Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 4 (2003), Heft 6


 

 Roland Benedikter

Das Brummton - Phänomen. Annäherung an ein Rätsel

Gehören auch Sie zu den Menschen, die beim Einschlafen einen rätselhaften Brummton hören?

Nach Studien aus den Jahren 1991-2003 hören mittlerweile weltweit hunderttausende Menschen einen pulsierenden Brummton tiefer Frequenz. Er gleicht dem Geräusch eines mit laufendem Motor vor dem geschlossenen Schlafzimmerfenster stehenden Autos. Weil dieser auf- und abschwingende Brummton eine sehr tiefe Bass-Frequenz hat, hören ihn nicht alle Menschen. Deshalb helfen auch Ohropax oder andere Maßnahmen wie das Aufsuchen von lärmgeschützten Räumen nichts. Denn der Brummton wird durch die Atmosphäre und durch die Grundschwingung des Bodens weitergetragen und bringt das eigene Innenohr sowie den Resonanzraum im Brustkörper zum Mitschwingen.

Die Zahl der Menschen, die diesen Brummton hören, nimmt jedes Jahr rasant zu – auch im mitteleuropäischen und deutschen Sprachraum. Roland Benedikter über ein rasch um sich greifendes Phänomen, das Wissenschaft und Behörden vor Rätsel stellt.

 

I

Das Phänomen

Immer mehr Menschen hören vorwiegend nachts, teilweise auch tagsüber, einen rätselhaften Brummton, der aus pulsierenden Tieffrequenzschwingungen besteht und sich nicht lokalisieren lässt. Über seine Verursachung gibt es derzeit weltweit sehr verschiedene Theorien. Manche sagen, die nervöse Wahrnehmung des eigenen Ohr-Innenrauschens habe infolge der wachsenden akustischen Umweltverschmutzung stark zugenommen, und durch die Verwendung von Ohrenpfropfen und anderen Hörschutzhilfen könne sich daraus ein regelrechter Tinnitus entwickeln (objektiver Ton im persönlichen Hörzentrum, der manchmal auch von anderen, meist aber nur subjektiv hörbar ist). Andere vermuten, der Brummton komme vom zunehmenden Industrie- und Verkehrslärm, sei also der - auch aufgrund der technischen Entwicklung - wachsenden Infraschallwirkung von Fabriken, Baustellen, Autobahnen und ihrer Überlagerung geschuldet. Andere meinen, er komme von den Schwingungen, die von der Kreuzung von Mobilfunk und Radiosendern verursacht werden, also von der atmosphärischen Verstrahlung der Erde seit dem Handy-Boom Anfang der 90er Jahre; andere schließlich vermuten, er sei Effekt des angeblichen, geheimen amerikanischem HARP-Projekts zur militärischen Erforschung der Isosphäre, in dessen Rahmen mit Tieffrequenzen experimentiert werden soll; andere wiederum gehen von einer fortschreitenden Gesamt-Änderung in der Schwingung und im Magnetfeld des Planeten aus, die sich seit Mitte/Ende der 90er Jahre verändere, das heißt von einer Übergangssituation in der Schwingung des Planeten, vielleicht zusätzlich auch seines Verhältnisses zur Sonne, wegen der technisch-wirtschaftlichen Umweltveränderungen in globaler Dimension. Andere wiederum vermuten eine Interferenz zwischen dem in letzter Zeit verstärkt tätigen Sonnenwind und der zunehmenden Frequenzdichte auf der Erde.

Wie dem auch sei: die Mehrheit der Theorien geht davon aus, dass das Phänomen des Brummtons objektiv gegeben ist und nicht nur eine Einbildung darstellt. Und praktische alle Erklärungsversuche weisen auf den Schnittpunkt der Verbindung von Natur, Wirtschaft und Technik als Ursache hin. Dieser Schnittpunkt scheint seit einigen Jahren damit zu beginnen, die Gesamtharmonie des natürlichen Schwingungs-Ganzen von Mensch und Erde bis in den hörbaren Bereich hinein zu verändern.

Der Brummton wird zwar von immer mehr, aber noch lange nicht von allen Menschen gehört, da er sich im Tieffrequenz- oder Infraschallbereich befindet. Daher ist der Hinweis auf ihn für viele Betroffene ein quälender Vorgang, weil er von anderen nicht nachvollzogen werden kann und daher - seit einigen Jahren verstärkt - zu Kassandra-Erlebnissen führt.

 

II

Praktische Schilderungen von Betroffenen

„Meist kommt er nachts, wenn alles ruhig ist. Ein dröhnendes Brummen, ein tiefes Summen, ein unaufhörliches Vibrieren stiehlt sich in die Köpfe der Betroffenen und geht nicht weg. Bis zum Morgengrauen. Der rätselhafte Brummton, der bisher vor allem aus Süddeutschland bekannt war, hat nun, im Frühjahr 2003, auch Hamburg erreicht - mit aller Macht. Immer mehr Betroffene leiden unter dem Phänomen. Sie können nicht schlafen, sind unruhig und nervös. Eine Erklärung für die Erscheinung gibt es bisher nicht.

Viele der Betroffenen in Hamburg berichten übereinstimmend, dass die Qual im Frühjahr dieses Jahres begann, als das Geräusch zum ersten Mal auftrat. Es ist, als ob draußen vor der Tür ein Lastwagen mit laufendem Motor steht, versucht Bettina Bussmann zu beschreiben, was sie seit April abends beim Einschlafen hört. Es ist, als ob im Nebenzimmer ein Kühlschrank direkt an der Wand steht und vibriert. Die 36-Jährige hat die ganze Wohnung am Philosophenweg in Othmarschen auf der Suche nach der Lärmquelle auf den Kopf gestellt, fand jedoch nichts. Schließlich ging sie zum Neurologen, ließ eine Computertomographie über sich ergehen und erhielt Beruhigungsmittel. Diesen Ton kann man nicht ausblenden, abends beim Einschlafen wartet man regelrecht darauf, erzählt Bettina Bussmann. Seit einiger Zeit ist das Geräusch seltener geworden.

Jörn Aders aus der Zesenstraße in Winterhude empfindet den Brummton eher als permanentes Vibrieren. Es ist, als ob man auf einer Membran oder einer Trommel steht, beschreibt der 40-Jährige den Brummton, der ihn seit dem Frühjahr ständig peinigt - nachts, am Wochenende, aber oftmals auch am Tage. Sobald Aders über die Türschwelle seiner Wohnung schreitet, ist es da. Man möchte es ausschalten, weiß aber nicht wie. Der Verwaltungsangestellte mag nicht mehr in seiner Wohnung sein, kommt so spät wie möglich nach Hause. Nachts kann er nicht schlafen, findet nur mit einem Walkman Ruhe, wenn klassische Musik den Brummton überdeckt. Ich fühle mich körperlich unwohl, leide stark unter dem Geräusch.

Aders macht zwei Funkmasten in der Nähe seiner Wohnung für den Brummton verantwortlich. Er hat sich an das Umwelt- und Gesundheitsamt des Bezirks gewandt. Ein Mitarbeiter hat das Geräusch in seiner Wohnung gemessen, jedoch festgestellt, dass es unter 50 Hertz liegt. Die Behörde sieht keinen Grund zum Einschreiten, erklärt Aders. Nun soll der Sachverständige noch einmal nachts zur Messung wieder kommen.

Auch bei den anderen Bezirksämtern sowie beim Umwelttelefon der Umweltbehörde gibt es Anfragen betroffener Bürger. Eine generelle Erklärung für das Phänomen hat man auch dort nicht - schließlich leben die Betroffenen in Othmarschen, in Winterhude, in Bergedorf, in Rellingen, so dass eine einzige Lärmquelle unwahrscheinlich erscheint. Uwe Zachäus vom Gesundheits- und Umweltamt Altona ist überzeugt: Das Auftreten des Geräusches hat immer einen örtlichen Grund, man muss ihn nur finden - und das ist eine mühsame Arbeit. Zunächst werde stets untersucht, ob es eine Baustelle, eine Pump-Station oder eine U-Bahn-Strecke in der Umgebung gibt.

