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Tierquälerei

Stierkampf in Spanien: Tradition, Tierquälerei und Milliardenindustrie

Stierkampf ist in Spanien eine Milliardenindustrie, die von Staat und der EU subventioniert wird. Doch rechtfertigen 200.000 geschaffene Arbeitsplätze das brutale Töten von 40.000 Tieren?

von Jermain Raffington
19 August 2015, 12:30pm

Foto: imago/Future Image

Der 25-jährige Matador Jiménez Fortes macht sich bereit für den Moment, auf den das Publikum gewartet hat. Den finalen Akt, in dem er dem ausgewachsenen Bullen mit seinem Degen zwischen die Schultern direkt ins Herz stechen soll. Doch während Jiménez sein rotes Tuch wedelt und eigentlich den Hörnern des Bullen ausweichen soll, macht dieser eine kurze Bewegung und vergräbt seine spitzen Waffen unterhalb seiner Rippe.

Für Jiménez folgte ein achttägiger Krankenhausaufenthalt.Das war vor drei Monaten. Vor einigen Tagen stand er wieder in der Arena. Sein Gegner: Ein 600 Kilo Ungetüm, das bei einer kleinen Unachtsamkeit sein Leben auslöschen könnte. Anscheinend hatte er aus seinen kürzlich erlittenen Verletzungen nichts gelernt, denn auch in diesem Duell bekam er die Hörner seines Gegners zu spüren. Dieses mal durchbohren sie ihn unterhalb des Kinns. Drei Tage nach diesem Unfall befindet er sich noch immer auf der Intensivstation des Krankenhauses der spanischen Stadt Vitigudino Salamanca.

Screenshot: @canchamural

Jiménez Fortes ist nur ein Beispiel der wagemutigen Stierkämpfer, die sich bei den blutigen Spektakeln der Gefahr eines schweren Bullen aussetzen. Zwischenfälle und Verletzungen, wie die des 25-Jährigen sind in der Welt des Stierkampfes keine Seltenheit. Alleine in der Saison von 2013, in der 661 große Kämpfe stattfanden, erlitten 31 der Matadore lebensbedrohliche Verletzungen. Und auch ihre Gehilfen blieben von diesen nicht verschont. 16 von ihnen machten Bekanntschaft mit den Hörnern der Bullen. Bei diesen Zahlen stellt sich die Frage, wieso sich diese Menschen überhaupt in eine solche Situation bringen. Stierkampffans behaupten es gehe ausschließlich um Tradition, denn Stierkampf ist seit Generationen Teil der spanischen Identität. Doch hinter dieser Tradition steckt noch viel mehr. Der spanische Stierkampf ist eine Industrie.

Jährlich werden bei Stierkampf-Events in Spanien noch immer bis zu 40.000 Tiere auf brutalste Weise hingerichtet. Trotz immer wieder laut werdenden Protesten von diversen Aktivisten und Tierschutzorganisationen ist der traditionelle Stierkampf, auch „corridas de toros" gennant, weiter ein essenzieller Teil der spanischen Gesellschaft.

Spaniens Stierkampfindustrie setzt nach Schätzungen von Tierschutzorganisationen zwischen 1 und 2,5 Milliarden Euro jährlich um und bietet auch neben dem Beruf des Matadoren, Arbeitsplätze für bis zu 200.000 Menschen in ganz Spanien. Die Berufsgruppen umfassen vom Züchter über die Promoter der Events bis hin zu einfachen Arbeitern in den Stierkampfarenen. Sie alle wollen am großen Topf der Industrie teilhaben. Auch die Regierung billigt das Schlachten der Tiere, denn Stierkampf gehört für viele Touristen zu Spanien wie Paella und Flamenco. 2013 stellte die spanische Regierung den Stierkampf als „immaterielles Kulturgut" per Gesetz unter Schutz. Seit dem wurde dem Sport auch besondere finanzielle Zuwendungen von staatlicher Seite gewidmet.

„Es ist leider so, dass die EU im Wesentlichen dazu beiträgt, dass die Stierkampf-Industrie überhaupt noch am Leben erhalten werden kann", sagt Vanessa Reithinger von der Tierrechtsorganisation PETA. Ein Großteil der gezahlten EU-Gelder flössen in Agrarsubventionen für Kampfstierzüchter. 130 Millionen Euro davon alleine im Jahr 2014. 30 Millionen kamen auch aus Deutschland.

Bei einem solchen Zuspruch aus Bevölkerung und Regierung ist es nicht verwunderlich, dass der Beruf des Stierkämpfers bei vielen noch immer hoch im Kurs steht. Erfolgreichen Matadoren winkt bis heute noch ein Popularitätsgrad, der mancher Orts mit einem Rockstar vergleichbar ist. Matadore sind spanische Helden und sollen auch als solche vermarktet werden.

