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Veröffentlicht: 05.09.2012, 17:40 Uhr

Katholische Internetportale Wächter und Hetzer

Kath.net, kreuz.net und gloria.tv haben sehr klare Vorstellungen davon, was katholisch ist. Inhalt und Methoden der Portale unterscheiden sich.

von , Linz/Berlin
© Rainer Schüller/derstandard.at Papsttreu: Roland Noé, Chefredakteur von kath.net

Auf der einen Wand hebt Papst Benedikt XVI. segnend die Hand, von der anderen lächelt Johannes Paul II. Auch das Kruzifix über der Tür fehlt nicht. Auf den Quadratmetern dazwischen drängen sich Schreibtische mit Computern, Regale und ein Besprechungstisch. In Linz, nur einen Steinwurf entfernt vom Mariendom, betreibt Roland Noé kath.net. Es ist das erfolgreichste katholische Nachrichtenportal im deutschsprachigen Raum - und in privater Hand. Etwa 40.000 Nutzer zählt der 42 Jahre alte österreichische Theologe jeden Tag auf seiner Website, mehr als offizielle Portale wie katholisch.de oder Bistumsseiten. Während diese versuchen, mehreren kirchlichen Strömungen gerecht zu werden, setzt Noé auf ein scharfes Profil: papsttreu, rechtgläubig und streitbar. Kritiker werfen ihm Kampagnenjournalismus vor.

Ursula Scheer Folgen:

Noé setzt sich auf den Platz gleich unter dem Bild des deutschen Papstes. „Etwas Junges, Modernes, Katholisches“ habe er anbieten wollen, erzählt er und meint damit eine Alternative zu all den Kirchenzeitungen, die ihm zu progressiv, zu regional oder zu sehr beides waren. Die Redaktionsstube habe der Linzer Bischof gesegnet, und auch Benedikt XVI. sei glücklich, dass es kath.net gebe. Das habe der Papst ihm persönlich gesagt. Jungenhaftes Gesicht, graue Schläfen, das grüne Poloshirt wölbt sich ein wenig um die Leibesmitte - Noé entspricht eher dem Bild eines freundlichen Gemeindereferenten von nebenan, der jeder Seele hinterherrennt. Doch er glaubt, dass die katholische Kirche sich in einem Prozess des „Gesundschrumpfens“ befinde. Die zehn Prozent, die noch zur Messe gingen, seien der harte Kern, der bleiben werde. Von „Taufscheinkatholiken“ hält er wenig.

Kath.net war nur die Vorhut

Auf Wohlwollen stößt Noé bis weit hinauf in der Kirchenhierarchie. In Rom ist er bestens vernetzt. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, den neuen Präfekten der Glaubenskongregation, und den Schweizer Kurienkardinal Koch kenne er gut, Georg Gänswein, den Privatsekretär des Papstes, „ein wenig“. Dem Wiener Kardinal Schönborn verdankt Noé finanzielle Unterstützung für sein Projekt. Als kath.net 2001 online ging, half die Österreichische Bischofskonferenz. 2005 stellte sie die Überweisungen ein, ohne offiziell einen Grund zu nennen. Beobachter sagen, damals hätten sich Beschwerden über die einseitige Berichterstattung gehäuft. Geld bekommt kath.net heute von Werbekunden und Spendern; auch erhält das Portal im Jahr 20.000 Euro von „Kirche in Not“ - wiederum auf Empfehlung Schönborns. Der Kardinal schätze es, dass sich junge Katholiken im Internet engagierten und dabei im Gegensatz zu anderen Seiten wie kreuz.net versuchten, auf dem Boden der katholischen Lehre zu bleiben, lässt sein Sprecher wissen.

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Das fromme Familienunternehmen, zu dessen Redaktion Noés Ehefrau und seine Schwester zählen, nimmt es mit den handwerklichen Regeln des Journalismus nicht immer ganz so genau: In den Beiträgen mischt sich Nachricht mit Kommentar und bisweilen auch Polemik, in den Nutzerkommentaren bleibt schon mal eine Diffamierung stehen. Dokumente aus Rom werden schnellstmöglich in voller Länge publiziert. Reformfreudige Priesterinitiativen, progressive Laiengruppen und liberale Bischöfe hingegen können mit Widerspruch rechnen.