Klaus Bremer aus Stelle bei Winsen/Luhe hat das Geräusch eher als an- und abschwellendes Dröhnen wahrgenommen, das nachts bei absoluter Stille wahrnehmbar war. Ein eher leises Geräusch, das ihm dennoch den Schlaf raubte, denn: Je mehr man lauscht, desto stärker hört man es. Seine Frau und sein Sohn hören das Geräusch nicht. Auch er kann sich keinen Reim auf den Brummton machen.

Sich mit niemandem richtig austauschen zu können, vielleicht sogar als Spinner abgetan zu werden, ist für viele Betroffene das Schlimmste. Anna Haacke aus Rellingen hatte bereits zahlreiche Handwerker im Haus, um die Ursache für das Geräusch zu ergründen. Ohne Erfolg. Wie furchtbar die Situation ist, können nur Betroffene nachfühlen, schreibt sie auf einer Homepage der Brummton-Opfer. Sie sucht deshalb Leidensgenossen, um eine Interessengemeinschaft zu gründen.

Erstmals trat der rätselhafte Brummton Anfang des Jahres in Süddeutschland auf. Inzwischen werden allein in Baden-Württemberg mehr als 300 Menschen von dem Geräusch gepeinigt. Offenbar liegt der Ton in einem so niedrigen Frequenzbereich an der Grenze des Hörvermögens, dass er nur von einigen Menschen wahrgenommen wird. Meist belästigt das Geräusch die Betroffenen nachts, es wird in geschlossenen Räumen lauter empfunden als im Freien. Brummton-Opfer klagen über Schlafstörungen, Herzrasen und erhöhten Blutdruck. Sie sind oft angespannt und gereizt.

Eine schlüssige wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen gibt es derzeit noch nicht. Die Spekulationen reichen von elektromagnetischen Feldern bis hin zu amerikanischer Spionagetechnik. Das Umweltministerium von Baden-Württemberg will die Ursache des Phänomens in einer großen Studie mit landesweiten Messungen und Gehöruntersuchungen von Betroffenen ergründen.

Außer in Hamburg und Baden-Württemberg peinigt das Geräusch auch Menschen in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Die Betroffenen haben sich zu informellen Interessensgemeinschaften zusammengeschlossen.“[1]

Eine dieser Interessensgemeinschaften, der „Verein zur Erforschung und Verhinderung des Brummtons“, schreibt:

„Das sogenannte Brummton-Phänomen, das in ähnlicher Form im Ausland - insbesondere in den USA und England - schon seit Jahrzehnten bekannt ist, hat vor einigen Jahren nun auch die Bundesrepublik erreicht. Seit 1996 mehren sich Klagen von betroffenen Bürgern im ganzen Bundesgebiet, die unter einem penetranten Brummton leiden, der sie insbesondere Nachts vom Schlafen abhält. Bislang gibt es keine Erklärung für diesen Brummton. Ebenso wenig wie bekannt ist, warum nur wenige Menschen - dafür aber alle in gleicher Form - dieses Brummen wahrnehmen können.

Allgemein bekannt ist, daß die menschliche Hörschwelle für tiefe Töne individuell unterschiedlich ausgeprägt ist. Derzeit wird davon ausgegangen, daß die Betroffenen im Tiefton-Bereich möglicherweise noch einige Frequenzen tiefer wahrnehmen können, als der breite Durchschnitt, und anders als die Mehrzahl ihrer Mitmenschen da noch einen Brummton vernehmen, wo bei den meisten das Hörvermögen bereits aussetzt.
Verschiedene Thesen über die Ursachen für diese Töne sind mittlerweile im Umlauf. Einige bringen die Brummton-Wahrnehmungen natürlich auch mit technischen Ursachen in Verbindung.“[2]

Und die angesehene „Welt“ berichtete bereits vor zwei Jahren (2001):

„In Stuttgart und Umgebung brummt es. Seit fast eineinhalb Jahren macht den Menschen dort ein merkwürdiges Geräusch zu schaffen: Ein niederfrequenter Ton, der bei den Betroffenen verschiedenste Beschwerden auszulösen scheint. Die baden-württembergische Landesregierung plant deshalb eine landesweite Mess- und Fragebogenaktion. Damit soll geklärt werden, wo der Ton überall zu hören ist und welche Symptome er auslöst.

Nicht alle Menschen können das Brummen hören. Wie Messtechniker feststellten, liegt die Frequenz des Tones eigentlich unter dem für Menschen hörbaren Bereich. Seitdem ein Ehepaar jedoch die Interessengemeinschaft der Brummtonopfer gebildet hat, melden sich täglich mehr Menschen, die infolge des beständigen Brummens unter Schlaflosigkeit, Herzrasen und Schwindel leiden. Auch bei mir stapeln sich die Anfragen, bestätigt Frank Krause, Redakteur den Stuttgarter Nachrichten, der schon seit Monaten zu diesem Thema recherchiert. Doch auch ihm ist die Ursache des Brummens bislang rätselhaft.

Die öffentlichen Stellen hatten bislang eher auf taub geschaltet. Die Brummopfer wurden vertröstet oder nicht ernst genommen. Doch denen ging das permanente Geräusch so auf den Nerv, dass sie inzwischen sogar Strafanzeige gegen unbekannt bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft erstatteten. Denn der Ton ist klar zu erkennen - für Betroffene wie für Messfachleute. Auf einer Testfahrt quer durch die Region konnten zwei Frauen auch mit verbundenen Augen zweifelsfrei den Brummton lokalisieren. Jedes Mal, wenn sie angaben, den Ton zu hören, schlug auch das Messgerät des Spezialisten vom Umweltamt aus.

Der Ursprung des Brummgeräusches jedoch gibt nach wie vor Rätsel auf. Wasserleitungen, Hochspannungsleitungen und Mobilfunkmasten standen im Verdacht, schieden nach einer Überprüfung aber als Ursache aus. Vermutet wird inzwischen, dass die Schallschwingungen von einem Bergwerk auf der Schwäbischen Alb herrühren. Für Heidemarie Wende vom Umweltbundesamt in Berlin ist das nur einer von vielen möglichen Gründen. Dieser Brummton, eine Art Infraschall, geht durch Luft und Boden, erklärt sie, er kann sich über weite Strecken fortpflanzen. Sogar eine gewisse Eigenresonanz sei möglich.

Das Brummtonphänomen ist nicht nur auf Baden-Württemberg beschränkt. Ähnliche Fälle werden aus Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern gemeldet, ebenso aus Dänemark, Spanien und den USA. In Großbritannien haben sich 500 Betroffene zu einer Selbsthilfegruppe zusammengeschlossen. Allerdings: Auch hier konnte die genaue Quelle der Störung nicht gefunden werden. Manuela Preuß, Sprecherin des württembergischen Umweltministeriums: Wir betreten hier absolutes Neuland.“[3]

Das ZDF nahm sich dieser Thematik in den vergangenen Jahren mehrfach an. So schilderten Stefan Schneider und Bärbel Scheele in einer Dokumentation für die Reihe „Wissen und Entdecken“ am 02. Oktober 2002 das Phänomen wie folgt:

„Die Betroffenen nennen es den Brummton. Am Anfang waren es nur einzelne, doch dann wurden es immer mehr. Ihr Problem: Niemand sonst hört den Ton, und die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Seit 1999 hören mehr als 900 Personen in Deutschland einen an- und abschwellenden tiefen Ton, der sie um Schlaf und Gesundheit bringt. Die Betroffenen leiden unter diesem Ton, teilweise rund um die Uhr.

Zum ersten Mal tritt das rätselhafte Brummen 1991 in Taos (New Mexico, USA) auf. In diesem Fall sind etwa zwei Prozent der Einwohner betroffen. Für alle Betroffenen beginnt und endet das störende Geräusch in der Region zur gleichen Zeit. Alle Bemühungen der amerikanischen Behörden, den Brummton zu orten, verlaufen ergebnislos. Auch Schallschutzmaßnahmen helfen den Betroffenen nicht, das Brummen scheint nicht über den üblichen Weg mittels Luftschall zum Trommelfell zu gelangen.

