Saving page now... https://www.welt.de/vermischtes/article203484808/Hochwasser-in-Venedig-Die-Bilder-der-apokalyptischen-Zerstoerung.html As it appears live September 19, 2020 5:53:02 PM UTC
  1. Home
  2. Panorama
  3. Hochwasser in Venedig: Die Bilder der „apokalyptischen Zerstörung“

Panorama Hochwasser

Die Bilder der „apokalyptischen Zerstörung“ in Venedig

| Lesedauer: 4 Minuten
Venedigs Bürgermeister ruft den Notstand aus

Venedig kämpft mit einem der schlimmsten Hochwasser seiner Geschichte. Auf fast zwei Meter stieg der Wasserpegel in der Stadt teilweise an und auch wenn das Wasser nur langsam abläuft, sind bereits enorme Schäden erkennbar.

Quelle: WELT / Sebastian Struwe

Autoplay
Venedig erlebt gerade ein katastrophales Hochwasser mit schweren Schäden am Unesco-Welterbe. Gondeln werden fortgerissen, Gebäude wurden zerstört. Der Präsident der Region Venetien sieht eine „apokalyptische Zerstörung“.

Untergangsszenarien gibt es für Venedig seit jeher. Jetzt sind die Bewohner der Unesco-Welterbestadt sehr eindrücklich daran erinnert worden, wie fragil die wohl schönste Stadt der Welt ist. Ein verheerendes Hochwasser hat Venedig heimgesucht. Gepeitscht von starkem Wind und nach Dauerregen stieg das Wasser so hoch wie zuletzt vor 53 Jahren. „Wir haben es mit apokalyptischen Zerstörungen zu tun“, sagte der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia. Mindestens ein Mensch kam in der Nacht zu Mittwoch ums Leben.

Von einer „Katastrophe“ sprach Bürgermeister Luigi Brugnaro und machte den Klimawandel dafür verantwortlich. Insgesamt gingen die Schäden – unter anderem am Markusdom – in die „Hunderte Millionen Euro“.

Fast das komplette historische Zentrum Venedigs steht unter Wasser
Fast das komplette historische Zentrum Venedigs steht unter Wasser
Quelle: REUTERS
„So etwas habe ich noch nie gesehen, (auf dem Markusplatz) waren Wellen so hoch wie an der Meeresküste“, sagte der Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia
„So etwas habe ich noch nie gesehen, (auf dem Markusplatz) waren Wellen so hoch wie an der Meeresküste“, sagte der Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia
Quelle: dpa/Luca Bruno
Die Flut erreichte am späten Dienstag einen Höchststand von 187 cm
Die Flut erreichte am späten Dienstag einen Höchststand von 187 cm
Quelle: REUTERS
Eine Touristin trägt ihr Gepäck durch das Hochwasser auf dem Markusplatz
Eine Touristin trägt ihr Gepäck durch das Hochwasser auf dem Markusplatz
Quelle: dpa/Luca Bruno
Mindestens ein Mensch kam in der Nacht zu Mittwoch ums Leben
Mindestens ein Mensch kam in der Nacht zu Mittwoch ums Leben
Quelle: REUTERS
Die Bewohner sind Überflutungen gewöhnt, aber solch ein Ausmaß haben die wenigstens schon erlebt
Die Bewohner sind Überflutungen gewöhnt, aber solch ein Ausmaß haben die wenigstens schon erlebt
Quelle: dpa/Luigi Costantini

Es sind erschreckende Bilder: Wasserbusse schleuderte der starke Wind ans Ufer und versenkte einige, mindestens 60 Schiffe wurden beschädigt. Gondeln und Boote wurden aus Vertäuungen gerissen und trieben durch Kanäle. Menschen kämpften in reißendem Wasser gegen den starken Wind. Hotels und Geschäfte wurden überschwemmt. Das Opernhaus La Fenice musste Vorführungen für Mittwoch und Donnerstag streichen.

