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Aus Ausgabe 33/01 |   Weitere Artikel

Abschied von der Weltwoche

Von Fredy Gsteiger

Warum die Schweiz diese Zeitung braucht. Und umgekehrt. Ein paar Anmerkungen in eigener Sache

Gestatten Sie mir eine Ausnahme. Mit der Bauchnabelschau und der Ich-Form haben wir es in der Weltwoche sonst nicht. Wir finden unsere Zeitgenossen und die Welt um uns herum schlicht zu aufregend, als dass wir Zeit mit Selbstbespiegelung und Befindlichkeitsjournalismus vergeuden möchten.


Deshalb soll es die Ausnahme bleiben.

ls mich vor fünf Jahren der Anruf aus Basel erreichte, sass ich in meinem Arbeitszimmer mit Blick auf das Panthéon. Von der Strasse drangen die Stimmen der Verkäufer und Kunden beim Gemüseladen hoch und der Duft von frisch gebackenen Baguettes. Unweit wusste ich den Jardin du Luxembourg, wo Paris Sommerfrische spielt. Kurz, ich hatte einen der faszinierendsten Korrespondentenposten, die der internationale Journalismus zu vergeben hat. Dennoch und obschon man die Hamburger Zeit ungern verlässt, überlegte ich mir das Angebot der Basler Mediengruppe nur kurz: Einen Ruf zur Weltwoche lehnt man nicht ab.


Dabei befand sich die Zeitung nicht in bester Verfassung. Mehrere Besitzerwechsel, Unruhe in der Redaktion, neue Konkurrenten - die Sonntagsblätter, das Magazin Facts, die Wirtschaftszeitung Cash, zunehmend ambitionierte Tageszeitungen bedrängten sie. Gleichzeitig war es modisch, der klassischen Wochenzeitung den Untergang vorauszusagen.


Und heute? Die Konkurrenz ist immer noch da. Der Kernmarkt, die Deutschschweiz, mit nur viereinhalb Millionen Einwohnern immer noch klein. Und die Weltwoche bleibt einstweilen - wie manche anspruchsvolle Zeitung weltweit - eine Zuschussempfängerin. So viel zum Negativen.


Erfreulich und ermutigend hingegen ist, dass sich diese Zeitung besser behauptet, als Neider oder Miesepeter erwarteten. Dass in der Schweiz ein Blatt mit diesem Anspruch fortbesteht, ist keineswegs selbstverständlich. Andere Kleinstaaten wie Österreich, Belgien, Holland oder Dänemark haben nichts dergleichen zu bieten. Die Weltwoche ist gar eine grosse Zeitung. Mit einer Auflage von gut 84 000 ist sie, gemessen an ihrem Heimmarkt, fast doppelt so gross wie der Spiegel, viermal so gross wie die Zeit und rund dreimal so gross wie der französische Nouvel Observateur oder die britische Ausgabe des Economist. Und allen Unkenrufen zum Trotz ist es gelungen, die verkaufte und bezahlte Auflage zu stabilisieren. «Klasse statt Masse» lautet der Leitspruch unseres Verlages. Lieber eine solide Festauflage, lieber treue Leser als auf Teufel komm raus mit Lockvogelangeboten und massivem Marketingmitteleinsatz Kurzzeitkunden gewinnen.


Schulterklopfen in eigener Sache? Nein, Chapeau, liebe Leserin, lieber Leser! Offenkundig gibt es in der Schweiz viele, die eine hintergründige, kritische, anspruchsvolle, mutige, nachdenkliche, unbestechliche, neugierige und widerborstige Zeitung wollen. Die Weltwoche richte sich an Leser und nicht an Verbraucher, versprachen wir vor fast fünf Jahren: «Ihre Weltwoche ist uns zu schade, um daraus eine Zeitung wie irgendeine andere zu machen.» Der richtige Platz für die Weltwoche, so behaupteten wir, sei jener zwischen allen Stühlen. Gewiss ist es für die Redaktion bequemer und für die Leser bekömmlicher, wenn sich eine Publikation an den Zeitgeist koppelt und Mehrheitsfähiges vertritt. Doch kann das Aufgabe dieser Zeitung sein? Muss sie nicht, neben der nüchternen, intelligenten Analyse, neben der faktentreuen Reportage, vorausdenken, träumen, bisweilen provozieren? «Die Weltwoche kann und will nicht mit jedem Autor, mit jedem Beitrag allen gefallen», habe ich in den vergangenen Jahren manchem Leser geschrieben, der sich über einen Artikel beschwerte, ja gar die Abonnementskündigung erwog. Denn die allermeisten suchen bei uns nicht zuletzt den Widerspruch, die andere Sichtweise, den neuen Gedanken. Ist echte Innovation anfangs nicht stets suspekt und ein Minderheitenprogramm?


Aus diesem Grund hat Beat Kappeler Firmenfusionen harsch kritisiert, als diese einander jagten. Hat Sepp Moser die Swissair-Strategie hinterfragt, als Kritik an der nationalen Fluglinie tabu war. Forderte Ludwig Hasler die Abschaffung der Auffahrt. Bejahten wir die Dopingfreigabe. Bewahrten wir ruhig Blut, als männiglich dem Börsenfieber erlag. Treten wir für eine weitere Integration der Schweiz in Europa ein, für den Nato-Beitritt, für das Ende der Zauberformel und gegen das Bankgeheimnis. Entscheidend ist nicht, ob wir am Ende Recht bekommen oder auf der siegreichen Seite stehen. Wichtiger ist die Offenheit des Denkens - die ebenfalls verlangt, dass auch jene, die unsere Ansichten nicht teilen, in dieser Zeitung zu Wort kommen. Zustimmung, Ablehnung - beides ist uns lieb. Bloss vor der Gleichgültigkeit unserer Leser hätten wir Angst.


Eine Demokratie, in der viele bei vielem mitreden und mitentscheiden, braucht Gazetten, die wider den Stachel löcken.

Die Schweiz erträgt keine Denkverbote. Gleichzeitig bietet sie, so klein der Markt auch ist, Chancen für Medien unterschiedlichster Prägung. Gewiss, auch Eidgenossen grillen Würste, rollen auf Inline-Skates und stehen im Stau herum. Dennoch lesen sie mehr Zeitungen als andere, von Norwegern, Schweden und Japanern abgesehen. Und sie vertrauen ihnen: Während die Glaubwürdigkeit amerikanischer Medien in wenigen Jahren von 55 auf 30 Prozent absackte, liegt sie hierzulande bei immerhin 67 Prozent. Wir befinden uns damit zwar hinter den Schulen, gleichauf mit dem Bundesrat, aber vor Banken, Kirchen, Parteien und Werbung. Diese Glaubwürdigkeit ist unser Kapital. Tragen wir ihm Sorge.


Bleibt mir, meinen beiden Nachfolgern und Kollegen, Kenneth Angst und Roger Köppel, der gesamten Redaktion, die zu leiten mich begeistert und gefordert hat, und dem Verlagsteam alles Gute zu wünschen. Und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, weiterhin eine anregende und aufregende Zeitung. Für mich selber aber, die vom unlängst zurückgetretenen Chefredaktor der Financial Times gestellte Frage zu beantworten: «Gibt es ein Leben ausserhalb dieser Zeitung?» Ich bin zuversichtlich, dass dem so ist, und vertraue darauf, dass es dank Weltwoche-Lektüre spannend bleibt.

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