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Johann Ignaz Felbiger

"Maria Theresia hatte sich im Jänner 1774 an Friedrich II. von Preußen mit dem Wunsch gewandt, seinen Untertan J. I. Felbiger für einige Zeit nach Wien zu schicken, damit sie ihn „über verschiedene, das Schulwesen betreffende Gegenstände zu Rathe ziehen" könne. Der preußische König wollte ihr gern gefällig sein, auch Felbiger war dazu bereit.

Johann Ignaz Felbiger wurde 1724 als Sohn eines österreichischen Postmeisters und einer bayrischen Mutter (aus Schärding, das 1779 österreichisch wurde) in Schlesien (Glogau/Glogow) geboren und war – nach Abtretung seiner Heimat an Friedrich II. – loyaler preußischer Untertan. Als Abt des Augustiner-Chorherrenstiftes Sagan in Niederschlesien [ab 1748] war er eher zufällig mit Schulproblemen befaßt worden. In diesem gemischt konfessionellen Gebiet waren nämlich die vom Stift geführten katholischen Schulen der Konkurrenz der evangelischen Schulen erlegen. Auch die katholischen Eltern schickten ihre Kinder dorthin, weil ihrer Meinung nach diese besser eingerichtet waren und dort mehr gelernt wurde. In dieser Entwicklung sah Felbiger eine so große Gefahr für den katholischen Glauben, daß er sich eingehend mit Ausbildungs- und Erziehungsfragen zu beschäftigen begann. Diese religiöse Komponente seiner schulreformatorischen Tätigkeit muß im Auge behalten werden, weil darin manche seiner Festlegungen eine Erklärung finden und auch verständlich wird, warum er zuletzt von Seiten der Aufklärer heftig angegriffen wurde. Er las sich in die pädagogische Literatur seiner Zeit ein und scheute sich nicht, eine der als vorbildlich geltenden Schulen (J. J. Heckers Berliner Realschule) persönlich aufzusuchen und die dort verwendeten Methoden zu studieren [1762]. Das Gesehene und Gelesene versuchte er dann den schlesischen Verhältnissen anzupassen.

Aus heutiger Sicht muß Felbiger als „Eklektiker" bezeichnet werden, der ziemlich unbefangen die seiner Meinung nach besten zeitgenössischen pädagogischen Erkenntnisse und Methoden neu zusammenfügte, ein Vorgehen, das bei den meisten „Pädagogen" des 18. Jahrhunderts festgestellt werden kann. Die abwertende Bedeutung, die in unserer Zeit dem Begriff „Eklektizismus" anhaftet, war dem Jahrhundert der Aufklärung völlig fremd.

Die pädagogischen Grundmodelle des 18. Jahrhunderts waren in Westeuropa entwickelt worden. Für Felbiger wurden deren norddeutsche Varianten zum Vorbild; so lassen sich weite Passagen der Schulordnung für Minden-Ravensberg (1727, 1754) in J. J. Heckers „Königl. Preußisches General-Land-Schul-Reglement" (1763) wiederfinden, auf das dann Felbiger ein von ihm entworfenes „Königl.-Preußisches General-Land-Schul-Reglement für die Römisch-Catholischen in Städten und Dörfern des souverainen Herzogthums Schlesien und der Grafschaft Glatz" (1765) aufbaute. [Dabei ist nicht zu übersehen, daß Felbiger durch seine bildungspolitische Reformtätigkeit wesentlich zur friedlichen Eingliederung Schlesiens in den preußischen Staat beitrug. Auch gelang es, das Bildungsniveau in den Schulen erheblich zu verbessern.] Den Grundgedanken dieser Schulordnung verhalf Felbiger auch in Österreich zum Durchbruch [mit der für Maria Theresia 1774 verfaßten „Allgemeinen Schulordnung für die deutschen Normal-, Haupt- und Trivialschulen"].

Die Grundlagen der Maria-theresianischen Schulordnung blieben auch für die bildungspolitischen Maßnahmen Josephs II. [nach ihrem Tod 1780] im wesentlichen maßgeblich, doch hatte der reformfreudige Kaiser recht entschiedene eigene Vorstellungen von den Methoden, die den weiteren Ausbau des Primarschulwesens sichern sollten. Der bereits etwas starrsinnige und eigenmächtige Felbiger paßte dabei nicht in sein Konzept. Persönliche Gründe waren sicherlich wirksam, wahrscheinlich aber nicht ausschlaggebend, auch nicht die Auseinandersetzung um die Militärschulen.

Dieser von Maria Theresia geförderte Plan Felbigers zur Errichtung von Schulen für Soldatenkinder, die in Kasernen untergebracht werden und an denen an Normalschulen ausgebildete Soldaten lehren sollten, war 1780 auf den schärfsten Widerstand Josephs II. gestoßen. Felbiger hatte nämlich verlangt, daß dem Militär keinerlei Einfluß auf die Unterrichtsführung und - gestaltung zu gewähren sei, was Joseph II. in Empörung über derart viel Unkenntnis der Ordnung bei der Armee zur schriftlich niedergelegten Bemerkung veranlaßte: „Verzeih ihnen, o Herr, denn sie wissen nicht was sie thun." Sofort nach seinem alleinigen Regierungsantritt hob Joseph II. die bereits in Wien bestehenden Militärschulen auf und verbot eine weitere Verfolgung dieses Planes.

Daß Felbiger ein Ordensmitglied war, hatte Joseph II. und vor allem manche seiner Mitarbeiter sicherlich ebenfalls gestört. Auch das großzügige Gehalt von 6000 fl., das Maria Theresia dem Abte gewährt hatte, wollte Joseph II. gerne einsparen. Ausschlaggebend aber war wohl, daß sich Felbiger in Österreich viele Feinde geschaffen hatte, vor denen ihn der starke Arm Maria Theresias geschützt hatte, die aber nunmehr über ihn herfielen und mit Kritik nicht zurückhielten. Im Mittelpunkt ihrer Angriffe standen die Saganische Lehrart und die sichtbaren Mängel des noch im Aufbau befindlichen Schulsystems. Daß aber solche pädagogische Überlegungen den Kaiser zu diesem Schritt veranlaßten, ist wenig wahrscheinlich.

Um den Schein zu wahren, erfolgte daher seine Enthebung 1781 im Zuge einer Umorganisation der Schulbehörden. Die Begleitumstände aber weisen auf einen eher demütigenden Abgang hin. Felbiger wurde auf die Propstei Preßburg, für die er bereits 1778 nominiert worden war, abgeschoben. Sein Gehalt wurde ihm zur Gänze entzogen, seine Leistung für Österreichs Schulwesen ignoriert. In einer anonymen Schrift suchte Felbiger noch die Angriffe auf die Normalschulen abzuwehren, dann konnte und wollte er nicht mehr Einfluß auf die Weiterentwicklung seines Lebenswerkes nehmen. 1788 starb er in Preßburg und wurde dort begraben. Sein Grab ist heute verschollen."

 

Aus:

Engelbrecht, Helmut, Geschichte des österreichischen Bildungswesens. Erziehung und Unterricht auf dem Boden Österreichs, Band 3: Von der frühen Aufklärung bis zum Vormärz, Wien 1984, S. 102/103 und 118.

Ergänzungen in [...] A. N. mit Informationen aus:

Schönebaum, Herbert, Johann Ignaz von Felbiger, in: Neue Deutsche Biographie, hg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 5. Band, Berlin 1961, S. 65/66.