Der Brummton lässt sich mit dem Geräusch eines defekten Kühlschranks oder einem LKW im Leerlauf vergleichen. Bei Menschen, die den Brummton hören, wird eine überdurchschnittliche Sensibilität bei extrem tiefen Tönen festgestellt. Die Spekulationen über die Ursachen reichen von Maschinengeräuschen in der Nachbarschaft, über geheime Militäranlagen, bis zu Signalen außerirdischer Bereiche. Überall auf der Welt weist der Brummton die gleichen Merkmale auf, aber weil er eine sehr tiefe Frequenz besitzt, die Menschen eigentlich nicht hören können, stellen die Behörden die Ermittlungen in der Regel ein. Anders als bei hochfrequenten Tönen gibt es bei den niederen Frequenzen keine gesetzlichen Grenzwerte. Für Behörden besteht deshalb kein Handlungsbedarf, kaum jemand nimmt die Betroffenen ernst. Dabei hat der Brummton allein in England schon mindestens drei Menschen in den Selbstmord getrieben.

Inzwischen weiß man, dass tiefe Frequenzen auf den Körper ganz besondere Wirkungen haben. Die Brummtonopfer stehen unter einer enormen seelischen Belastung. Einige erleben das Brummen überall. Andere können der Belästigung durch einen Ortswechsel entfliehen. Da die Mehrheit der Bevölkerung den Brummton nicht wahrnimmt, wird das Brummton-Phänomen oft als Einbildung abgetan. In anderen europäischen Ländern, wie in Schweden, Italien, den Niederlanden, England und Dänemark häufen sich die Berichte über rätselhafte Brummtöne. Es entstehen Selbsthilfegruppen: In England haben sich bisher 500 Betroffene organisiert, in Deutschland sind es etwa 200 Personen.“[4]

 

III

Eine etwas genauere Beschreibung des Phänomens

Seit einigen Jahren ist der Brummton auch in meiner eigenen Wohnumgebung, in Südtirol, deutlich wahrnehmbar – also in den engen Tälern der Alpen, die offenbar keinen Schutz gegen seine Verursachung bieten, obwohl es hier weder U-Bahn-Strecken, aktive Bergwerke noch ähnliches gibt. Das könnte in der Tat darauf hindeuten, dass es sich um Infraschall-Schwingungen von Verkehrsgeräuschen (Autobahnen), des Mobilfunks, um Kreuzungsphänomene von Satelliten- oder anderen Sendeanlagen, um ein atmosphärisches Phänomen oder um wissenschaftliche oder militärische Tests handelt. Jedenfalls mehren sich die Hinweise, daß Technik und Wirtschaft die Natur seit einigen Jahren bis ins Innerste in eine „andere Schwingung“ zu versetzen beginnen – und zwar weitgehend, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Aber weil die Ursachen unbekannt sind, bleibt heute fast alles, was zu diesem Phänomen gesagt wird, Spekulation – sei es nun „esoterisch-geheimwissenschaftliche“ mit zum Teil absurden Zuschreibungen und apokalyptischen Auswüchsen, oder, in der überwiegenden Mehrzahl, verharmlosende. Was man aber mit Sicherheit sagen kann, ist folgendes:

1.   weist die Diskrepanz zwischen der Zahl derer, die den Brummton hören, und denen, die sich in aktiven Selbsthilfe-Gruppen[5] zusammengeschlossen haben, darauf hin, wie groß noch immer die Scheu ist, mit dem Verdacht subjektiver Einbildung oder gar psychischer Erkrankung konfrontiert zu werden. Sie weist aber auch darauf hin, wie groß die Verdrängungsbereitschaft und –fähigkeit der meisten Menschen gegenüber ihrer Sinneswahrnehmung mittlerweile angesichts der Expansion der Technik bereits geworden ist. Vor allem zeigt sie, wie stark unter dem Einfluß gegenwärtiger Kulturbedingungen offenbar bereits geübt worden ist, sinnliche Wahrnehmung, Körperschwingung und innere Konzentration voneinander zu trennen.

2.   zeigt die Diskrepanz zwischen der wiederholten Ankündigung von Untersuchungen seitens der Behörden, eingesetzten Mitteln und bisher erzielten Ergebnissen, wie sehr die Ursachen, vor allem aber die Wirkungen des Brummtons auch nach Jahren noch immer unterschätzt werden und auch institutionell – vor allem unter dem Gesichtspunkt des „Wirtschaftsstandortes“ und seiner notwendigen Innovation – der Verdrängung anheimfallen.

Ich selbst höre den Ton seit einigen Jahren mit Unterbrechungen ebenfalls deutlich; und zwar ganztägig. Beim Einschlafen nehme ich ihn als Gegenrhythmus gegen meinen eigenen Herzschlag wahr, untertags nur bei genauer Konzentration auf mein Gehör, aber auch da nicht immer. Der Brummton ist nicht an allen Orten gleichermaßen hörbar - in Wien oder Frankfurt für mich persönlich etwa gar nicht, in Südtirol und Westösterreich praktisch überall. Da ich seit langem Musiker bin und mich über Jahre in analytischem und synthetischem Hören zu üben versucht habe, möchte ich das Phänomen hier zunächst noch etwas genauer beschreiben, um damit so gut wie möglich ein Licht auf das zu werfen, was beim Brummton-Phänomen im Zusammenspiel zwischen im weitesten Sinn physikalischen und innermenschlichen Faktoren wirklich geschieht.

Der Brummton ist durch eine sehr tiefe Bass-Frequenz gekennzeichnet, deren Rhythmus unregelmäßig ist. Er pulst für jeweils eine kurze Zeit regelmäßig in einer Geschwindigkeit, die einem beschleunigten menschlichen Herzschlag entspricht. Dann pulst er plötzlich diskontinuierlich, fällt fast ins Unhörbare zurück, um dann wiederzukehren und gewissermaßen neu mit seinem rhythmischen Pulsieren zu beginnen. Dabei wird er schneller und langsamer. Manchmal setzt der Puls auch kurz ganz aus, dann kommt er wieder: er hört sozusagen auf, um verwandelt neu anzusetzen.

Oft handelt es sich einige Sekunden lang um einen durchgängig-linear summenden Bass-Ton, der dann wieder in ein Pulsieren übergeht. Immer wieder erfolgen ohne Gesetzmäßigkeit Phasenüberlagerungen und Phasenverschiebungen mit „vorgezogenen“ Zyklen-Neubeginnen des Pulsierens. Dabei setzt stets etwas Beschleunigendes, Disrhythmisierendes ein, das stark disharmonisierend wirkt, da es den einmal eingeschlagenen Rhythmus ständig wieder verwischt und verundeutlicht.

Am wichtigsten scheint nach gemeinsamer Erfahrung vieler „Hörer“, dass sich die Abstände zwischen den Pulsen ständig verändern, und zwar ohne dass das vorher in irgendeiner Weise absehbar wäre, oder ein zugrundeliegendes Grundmaß erkennbar würde. Die Häufigkeit der einzelnen Pulse liegt bei alledem etwa im Bereich des leicht bis mittel beschleunigten menschlichen Herzschlags (etwa 75-90 Pulse pro Minute), ist sehr tief und niedrigfrequent, wodurch der Brummton eine gewisse durchdringende Wirkung auf die eigenen inneren physiologisch-vitalen Resonanzzentren (Brustbereich, Innenohr, in sehr subtiler Weise auch auf die Stimmbänder) entfaltet. Oft hält man den Puls gerade wegen seiner durchdringenden, inneren Bass-Wirkung für den Puls des eigenen Herzschlags oder für eine eigene innere Schwingung - was ja auch faktisch richtig ist, denn die eigenen Resonanzzentren schwingen mit.

Das Problem ist, dass man den Puls des Brummtons deshalb in Wirklichkeit unterschwellig sogar dauernd für etwas Eigenes hält und halten muß - bei Tag und im Wachbewußtsein, aber eben unterbewusst auch während der Nacht und des Schlafes. Und man versucht sich also ständig unterbewusst-physiologisch mit dem Brummton und seinem Puls in Zusammenhang zu setzen, genauer: seinen eigenen Herzschlag mit ihm zu harmonisieren. Aber das geht wegen seiner aufgewiesenen diskontinuierlichen, über dem durchschnittlichen Herzschlag-Rhythmus normaler Physiologie liegenden Eigenschaften nicht.

