Wildnis ist hierzulande ausverkauft. Aber Wild gibt's mehr denn je. Mit Besichtigungs-Garantie. Die zahlreichen Tierparks machen's möglich. Sie sind immer ein lohnendes Ausflugsziel. Kamera nicht vergessen!

ZU DEN TIEREN

Ein auf der Motorhaube hockender Gepard ist Blickfang an allen Hamburger AnschlagsĂ€ulen. Durch die Windschutzscheibe wird er gerade vom Fahrer fotografiert: Werbung fĂŒr Serengeti-Großwild, zwei Worte, die Afrika und Safari-Romantik heraufbeschwor ren.

Den Besuchern gefĂ€llt's. Sie wollen exotische Tiere erleben, Tiere in Freiheit und dazu den Nervenkitzel einer Safari. "Afrika" in der LĂŒneburger Heide, das bedeutet programmiertes Abenteuer.

Sechs Mark pro Wageninsasse kassiert der WĂ€rter im Safari-Look am Parkeingang in Hodenhagen. Die Schleuse öffnet sich, und nun darf man im Schleichgang Stoßstange an Stoßstange wie am Frei- . tagnachmittag im Berufsverkehr, durch ein StĂŒck Heide fahren, wo zwischen WacholderbĂŒschen und Kiefern Giraffen die letzten Birken entlaufen, Nashörner am Straßenrand die bunte Blechkolonne bestaunen und Löwen in der Tat bis an die geschlossenen Fenster trotten. Die Werbung hat nicht zuviel versprochen.

Den angekĂŒndigten Spaß liefern ein paar spielende BraunbĂ€ren. Die Besucher wundern sich meistens nicht darĂŒber. In Naturkunde hatten nur wenige eine "Eins". Sie sehen es ja mit eigenen Augen: Es gibt dickpelzige BĂ€ren in der Serengeti. Hat Professor Grzimek wohl glatt ĂŒbersehen . . .

Am Ende der Rundfahrt hat man natĂŒrlich nicht alle 350 Tiere gesehen. Sie sind auch hier auf die 135 Hektar große FlĂ€che so verteilt daB sich die Raubtiere nicht selbst bedienen können. Motorisierte WĂ€rter, Sprechfunk und Schleusen regeln den Verkehr. Beim Massenandrang zu Pfingsten dauerte eine Rundfahrt drei Stunden. Wer es möglich machen kann, sollte lieber an einem Wochentag hinausfahren.

Das Safari-Erlebnis verdanken die zigtausenden Besucher dem britischen Zirkusbesitzer Jimmy Chipperfield. Er erfand den "Zoo paradox", in dem er die Menschen in KĂ€fige (sprich Autos) steckte und den Tieren die Scheinfreiheit gab, wo immer sich Feld, Wald und Wiese dafĂŒr erwerben ließen. Nach dem in Englands Adelspark erprobten Rezept grĂŒndete er immer grĂ¶ĂŸere Drive-in-Zoos in drei Kontinenten und eröffnete jetzt mit Teilhaberschaft den fĂŒnften fĂŒr die tierliebenden Bundesrepublikaner in Deutschland: in Hodenhagen sĂŒdlich des Autobahndreiecks Walsrode.

Tödliche UnfĂ€lle, schwere Verletzungen von Zuschauern und Wartungspersonal, erfrorene Tiere? Vorkommnisse, die sich nicht in dem gerade eröffneten Serengeti- Park in Hodenhagen ereigneten ? haben dem Ruf der Safari-Parks nicht geschadet Im Gegenteil! Jimmy Chipperfields Rechnung ging auf. Die Kassen fĂŒllten sich.

Wem das Warten in der Autoschlange vor Hodenhagen zu langweilig wird, steuert an Wochenenden den benachbarten Walsroder Vogelpark an. Da muß der Autofahrer allerdings aussteigen. Die kleine MĂŒhe wird reich belohnt: Hier findet er 4600 Vögel in 900 verschiedenen Arten! Da gibt es alles zu sehen, vom Kolibri bis zum afrikanischen Strauß. Die Zuschauer sind begeistert ĂŒber diese Vielfalt der Formen und Farben, die liebevoll gepflegten Anlagen und besonders ĂŒber die große Freiflughalle. Sie allein ist eine Reise wert

In Richtung Cuxhaven findet man in Wingst/Dobrock an der Bundesstraße 73 den "Baby-Zoo". Er ist gewissermaßen das Schaufenster der Tierhandlung H. Ruhe, Alfeld/ Leine, die hier exotische Jungtiere aller Art dem Publikum vorstellt Junge Raubtiere, Antilopen, Menschenaffen und Baby-Elefanten reizen zum Streicheln. Der Tierhandel sorgt stĂ€ndig fĂŒr Nachschub.