Das „Acqua alta“ flutete auch den Markusdom, bis zu 1,10 Meter hoch soll es gestiegen sein. Die Krypta glich einem Schwimmbad. „So etwas habe ich noch nie gesehen, (auf dem Markusplatz) waren Wellen so hoch wie an der Meeresküste“, sagte der Patriarch von Venedig, Francesco Moraglia. „Wir haben verzweifelte Menschen gesehen. Venedig ist eine verletzte Stadt, die nicht jedes Jahr wieder verletzt werden kann.“ Die Bewohner sind Überflutungen gewöhnt, aber solch ein Ausmaß haben die wenigstens schon erlebt.

Der Eingangsbereich zum Markusdom ist kaum wiederzuerkennen
Der Eingangsbereich zum Markusdom ist kaum wiederzuerkennen
Quelle: dpa/Luca Bruno
Insgesamt gingen die Schäden dem Bürgermeister zufolge – unter anderem am Markusdom – in die „Hunderte Millionen Euro“
Insgesamt gingen die Schäden dem Bürgermeister zufolge – unter anderem am Markusdom – in die „Hunderte Millionen Euro“
Quelle: REUTERS
Bürgermeister Brugnaro ist wütend. Wütend und besorgt, dass die Stadt den Wassermassen bald nicht mehr gewachsen sein wird
Bürgermeister Brugnaro ist wütend. Wütend und besorgt, dass die Stadt den Wassermassen bald nicht mehr gewachsen sein wird
Quelle: REUTERS
Arbeiter räumen im Inneren des Markusdoms auf
Arbeiter räumen im Inneren des Markusdoms auf
Quelle: dpa/Luca Bruno

Auf dem Markusplatz – einer der bekanntesten Touristenattraktionen der Welt – stiefelten zunächst noch schaulustige Besucher durch das hüfthohe Wasser. Doch dann wurde es zu gefährlich, Polizisten fuhren mit Booten über den Platz. Am Donnerstag sollte die Regierung in Rom den Notstand ausrufen. Ministerpräsident Giuseppe Conte brach nach Venedig auf und sprach von „dramatischen“ Szenen.

Ein Mensch starb beim Versuch, die Entwässerungspumpe in seinem überfluteten Haus wieder in Gang zu setzen, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Ein weiterer Bewohner sei tot in seinem Haus gefunden worden. Eine natürliche Todesursache werde aber nicht ausgeschlossen.

Die Lage war auch am Mittwoch laut Augenzeugen düster, Venedig glich einer Geisterstadt. „Der Verkehr liegt lahm, die Geschäfte sind zu, der Handel, alles komplett paralysiert“, sagte Petra Reski, deutsche Journalistin, die seit 30 Jahren in Venedig lebt, der Deutschen Presse-Agentur.

„Venedig wurde in die Knie gezwungen“

Bürgermeister Brugnaro ist wütend. Wütend und besorgt, dass die Stadt den Wassermassen bald nicht mehr gewachsen sein wird. „Venedig wurde in die Knie gezwungen. Der Markusdom hat schwere Schäden abbekommen, genauso wie die ganze Stadt und die Inseln“, sagte er. „Hier geht es nicht nur darum, die Schäden zu beziffern, hier geht es um die Zukunft der Stadt.“ Viele Menschen würden wegziehen, weil die Lebensumstände immer schwieriger würden.

Um kurz vor Mitternacht war das Wasser – angetrieben durch starken Wind – auf 187 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel gestiegen. Das sei der höchste Wert seit der verheerenden Überschwemmung im Jahr 1966, als 194 Zentimeter erreicht wurden, teilte die Gemeinde mit. Entwarnung gab es nicht: Auch in den nächsten Tag soll es weiter stürmen und regnen, erklärte der Zivilschutz.