Das Hauptproblem an alledem ist letztlich, dass der Herzschlag immer zur Angleichung an jeden tieffrequenten äußeren Puls tendiert, der ihn und die inneren Resonanzkörper des Menschen durchdringt. Das ist aus der Musik bekannt. So ist zum Beispiel das eigentliche Geheimnis eines Großteils der sogenannten klassischen Musik die Steuerung des Herzschlags des Hörers durch den „basso continuo“. Diese Steuerung ist, in ähnlicher Weise,  das Prinzip gewisser Pseudo-Einweihungswege der heutigen Jugendkultur - wie etwa der zeitgenössischen Rave- und Techno-Kultur. Diese ruft mittels des „Geheimnisses des Pulsschlags“, das heißt mittels der Steuerung des Herzrhythmus durch nicht nur hörbare, sondern ausdrücklich auch spürbare, die inneren Resonanzzentren durchdringende - und so die physisch-vitale Gesamtkonstellation beschleunigende - rhythmische Bässe veränderte physio-psychische Konstellationen hervor. Und darin besteht ebenso die Trance-Wirkung in sogenannten primitiven Kulturen, die, ähnlich wie die Rave- und Techno-Kultur der technoiden westlichen Leistungsgesellschaft, durch massive Bass-Trommeln den gesamten Organismus bewusst in einen anderen physiologisch-vitalen Zustand versetzen, was dann, gemeinsam mit länger andauernder Bewegung, einen veränderten Bewußtseinzustand erzeugt. Dieser Bewußtseinzustand fühlt sich als Inspiration an und ähnelt inhaltlich einem rhythmisch-physiologisch induzierten, trancehaften Imaginieren.

Fazit: Der Herzschlag versucht sich mit allen tiefen Bass-Rhythmen, die in seiner Umgebung wirksam sind, zu harmonisieren – auch mit denen, die ihm selbst wiedersprechen, aber den Vitalkörper des Menschen von außen durchdringen. Und er versucht das unablässig, soweit man ihn nicht durch bewusste Konzentration daran hindert. Bis zu einer Pulszahl von etwa 95-100 besteht sozusagen der natürliche Wille des Herzschlags, in Harmonie mit jedem starken äußeren Bass-Puls in tiefer Frequenz mitzugehen, um im Einklang zu stehen und das Ganze der physisch-psychisch-geistigen Totalität des Individuums zwischen Innen und Außen im eigenen Körper als Einheit und Synthese in die Raum-Zeit zu stellen.

Das gilt ausdrücklich auch für solche Bass-Pulse, die der Frequenz und der natürlichen Regelmäßigkeit des eigenen Herzschlags widersprechen, wie das beim Brummton zum Beispiel beim Einschlafen oder beim Aufwachen sehr deutlich der Fall ist. Und das gilt, wenn Sie, lieber Leser, dazu ein praktisches Experiment machen wollen, sogar für „harmlose“, das heißt nicht tieffrequente, sondern mittel- und hochfrequente äußere Pulse, die mühelos hörbar sind und sich auf diese Hörbarkeit beschränken. Haben Sie zum Beispiel einmal beobachtet, wie es ist, wenn Sie versuchen, mit einem laut tickenden Wecker neben dem Bett einzuschlafen? Sie werden, wenn Sie das nicht gewohnt sind, eine Störung oder eine Art unbestimmbares Unbehagen empfinden, weil Ihr Herzschlag beim Einschlafen tendenziell unter 60 Schläge pro Minute herabsinken will, jedenfalls biologisch variiert, aber der äußere Takt ihn immer wieder daran hindert und auf ein mechanisches Gleichmaß von 60 Schlägen beschleunigt und „maßregelt“, weil Ihr Herzschlag sich immer wieder an diesem äußeren Takt orientieren will.

All diese Charakteristiken gemeinsam bilden nun die Ursache für das tiefgehende Störungs-, Disharmonie- und sogar Entzweiungsempfinden, das man an dem - nicht „ausschaltbaren“ - Brummton empfindet. Aus dem ständigen, unvermeidlichen Versuch des eigenen Herzschlags, sich mit dem Brummton zu harmonisieren, folgt eine permanente Entzweiung zwischen Fremd-Schwingung und individuellem Pulsschlag – und diese Entzweiung erfolgt in mir. Denn der eigene innere Pulsschlag ist nie an den fremd-mechanischen, aber so mächtig allesdurchdringenden Bass-Puls angleichbar, und er muß daher ständig reaktiv bleiben. Mein Herzschlag versucht es ständig unbewusst, und er muß sich dabei ständig beschleunigen, verändern, in künstliche Zwischenlagen bringen, die sich immer wieder verändern, wenn zum Beispiel der Brummton - wie oben beschrieben - kurz aussetzt und wieder neu ansetzt. Weil die Angleichung daher letztlich nicht gelingen kann, entsteht Unbehagen.

Was bleibt, wäre nur die Selbstbehauptung des eigenen inneren Pulsschlags gegen den Bass-Puls des Brummtons. Aber der Kampf gegen den mechanischen Puls-Ton von außen ist faktisch fast aussichtslos. Denn der individuelle Pulsschlag kann sich nach mehr oder weniger übereinstimmenden Berichten der Betroffenen nur bei äußerster Konzentration kurzfristig gegen den Brummton-Puls behaupten; fällt die Konzentration ab, geht der Pulsschlag ins Unbewusste und versucht sofort wieder die Angleichung, die ihn einmal schneller, dann wieder langsamer macht, und die nie gelingt.

Ergebnis: der eigene Pulsschlag wird bei fortgesetztem Ausgesetztsein an den Brummton, der von außen eindringt, individuell immer stärker als reaktiv statt aktiv-selbstseiend empfunden. Und daher wird er von der individuellen Persönlichkeit zunehmend als fremd empfunden. Daraus folgt als Zustand tendenziell eine permanente Entzweiung, Anspannung und ein Widerstand innerhalb des „hörenden“ Individuums selbst – und zwar sowohl gegen den Fremdpuls wie auch gegen den eigenen Puls. Diese Folgen stellen in Summe als Ereignis menschlicher Wirklichkeit eine Art veränderte anthropologische Grundkonstellation dar, die sowohl auf das physiologisch-vitale Grundempfinden wie natürlich auf das Bewusstsein Auswirkungen haben.

Es ist zwar nicht gesichert, aber es darf zumindest heuristisch vermutet werden, dass diese Folgen auch dann der Fall sind, wenn jemand den Brummton nicht hört. Denn auch bei diesen Menschen müssen, nach den allgemeinen Gesetzen der Physis, die inneren Resonanzzentren mit dem tiefen Bass-Puls unterbewusst - und untersinnlich - mitschwingen. Das lehrt zum Beispiel die Erfahrung des sogenannten Elektrosmogs. Kaum jemand nimmt ihn sinnlich wahr, und doch verändert er nachweislich die elektrische Zellspannung, und damit die Gesamtkonstellation innerer „Spannung“ des Individuums, was zu nachhaltigen Veränderungen (und natürlich auch Schädigungen) führen kann. Man könnte zumindest darüber spekulieren, ob Ähnliches auch für die Wirkung des Brummtons gilt. Wenn manche ihn deshalb hören, weil er als Infraschall objektiv flächendeckend präsent ist, worauf die Messungen mittels Tieffrequenz-Schallgeräten hindeuten, dann kann das nur heißen, dass auch jene seinen Wirkungen ausgesetzt sind, die ihn nicht sinnlich hören. Und das bedeutet: die innere, unter-sinnliche Entzweiung zwischen Ich und Ätherleib, die der Brummton tendenziell bewirkt, müsste zumindest aus logischer Überlegung heraus bei allen Menschen wirksam sein, die dieser Niedrigfrequenz ausgesetzt sind – unabhängig davon, ob sie ihn hören oder nicht.

 

IV

Brummton und Gegenwarts-Geist

Was folgt daraus?