In Nindorf am Walde, Autobahn Richtung Hannover (Ausfahrt Garistorf) hat Graf Friedrich von Krogh ein großes Gehege fĂŒr rund 400 Elche, Wisente, verschiedene Hirscharten, Mufflons, Schwarzwild und eine Fasanerie eingerichtet Bis auf die Elche können die Hamburger auch die gleichen Tiere im nĂ€her gelegenen Hochwjldschutzpark "Schwarze Berge" besichtigen. Hier haben zwischen Haake und Rosengarten sieben Waldbesitzer in ihrem vereinigten schönen GelĂ€nde ĂŒber 200 Tiere ausgesetzt Man kann den Besuch auch mit einer Besichtigung des sehenswerten Freilichtmuseums am Kiekeberg verbinden.

Damit ist die Zahl der Wildgatter keineswegs vollstĂ€ndig. 448 zĂ€hlte vor vier Jahren der Verein Deutsche Wildgehege. Dann gab er das ZĂ€hlen auf. Unmöglich, alle Wildgatter, Wildparks oder kleineren Heimatzoos aufzuzĂ€hlen, die in der letzten Zeit rund um Hamburg wie Pilze aus der Erde schössen. Es gibt sie in unterschiedlichster GrĂ¶ĂŸe und Tierbesetzung. Davon ĂŒber sechzig allein in Niedersachsen. In Altenzelle (Gemarkung Oldendorf) zeigt man Vögel, in Heidenhof (Kreis Soltau) vornehmlich heimisches Wild, ebenso in LauenbrĂŒck, wo auch noch einige exotische Tiere gehaltenwerden.

Einen kleinen, sehenswerten Zoo gibt es in Jaderberg (Oldenburg) und in NeumĂŒnster j(Heimattierpark).

Im Kreis Herzogtum Lauenburg ĂŒberwiegen die Wildgatter mit Wildschweinen und heimischen Tieren, u. a. zu besichtigen in AumĂŒhle (Bismarck), in Buchen, Fredeburg, Kulpin, Wentorf und in der Wildschweinschlucht in Bergedorf.

In Wietzeeze hat sich ein kleiner Privatzoo auf getan.

Im Kreis Segeberg ist in Bad Bramstedt das Tiergehege der RheumaheilstÀtte zu besichtigen, Damwild in Westerraade.

Der große Wildpark Eekholt am Segeberger Forst zeigt Seeadler, Raubtiere, Greifvögel, Rehe und verschiedene Hirscharten.

Reinfeld (Kreis Stormarn) wartet mit einer gut besetzten Fasanerie auf.

Bei Trittau werden im Wildpark Karnaphof afrikanische Rinder, Zwergzebus und Kamerunschafe neben heimischem Wild gehalten.

Noch nĂ€her liegt fĂŒr die Hamburger das Wildgehege im Forst Klövensteen am Sandmoorweg. Dort ist Rot-, Dam- und Schwarzwild zu beobachten.

Kostenlos ist der Besuch des riesigen Naturwildparks Trappenkamp bei Bad Segeberg. Nach langem Tauziehen zwischen Behörden, GeschĂ€ftemachern und der Presse wurde er glĂŒcklicherweise nicht zum Drive-in-Park ausgebaut Er bleibt fĂŒr Autos verschlossen. Hier kann der Wanderer wirklich freies Rot-, Dam-, Schwarz- und Muffelwild beobachten, sofern er auf sein Transistorradio und laute Unterhaltung zu verzichten bereit ist Wer den Specht hĂ€mmern hören will, muß leise sein. Popmusik im Wald vergrĂ€mt nicht nur das Wild.

Wer garantiert rund 2500 Tiere vom Seepferdchen bis zum Giraffenbullen in wenigen Stunden sehen möchte, braucht als Hamburger nicht in die Ferne zu schweifen. Er fĂ€hrt mit der U-Bahn zu Hagenbecks Tierpark. Es ist immer wieder eine Freude, diese blĂŒhende und grĂŒnende Parklandschaft zu durchwandern. Die sieben Kilometer langen Wege fĂŒhren den Besucher zu Tieren aus allen Kontinenten und Ozeanen. Hier können Kinder wie kleine Maharadschas auf prĂ€chtig geschmĂŒckten Elefanten reiten. Delphine und Seelöwen erwecken als Spitzenartisten BeifallsstĂŒrme. Eine Attraktion fĂŒr jĂ€hrlich eine Million Besucher.

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