Bergen/Dumme

Die Kirche und die von ihren Sektenbeauftragten angeprangerten Neo-Satanisten leben in Bergen/Dumme in friedlicher Nachbarschaft. Ebenfalls an der Hauptstraße bietet eine gläubige Familie an jedem Dienstagabend eine Einführung in Jesus Christus und die Bibel an. Schräg gegenüber, im Verlags- und Wohnhaus der okkulten Thelema-Sekte, die 1985 aus Berlin in die Abgeschiedenheit des Wendlands geflohen ist, werden an jedem Wochenende die Fenster mit Tüchern verhängt. Die Zeit des „Saufabends“ ist gekommen – für magisch Interessierte ein erster Schritt auf dem Weg zur Unsterblichkeit.

Ein paar Teelichte erhellen den immer dichter werdenden Zigarettenqualm im kleinen Bodybuilding-Raum, in dem am Nachmittag abwechselnd Körper und Seele ausgebildet worden sind. Dreizehn Stunden lang, bis zur Morgenmeditation, darf niemand das Zimmer verlassen. Die fünf Männer und drei Frauen lassen sich auf dem Fußboden rings um ein weißes Papiertuch nieder. Sie können jetzt nur noch die nebenan in der Küche untergebrachte Toilette aufsuchen; einige werden sich dort vom Schnaps übergeben. „Wer den Raum zu verlassen versucht oder einen anderen nicht davon abhält, muß Gehorsam schwören und morgen unser aller Leibsklave sein“, erzählt Harald, seit fünf Monaten Teilnehmer bei den Ausbildungsseminaren der Thelema-Sekte, mit finsterer Miene den Neulingen. Kein Widerspruch, die Gruppe hat’s beschlossen.

„Prost“, sagt heiter Gitta Pein, die Ausbilderin, nachdem alle ihre mitgebrachte Flasche Wodka ausgepackt haben. Nur wenn die blondgelockte, lässig in Jeans und T-Shirt gekleidete Frau ausdrücklich dazu auffordert, dürfen die Schüler trinken und müssen es dann auch. Zwar heißt Thelema „freier Wille“ und das oberste Gebot der Gruppe „Tu, was du willst, soll sein das ganze Gesetz“. Doch die Studenten, Krankenpfleger oder Betriebswirte, die sich der Sekte anschließen, geben ihren Willen an der Holztür des Verlags- und Ausbildungszentrums ab. Ein halbes Jahr lang werden sie bei Wochenendseminaren auf die Rituale und Denkweise der festen Gruppe von derzeit siebzehn Männern und Frauen getrimmt – die meisten zwischen Zwanzig und Mitte Dreißig –, die in Thelemiten-Wohngemeinschaften im Kreis Lüchow-Dannenberg leben. Die Gruppe schreibt etwa Meditationszeiten vor und legt fest, daß ein Tagebuch zu führen und herumzuzeigen ist. Wer zunächst dagegen war, fügt sich dem Mehrheitsbeschluß – um der eigenen Unsterblichkeit willen.

„Ihr blöden Schafe müßt zu Kamelen werden, die geduldig eine Last tragen“, herrscht Gitta nach den ersten Gläschen Wodka ihre Schäfchen an, die während des gesamten Wochenendes mit den Augen wie gebannt an ihren Lippen hängen. „Ich bin unsterblich“, flüstert Harald zurück. Um einen stofflosen „Astralkörper“ zu bekommen, mit dem er jederzeit seinen Leib verlassen kann, will der schüchterne ehemalige Student und jetzige Gelegenheitsjobber aus München auf Gitta und die anderen „Erleuchteten“ hören. Die können, so erzählen sie jedenfalls, durch bloße Gedanken Schubkarren spurlos verschwinden lassen.

Thomas, ein Büroangestellter aus Braunschweig, der in Kürze zu den Thelemiten ins Wendland umziehen will, hat gerade drei Wochen Urlaub genommen, um für die Ausbilder zu kochen, zu putzen und auf ihren Wink hin zur Kaffeemaschine zu eilen. Mit dem „Gehorsamseid“ hat der philosophisch Interessierte, bei Diskussionen jedoch recht unsicher wirkende junge Mann die erste Hürde zur Aufnahme genommen. Zur zweiten Prüfung, den verlangten Rasierklingenschnitten in den Arm, ist er allerdings noch nicht bereit.