Sicher ist: der menschliche Geist pflegt in seiner gegenwärtigen, zeitgenössischen Verfassung instinktiv – und mangels eines geistrealistischen Selbstverständnisses noch weitgehend unbewusst – so stark und sehnsuchtsvoll wie nichts anderes das „Geheimnis des Pulsschlags“. Ich habe das in den vergangenen Jahren an verschiedener Stelle darzustellen versucht, und zwar vor allem im Zusammenhang mit gegenwärtigen Kulturphänomenen und mit dem sogenannten „postmodernen“ philosophischen Denken. Das heißt: der Gegenwarts-Geist pflegt unbewusst das Inspirationsprinzip, auf das all seine Entwicklungsinstinkte unter den heutigen, extrem materialistischen, gegenständlichen und demnach inhaltsfixierten Bedingungen hingerichtet sind. Das Inspirationsprinzip besteht darin, reines lebendiges Werden von Gestalten vor jedem Inhalt: nämlich Keimzustand von Gedanken und Dingen vor ihrer Fixierung in fertigen gegenständlichen Formen - das heißt bedingungsloses, nicht vorstellbares „musikalisches“ Ereignis als „reine Zeit“ zu sein. Die Auflösung von Raum in Zeit, von Inhalt in Akt: das ist die Grundgeste des heute avantgardistischen Geistes, der sich damit gegen den Materialismus der Verdinglichung wehren will. Genau das will die postmoderne Vitalitäts- und Lebenskräfte-Kultur – und zwar sowohl in ihren Alltagsphänomenen wie in den Hauptschöpfungen ihrer Philosophie. Sie will den Geist verflüssigen und den Raum zur Zeit auflösen. Sie will nicht Inhalte imaginieren, sondern „intensive“, qualitativ „andere“ Ereignisse des Vollzugs erfahren. Insofern will sie, bei allen ihren dabei heute zweifellos im Vordergrund stehenden Aporien, in ihren progressiven Aspekten eine Inspirationskultur, nicht eine Imaginationskultur sein.[6]

Diese geheime Tendenz, auf die sich die Postmoderne in all ihren Tätigkeiten, Erkenntnis- und Seinsbemühungen ausrichtet, wird nun im Phänomen des Brummtons in gewisser Weise kongenial aufgenommen. Denn die Wirklichkeit des Brummtons findet als reines Pulsieren im Innern des Gehörs und der Resonanzorgane statt. Das Pulsieren des Brummtons hat keine „Inhalte“ oder Gesetzmäßigkeiten, sondern verändert die physisch-vitale Grundkonstellation - und damit bestimmte Qualitäten, auf denen sich das individuelle lebendige Bewusstsein entfaltet. Der Brummton wirkt, um es noch präziser auszudrücken, genau an der Stelle, wo der Inspirationsimpuls des heutigen Menschen wirklich ist: in seinen zeitverfassten Lebenskräfteimpulsen, in seinem rhythmischen Empfinden. Und er wendet, kraft dem Unbehagen und der inneren Spaltung zwischen Ich und Ätherleib, die er verursacht, diesen tieferen geistigen Grundimpuls der Gegenwart: das Inspirative als Überwindungskraft gegen das Verdinglichende des Materiellen, gegen sich selbst und gegen den Menschen.

Dies vermutlich, wie gesagt, mit unterbewussten, aber deutlichen physisch-psychischen Auswirkungen auf uns alle. Denn jeder Mensch im Einflussbereich des Brummtons muß ihn, so ist aus naturwissenschaftlicher Sicht zumindest spekulativ anzunehmen, bis zu einem gewissen Grad unterschwellig in seinen rhythmisch-vitalen Zentren empfangen und wahrnehmen, auch wenn er ihn nicht ausdrücklich hört.

 

V

Zum anthropologischen Verständnis:
Hinweise der Anthroposophie, die den Horizont erweitern helfen

Daraus ergeben sich natürlich bereits eine Menge Fragen. Wie hängen der Brummton und seine - zweifellos komplexen und weit über ihn und seine Faktizität hinausreichenden, das heißt sich in ihm als Einzel-Symptom vermutlich nicht erschöpfenden - Ursachen zum Beispiel mit dem rasch um sich greifenden Hyperaktivitäts-Syndrom von zahlreichen Zeitgenossen, vor allem aber von Kindern zusammen? Das mag eine spekulative Frage sein, aber man kann sie zumindest dann stellen, wenn man sich ihres spekulativen Charakters bewusst ist. Die technisch veränderte Schwingungsgrundlage der natürlichen Umwelt ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der einzige Grund für das weitverbreitete Hyperaktivitäts-Syndrom unserer Zeit. Aber sie könnte, gemeinsam mit den in der technisierten Leistungs- und Streß-Gesellschaft veränderten, permanent in höchster Anspannung befindlichen kollektiven „morphogenetischen Feldern“ energetisch-vitaler Schwingung (Rupert Sheldrake), möglicherweise doch eine mitwirkende Ursache für dieses und ähnliche, letztlich tendenziell auf die Spaltung von Ich und Ätherleib hinauslaufende Unruhe- und Nervositätssymptome der Gegenwart sein.

Warum diese Vermutung? Ich hoffe, sie klingt nicht allzu spekulativ – denn natürlich ist sie notwendigerweise spekulativ, weil es ja noch keine empirisch gesicherten Daten und Ursachenforschungen gibt. Aber es gibt einige anthropologisch vertiefbare Hinweise aus der Empirie der praktischen Erfahrung heraus. Sie können dazu beitragen, ansatzweise in die Ontologie, das heißt in die Anschauung des wirklichen Geschehens des Phänomens hineinzuführen - und es also ganzheitlicher zu verstehen.

Eine Stufe unter dem Sehen (Raum, synchrone Totalität des Vorhandenen, Gesamtheit statischer Wirklichkeit) und zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem liegt das Hören, das in der Zeit wurzelt (Sein als Geschehen, diachrones Ereignis lebendiger Wirklichkeit). Genau dort, in diese unter dem Sehen liegende lebendigere - und daher in gewisser Weise auch geistigere - Sphäre, wirkt nun seit einiger Zeit der Brummton hinein. Er bewirkt, dass sich zwar nicht das Statische der Wirklichkeit, aber ihre ätherische Lebendigkeit - und damit auch der sinnliche Kontakt zur Lebendigkeit an sich - verändert.

Der Brummton verändert, so zeigt der vertiefte Vergleich von vielen individuellen Erfahrungen seiner „Hörer“, gemeinsam mit tausenderlei anderen unterschwelligen technoiden Beeinflussungen, denen wir täglich allenthalben sinnlich und unter-sinnlich ausgesetzt sind, heute zwar keineswegs die Wahrnehmung der Bild-Natur der Dinge. Aber er verändert die Wahrnehmung ihrer Ereignis-Natur. Er verändert nicht den imaginativen Welt-Bereich, aber den inspirativen. Und zwar so, dass es den meisten Menschen unbewusst bleibt, genauer gesagt: dass es ihnen zum Gegenstand permanenter Verdrängungsnotwendigkeit wird - etwa wie im oben genannten Beispiel eines Betroffenen: „Nur nicht zu genau hinhören; denn je mehr man lauscht, umso mehr hört man es“.

Damit aber wird der Brummton, ereigne er sich nun bewusst im eigenen Hören oder unbewusst in der Erfahrung der unter-sinnlichen Bass-Schwingungen im eigenen Resonanzraum und im Körperempfinden, zur ständigen Mit-Grundlage für die allmähliche Entstehung und Nährung eines zweiten Menschen neben dem Menschen in mir – dem sogenannten Doppelgänger. Dieser besteht aus dem unterbewusst gewordenen Verdrängten, das sozusagen allmählich eine Art eigene Gestalt annimmt und ein eigenes Leben neben dem bewussten Ich zu führen beginnt.

Der Philosoph, Sozialreformer und einflussreiche Humanist Rudolf Steiner (1861-1925) hat die Zunahme dieser Doppelgänger-Erfahrung für das 20. und 21. Jahrhundert prognostiziert. Und er hat sie in ihren Ursachen unter anderem mit der raschen Entwicklung der technisch-untersinnlichen Welt - und ihrer Penetration der Natur sowie der natürlichen Wahrnehmung und Empfindung in Verbindung gesetzt. In ihrem Wesen hat er sie als Verhinderung der Verbindung der Seele mit dem eigenen physisch-vitalen Sinnes-Körper beschrieben. Was hat es damit auf sich?

Steiner beschrieb, wie mit der unablässigen Weiterentwicklung der modernen Technik, die nicht nur immer umfassender in die Makrodimension der äußeren Welt ausstrahlt, sondern auch immer feinere Bereiche des Seins bis in ätherische Schwingungen hinein zu durchdringen beginnt, ein Abstieg „von der Natur zu Unter-Natur“ stattfinde, der sich im 20. und 21. Jahrhundert unweigerlich immer mehr verstärken werde. Mit der Technik und ihrer Grundkraft, der Elektrizität, sei, so Steiner, eine neue zweite Natur, die „Unter-Natur“ entstanden - und zwar als meist unter-sinnlich bleibende reale Wirklichkeit, die zwar auf die meisten Menschen einwirke, derer sie sich aber in ihrer bewusstseinsverändernden Wirkung nicht voll bewusst seien.

