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Bruchgurken und High-Tech-Renner

Moderne Bordtechnik soll das Radfahren attraktiver machen. Aber die Kunden wollen möglichst sparsam radeln


Aus dem Bahnhofsvorplatz ragt ein futuristisches Glasdreieck. Eine Rampe führt hinunter in das Parkhaus mit 3300 Plätzen. Der Zugang ist mit elektronischen Schranken gesichert, Dauerparker finden ihre reservierten Plätze in einem zusätzlich abgetrennten Bereich und können Wertsachen in einem Schließfach unterbringen. Mitten zwischen den Stellplätzen gibt es eine Werkstatt, die kleinere Reparaturen sofort erledigt und bei größeren Schäden Ersatzfahrzeuge verleiht oder neue verkauft. Eine vollautomatische Waschanlage bringt sie alle auf Hochglanz - und das für unschlagbar günstige 3,25 Euro. Auch der monatliche Preis für einen Stellplatz ist mit 7 Euro kaum höher. Und Leihfahrzeuge gibt es schon ab 5 Euro pro Tag. Schließlich ist dies hier ja kein Parkhaus für Autos, sondern die vor drei Jahren am Bahnhof der westfälischen Universitätsstadt Münster eröffnete "Radstation" - die größte Deutschlands.

Zwar werden hierzulande bisher nur 12 Prozent aller Wege per Fahrrad zurückgelegt, in typischen Fahrradstädten wie Münster, Freiburg oder Bremen steigt dieser Anteil jedoch deutlich über 20 Prozent. Das Rad ist das "am meisten unterschätzte Verkehrsmittel", sagte Verkehrsminister Kurt Bodewig Ende April bei der Vorstellung des ersten Zehnjahresplans für den "nationalen Radverkehr". Viel Geld gibt es nicht, dafür aber das Versprechen, Fahrradwege künftig besser zu vernetzen und die Fahrradförderung in einem Bund-Länder-Arbeitskreis zu koordinieren. Schließlich mache Radfahren nicht nur Spaß, sondern sorge für 10 000 Arbeitsplätze in einem Wirtschaftszweig mit 1,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr.

Der allerdings kränkelt. Nach Jahren stetig wachsender Umsätze musste die Branche im vergangenen Jahr erstmals einen Einbruch von rund zehn Prozent verkraften, und auch die ersten Monate dieses Jahres brachten weitere Rückgänge. Fahrrädern fehle es gegenüber dem Auto an Komfort, beklagt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). So lasse sich ein Auto per Knopfdruck zentralverriegeln, beim Rad muss das Bügelschloss um dreckige Laternenpfähle gedrückt werden. Beim Auto schaltet man das Licht an, wenn es dunkel wird, beim Fahrrad beginnt ein Kampf mit dem störrischen Dynamo und gerissenen Kabeln. Und Autos verschmutzen nicht die Kleidung - "außer die der Radfahrer und Fußgänger", wie der ADFC frustriert schreibt.

Zusatzpuste aus Solarzellen

Dass es auch anders geht, demonstrieren die studentischen Mitarbeiter der TU Darmstadt. Sie haben - ohne Rücksicht auf den Preis - ihr Traumfahrrad entwickelt: den "Läufer". Dieser 3,50 Meter lange Renner ist mit dem Modernsten bestückt, was die Fahrradentwickler derzeit zu bieten haben: Der Läufer bietet zwei windschnittig überdachte Schalensitze, Luftfederung, Scheibenbremsen, statt öliger Ketten einen 5,5 Meter langen Kunststoffriemen, der über zwei Tretringe läuft - und einen Bordcomputer. Der schaltet bei Dunkelheit die Beleuchtung und beim Umfallen des Rades die Warnblinkanlage ein, wird vor allem aber für die elektronische Antriebsregelung gebraucht.

Neben der Kraft aus den Pedalen gewinnt der Läufer nämlich auch Energie aus Solarzellen im Dach und aus einem Generator, der beim Bremsen und Bergabfahren überschüssige Energie in Strom verwandelt. Damit werden die Akkus aufgeladen, die unsichtbar in dem aus Kohlefaserstoff gefertigten Rahmen stecken. Beim An- und Bergauffahren speisen sie einen Elektromotor, der unmerklich zugeschaltet wird, wenn die Strampelkraft nicht mehr zur Einhaltung des gewählten Tempos ausreicht.

