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Der Romakönig von Hermannstadt

Sinti und Roma in Rumänien

Fast drei Millionen Menschen gehören in Rumänien der Roma-Minderheit an. Mit Zigeunerromantik hat deren reales Leben beileibe nichts zu tun, auch wenn wir Ihnen einen König präsentieren. Zu selbigem hat sich nämlich nach der Wende ein Clanchef von seiner Sippe ausrufen lassen. Wohl auch wegen des schönen Titels, aber vor allem wegen der grösseren Durchsetzungskraft bei den Bemühungen um eine bessere Integration der Roma in Rumänien. Denn auch dort hat diese in Europa nach wie vor am stärksten diskriminierte Minderheit unter Ausgrenzung, Verarmung und Rassismus zu leiden. Die Europäische Union mahnt deshalb beim EU-Anwärter Rumänien immer wieder eine entschiedenere Bekämpfung der Roma-Diskriminierung an.

 
Florin Cioba - der König der Roma Die Roma sind stolz auf ihren König

Florin Ciobâ, König der Roma: "Ich heisse Florin Ciobâ und bin der internationale König der Roma. Diesen Titel habe ich von meinem Vater nach seinem Tod 1997 geerbt." Fünf Jahre vorher,1992, nutzte der Vater die Zeitenwende in Rumänien und liess sich zum neuen König aller Roma ausrufen. Nun trägt den Titel Sohn Florin - mit Stolz, nur, wenn man ihn daran erinnert, dass es auch noch einen Kaiser gibt, huscht ein Schatten über sein Gesicht. Denn ausgerechnet ein Verwandter, der Cousin des Vaters, wollte sich mit dem neuen Titel nicht abfinden: Florin Ciobâ, König der Roma: "Ja, das ist richtig: Als mein Vater 1992 gekrönt wurde, wollte er noch etwas ranghöher sein und hat sich selbst zum Kaiser der Roma ernannt. Aber das richtige Königshaus, das sind wir."

In seinem bürgerlichen Leben ist König Ciobâ Buntmetall- und Alteisenhändler, daneben betreibt er einen Supermarkt und ein Möbelgeschäft. Aber seit kurzem steht der Betrieb leer, die Regierung hat das Alteisensammeln verboten. Florin Ciobâ, König der Roma: "Das ist nicht richtig, das zu verbieten! Durch diesen Beschluss wurden viele, viele Roma arbeitslos!" Es hatte Probleme gegeben: Wilde Schrottsammler hatten ganze Eisenbahnschienen herausgebrochen, verlegte Kupferkabel wurden wieder ausgegraben. Florin Ciobâ: "Ja, das ist wahr, aber ich betone: Es waren nicht nur Roma, die gestohlen haben!"

Auch in Rumänien leiden die Tzigani unter ihrem schlechten Ruf. Das Klischee des Nichtstuers, Taschendiebs und Gewalttäters ist nicht aus der Welt zu bringen. Auf dem Markt in Hermannstadt hatte man sich vor einem Jahr darüber empört, dass Roma angeblich versuchten, die Preise zu diktieren. Wir entdecken niemanden, dem dies auch nur im Entferntesten zuzutrauen wäre. Ca. ein Fünftel der Händler sind Roma, manche mit Kind und Kegel. Die meisten haben nicht einmal einen eigenen Verkaufsstand, und wenn, dann nur mit ganz einfacher Ware. Uns scheint vielmehr, als ob sich Roma, Deutschstämmige und Rumänen durchaus gut vertragen.

Zehn Kilometer ausserhalb von Hermannstadt liegt Roschia, das deutsche Rotberg. An der massiven Wehrkirche und den stattlichen Häusern ist es auf den ersten Blick als Dorf der Siebenbürger Sachsen erkennbar. Aber seit zehn Jahren sind so gut wie alle Deutschen weg. Die Häuser stehen entweder leer oder andere sind nachgezogen: fast ausschliesslich Roma. Vom Gegenhang kommen gerade welche herunter, die Reisig geschnitten haben zum Korbflechten. Über Generationen hinweg leben sie schon am Rande des Dorfes, unten in der Senke, aber erst seit wenigen Jahren dürfen sie diese kleinen Hütten bauen. Kaum, dass wir mit der Kamera in Erscheinung treten, sind wir schon von Kindern umringt: Erst drei, dann vier, dann das halbe Dorf. Manche haben blaue Augen, blonde Haare, - das Leben als Landarbeiter und Gesinde am Rande und unter den Deutschen hat auch hier seine Spuren hinterlassen.

In der Schule führt uns die Schulleiterin und Mathematiklehrerin in ihre Klasse. Wenn ein Erwachsener hereinkommt, stehen alle Schüler auf und setzen sich erst nach Aufforderung. Vor vier Jahren kam die Regierung auf die Idee, Kindergeld nur noch für die Kinder auszubezahlen, für die Lehrer den Schulbesuch bestätigen. Seither besuchen alle Romakinder die Schule. Das ist ein grosser Fortschritt. Und sie lernen gut, die Lehrerin sieht keine grossen Unterschiede. Daniela Tiberian, Schulleiterin: "Nein, im Gegenteil: Es gibt Jahrgänge, wo wir bessere Ergebnisse mit Zigeunerkindern als mit Rumänen haben." Vor sechs Wochen, erzählen die Kinder, ist der Computer gekommen. Mit der Lehrerin haben sie bis abends um acht geübt, - es war richtig aufregend.

Aber das gibt es auch, in jeder Stadt Nordrumäniens. Die Villen eicher Roma, am barocken und repräsentativen Stil sind sie sofot erkennbarr. Damit kann das Wohnzimmer von König Ciobâ nicht mithalten, auch wenn er es vor der Kamera seinen "Thronsaal" nennt. Florin Ciobâ ist vor allem "Bulibascha", Clanchef, wie seine Eltern und die Grosseltern. Er steht der Sippe der "Caldarari" vor, das sind die Metallhändler und Kesselschmiede. Daneben gibt es noch die "Ursari" - die Schausteller und Tanzbärenführer - und die Holzlöffel- und Muldenmacher. Stolz zeigt er uns seine Sippensymbole. Blau für den Himmel, grün für die Erde, das Rad als Zeichen der Wanderzigeuner, inzwischen vermehrt um die Königsinsignien.

Bei allen Problement: In Rumänien sind die Roma nicht so stark ghettoisiert wie in Tschechien oder der Slowakei. Insbesondere im Raum Hermannstadt ist die Integration aber auch die Wirtschaftsentwicklung weiter fortgeschritten. Die Region ist damit Vorreiter für Rumäniens Weg in die EU. Klaus Johannis, Bürgermeister Hermannstadt: "Wenn man eine Umfrage machen würde, dann antworten sicherlich 80 Prozent der Leute: "Ja, wir möchten auf jeden Fall in die EU". Es gibt in Rumänien klar den politischen Willen, dieses Problem in Anführungsstrichlein, ich sage es noch einmal, zu lösen. Aber ich denke, das dauert seine Zeit."

Filmautor: Gerhard Losher, BR-München

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Euroblick
vom 06.05.2001
Rumänien