Steiner erfüllte diese Entwicklung mit großer Sorge - ähnlich wie bereits Goethe zu seiner Spätzeit in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, in denen erstmals die moderne Technik in breiterer Weise aufkam und erstmals deutlich sichtbar wurde als zweite Natur neben (unter) der Natur. Deshalb galten auch die letzten Eintragungen Steiners vor seinem Tod in seinen „Anthroposophischen Leitsätzen“ (seiner Zusammenfassung der von ihm begründeten „Anthroposophie“ aus den Jahren 1924-25) diesem weitreichenden, aus seiner Sicht für die weitere Entwicklung des Menschen sehr wichtigen Thema. Steiners Sorge, die im übrigen auch die Sorge vieler anderer wichtiger Denker des 20. Jahrhunderts ist (man denke nur an Max Scheler, Martin Buber, Martin Heidegger) scheint im Rückblick aus heutiger Sicht berechtigt, wenn man sich die konkrete anthropologische Phänomenologie im Zusammenhang der vielfältigen Elektrizitätswirkungen ansieht – unter denen heute, wie man zumindest spekulativ annehmen kann, auch der Brummton steht. Steiner schrieb noch im März 1925, dem Monat seines Todes:

„Man spricht davon, daß mit der Überwindung des philosophischen Zeitalters das naturwissenschaftliche in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts heraufgezogen ist... Mit seinen Vorstellungen lebt der Mensch noch in der Natur, wenn er auch das mechanische Denken in die Naturauffassung hineinträgt. Mit seinem Willensleben aber lebt er in so weitem Umfang in einer Mechanik des technischen Geschehens, daß dies dem naturwissenschaftlichen Zeitalter seit lange eine ganz neue Nuance gegeben hat.

Will man das menschliche Leben verstehen, so muß man es zunächst... nicht in den komplizierten Schicksalszusammenhängen, sondern in den elementarischen, einfachen Lebensvorgängen aufsuchen... Das weitaus meiste dessen, was heute durch die Technik in der Kultur wirkt und in das der Mensch mit seinem Leben im höchsten Grade versponnen ist, das ist nicht Natur, sondern Unter-Natur. Es ist eine Welt, die sich nach unten hin von der Natur emanzipiert. (...)

Der Mensch brauchte die Beziehung zu dem bloß Irdischen für seine Bewusstseinsseelen-Entwickelung. Da kam denn in der neuesten Zeit die Tendenz zustande, überall auch im Tun das zu verwirklichen, in das sich der Mensch einleben muß. Er trifft, indem er sich in das bloß Irdische einlebt... Er muß sich mit seinem eigenen Wesen in das rechte Verhältnis zu diesem... bringen.

Aber es entzieht sich ihm in dem bisherigen Verlauf des technischen Zeitalters noch die Möglichkeit, auch gegenüber der (rein irdischen) Kultur das rechte Verhältnis zu finden. Der Mensch muß die Stärke, die innere Erkenntniskraft finden, um von... der technischen Kultur nicht überwältigt zu werden. Die Unter-Natur muß als solche begriffen werden. Sie kann es nur, wenn der Mensch in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade so weit hinaufsteigt zur außerirdischen Über-Natur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist. Das Zeitalter braucht eine über die Natur gehende Erkenntnis, weil es innerlich mit einem gefährlich wirkenden Lebensinhalt fertig werden muß, der unter die Natur heruntergesunken ist. Es soll hier natürlich nicht etwa davon gesprochen werden, daß man zu früheren Kulturzuständen wieder zurückkehren soll, sondern davon, daß der Mensch den Weg finde, die neuen Kulturverhältnisse in ein rechtes Verhältnis zu sich und zum Kosmos zu bringen.

Heute fühlen noch die wenigsten, welch bedeutsamen geistigen Aufgaben sich da für den Menschen herausbilden. Die Elektrizität, die nach ihrer Entdeckung als die Seele des natürlichen Daseins gepriesen wurde, sie muß erkannt werden in ihrer Kraft, von der Natur in die Unter-Natur hinabzuleiten. Es darf der Mensch nur nicht mitgleiten.

In der Zeit, in der es eine von der eigentlichen Natur unabhängige Technik noch nicht gab, fand der Mensch den Geist in der Naturanschauung. Die sich unabhängig machende Technik ließ den Menschen auf das Mechanistisch-Materielle als das für ihn nun wissenschaftlich werdende hinstarren. In diesem ist nun alles Göttlich-Geistige, das mit dem Ursprung der Menschheitsentwickelung zusammenhängt, abwesend. Das rein (Irdische) beherrscht diese Sphäre.

In (der) Geistwissenschaft wird nun die andere Sphäre geschaffen... Und gerade durch das erkennende Aufnehmen derjenigen Geistigkeit, zu der die (rein irdischen) Mächte keinen Zutritt haben, wird der Mensch gestärkt, um in der Welt (der Technik) gegenüberzutreten.“[7]

 

VI

Zur Bedeutung des Phänomens

Was bedeuten diese - zunächst vor allem experimentell-blicklenkenden, den Horizont erweiternden - Ausführungen Steiners auf unseren Zusammenhang übertragen?

Das Phänomen der Elektrizität (der veräußerlichten Unter-Natur des Menschen, wie man sagen könnte) nimmt heute eine neue Dimension an. Es überschreitet eine Schwelle und dringt nun, für die meisten Menschen unter-akustisch, über den Infra-Schall als pulsierende Schwingungs-Wirkung in den Menschen ein. Für manche wird die Unter-Natur des Elektrischen heute damit bereits hörbar – wenn auch passiv, mit Unbehagen und unter Schmerzen. Die Wirkung der technoiden Unter-Natur, der Radiostrahlen und der Elektrizität beginnt, wenn Steiners Voraussagen richtig sind, heute bis ins Immateriell-Ätherisch-Hörbare hinein zu reichen - unter anderem in Gestalt des Brummtons.

Dabei wird der individuellen Seele das rhythmische Wesen, auf dem sie aufruht, immer mehr unterschwellig und, jedenfalls für die meisten Menschen, unter-sinnlich von außen gegen ihren Willen aufgezwungen. Sie erleidet eine Spaltung zwischen natürlichem Puls und mechanischem, fremdem „Unter-Natur“-Puls. Dadurch entsteht eine fundamentale Entzweiung im Innern des Menschen zwischen Ich und Kräfte- oder Rhythmusleib. Rudolf Steiner hat das offenbar vorhergesehen. Nicht zufällig wies er immer wieder darauf hin, dass durch die Wirkung der Technik, insbesondere der Kräfte der Elektrizität und der Mechanisierung, „die Seelen immer schwerer in den Körper hinein kommen werden“. Dadurch entstehe eine wesentliche anthropologische Kulturwirkung, die in ihren Folgen nicht absehbar sei.

Genau dies scheint beim Brummton eminent der Fall zu sein. Er trägt zu einer Entzweiung von Ich und den lebendigen Pulsen in seinem Äther- und Kräfteleib bei. Dadurch kann der Mensch sein Inneres nicht mehr mit voller Seelenkraft ergreifen. Er kann seelisch in seinem rhythmischem Wesen nicht mehr voll präsent sein. Letztlich könnte der Brummton damit nur Teil der großen Zeittendenz zur Schizophrenisierung sein, wenn man diesen Begriff sehr weit und nicht-klinisch als allgemeine anthropologische Kulturtendenz seit dem 20. Jahrhundert auffasst - das heißt zur Ablösung des innersten seelischen Selbst- oder Ich-Impulses, der sich am Menschen als „Wärme“ an sich selbst wahrnimmt, von seiner konkreten, physisch-vitalen Wirklichkeit in Zeit und Raum und ihrer selbstdurchdrungenen Empfindung und Wahrnehmung.