Ein religiöser Extremist ist Noé jedoch nicht. Das Zweite Vatikanische Konzil ist für ihn „status quo“, die traditionalistische Piusbruderschaft sieht er skeptisch, und die Kommentarfunktion seiner Seite will er zukünftig besser im Auge behalten. Vor allem aber hat kath.net ein seriöses Impressum und seinen Gerichtsstand in Österreich. Doch kath.net war nur die Vorhut - Portale, die später gegründet wurden, arbeiten ganz anders.

Deutsche Behörden haben keine Handhabe

Für den anonymen Blog kreuz.net, der 2004 online ging und vermeintlich „katholische Nachrichten“ liefern will, ist die Diffamierung Programm: Hetze gegen Juden, Muslime, Homosexuelle und alles, was als „liberal“ gebrandmarkt wird. Die Autoren hofieren die Piusbrüder, publizieren Denunziationen und stellen Personen an den digitalen Pranger. Längst haben sich die Bischofskonferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz von kreuz.net distanziert. Das Portal sei menschenverachtend und missbrauche den Begriff „katholisch“. Seit einiger Zeit prüft auch die für Rechtsextremismus zuständige Abteilung im Bundesamt für Verfassungsschutz die Seite.

Darüber, wer hinter kreuz.net steckt, gibt es nur Vermutungen. „Eine kleine Gruppe von Spinnern aus dem Umfeld der Piusbruderschaft“, vermutet Noé. Ob Piusbrüder, Personen aus dem Dunstkreis des emeritierten St. Pöltener Bischofs Kurt Krenn, der unter anderem über einen Sex-Skandal in seinem Priesterseminar stolperte, ob Katholiken aus Linz, eine Gruppe in Hessen, im Libanon oder vielleicht doch in Köln - der Spekulation sind keine Grenzen gesetzt. Dass kreuz.net gute Informanten hat, ist hingegen sicher. Von mancher Personalentscheidung im Vatikan weiß der Blog als Erstes, und als die Deutsche Bischofskonferenz vor einem Jahr ein internes Papier über den Umgang mit den Missbrauchsfällen erstellte, war es Stunden später auf kreuz.net zu lesen. Die undichte Stelle wurde bisher nicht gefunden.

Kreuz.net bezeichnet sich als „internationale private Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind“. Im Impressum steht eine kalifornische Adresse, die Seite ist auf den Bahamas registriert, der Server steht in Kanada. Deutsche Behörden haben keine Handhabe.

Ein alter Weggefährte

Doch nicht alle Beiträge auf kreuz.net sind anonym. Als ein Verfassername steht der von Regina Wilden unter einigen Artikeln; sie gehört zum Vorstand der rechtspopulistischen „Bürgerbewegung pro Köln“. Auf kreuz.net finden sich aber auch drei Beiträge des Priesters Reto Nay. Der 50 Jahre alte Schweizer wurde am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom promoviert, ist Pfarradministrator im Bistum Chur und Gastprofessor an der privaten Gustav-Siewerth-Akademie. Joseph Ratzinger hielt in den siebziger Jahren Vorträge an der Akademie. Bis heute hält er Kontakt zur Gründerin, der Philosophin Alma von Stockhausen.

Reto Nay ist ein alter Weggefährte von Roland Noé. Ihr gemeinsamer Weg begann bei „Jugend für das Leben“, einem Verein von Abtreibungsgegnern, und führte über die Laiengemeinschaft „Amici di Dio“ zu kath.net. Heute spricht Noé nicht mehr gerne über den Schweizer Pfarrer. „Seit einigen Jahren habe ich aus persönlichen Gründen keinen Kontakt mehr zu Reto Nay“, sagt er nur.