„Der Verkehr liegt lahm, die Geschäfte sind zu, der Handel, alles komplett paralysiert“
„Der Verkehr liegt lahm, die Geschäfte sind zu, der Handel, alles komplett paralysiert“
Quelle: dpa/Andrea Merola
Ein „Vaporetto“, wie die Motorschiffe im öffentlichen Nahverkehr Venedigs genannt werden, ist in einer Gasse gestrandet
Ein „Vaporetto“, wie die Motorschiffe im öffentlichen Nahverkehr Venedigs genannt werden, ist in einer Gasse gestrandet
Quelle: dpa/Andrea Merola
Die Lage war auch am Mittwoch laut Augenzeugen düster, Venedig glich einer Geisterstadt
Die Lage war auch am Mittwoch laut Augenzeugen düster, Venedig glich einer Geisterstadt
Quelle: dpa/Andrea Merola
Touristen waten mit ihrem Gepäck auf den Schultern durch das Hochwasser
Touristen waten mit ihrem Gepäck auf den Schultern durch das Hochwasser
Quelle: dpa/Luca Bruno

Wissenschaftler warnen seit Langem vor den Folgen der Erderwärmung für die Welterbestadt, die in einer Lagune an der Adria liegt. Schmelzen Eis und Gletscher, so erhöht sich der Meeresspiegel. Je mehr der Meeresspiegel steigt, desto höher ist das Risiko von Überflutungen. Auch sackt der Boden in Venedig ab. Ein Großteil der Gebäude wurde auf Pfählen gebaut. Ebbe und Flut und Wellenbewegungen durch Schiffe nagen an den Bauten. Kritiker machen zudem das Ausbaggern von Fahrrinnen für große Schiffe für das Absacken verantwortlich.

„Was wir definitiv wissen: Ereignisse wie jetzt in Venedig werden durch die Klimaerwärmung verstärkt“, sagte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. „Wenn sich Ozeane erwärmen, verdunstet mehr Wasser in die Atmosphäre und das muss wieder raus. Dadurch entsteht mehr Niederschlag für den ganzen Globus. Gleichzeitig häufen sich Starkregenereignisse.“ Durch den CO2-Ausstoß werde Venedig künftig unter dem Meeresspiegel liegen. „Deshalb ist es entscheidend, was wir jetzt und in der Zukunft dagegen unternehmen.“

„Das größte Problem ist, dass das Wasser sehr schnell reinkommt, aber nicht abfließt", sagt eine Bewohnerin
„Das größte Problem ist, dass das Wasser sehr schnell reinkommt, aber nicht abfließt", sagt eine Bewohnerin
Quelle: pa/NurPhoto/Giacomo Cosua
Menschen kämpften in reißendem Wasser gegen den starken Wind. Hotels und Geschäfte wurden überschwemmt
Menschen kämpften in reißendem Wasser gegen den starken Wind. Hotels und Geschäfte wurden überschwemmt
Quelle: pa/NurPhoto/Giacomo Cosua

Küstenschutz ist da nur ein Element. In Venedig entstehen Barrieren in der Lagune, die bei Hochwasser ausgefahren werden können. Das Milliardenprojekt namens „Mose“ hat sich allerdings unter anderem durch einen Korruptionsskandal verzögert und ist immer noch nicht komplett fertig.

Einige Bewohner sehen aber genau in dem Projekt, das sie schützen soll, den Untergang. „Dieses Hochwasser ist von Menschen gemacht“, sagte die deutsche Bewohnerin Reski. „Das größte Problem ist, dass das Wasser sehr schnell reinkommt, aber nicht abfließt. Wegen des ‚Hochwasserschutzes‘ kommt das Wasser schneller rein und fließt schlechter ab.“

Lesen Sie auch

Klimaforscher Levermann ist zurückhaltend. Der Küstenschutz „auf dem Niveau, das der Klimawandel verlangt, ist kompliziert“. „Es ist alles andere als trivial, Städte wie Hamburg oder Venedig vor dem Meeresspiegelanstieg zu schützen. Einfach wird das nicht gelöst, um es milde auszudrücken.“

dpa/lsg

Themen

KOMMENTARE WERDEN GELADEN