Ist es mit den hyperaktiven Zeitgenossen, vor allem Kindern, nicht ähnlich? Zumindest eine Ursache ihrer Störung könnte darin liegen, dass sie „seelisch nicht richtig in den Körper hineinkommen“, eine Art Spaltung von Ich und „fremdbestimmtem“ Ätherleib empfinden und anfangen, durch Hyperaktivität verzweifelt um die ichgemäße Ergreifung ihres Ätherleibes zu kämpfen. Das ist zweifellos nur ein Teil des komplexen Gesamtphänomens, das wir heute vor allem in der europäisch-westlichen Zivilisation beobachten. Aber doch: das Kind, das geboren wird, ist eins. Bestimmte Phänomene, die nicht zuletzt oder, noch vorsichtiger formuliert, auch mit untersinnlichen technischen Phänomenen zu tun zu haben scheinen, tragen dann zu seinem unterbewussten Auseinandergerissenwerden bei, und sie verstärken die Entfremdung seines Innermenschlichsten von seinem Vital-Körper – und damit bis zu einem gewissen Grad von sich selbst. Ist auch der Brummton eines dieser technischen Phänomene? Zumindest ein – möglicherweise auch nur vorübergehendes – Symptom in diesem Spannungsfeld? Auch wenn die Frage spekulativ sein mag und derzeit empirisch-naturwissenschaftlich nicht angemessen gestützt werden kann, sollte sie doch - eben im Sinne der angesprochenen experimentellen Horizonterweiterung - gestellt werden dürfen.

 

VII

Fazit und Ausblick

Sind das alles also letztlich nur spekulative (oder gar „philosophische“) Beobachtungsresultate?

Das mag sein. Aber auch das Gegenteil ist der Fall: sie sind die nur allzu reale und praktische Erfahrung der meisten Menschen, die gegenwärtig konkret mit dem Brummton konfrontiert sind - und sich in rationaler Weise, so gut wie eben möglich, darüber zu verständigen suchen.

Sicher ist: Man glaubt bis heute meist, es gebe das Unbewusste nur als seelisch-geistigen Innenbereich: als seelisches Unbewußtes. Aber es gibt das Unbewusste (Nicht-Wahrgenommene, aber Wirksame) auch als physischen Außen-Bereich: als Unter-Natur.

Und sicher ist: Die Technik verschwindet heute in die Dinge und in die „natürliche“ Natur hinein. Sie wird sozusagen zu ihrem zweiten inneren Kern, zu ihrem zweiten, unsichtbaren Puls.[8] Im Gefolge der allgemeinen Zunahme von atmosphärischen Frequenzdichten durch Überlagerung von Mobilfunk, Elektrosmog, Radar und deren Überlagerungsbereichen, die sich ja in den vergangenen Jahren immer weiter ausgedehnt und verstärkt haben, entsteht möglicherweise seit etwas mehr als einem Jahrzehnt, vielleicht gar in Kreuzung mit natürlicher Erd- und kosmischer Strahlung, ein „gemischter König“ (Goethe) objektiv-untersinnlicher neuer Wirklichkeit. Unsere technisierte Welt wird zunehmend von tausenderlei künstlich-technoiden Rhythmen und Pulsen durchzogen, die allesamt mechanisch sind, das Lebendige und sein Pulsieren gleichsam imitieren und das Ganze weniger äußerlich wahrnehmbar, sondern eher innerlich in Schwingung, Lebenskraft, Energiepuls und Vitalitätsharmonie zu verändern scheinen. Wohin das führt, ist noch völlig unklar und bleibt deshalb heute noch weitgehend spekulativen Ahnungen und Ängsten überlassen – zu einer Änderung der biologischen Bewusstseinsgrundlage des technisierten Menschen oder gar der Schwingungsfrequenz der Erde? Natürlich sind diese Ahnungen und Ängste oftmals mindestens ebenso schädlich wie die Phänomene selbst, die sie auslösen.

Wohin diese Phänomene aber wirklich führen, das hängt jedenfalls, wie uns nicht nur Rudolf Steiner sagt, auch vom Menschen und seiner aktiven Bewußtseinsbildung ab. Nicht gegen die Technik, die Elektrizität und ihre untersinnlichen Schwingungen sollte man sich heute im Gefolge von Phänomenen wie dem Brummton aussprechen, sondern für eine Begleitung der Entwicklung mit einem vollwachen, möglichst ganzheitlichen Bewusstsein. Aus diesem heraus können dann, so steht aus aufklärerischer Sicht zu hoffen, die richtigen Entscheidungen, nötigenfalls auch Eindämmungen und Gegensteuerungen erfolgen.

Aber dieses ganzheitlich-vollwache Bewußtsein haben wir derzeit ganz offensichtlich noch nicht – jedenfalls nicht als aufklärerische gesellschaftlich-kulturelle Korrekturkraft. Das zeigen der Brummton und die mit ihm heute noch sehr weitgehend verbundenen Verdrängungstendenzen ganz deutlich. Was ist deshalb bis auf weiteres, wenn wir eine vorläufig abschließende Einschätzung versuchen, die keineswegs beansprucht, eine „Erklärung“ oder gar „Lösung“ zu sein, die Wirkung dieses Phänomens?

Einerseits scheint der Brummton unterschwellig zu einer Dauerbelastung des physisch-vitalen Organismus zu führen. Andererseits verursacht er vor allem auch eine bis ins Unbewusste reichende Belastung des Verhältnisses zwischen dem Ich und seiner physisch-vitalen Kräftegrundlage; und er stört zumindest bis zu einem gewissen Grad die Inbeziehung-Setzbarkeit des physisch-vitalen Schwingungskörpers zur Selbstwahrnehmung. Wir kommen mit unserer seelischen Innerlichkeit immer weniger harmonisch in unseren Körper hinein. Und auch wenn wir das zum weitaus größeren Teil nicht bemerken, sind die Ursachen dafür offenbar bereits so stark wirksam, dass sie für eine zunehmende Zahl von Menschen zum Beispiel im Phänomen des Brummtons physisch hörbar werden.

Fazit? Der Brummton kann anthropologisch als ein Symptom für die zunehmende Zerreißung des Menschen zwischen Ich-Individualität, Natur und Unter-Natur gelten, wie sie sich auch in vielen anderen Symptomen der Gegenwart in Zivilisation und Kultur äußert und das zeitgenössische Menschsein immer stärker zu beeinflussen beginnt. Er ist dabei aber ausdrücklich nur ein Einzelsymptom der technoiden Gegenkräfte gegen die Harmonisierung von Denken, Fühlen und Wahrnehmen im Menschen, die heute faktisch immer weiter auseinanderbrechen, um sich voneinander zu emanzipieren. Er ist aber auch ein Symptom der technoid-unterbewußten Gegenkräfte gegen die notwendige Harmonisierung von Inspiration (Ätherleib, Rhythmus, Lebensspannung), Imagination (Ich-Wahrnehmung) und Intuition. Der Brummton verstärkt in seiner anthropologischen Wirkung das Auseinanderbrechen von Denken, Fühlen (Rhythmus) und Wahrnehmen, indem er tendenziell Ich und Körper auftrennt.

Der Brummton kann heute vielleicht am ehesten als ein Symptom dafür eingeschätzt werden, wie das Äußerlich-Fremde, Nicht-Menschliche in Gestalt des Technischen immer weiter in das Innere des Menschen eindringt und es, bis in die Selbstwahrnehmung des Individuums hinein, in eine ihm nicht entsprechende Konstellation versetzt - die ihm selbst während seines normalen Bewusstseins- und Wahrnehmungslebens im Alltag allerdings weitgehend unterbewusst bleibt, aber spürbar ist, und sei es auch nur im Unterbewußten. Der Brummton verändert den Menschen unter-sinnlich zumindest bis zu einem gewissen Grad bis in die eigene, intime innere Grundschwingung hinein. Insofern ist er in der individuellen Erfahrungen durchaus einer Art Geistesfolter vergleichbar, ähnlich der berüchtigten „Tropfenfolter“, die zu Zeiten Pinochets mit Vorliebe an Gegnern des chilenischen Regimes angewendet wurde. Man zwang Menschen, reglos unter einem regelmäßig auf ihren Kopf herabfallenden Wasser-Tropfen zu sitzen. Das machte, unter anderem eben gerade aufgrund des Rhythmuszwangs, mit der Zeit die bloße Tatsache ihres eigenen Körpers und seiner Wahrnehmungsfähigkeit, sein schieres sinnliches Vorhandensein in einem eigenen Zeit-Rhythmus, der sich gegen den Tropfenrhythmus nicht wehren konnte, zur Qual – zu einer Qual, die nach einigen Tagen viel durchdringender, bis ins Innerste erschütternderer und stärker empfunden wurde als irgendwelche äußere Schmerzen.

