Lilliput an der Ostsee

Es geht um Steinchen, um ein paar Millionen bunte Steinchen. Was aus ihnen entstanden ist, hat sogar Kiels ehemaligen Wirtschaftsminister Narjes zu einem Superlativ verführt: "Schleswig-Holsteins Touristik-Sensation Nummer 1." Gestern stellte sich die Sensation dem Publikum: Im Ostseebad Sierksdorf wurde "Legoland" er- öffnet. Ein "Freizeitparadies mit Spielen, Spaß und Fröhlichkeit" - so verspricht es der bunte Prospekt. Ein lauter Marktplatz der Millionen so fürchten viele Skeptiker.

Zunächst muß auf eine Parallele verwiesen werden: Die Gemeinde Billund im Dänischen war vor acht Jahren noch eine unbekannte Kleinstadt. Nur wenige wußten, daß dort die Legosteine produziert werden, mit denen Kinder in aller Welt bauen. Dann wurde ? als Werbegag quasi ? die Ministadt Legoland gebaut, und plötzlich entdeckte die Menschheit Billund. Rund 800 000 Besucher werden jetzt jährlich gezählt Und da eine Ferienattraktion die andere anlockt, läßt Dänemarks fliegender Pastor Kregager inzwischen seine billigen Reisejets von Billund aus in alle Welt fliegen.

Und Sierksdorf? Ein Familienbad mit Fischerdörfchen-Flair. Vor einem Jahr

noch hieß es abends an der Lübecker Bucht: "Dort hinten, wo es dunkel ist, da liegt Sierksdorf."

Das ist vorbei. Seit letztem Winter gibt es auch in Sierksdorf Straßenlaternen, "Panoramic" ist entstanden, der Ferienpark mit Eigentumswohnungen, und nun Legoland Nummer 2. Dreimal so groß wie in Billund, und von den Sierksdorfern selbst mit gemischten Gefühlen kommentiert. "Was kommt da auf uns zu?"

Zumindst 1,6 Millionen Besucher allein 1973. So ist es vom Legoland-Management errechnet worden ? auf Grund der Erfahrungen in Billund. Dort registriert man bei einem Einzugsgebiet von 6 Millionen Menschen jährlich 780 000 Besucher. Sierksdorf verzeichnet in seinem Einzugsgebiet ? 300 Kilometer im Umkreis - 12,2 Millionen Einwohner; dazu kommen 4,8 Millionen Touristen. Während der "Reaktionsfaktor" in Billund 12,5 Prozent ausmacht, rechnet man in Sierksdorf damit, daß nur 9,5 Prozent dieses potentiellen Millionen-

Publikums in diesem Jahr nach Legoland kommen ? weil Legoland erst im Juni beginnt und weil es so bekannt denn doch noch nicht ist.

Nichts bleibt dem Zufall überlassen: Alle, die im Legoland Sierksdorf beschäftigt sind, wurden zur Ausbildung nach Billund geschickt; man hat eine "Verweildauer" von durchschnittlich viereinhalb Stunden pro Besucher errechnet; bei einer Umfrage im Februar wurde ein Bekanntheitsgrad von 15 Prozent im Bundesgebiet ermittelt (die IGA lag zum gleichen Zeitpunkt bei 14 Prozent!); eine bei der Universität Hamburg bestellte Studie sollte Aufschluß darüber geben, wie der Konsument wohl ein zweites Legoland aufnehmen würde.

Ein kalkuliertes Experiment also. Beinahe unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit wuchs es auf 120 000 Quadratmetern heran. Eine kleine Welt zum Ansehen: die Altstadt von Celle und Goslar etwa, das Holstentor, der Mäuseturm bei Bingen, bayerische und rheinische Landschaften, englische Burgen, ein Teil des Hamburger Freihafens, die Akropolis in Athen, Manhattan, ein Zoo, Amsterdam, und, und, und . . .

Doch die Bsucher sollen nicht nur staunen, sie sollen auch selbst aktiv werden. Da gibt es eine Verkehrsschule oder einen Zug, in dem man zwölf Minuten lang durch Legoland fahren kann. Motorboote laden zur Fahrt auf Minikanälen ein und ein Indianerdorf zum Brotrösten an richtigem Lagerfeuer. Die Westernstadt "Legoredo" bietet sogar Gelegenheit zum Ponyreiten, man kann sich als Goldwäscher versuchen und sich aus den "Nuggets" eine Erinnerungsmünze prägen lassen. "Die Illusion ist perfekt", sagt Public-Relations-Chef Paul Bornscheuer.

Nun werden perfekte Illusionen natürlich nicht verschenkt Nehmen wir die deutsche Durchschnittsfamilie ? vier Köpfe also: Dann muß Vater für sich und für Mutter je 5 Mark Eintritt rechnen, für jedes Kind noch einmal 2,50 Mark. Das sind schon fünfzehn. Kommen die sogenannten "Aktivitäten" hinzu, wie Bornscheuer sie nennt Für eine Fahrt mit dem Legozug zahlen Erwachsene 2 Mark und Kinder 1,50 Mark; ein Kanalboot für zwei Personen wird für 2 Mark vermietet ein Safariwagen für 1,50 Mark, ein Miniauto für 50 Pfennig. Im Kindertheater kostet der Eintritt eine Mark.

Und dann gibt es natürlich noch andere Geldmagneten: die Cafeteria, ein Spezialitätenrestaurant Wobei als Novität vermeldet sei, daß seine Küche aus dem olympischen Dorf in München stammt und seinerzeit Mark Spitz und Konsorten mit Speisen versorgte.

Natürlich gibt es noch Probleme ? den Verkehr zum Beispiel. Denn da sind nur die Anfahrten über die Bundesstraße 207 und über die Bäderstraße. Beide sind in der Hochsaison sowieso schon überlastet Sierksdorfs Kurdirektorin Annegret Vandre erwartet wohl mit Recht "schwierige Verhältnisse"; doch PR-Boß Bornscheuer meint gelassen: "Verstopft sind die Stra- ßen so schon, was soll Schlimmeres passieren . . ."

Beide aber setzen auf die Autobahn, die ab 1975 an Sierksdorf vorbeiführen soll ? und auf eine eigene Abfahrt Bisher allerdings ist die noch nicht genehmigt "Wenn man in Bonn erst einmal sieht was sich hier abspielt dann werden sie von ganz allein die Abfahrt einplanen", spekuliert Bornscheuer.

Bleibt die Frage, wer hinter all dem steckt Dänemarks Legoleute sind nur die Lizenzgeber ? als Belohnung sozusagen, denn in der Bundesrepublik läuft der Vertrieb der Legosteine am besten. Bauträger ist die Trustbau AG Hamburg und in ihr hauptsächlich die Firma Bauregie H. P. Rüster GmbH.

Ein Hamburger Unternehmen also. Sein Prinzip: möglichst enge Zusammenarbeit mit der ortlichen Wirtschaft "Wir zahlen da lieber mal eine Mark mehr", sagt Bornscheuer, "aber die Kommunikation ist dafür viel besser."

Vielleicht fällt den Sierksdorfern deshalb der Abschied von der Fischerdorf-Atmosphäre leichter. Auch, wenn sie ihn jetzt noch nicht wahrhaben wollen

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