Selbst wenig geübte Fahrer sollen so ohne übermäßige Anstrengung eine Reisegeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde halten können. Und wer unter Herzproblemen leidet, kann ein Blutdruck- und Pulsmessgerät an den Bordcomputer anschließen. Tritt er dann zu kräftig in die Pedale, macht ihn ein Warnton auf das mögliche Gesundheitsrisiko aufmerksam.

Von dem Läufer, der im Laden ungefähr so viel wie ein Kleinwagen kosten würde, wollen die Darmstädter Studenten zehn Exemplare bauen. Die nötigen Sponsoren haben schon zugesagt, noch allerdings arbeitet die elektronische Antriebssteuerung nicht optimal. "Im Mittelpunkt des Regelkreises steht der Mensch", sagt der Mitkonstrukteur Markus Weimer, "und deshalb ist das Optimum sehr subjektiv." Eigentlich müsste der Läufer für jedes Fahrerteam individuell programmiert werden. Trotzdem glauben die Darmstädter Erfinder, dass sich Fahrräder mit elektronisch gesteuertem Hybridantrieb einmal zu vollwertigen Konkurrenten der Autos aufschwingen werden.

Der ADFC ist da etwas skeptischer. "Komfort kostet meist nicht nur mehr Geld, sondern Komfort in einem Bereich geht häufig auf Kosten eines anderen Bereichs", schreibt der Lobbyverband und fragt, "braucht man 24 Gänge, oder reicht vielleicht eine unkomplizierte und wartungsarme 7-Gang-Nabenschaltung, die noch eine wetterunabhängige Rücktrittbremse bietet?" Jedes Zubehörteil macht das Fahrrad schwerer, und das zusätzliche Gewicht kann ja nicht durch einen stärkeren Motor wieder ausgeglichen werden.

Ob der Läufer also wirklich zum Gefährt der Zukunft wird, darf bezweifelt werden. Doch vom wissenschaftlichen Fortschritt kann auch Otto Normalradler heute schon profitieren. Immer mehr Hersteller bieten Modulsysteme, um verschiedene High-Tech-Teile beim Fahrradkauf nach Wunsch kombinieren zu können. Eine elektronisch gesteuerte Automatikschaltung beispielsweise ist heute schon ab 50 Euro zu haben. In der deutlich teureren Komfortversion wird sie mit einer ebenfalls elektronisch gesteuerten Vollfederung kombiniert - weich lässt sie einen bei langsamer Fahrt über Holperpflaster gleiten, hart eingestellt verhindert sie das Schlingern bei der Schussfahrt vom Berg. Für 150 Euro gibt es einen Nabendynamo, dessen Wirkungsgrad mit 70 Prozent mehr als doppelt so hoch ist wie bei den bisher üblichen Quietschgeräten. Computeroptimierte Carbonrahmen sind zur Gewichteinsparung nur noch dort versteift, wo es wirklich nötig ist. Fahrradmäntel mit Kevlareinlage bieten garantierten Schutz vor dem Plattfuß. Und ein Navigationssystem mit Satellitensteuerung am Lenker weist dem Radtouristen fast überall den richtigen Weg, in der Schwarzwaldgemeinde Oberried sogar querfeldein zu ausgewählten Mountain-Bike-Pisten. Unter 1000 Euro ist ein solches Komfortrad am Ende jedoch nicht zu haben.

Und so ist von all den Erfindungen der Fahrradkonstrukteure in Münsters Radstation fast nichts zu sehen. Hier parken keine hochgezüchteten High-Tech-Fahrzeuge, sondern vor allem billige Hollandräder, deren Verlust - sollten sie einmal den notorisch aktiven Fahrraddieben zum Opfer fallen - wenig schmerzt. Oder, wie es ein Mitarbeiter der Werkstatt in Deutschlands größtem Fahrradparkhaus ausdrückt: "Die Leute stellen hier vor allem Bruchgurken ab."




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