktpistole“?

Auf einer Pressekonferenz 1975 präsentierte das Komitee eine Waffe, die aus einem James-Bond-Film stammen könnte. Die modifizierte Pistole konnte angeblich Pfeile aus gefrorenem Gift verschießen, das Herzinfarkte auslöste und nicht nachweisbar war. Damit hätte zum Beispiel ein ausländischer Staatschef ermordet werden können. Bilder dieser Konferenz wurden in einer TV-Dokumentation von 1998 mit dem Titel „Secrets Of The CIA“ wiederverwendet. Darin behauptet die ehemalige CIA-Mitarbeiterin Mary Embree, sie selbst sei während ihrer Tätigkeit für die Behörde mit der Recherche zu Giften betraut gewesen, die im Körper nicht nachweisbar sind.

Die Büroangestellte erwähnt die Pistole, behauptet aber nicht, sie jemals mit eigenen Augen gesehen zu haben. Es wirkt sogar so, als wüsste sie selbst nur aus den Fernsehaufnahmen davon, die zu diesem Zeitpunkt bereits zwanzig Jahre alt waren. Die Anekdote dient eher der Untermalung ihrer eigenen moralischen Bedenken. Doch ein kurzer Ausschnitt aus der Doku wurde zum Internet-Hit. Der Clip tauchte im Februar 2016 wieder auf, als die Verschwörungs-Website „Infowars“ über den Tod des US-Bundesrichters Antonin Scalia spekulierte, er könnte doch – womöglich, vielleicht, wer weiß das schon genau – mit einer solchen „Herzinfarktpistole“ getötet worden sein.

Jetzt gibt es eine neue Variante der Story, diesmal mit Udo Ulfkotte in der Hauptrolle. Bei deutschen Alternativmedien war Ulfkotte ein beliebter Interviewpartner. Im russischen Auslandsfernsehen RT durfte er 2014 einen 13 Minuten langen Monolog halten, in dem er sich über die Unterdrückung seiner Meinungsfreiheit in Deutschland beschwerte. Erstaunlich, denn im Herbst desselben Jahres belegte „Gekaufte Journalisten“ wochenlang Spitzenplätze der Spiegel-Bestsellerliste. Wurde er deshalb ermordet? Udo Ulfkotte hat „die Wahrheit“ gesagt, glauben seine Fans. In ihren Augen qualifiziert ihn das, in einer Liga mit dem jungen Fidel Castro zu spielen, der tatsächlich Ziel von CIA-Komplotten war.

Das kann alles kein Zufall sein!

Menschen glauben aus unterschiedlichen Gründen an Verschwörungstheorien. Ein wichtiger Beweggrund ist wohl der Wunsch, dem eigenen, oftmals tristen und von Enttäuschungen geprägten Leben zu entfliehen. Könnte es sein, dass Geheimdienste „Mind Control“ mithilfe von Mikrowellen betreiben? Vielleicht. Werden Medienkritiker mit Herzinfarktpistolen ausgeschaltet? Geschenkt. Wer sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt, wird Teil einer fantastischen Welt, in der die unglaublichsten Abenteuer- und Spionageschichten Realität sein könnten. Alles ist möglich und nichts kann Zufall sein. Details und Kontexte hingegen werden eher zur Nebensache.

Wenn alles mit allem zusammenhängt, dann hat auch eine 1975 in Washington, D.C. gezeigte Pistole etwas mit einem Herzinfarkt vierzig Jahre später in der deutschen Provinz zu tun. Das Objekt löst sich von Zeit und Raum, es kann bei jeder beliebigen Gelegenheit wieder auftauchen. Als Deus ex machina stellt es die Verbindung her zur großen Verschwörung, deren Existenz von vorn herein außer Frage steht. Die Welt wird zum Theater, hinter dessen Kulissen nur die Eingeweihten das wirkliche Geschehen erahnen können. Alle anderen sind blind und taub. Hauptsache, man findet ein YouTube-Video, das man schnell verlinken kann, um irgendwie dabei zu sein.

Absurderweise dient dem eingefleischten Verschwörungsfreund am Ende ausgerechnet der Ausschnitt einer Pressekonferenz als Beweis dafür, dass etwas geheim gehalten wird. Wenn SIE das schon zugeben, was halten SIE dann noch unter Verschluss? Alles ist möglich! Nur eine Variante ist offenbar nicht denkbar: Vergangene Woche könnte ein verbitterter, von der Welt enttäuschter Mann mittleren Alters an der Folge einer weit verbreiteten Erkrankung gestorben sein. Seine blühende Fantasie konnte ihn davor nicht bewahren.

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Christoph M. Kluge

Christoph M. Kluge

In einem früheren Leben Herausgeber und Autor subkultureller Fanzines. Studium der Literatur- und Geschichtswissenschaften. Freier Autor und Journalist in Berlin. Aktuelles Projekt: Leverage Magazine. http://www.leverage-magazine.com/
Christoph M. Kluge

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