Der Brummton wirkt ähnlich, und deshalb wird er nicht umsonst von vielen Menschen als eine Art Folter empfunden. Er tut mit dem Körper an sich nichts, aber er quält ihn von innen heraus, indem er seinen Rhythmus verändert. An seiner Erfahrung entsteht heute eine Art neue Kassandra-Generation, und zwar genau im selben Spannungsfeld wie die mythische Gestalt der Antike: zwischen unsichtbar und physisch-real, zwischen der Angst vor Einbildung und faktischer, aber exklusiver Erfahrung.

Natürlich gibt es im Zusammenhang des Brummton-Phänomens, das muß abschließend zur Vermeidung von Auswüchsen spekulativer Erfahrungsinterpretation ausdrücklich betont werden, auch - und gar nicht selten - Phänomene des normalen inneren Rauschens, der Einbildung, der Autosuggestion oder des (subjektiven oder objektiven) Tinnitus, die keinesfalls unterschätzt werden dürfen. Aber das Phänomen als solches ist naturwissenschaftlich-objektiv messbar und daher nicht nur subjektiv.

Wichtig ist, dass der Versuch eines vertieften Verstehens des Phänomens Brummton nicht zu einem (spekulativen oder sinnlichen) Verfolgswahn welcher Art auch immer führt. Der Brummton darf auf keinen Fall mythisiert werden, denn er ist physisch, konkret und objektiv. Wir brauchen daher in erster Linie nicht das Ausufern von Spekulation, sondern konkrete, physische Lösungen für dieses Problem. Denn es ist ja auch konkret, kann mit tieffrequenten Schallgeräten gemessen und ist also auch modifizierbar ohne irgendwelche apokalyptischen Visionen.

Trotzdem ist auch die Aneignung und Bewusstmachung der praktischen anthropologischen Phänomenologie wichtig, um die Wirklichkeit dieses Zeit-Phänomens ganzheitlicher zu verstehen. Da der Brummton heute, wie wir eingangs gesehen haben, von immer mehr Menschen wahrgenommen wird und zu Unbehagen und Beunruhigung führt, kann er auch Anlaß für ein Aufwachen vertiefter individueller Aufmerksamkeit für eine Reihe von „tiefen“-problematischen Zeiterscheinungen sein. Für dieses Aufwachen ist es zunächst wichtig, in der Erfahrung zu sehen, ob der Brummton, wie ich vor dem Hintergrund eigener Erfahrung anzudeuten versucht habe, tendenziell eine Wirkung ist, die den Menschen von der lebendigen Erfahrung seines Ätherleibes (als der Grundlage lebendiger Gedankenbildung) ablösen.

Wichtig ist heute jedenfalls, das Phänomen durch Reflexion von Erfahrung zu begreifen. Wichtig ist, das Überschreiten einer Schwelle zu sehen, das in ihm Symptom wird. Dringlich ist es, individuelles Bewusstsein an diesem Ereignis auszubilden. Der Brummton kann auf diese Weise ein Anlaß zur Auseinandersetzung mit dem wachsenden Einfluß der Unter-Natur in unserer Zivilisation, Kultur und Gesellschaft sein. Dieser Einfluß erreicht heute den inneren Schwingungsbereich des Menschen. Was bedeutet das in der Gesamtperspektive? Was bedeutet es für den „werdenden Gott“ in Welt und Mensch? Die fortgesetzte, beharrliche Erneuerung dieser „großen“ Frage am Phänomen scheint mir bedeutend zu sein, vielleicht ohne sofort die Lösung zu wissen: sie führt in eine praktische Philosophie der Gegenwart hinein.

Gleichzeitig wird es mit wachsender Belästigung durch den Brummton aber auch immer dringlicher, konkret etwas gegen ihn zu unternehmen und ihn schließlich zu beseitigen. Menschen, die nach ausdrücklichem (!) Ausschluß einer physischen oder psychischen Grundlage trotz Ohrenschutz und anderer Maßnahmen (wie Rückzug in lärmgeschützte Räume) einen solchen Brummton hören und Infraschall-Wirkung vermuten, können sich im Internet weiter informieren oder sich an regionale oder landesweite „Selbsthilfegruppen“ wenden (auch wenn der Ausdruck „Selbsthilfegruppe“ streng genommen irreführend ist; denn erstens gibt es bislang keine wirksame Hilfe, sondern nur den Erfahrungsaustausch mit Tipps und Tricks; und zweitens handelt es sich nach den heute vorliegenden Erkenntnissen um keine klinische Erkrankung, sondern um ein objektives Phänomen).

Es geht nun darum, die Öffentlichkeit und die Behörden in breiterem Maß als bisher zu sensibilisieren, um die bereits begonnene empirische Forschung über die Ursachen umfassender und mit mehr staatlicher Unterstützung voranzutreiben. Denn es handelt sich beim Phänomen Brummton nicht so sehr um das Leiden einer übersensiblen Minderheit der Bevölkerung, sondern um ein allgemein belangvolles Symptom, dem wir auf den Grund gehen sollten. Künftig wird es immer mehr darum gehen, nicht nur den Mitmenschen Gutes zu tun, eine erweitere Wissenschaftsauffassung zu begründen und für die soziale Erneuerung und Transformation einzutreten, sondern auch darum, Zeitphänomene wie den Brummton, die in weitreichender Weise an der Grenze zwischen Wahrnehmung und Nicht-Wahrnehmbarkeit, zwischen Natur und Unter-Natur stehen und in den kommenden Jahren wegen der weitgehenden Bewußtslosigkeit bisheriger technischer Innovation zweifellos auf verschiedenen Ebenen zunehmen werden, bewußtseinsmäßig zu durchdringen, um uns mittel- bis langfristig von ihnen zu heilen.[9]

 

[1] I. Gall, Brummton bringt Hamburger um den Schlaf. Rätselhaftes Phänomen aus Süddeutschland hat die Hansestadt erreicht. Geräusch raubt Betroffenen den Schlaf, in: Die Welt, 12. September 2003, www.welt.de/daten/2001/08/21/0821h1276490.htx.

[2] In: www.brummton.net/phaenomen.htm, September 2003.

[3] B. Leinfelder, Rätselhafter Brummton macht in Stuttgart Menschen krank. Bürger erstatten Strafanzeige - Baden-Württembergische Regierung plant landesweite Mess- und Fragebogenaktion, berichtet in: Die Welt, 25. April 2001,   www.welt.de/daten/2001/04/25/0425vm249484.htx.

[4] S. Schneider und B. Scheele, Phänomen Brummton. Rätselhafte tiefe Töne, in: www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,2016182,00.html, 02.10.2002.

[5] Siehe dazu inzwischen die verschiedenen spezialisierten Internetseiten, so u.a. www.brummen.de sowie www.brummt.de. Dort finden sich auch Anbindungen zu Selbsthilfe- und Forschungsgruppen.

[6] Siehe dazu die Hauptwerke der zeitgenössischen „postmodernen“ Philosophie, in denen dieses Ringen um eine Überwindung des Denkinhaltes zugunsten der Denkaktes Gestalt annimmt: etwa bei G. Deleuze und F. Guattari, J.-F. Lyotard, J. Derrida oder H. Cixous. Siehe dazu näher als Fallstudie R. Benedikter, Deleuze und Deleuze/Guattari, in: F. Volpi (Hg.), Großes Werklexikon der Philosophie, Stuttgart 1999, Band 1.

[7] R. Steiner, Von der Natur zur Unter-Natur (März 1925), in: Anthroposophische Leitsätze, GA 26, Dornach 1972, S. 255-258. Veränderungen und Zusammenziehungen in Klammer von R.B.

[8] Vgl. dazu näher W. Held, Die Technik verschwindet, in: Das Goetheanum, Heft 41/1998, S. 598.

[9] Näheres zur Stellung dieses Phänomens im größeren Gesamtzusammenhang der Verwandlung der Natur durch die Technik und zu den möglichen Heilungs-Perspektiven siehe R. Benedikter (Hg.), Postmaterialismus 4 - Die Natur, Wien 2004.

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