Einer der Texte Nays, die auf kreuz.net stehen, ist auch auf kath.net erschienen, ein weiterer im traditionsorientierten Fachblatt „Theologisches“. Nicht der Inhalt der Beiträge ist skandalös, sondern die Tatsache, dass sie auch auf kreuz.net auftauchten. Ein Gespräch mit der F.A.Z. lehnte Nay ab. „Die Website hat einige Artikel von mir nachpubliziert, die bereits anderswo erschienen sind. Das freut mich. Denn ich wünsche meinen Texten eine weite Verbreitung“, lässt er auf gloria.tv wissen. So heißt das religiöse Videoportal, das Nay mit einer Handvoll Mitstreiter betreibt.

Antisemitische Kommentare und Videos

Nays Vorgesetzter, der Churer Bischof Vitus Huonder, gehört zu den wenigen, die auf kreuz.net gut wegkommen. Mit dieser Seite in Verbindung gebracht werden will auch er nicht. Huonder zitierte Nay zum Gespräch. Der Bischof habe deutlich gemacht, dass es für einen Priester des Bistums Chur nicht angemessen ist, auf kreuz.net zu veröffentlichen, teilt sein Sprecher mit. Nays Engagement für gloria.tv sei hingegen Privatsache, denn wie kath.net arbeite auch gloria.tv transparent.

Doch ganz so ist es nicht. Zwar führt das Impressum der „katholischen Kanzel im Internet“ die Mitarbeiter auf. Nays Kaplan gehört zum Stab, dessen Schwester spricht die Nachrichtensendung des Portals, die um die alte Messe, Mundkommunion, Kampagnen gegen Abtreibung und angebliche liturgische Missstände kreist. „Kirche in Not“, das Medienhaus der Diözese Würzburg und die Katholische Fernseharbeit gestatten der Plattform, ihre Produktionen zu übernehmen, weil sie - so teilen sie auf Nachfrage mit - die Seite für unbedenklich halten oder Verkündigung für wichtiger als den Rahmen, in dem sie stattfindet. Ähnliches mag der Schriftsteller Martin Mosebach gedacht haben, als er sich für die Plattform befragen ließ.

Doch der Firmensitz von gloria.tv liegt in der Republik Moldau, und die AGB weisen ausdrücklich jede Verantwortung für Inhalte zurück, die auf der ähnlich wie Youtube aufgebauten Plattform hochgeladen werden. Dazu aber gehören auch antisemitische Kommentare und Videos wie eines über den Palästinakonflikt, das mit den Stichworten „Juden, Verbrecher, Gauner, Betrüger, Synagoge Satans“ indiziert ist.

„Was bleibt, ist der rechte Rand“

Was der Standort Moldau im Falle eines Rechtsstreits bedeutet, hat Matthäus Fellinger erfahren. Das Büro des Chefredakteurs der Linzer Kirchenzeitung ist nur wenige Gehminuten entfernt von dem Roland Noés. Papstbilder gibt es bei Fellinger nicht, nur ein schlichtes Kreuz. Die bistumseigene Linzer Kirchenzeitung könne in großer Selbständigkeit arbeiten, weil sie sich vollständig selbst trage, erzählt der 57 Jahre alte Katholik. Vor drei Jahren hat er einen kritischen Artikel über kath.net, kreuz.net und gloria.tv geschrieben. Darin zitierte er den damaligen Leiter des ORF-Landesstudios Oberösterreich: gloria.tv verwende Material des Senders ohne dessen Erlaubnis, und mit einem Server in Moldau begebe sich das Portal auf eine Stufe mit Kinderpornoseiten.

Wegen dieses Zitats verklagte gloria.tv Fellinger und die Diözese: Die Aussage sei rufschädigend. „Interessant ist, dass die Kanzlei, die gloria.tv vertritt, personell verbunden ist mit der erzkonserkonservativen Christenpartei“, sagt Fellinger. Die Klage von gloria.tv wurde 2011 in zweiter Instanz abgewiesen. Weil das Portal sich weigert, die Prozesskosten zu tragen, klagt nun die Diözese auf Pfändung. Das sei wegen des Firmensitzes zwar wenig erfolgversprechend, gibt Fellinger zu, doch hier gehe es ums Prinzip. Das wisse auch der Linzer Diözesanbischof, den dessen Schweizer Mitbruder Huonder habe überreden wollen, den Rechtsstreit gütlich beizulegen.