„Ekel in Freude verwandeln“ gehört zu den Lehren des englischen Magiers Aleister Crowley – Selbstbezeichnung „das Tier 666“ – und seiner angeblichen Wiedergeburt Michael D. Eschner, Buchautor und Chef der Thelemiten. Mit dem Ekel sollen die bisherigen Werte verschwinden, um Platz für neue, von der Gruppe gesetzte Normen zu schaffen – nach der Devise „Jeder ist Schöpfer seiner Welt“. Ehemalige Mitglieder berichten von einem „Ekeltraining“, bei dem Kot gegessen und Urin getrunken worden sei. Gitta Pein, die als Leiterin des thelemitischen Buch- und Zeitschriftenverlages zu einer Führungsfigur der Gruppe herangewachsen ist, streitet das ab. Mit Ekel sei Schmerz gemeint, und den sollten Thelemiten kontrollieren lernen.

Der 42jährige „Mike“ Eschner ist wegen Betruges und Körperverletzung vorbestraft. Seit einigen Monaten muß er sich vor dem Landgericht Lüneburg wegen mutmaßlicher Vergewaltigung einer Schwangeren verantworten. Während einer sexualmagischen Gruppensitzung soll der Zwei-Zentner-Mann der 27jährigen Hotelkauffrau auch brennende Zigaretten auf der Haut ausgedrückt haben. Thelemiten-Ausbilder Frank hat für die Wunden eine andere Erklärung: „Das haben böswillige Emanzen aus dem Landkreis inszeniert“, verrät er. Gemeint sind die Mitarbeiterinnen eines Frauenhauses.

Die allerdings werden von den Mitgliedern der Sekte ohnehin nicht ernst genommen. Wer sich nicht auf den Weg zur Unsterblichkeit begibt, gilt als „Primat“, als affenähnliches Wesen. Unsterblichkeit soll mit viel Meditation und mit systemtheoretischem Denksport erreicht werden. Als „unmoralisch“ wird alles bezeichnet, was nicht der Unsterblichkeit dient: mehr als sechs Stunden Schlaf zum Beispiel, aber auch ein Übermaß an Erwerbsarbeit. Die Gruppenmitglieder beschränken sich deshalb meist auf unentgeltliche Arbeit in verschiedenen Thelemitenbetrieben wie dem Pein und Schulze-Verlag, einem Versandhandel für Hexenbretter, schwarze Spiegel und andere „zukunftsweisende“ Hilfsmittel – aber auch als Dozenten für vom Arbeitsamt geförderte Computereinführungskurse, die die Thelemiten neuerdings gern in Sachsen-Anhalt anbieten.

Geld bringen auch die Magie- und Unsterblichkeitskurse in Bergen. 111 Mark kostet der Einführungskurs an jedem Wochenende. Außer neuer Ethik, Anleitung zur Meditation und Tips für das Bannen unerwünschter Geister mit Hilfe von magischen Fünfecksternen gibt’s dafür nur Wurstbrote, Kaffee, Cola und einen Erbseneintopf.

Damit die Schüler bei den Seelenreisen nicht verrückt werden, legen ihnen die Thelemiten ans Herz, sich entweder den Wendland-Wohngemeinschaften anzuschließen oder in ihren Heimatorten ein Netzwerk von Thelema-Gruppen zu schaffen. Menschen, die als psychisch Kranke zu ihnen kommen, versprechen sie Hilfe. Peter zum Beispiel, einem Teilnehmer des Einführungskurses, ist vom Arzt Schizophrenie bescheinigt worden. „Außerdem ist er wohl schwachsinnig“, meint Gitta Pein. In Bergen wird ihm nicht nur gezeigt, wie sich Psychopharmaka mit einer Flasche Wodka vertragen, sondern auch, wie die Küchen von Ausbildern geputzt werden. Eine junge Frau aus Hannover, die Anfang des Jahres über einen Freund an die Thelemiten geriet, hat sich nach Aussage der Ausbilderin inzwischen durch Meditation von ihrer Schizophrenie geheilt. Besuche beim Psychotherapeuten vertragen sich nicht mit thelemitischer Ausbildung: „Die Ärzte reden den Leuten bloß Krankheiten ein.“

Die Mitglieder der Initiative betroffener Eltern in Hannover mögen an Thelema-Wunder nicht glauben. „Mein Sohn meldet sich nur noch, wenn er eine Unterschrift für den Sozialhilfeantrag braucht“, erzählt ein verbitterter Vater. Wie mit den alten Werten sollen die Thelemiten auch mit früheren Kontakten brechen. In ihrer Not hat sich die Elterngruppe ans Justiz- und Sozialministerium und an die Lüneburger Bezirksregierung gewandt. Die Landesregierung spricht von einem „destruktiven Glauben, dessen Zielsetzung unserer demokratischen Grundordnung widerspricht“. Doch niemand weiß, wie die Unterwerfung magiebegeisterter junger Erwachsener unter die selbstherrlichen Sektenführer verhindert werden kann.

Gabriele Schulte