Es geht um die Tiere - und um die beiden Menschen, die es alleine nicht schaffen

Das Drama im Lübecker Tierpark

Von KARLA FRIEBEN

Lübeck - Als "schlimmster Zoo Deutschlands" ist der Lübecker Tierpark in die Schlagzeilen geraten. Ein "Tierpark des Grauens". Er müsse sofort geschlossen werden, fordern Tierschützer. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Tierquälerei. Am Freitag hat Lübecks Umweltsenatorin Beate Hoffmann (parteilos) sich selbst ein Bild gemacht. Ihr Fazit: Von Tierquälerei keine Spur, der Zoo wird nicht geschlossen - aber er müsse dringend modernisiert werden.

Freitagmorgen, neun Uhr. Unter dem vermosten Schild mit der Aufschrift "Tierpark" sammeln sich enttäuschte Tierparkbesucher. Keiner kommt rein. Hinter der Gittertür ein Schild: "Der Zoo bleibt heute geschlossen". Bei dem Behördentermin sind keine Beobachter erwünscht. Die Nerven der Betreiber sowie der Vertreter der Tierparkgesellschaft liegen blank.

Drei Stunden später. Die Gruppe von 20 Experten hat den Rundgang beendet. Sie wirken erleichtert. Hieß es anfangs noch, auch nach der Begehung blieben die Pforten geschlossen, so hat man nun die Taktik geändert: Hereinspaziert!

"Die Schwachpunkte sollen nicht verheimlicht werden", sagt Senatorin Hoffmann. So sei es nicht mehr zeitgemäß, in einem kleinen Zoo wie dem Lübecker exotische Tiere wie Löwen, Tiger, Affen und Bären zu halten. An der Art der Haltung an sich hat sie aber nichts zu beanstanden.

Das bestätigt die Amtstierärztin Annette Oloffs. "Die Tiere befinden sich in einer guten Verfassung, das Ehepaar Lehmensiek sorgt gut für sie", sagt sie.Trotzdem solle man über Unterbringungsmöglichkeiten der großen Tiere in anderen Zoos nachdenken. Ein schwieriges Unterfangen, denn wer nimmt einen 26 Jahre alten Bären auf? Eine alte Tigerin, die in ihrem Gehege Achten läuft? Randalierende Affen?

Seit das Lübecker Gehege bei einem Zootest der Zeitschrift "Stern" mit nationalen Tierparks wie Hagenbeck, Berlin und Hannover verglichen und auf dem letzten Platz gelandet ist, überschlagen sich für Waltraud und Günter Lehmensiek die Ereignisse. Fast täglich bekommt das Betreiber-Ehepaar Drohanrufe von vermeintlichen Tierschützern. ",Ihr gehört selbst hinter Gitter' und Schlimmeres müssen wir uns anhören", sagt Lehmensiek.

Der Deutsche Tierschutzbund (Bonn) hat gegen den Tierpark Strafanzeige wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz sowie des Verdachts auf Tierquälerei gestellt. "Die Missstände, die den Behörden seit zehn Jahren bekannt sind, können nicht länger hingenommen werden", meinte Tierschutz-Präsident Wolfgang Apel. Einzig durch die sofortige Schließung des Tierparks und eine Weitervermittlung der Tiere in andere Zoos könnten die "unwürdigen Zustände" beendet werden.

Warum ist so lange nichts geschehen? Auf diese Frage hatte die Senatorin keine Antwort. Auch nicht der Verteter der oberen Aufsichtsbehörde in Kiel. Dem Landesamt für Natur und Umwelt sind Missstände im Lübecker Zoo seit Anfang der 90er-Jahre bekannt. Bereits vor sieben Jahren hat der Lübecker Senat beschlossen, der Zoo dürfe keine Tiere mehr neu anschaffen, nur noch den alten Tieren das Gnadenbrot geben.

Das Betreiber-Ehepaar bewältigt die Arbeit fast allein, mit nur einem Tierpfleger. Es fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. Finanzielle Unterstützung bekommt der Privatzoo bis heute nicht. "Jetzt wird uns unterstellt, dass wir die Tiere quälen", sagt Günter Lehmensiek, dem man die Belastung durch die Vorwürfe anmerkt, verständnislos. "Das kann doch nicht wahr sein! Wir lieben die Tiere doch."

Seit 25 Jahren betreiben Günter und Waltraud Lehmensiek den Zoo in Israelsdorf. Der 56-Jährige hatte früher in einem Zirkus als Tierpfleger gearbeitet. Von der Lübecker Zirkusfrau Lotte Walther hat er vor 25 Jahren den Zoo übernommen. Seitdem ist die Pflege der 150 Tiere auf dem 1,8 Hektar großen Waldgelände die Lebensaufgabe des Paares. "Wir arbeiten jeden Tag 14 Stunden, damit es unseren Tieren gut geht", sagt Lehmensiek. "Viele Tiere kommen vertrauensvoll angelaufen, wenn wir ihren Namen rufen."

Die meisten Tiere sind einst im Zirkus aufgetreten. Sie sollten eingeschläfert werden, als sie in die Jahre kamen. "Das konnten wir nicht mit ansehen", sagt der Zooinhaber. "Bei uns sollten sie einen ruhigen Lebensabend verbringen."

Wie geht es weiter mit dem Zoo? Senatorin Hoffmann will sich für eine finanzielle Unterstützung durch die Stadt stark machen. Gemeinsam mit der Fachhochschule soll ein Konzept für einen Zoo mit heimischen Tieren entwickelt werden. Bis dahin bleibt alles beim Alten.

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