Man könnte kath.net, kreuz.net und gloria.tv als Randphänome abtun. Fellinger hält die Portale nicht für ungefährlich. Es bleibe immer etwas hängen, wenn jemand als Trinker verleumdet werde wie von gloria.tv oder als Schwuler wie von kreuz.net. Und die Websites seien ein Symptom. In seiner Heimatdiözese schreite die Flügelbildung voran, wobei die fortschrittlicheren Katholiken zunehmend wegbrächen. „Was bleibt, ist der rechte Rand. Das sind diejenigen, die sich als der heilige Rest der Kirche fühlen.“

Gewachsenes Bedürfnis nach Verbindlichkeit

„Je mehr die Kirche in der Gesellschaft an Boden verliert, desto stärker blähen sich die Konservativen auf“, glaubt auch David Berger. Als Herausgeber von „Theologisches“ war der habilitierte Theologe fest verankert in traditionalistischen Zirkeln. Dann outete er sich als homosexuell und schrieb ein Buch über die Doppelmoral eines „krass homophoben“ Milieus, das gleichzeitig viele Schwule anziehe. Auf niemanden wurde auf kreuz.net so eingedroschen wie auf den Kölner Theologen, bis hin zu Morddrohungen. Seit seinem Outing sind zwei Jahre vergangen. Berger lebt jetzt in Berlin. In seiner Altbauwohnung stapelt sich die Fachliteratur bis unter die Decke. Es gehe ihm gut, sagt der athletische Mittvierziger, er schreibe an einem neuen Buch.

In Rom werde kreuz.net durchaus gelesen, sagt Berger; Denunziationen auf der Website könnten Karrieren zerstören. Gloria.tv sei dagegen zu unprofessionell, um gefährlich zu sein, das sei eher das Privatprojekt eines Priesters, der sich dem konservativen Erzbischof Haas von Vaduz, dem Vorgänger Huonders in Chur, verbunden fühle. Bei kath.net wiederum scheine die Strategie Schönborns aufzugehen, die Plattform durch Geld zu domestizieren. Berger sieht die Websites als Teil einer religiösen Retrowelle. Theologische Substanz gebe es kaum, dafür gehe es um Regeln, liturgische Formen und Ästhetik. Mit rechtsradikalem Gedankengut könnten Ausläufer dieser Strömungen sich mischen, weil religiöse Traditionalisten und rechtsextreme Fanatiker zum Teil dieselben Feindbilder hätten.

„Ich würde nicht von einer Welle sprechen“, schränkt der Jesuitenpater Medard Kehl ein. Von der Hochschule St. Georgen aus kann er die Frankfurter Bankentürme sehen, unter denen das Leben einer Großstadt brodelt, in der sich Nationalitäten, Religionen und Weltanschauungen treffen. Der emeritierte Dogmatikprofessor überblickt 35 Jahre Priesterausbildung an der Hochschule, schreibt über den Zustand der katholischen Kirche und arbeitet als Pfarrer.

Kreuz.net kenne er, weil sich immer mal wieder Mitbrüder über diese „Dunkelkatholiken“ aufregten. Kehl hält den extremistischen Traditionalismus für eine fehlgeleitete Reaktion auf die Moderne. Dass dieser Traditionalismus ein Forum finde, sei Effekt der neuen Medien. Im Alltag der Gemeinden dominiere dagegen das „normale katholische Mittelfeld“. Was er allerdings beobachte, sei ein gewachsenes Bedürfnis nach Verbindlichkeit. „In der Volkskirche war Kritik am Papst und an den Bischöfen kein Problem.“ Heute müsse er seine Worte vor den Studenten stärker wägen. Wer sich für den Dienst in einer Kirche entscheide, die auf dem Weg in eine Minderheitenposition sei, suche eher eine Leitfigur wie den Papst und habe ein stärkeres Bedürfnis nach Abgrenzung.

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Von Berthold Kohler

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