Foto: imago/Gran Angular ; Der spanische Torero Manuel Diaz Cordoba bei einer Marketing-Veranstaltung von Milka in Madrid

Aufgeteilt ist das ungleiche Duell von Matador, seinen Gehilfen und dem Stier in drei Akten. Doch bevor es zum Aufeinandertreffen der Parteien kommt, wird dem Tier mit tagelangem Lichtentzug in einer engen dunklen Box das Gefühl von Freiheit entzogen. Sobald sich das Tor öffnet und er seinen letzten Gang in die Arena beschreitet, wird durch den Einfall des Lichtes die zuvor entzogene Freiheit simuliert. Zusätzlich wird das Tier durch verschiedene negative Reize geschwächt. Seine Ohren mit nasser Zeitung gestopft, die Augen eingeschmiert mit Vaseline. Und auch die durch seine Genitalien gezogenen Nadeln sind dafür verantwortlich, das der Zuschauer bei diesen gut besuchten Veranstaltungen ein Tier zu Gesicht bekommt, das scheinbar vor Aggression nur zu explodieren scheint. Das Wedeln des roten Tuchs, der „capote", ist also im modernen Stierkampf nur das Geringste, das den Stier zur Weißglut treibt. Auch die Verabreichung von Medikamenten vor dem Kampf ist ein gern gesehenes Mittel, um den Stier noch aggressiver und den Kampf damit für die Zuschauer attraktiver zu machen. Sobald sich die Tore der Box des Stieres öffnen, offenbart sich das blutige Drama in drei Akten:

Akt 1: Tercio de Varas (das Drittel des Spießes)

Im ersten Akt geht es um das gegenseitige Kennenlernen von Matador und Stier. Mit dem capote, einem Tuch meist bestehend aus einer purpurroten und einer gelben Seite, versucht der Matador die individuellen Verhaltensweisen des Stiers zu verstehen.
Immer wieder wird das Tier von den Picadors, den berittenen Gehilfen des Stierkämpfers mit Lanzen im Nackenbereich verwundet und durch den dadurch erleidenden Blutverlust geschwächt. Diese gezielten Stiche in den Nacken des Stieres sorgen dafür, dass er seinen Kopf immer mehr senkt. Eine Vorbereitung auf den finalen Akt.

Akt 2: Tercio de banderillas (Das drittel der Banderillas)
Während des zweiten Akts rammen die Banderilleros, spitze Stäbe in die Schultern des Bullen. Das führt nicht nur dazu, dass er weiter an Kraft verliert, sondern auch dass sein Aggressionslevel weiter ansteigt. Ein makaberes Spiel mit dem Leben des Tieres, das mittlerweile beginnt, um sein Leben zu kämpfen.

Akt 3: Tercio de Muerte (Das drittel des Todes)
Nun kehrt der Matador zurück in die Arena. Es beginnt ein Tanz zwischen Matador und seinem Opfer. Nach mehreren einstudierten Bewegungen, die mit voranschreitender Zeit auch das Publikum dazu bringen, den finalen Gnadenstoß zu fordern, bringt der Matador den Bullen (normalerweise) gekonnt in Position. Mit einem gezielten Stoß zwischen die Schultern des Tiers versucht er das völlig erschöpfte Tier direkt ins Herz zu stechen. Je sauberer desto besser.

Während dieses dritten Aktes kam es auch zu Jiménez Fortes Unfall. Und schaut man sich die Abfolge der Akte so an, wird es nicht wenige Leute geben, die sich ein Aufspießen des Matadors wünschen. Dies füllt die Arenen und mach den Stierkampf zu einer Spaniens bekanntester Touristen Attraktionen. Doch mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Jiménez nach vollständiger Genesung in Zukunft wieder an einem der über 4.500 jährlich stattfindenden spanischen Stierkampf-Events teilnehmen.

Seit einigen Jahren scheint jedoch ein Umdenken einzusetzen. Trotz aller Subventionen und Befürworter aus der alten Generation sprechen sich immer mehr der jungen Menschen gegen Stierkämpfe aus. Es wirkt fast so, als ob die junge spanische Generation tierlieb geworden ist.

Vieles wird wohl auch mit dem damaligen Beginn der Wirtschaftskrise zusammenhängen, die vor allem Spanien hart getroffen hat. Dadurch sanken die Subventionen durch Gemeinden für Stierkämpfe um 34 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit von 53 Prozent lässt das finanzielle Budget für Freizeitaktivitäten schrumpfen und dazu gehören eben auch die hochpreisigen Stierkampf-Events, deren Tickets in den großen Arenen bis zu 180 Euro kosten können. In einer 2009 durchgeführten Umfrage galt der Stierkampf bei einer Altersgruppe von über 45-jährigen noch als die populärste Sportart.

Eine Altersgruppe, deren hang zu Tradition größer zu sein scheint, als in der jungen Generation. Doch diese Tradition scheint nun zu bröckeln. Und das ist gut so. Vielleicht auch für den 25-Jährigen Matador Jiménez Fortes.

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