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Datum:   26.08.1995
Ressort:   Chefredaktion
Autor:   Martin Koch

Die Operation "Paperclip"

Vor 50 Jahren lief im amerikanisch besetzten Deutschland die Jagd auf deutsche Wissenschaftler

Im Sommer 1945 stand US-Präsident Truman vor schwierigen Entscheidungen. Eine davon war diese: Das Kriegsministerium bedrängte ihn, endlich grünes Licht für die Operation "Paperclip" zu geben. Im Klartext hieß das: Führende Rüstungsfachleute des NS-Regimes sollten nach Amerika geholt werden, um hier ihre Arbeit fortzusetzen. Unter keinen Umständen, so erklärten die Militärs, dürfe man die "führenden deutschen Gehirne" den Russen überlassen.

Zu diesem Zeitpunkt waren Oberst Holger Toftoy und Major Robert Staver bereits in Europa tätig, um "die deutschen Wissenschaftler zu finden, die uns Jahre voraus sind und aus deren Erfolg wir lernen können".

Fachleute "ohne Schuld"

Am 11. April 1945 befreite die US-Armee Nordhausen. In der Nähe der Stadt stieß sie auf riesige Höhlen, in denen KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Hitlers V-Raketen montieren mußten. Seit Ende 1943 waren hier pro Tag etwa hundert Menschen an Erschöpfung, Hunger oder Krankheit gestorben. Andere wurden von SS-Leuten ermordet. Aber das schien die wissenschaftlichen Leiter des Raketenprojekts nicht sonderlich gestört zu haben. Wernher von Braun, der "Vater der deutschen Raketentechnik", gehörte selber der SS an, war zuletzt Standartenführer. Doch auch Toftoy und Staver störte die NS-Vergangenheit der deutschen Raketenbauer nicht. Major Staver: "Ihre künftige wissenschaftliche Bedeutung wiegt schwerer als ihre heutige Krieggschuld."

Im Juli 1945 genehmigte Washington die Aktion "Paperclip". Bereits zwei Monate später trafen die ersten sechzehn NS-Spezialisten in Texas ein, unter ihnen Wernher von Braun. Um die amerikanische Öffentlichkeit zu beruhigen, ließ man über die Presse verlauten, daß die ehemaligen Peenemünder Raketenspezialisten niemals aktive Nazis waren.

Ein kurzer Blick in ihre Akten hätte das Gegenteil offenbart: Arthur Rudolph etwa überwachte seit 1943 die Serienfertigung der V 2 in Nordhausen. Nach seiner ersten Vernehmung im Juli 1945 schrieb der verantwortliche US-Offizier ins Protokoll: "100 % Nazi, gefährlicher Typ, Sicherheitsbedrohung, schlage Internierung vor." Aber was geschah? Rudolph durfte zu von Braun in die USA fliegen.

Für den Einsatz im US-Raketenprogramm war auch Kurt Debus vorgesehen, der als führender deutscher Experte für Raketenstarts galt. Debus gehörte seit 1940 der SS an, und er denunzierte 1942 einen Kollegen als "Gegner des Nationalsozialismus". Der Kollege wurde verhaftet und verurteilt.

Steile Karriere

Wie sahen die Amerikaner diese Angelegenheit? Einfach so: "Debus hat den Kollegen nicht absichtlich denunziert, sondern er war nach seinem Eid als SS-Mann verpflichtet, ihre Unterhaltung bei der Gestapo zu melden." Der pflichtbewußte Ingenieur brachte es in Amerika schließlich zum Direktor des Weltraumbahnhofs Cape Canaveral.

Auch an der Elite der NS-Luftfahrtmediziner war die US-Armee interessiert. Unter Leitung von Oberst Harry G. Armstrong durften die deutschen Ärzte Hubertus Strughold, Siegfried Ruff, Konrad Schäfer und Theodor Benzinger nach dem Kriege in Heidelberg ihre luftfahrtmedizinischen Forschungen fortführen. 1946 wollte Armstrong die ganze Gruppe nach Amerika verlagern, damit sie unmittelbar für die US-Armee arbeiten konnte. Aber bevor es dazu kam, wurden Ruff, Schäfer und Benzinger festgenommen und in Nürnberg inhaftiert. Nur Strughold blieb auf freiem Fuß, vermutlich deshalb, weil die US-Armee ihn nicht freigab.

Spätestens seit 1944 wußten die Amerikaner, daß deutsche Ärzte verbrecherische Experimente an Menschen durchgeführt hatten. Im Auftrag Himmlers untersuchte Dr. Sigismund Rascher im KZ Dachau das Verhalten des menschlichen Organismus unter Höhenflugbedingungen. Er steckte KZ-Häftlinge in eine Unterdruckkammer oder legte sie stundenlang in eiskaltes Wasser, was oftmals den Tod zur Folge hatte. Zwei Tage vor der Befreiung Dachaus wurde Rascher auf Befehl Himmlers erschossen. Seine Kollegen schoben ihm daraufhin die alleinige Verantwortung für die Versuche in die Schuhe.

Am 9. Dezember 1946 begann in Nürnberg der Prozeß gegen die NS-Ärzte. Das Gericht war in einer verzwickten Lage: Überlebende Augenzeugen fand es nicht, und die Angeklagten ergingen sich in abgesprochenen Unschuldsbeteuerungen. So wollte Benzinger nur einen Film über die Todesqualen der Häftlinge gesehen, Ruff niemals mit Rascher zusammengearbeitet haben. Und weil ihnen das Gegenteil gerichtlich nicht nachzuweisen war, ließ man sie wieder frei. 1947 trafen Strughold und Benzinger in den USA ein, ein Jahr später kam Schäfer hinzu, der mutmaßlich an der Vorbereitung der Dachauer Salzwasser-Experimente an Menschen beteiligt war. Als er seinen "Paperclip"-Vertrag unterschrieb, fragte er vorsichtshalber nach, ob es wegen seiner Strafverfolgung in Nürnberg Probleme geben würde. Der US-Offizier lachte und sagte: "Vergessen Sie es!"

600 helle Köpfe

Am 30. September 1947 wurde die Operation "Paperclip" offiziell eingestellt, doch das Interesse an deutschen Spezialisten blieb. Am Ende arbeiteten mehr als 600 deutsche und österreichische Wissenschaftler und Ingenieure für die US-Armee, die damit Forschungs- und Entwicklungskosten in mindestens dreistelliger Millionenhöhe sparte. In Huntsville (Alabama) konstruierten die Peenemünder 1949 die erste ballistische Rakete der USA. Die Deutschen sollten anfänglich nur für ein paar Monate in den USA bleiben, später wurden aber viele von ihnen eingebürgert. Während des Kalten Krieges stellten die verantwortlichen Militärs endgültig alle moralischen Bedenken zurück. Spät, zu spät regte sich in Washington das Gewissen.

Ähnlich wie die Amerikaner waren nach Kriegsende die Russen auf der Suche nach "deutschen Gehirnen". Und ähnlich wie die Amerikaner ließen sie ihre lebende Beute in sicherem Gewahrsam für sich arbeiten. Doch das ist ein weiteres Kapitel in der Nachkriegspolitik der Siegermächte. +++

[Neue Suchanfrage]   [Weitere Artikel vom 26.08.1995]  

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